Universität Karlsruhe (TH), Institut für Literaturwissenschaft
Abteilung für Mediävistik und Interkulturelle Germanistik –
HS: Vom Leib zum Buch, SS 03
Germanistik (HF)/Journalismus (NF) B.A., FS: 14/10
Oralität und Literalität
von: Sybille Kleinschmitt
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 2
II. Orale Kulturen 3
III. Entwicklungsgeschichte der Schrift 6
III. 1.) Definitionen 6
III. 2.) Piktographische Schriftsysteme 8
III. 3.) Das phonetische Schriftsystem 10
IV. Platos Schriftkritik im „Phaidros“ 13
IV. 1.) Kritikpunkte 13
VI. 2.) Erläuterungen 14
V. Die Bedeutung der Schrift 17
VI. Die Schrift im Wandel der Zeiten (Typographische Schriftsysteme) 18
VI. 1.) Der Gutenberg-Druck 18
VI. 2.) Digitalisierung von Schrift 21
VI. 3.) Das elektronische Zeitalter 22
VI. 3.1.) E-mail 24
VII. Schluss 25
VII. Literatur 27
I. Einleitung
In der vorliegenden Arbeit geht es um Oralität und Literalität. Ich möchte damit beginnen, orale Kulturen und ihre Kennzeichen und Techniken zu beschreiben. Ich werde in diesem Kapitel immer wieder auf die Forschungsarbeiten von Eric Havelock und Jack Goody Bezug nehmen. Danach beschäftige ich mich mit der Entwicklungsgeschichte der Schrift beginnend mit den Ursprüngen der externen Informationsspeicherung. In der Folge behandele ich dann die Entwicklung von piktographischen Schriftsystemen über die Anfänge phonetischer Schriftsysteme bis zur Einführung des griechischen Alphabets und den Folgen der sich ausbreitenden Alphabetisierung. Ferner untersuche ich Platos „Phaidros“, wo sich der griechische Philosoph mit der Frage nach Nutzen und Risiko, Sinn und Unsinn von Schrift auseinandersetzt.
Danach möchte ich mich mit der allgemeinen Bedeutung der Schrift beschäftigen. Anschließend betrachte ich die Schrift im Wandel der Zeiten beginnend mit der Erfindung des Gutenberg-Drucks und seinen gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen, außerdem die Digitalisierung von Schrift, das elektronische Zeitalter und die Besonderheiten der E-Mail. In diesem Themenkomplex werde ich mich verstärkt auf die Arbeiten des Medientheoretikers Marshall McLuhan beziehen. Im Schlussteil meiner Arbeit möchte ich kurz die Problematik von Analphabetismus und seine unterschiedlichen Ausprägungen ansprechen.
II. Orale Kulturen
Sowohl Eric Havelock als auch Jack Goody haben sich in ihrer Forschung mit der Entstehung und Beschaffenheit oraler Kulturen befasst. Bei beiden Autoren findet man ähnliche Aussagen über die mentalen Strukturen oralen Denkens und das grundsätzliche Wesen oraler Gesellschaften. Das wichtigste Merkmal einer oralen Kultur ist, dass in der Vergangenheit liegende Ereignisse und Geschichten mündlich von Generation zu Generation überliefert werden. Es wird jedoch stets nur das Wissen, das im gesellschaftlichen Kontext aktuell benötigt wird, weitergegeben; d.h. die mündliche Überlieferung erfolgt selektiv.
