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Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben
Nietzsche stellt im Vorwort klar, dass er sich vor allem gegen eine bestimmte Tendenz der Geisteswissenschaften wehren will, denen er eine Überbewertung der Geschichte vorwirft. Im Leben hätte die Geschichte zwar ihren Platz, aber „nur soweit die Historie dem Leben dient, wollen wir ihr dienen: aber es gibt einen Grad, Historie zu treiben und eine Schätzung derselben, bei der das Leben verkümmert und entartet.“ (245) 2 Nietzsche weißt auf die Bedeutung des Vergessens für das menschliche Glück hin: „Wer sich nicht auf der Schwelle des Augenblicks, alle Vergangenheit vergessend, niederlassen kann, wer nicht auf einem Punkt, wie die Siegesgöttin ohne Schwindel und Furcht zu stehen vermag, der wird nie wissen, was Glück ist...“ (250) Auffällig ist, dass Nietzsche die Geschichte nicht für vollkommen unnötig hält: So gesteht er der Geschichte zu, dass sie, genauso allerdings wie das Unhistorische, für die Gesundheit eines Einzelnen, eines Volkes nötig ist (252). Aber er weist darauf hin, dass mancher historisch Ahnungslose „zum derben Wollen und Begehren“ (252) viel eher in der Lage ist, als ein historisch differenziert Denkender, dessen Wertungen und Maßstäbe sich permanent verändern. Jedes Handeln enthalte ein Moment des Vergessens, ein Unrechttun gegenüber der Vergangenheit (254). Schon aus diesem Grund lässt sich Geschichte nie als reine Wissenschaft betreiben; also solche wäre sie eine Art „Lebens-Abschluss und Abrechnung für die Menschheit“ (257).
Im zweiten Abschnitt verdeutlicht Nietzsche, dass trotzdem auch das Leben auf die Historie angewiesen ist. „Sie gehört ihm als dem Thätigen und Strebenden, ihm als dem Bewahrenden und Verehrenden, ihm als dem Leiden und der Befreiung Bedürftigen“ (258), dementsprechend unterscheidet Nietzsche die monumentalische, die antiquarische und die kritische Art der Historie.
Die monumentalische Historie bietet den Betrachtern den Lebensnutzen, dass sie sich an den Heroen der Vergangenheit aufrichten und für die Auseinandersetzungen der Gegenwart vorbereiten können. Doch dazu muss der Geschichte Gewalt angetan werden, „die Individualität des Vergangenen“ muss „in eine allgemeine Form hineingezwängt und an allen scharfen Ecken und Linien zu Gunsten der Übereinstimmung zerbrochen werden“ (261).So sehr also die monumentalische Betrachtung der Geschichte dem Leben nutzt, so sehr leidet die Vergangenheit selber Schaden. Außerdem kann die monumentalische Geschichte schlimme Folgen haben, wenn sich die unkünstlerischen Naturen ihrer bedienen; dann wird
2 Alle Stellenangaben beziehen sich auf die in Fußnote 1 genannte Ausgabe.
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unter der Maske der vergangenen Monumentalität jeder Versuch, Großes für die Gegenwart zu errichten, zunichte gemacht.
Die zweite Betrachtungsart der Historie ist die antiquarische (265ff.) In dieser versucht der Mensch sich selbst als Produkt seiner Umgebung, seines Ortes, seiner engen Lebenswelt zu begreifen und sich so umso behaglicher in dieser einzurichten. Auch diese Sichtweise begünstigt nicht gerade den wissenschaftlich-faktengetreuen Umgang mit der Geschichte, denn sie hat von vorne herein nur Interesse an bestimmten Fakten, untersucht diese aber dann mit unglaublicher Gründlichkeit (267). Die antiquarische Betrachtung der Historie neigt außerdem dazu, Veränderungen zu unter- und Kontinuitäten zu überschätzen, sie bringt kein neues Leben hervor, sondern konserviert nur altes.
Ganz im Gegensatz dazu die kritische Betrachtung der Historie: Diese nützt dem Leben, „jene dunkle, treibende, unersättlich sich selbst begehrende Macht“ (269), das sich von Zeit zu Zeit gegen sich selbst wendet, indem sie die Vergangenheit verurteilt. Bei dieser Verurteilung ist der Urteilende immer gefährdet, denn er legt das Messer an die Wurzel der eigenen Existenz. Im folgenden Abschnitt (271ff) geht Nietzsche auf die Historie seiner Zeit ein, die er scharf kritisiert. Sie kann keine der oben genannten Lebenszwecke, den Historie hat, erfüllen, denn ihr Verhältnis zum Leben ist dadurch, dass sie Wissenschaft geworden ist, vollkommen pervertiert.
Durch die Verwissenschaftlichung der Vergangenheit haben die Menschen einen gewaltigen Wissensvorrat angehäuft, mit dem das Leben nichts mehr anfangen kann. „Das Wissen, das im Übermaß ohne Hunger, ja wider das Bedürfnis aufgenommen wird, wirkt jetzt nicht mehr als umgestaltendes, nach außen treibendes Motiv und bleibt in einer gewissen chaotischen Innenwelt verborgen..“ (272) Der moderne Mensch habe nur noch „Bildungs-Gedanken“, aber keinen „Bildungs-Entschluss“ (273) mehr. Bildung wird als innerer Prozess, als Verdauen des Wissens genommen, nicht mehr als Tätigkeit. Daraus entsteht ein Auseinanderklaffen des Inhalts und der Form, das Nietzsche für ein typisches Kennzeichen der Deutschen hält.
Als eine der wichtigsten Folgen der Überhistorisierung der modernen Welt sieht Nietzsche die Persönlichkeitsschwäche des modernen Menschen. Die Menschen würden durch die Beschäftigung mit der Geschichte immer mehr zu Zuschauern in einem großen Spektakel gemacht; sie würden sich hinter diesen Zuschauerrollen verstecken, ohne wirklich ernsthaft eine Sache zu vertreten. Die Literaten, Volksmänner und Beamten seiner Zeit erscheinen Nietzsche nicht wie Menschen, sondern wie bloße Abstrakta.
Arbeit zitieren:
Moritz Deutschmann, 2006, Friedrich Nietzsche: Die zweite unzeitgemäße Betrachtung - Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben, München, GRIN Verlag GmbH
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