Dies hat zur Folge, dass Informationen, die längere Zeit oder gar über Generationen hinweg nicht ‚gebraucht’ werden, irgendwann in Vergessenheit geraten und so auch nicht mehr abrufbar sind. In oralen Kulturen ist stets nur das Wissen vorhanden, das auch in der Gegenwart von Bedeutung ist. Ebenso verhält es sich mit der Überlieferung historischer Begebenheiten. Auch diese sind immer nur insofern von Bedeutung, als sie sich auf die Gegenwart beziehen. Orale Gesellschaften haben im Gegensatz zu literalen Kulturen nicht die Möglichkeit, ihr Wissen für den Fall, dass es irgendwann wieder benötigt werden könnte, zu archivieren. Es findet also keine Wissenskumulation statt. Der Beruf oder die Aufgabe des Dichters/des Geschichtenerzählers ist in einer oralen Kultur von immenser Bedeutung. Er speichert in seinem Gedächtnis das verbindliche Wissen seines Volkes; er verwaltet es, organisiert es und gibt es nach eigenem Gutdünken an andere weiter. Er kann jedoch als Träger und Garant des kulturellen Gedächtnisses nicht hinterfragt werden; seine Vermittlung von Wissen und Information erfolgt höchst subjektiv und selektiv, außerdem sehr bildhaft und emotional. „Seine Inszenierungen dienten der Vergewisserung eines Weltbildes. Eine kritische, analytische und individuelle Reflektion von übermittelten Informationen fand nicht statt.“1 Es stellt sich natürlich die Frage, ob orale Gesellschaften überhaupt zu dieser Art von Reflektion fähig sind.
Das Denken oraler Kulturen steht grundsätzlich in direktem Handlungszusammenhang, d.h. es besteht keine kritische Distanz zwischen Denken und Handeln, es mangelt an Objektivität. In diesem Zusammenhang thematisiert Havelock auch die Tatsache, „[...] dass der Mensch in der oralen Kultur kein Ich, keine Seele, kein Selbst kennt. Er erfährt sich nicht als autonomes Ich („personality“), das in der Lage ist, sich zu erinnern, zu denken oder eigene Standpunkte einzunehmen“2 Havelocks Formulierung kann durchaus als äußerst drastisch bezeichnet werden, spricht er doch einem aus einer oralen Kultur stammenden Menschen jegliche Fähigkeit ab, sich als Individuum zu empfinden und zu verhalten. Die logische Konsequenz seiner Aussage wäre, dass erst die Verschriftlichung den Menschen zum denkenden und zur Selbstreflexion fähigen Wesen werden ließ. Doch die Fähigkeit zu denken, zu reflektieren, das Vorhandensein gewisser Moralvorstellungen (die simple Unterscheidung von Gut und Böse) – nur das unterscheidet den Menschen seit Anbeginn der Zeit vom Tier. In weltweit allen religiösen Traditionen wird dem Menschen diese Sonderstellung auf Grund des Vorhandenseins eines göttlichen Kerns beigemessen. Da in den meisten oralen Kulturen nicht das uns vertraute Kausalprinzip, sondern das Prinzip Deus ex Machina gilt (alles wird auf die Entscheidungen der Götter zurückgeführt), sieht sich Havelock in seiner Meinung bestätigt, dass der Mensch in einer schriftlosen Gesellschaft der Mühe enthoben ist, über komplexe Sachverhalte wie das Ursache-Wirkungsprinzip nachzudenken. Auf Grund des fehlenden Abstraktionsvermögens spricht Havelock einer illiteralen Gesellschaft auch die Fähigkeit zum technischen Fortschritt ab.
Im Gegensatz zu Havelock beurteilt Jack Goody die Ausprägungen einer oralen Kultur eher positiv. Was sozial von Bedeutung ist, wird erinnert, der Rest vergessen (strukturelle Amnesie); die Gesellschaft kann sich deshalb auch auf Grund fehlender Chronologien und Aufzeichnungen, anhand derer Veränderungen auszumachen wären, nicht in Widersprüche zu ihrer Vergangenheit verwickeln. Er betont die Bedeutung der Sprache als wichtigstes Medium eines „[...] Prozesses sozialer Verdauung und Ausscheidung.“3 An dieser Stelle ist auch auf die Forschungen von Walter J. Ong unter Bezugnahme auf A. R. Lurija zu verweisen.
[...]
1 Daniela Kloock/Angela Spahr: Medientheorien. Eine Einführung. 2. Aufl. München 2000. S. 244
2 Ebd.
3 Ebd. S. 244
Arbeit zitieren:
Sybille Kleinschmitt, 2005, Oralität und Literalität, München, GRIN Verlag GmbH
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