Inhaltsverzeichnis
Einf ührung in die quantitativen Forschungsmethoden. 1
Pl ötzlich geht’s bergab - ein Teufelskreis 4
Nachhilfeunterricht - ein Phänomen. 7
Verteilung des Nachhilfeunterrichts auf Schultypen und Klassen. 9
Welche Fächer sind favorisiert? 11
Wieviel wird für Nachhilfe ausgegeben? 12
Belastung der Eltern bei der Finanzierung des Nachhilfeunterrichts. 12
Wie häufig bekommen die Kinder Nachhilfe? 13
Gr ünde für die Inanspruchnahme von Nachhilfeunterricht. 13
Wer erteilt Nachhilfeunterricht? 14
Wie finden Eltern den Nachhilfelehrer bzw. das Nachhilfeinstitut? 15
Sind Kinder durch Nachhilfeunterricht (zu stark) belastet? 16
Wieviel Erfolg bringt der Nachhilfeunterricht? 17
Nachteile des Nachhilfeunterrichts 17
Durchf ührung der eigenen Forschung. 18
Ergebnisse der Forschung 21
Alter - Geschlechterverteilung 21
Schulformenverteilung 22
Klassenverteilung 23
F ächerverteilung. 23
Kosten und Finanzierung der Nachhilfe. 25
H äufigkeit, Dauer und Zeitraum der Nachhilfe 26
Gr ünde für die Inanspruchnahme von Nachhilfe 28
Ausbildung und Vorgehensweise der Nachhilfelehrer. 30
Aufmerksam geworden durch 32
Zus ätzliche Belastung der Kinder? 33
Erfolge. 34
Vorteile und Nachteile von Nachhilfe. 35
Zukunftsaussichten und gesellschaftliche Aspekte 37
Probleme (in) der Schule. 37
Ursachen des enormen Anstiegs von Nachhilfeinstituten 40
Fazit. 42
Literaturverzeichnis. 43
Anhang 45
Elternfragebogen 45
Lehrerfragebogen : 50
Plötzlich geht’s bergab - ein Teufelskreis
Schon in der Weimarer Republik haben die Bildungsschichten mehr Bildung für sich erschlossen als für andere. Die PISA-Studie, die beispielsweise sagt, dass ein Viertel der deutschen Jugendlichen nicht richtig lesen und rechnen können, zeigt uns, dass uns andere Gesellschaften überlegen sind. Viele Jugendliche haben es schwer eine Arbeit oder eine Ausbildung zu finden (Hendricks, 2004).
Die ehemalige Bundesministerin für Bildung und Forschung, Edelgard Bulmahn, Entertainer Harald Schmidt, Bayerns Ministerpräsident Dr. Stoiber und etliche andere Zeitgenossen wurden diesem Schicksal zuteil. Der Bielefelder Jugendforscher Klaus Hurrelmann schließt aus der Tatsache, dass jeder fünfte Schüler zwischen 12 und 17 Jahren Nachhilfe bekommt, dass die Intensität der pädagogischen Arbeit nicht so ist, wie sie sein müsste. Die durchschnittliche Nachhilfe umfasst einen Zeitraum von neun Monate mit zwei Stunden pro Woche. Da die Schule den einzelnen Schüler nur noch sehr begrenzt individuell fördern kann, ist auch die „Dicke des Portemonnaies“ der Eltern hilfreich beim Schulerfolg. Eine Frage, die man sich dabei stellt ist, ob man Hilfe in Anspruch nehmen sollte (Kowalczyk & Ottich, 1999).
Wolfgang Bergmann schreibt in seinem Buch, dass die Bildungschancen für junge Menschen noch nie so gut waren wie heute. Dies habe mit den Bildungsreformen in den 70er Jahren zu tun. Dennoch hat der „Bildungsboom“ auch negative Seiten. Die Bildungschancen von Migrantenkindern sind erheblich schlechter, als die deutscher Kinder. Die Chancen auf Bildung von Arbeiterkindern sind ebenfalls erheblich schlechter als die von Beamten- bzw. Akademikerkindern. Zudem haben sozialwissenschaftliche Untersuchungen ergeben, dass für viele Familien die Schule und die dazugehörigen Schulnoten zu einem großen Problem geworden sind. Das Ergebnis, dass 80% der Eltern nichts so sehr Angst macht und den Familienfrieden beeinträchtigt wie die Schule, lässt einen nachdenklich stimmen. Trotz aller Reformpädagogik hat sich nichts daran geändert. Schlechte Noten und schlechte Zeugnisse wurden zu einem Dauerstörenfried in den Familie. Die Eltern sind hilflos, reagieren mit Vorwürfen manchmal sogar mit Strafen.
Durch den Druck verlieren die Kinder den Spaß am Lernen verlieren, was wiederum zu schlechten Noten führt - ein Teufelskreis (Bergmann, 1995). Wollen die Eltern doch nur deswegen gute Leistungen, da Schulnoten nun mal über die Schullaufbahn und über berufliche Chancen entscheiden. Guter Rat ist dann oft teuer, denn stures „Pauken“ hilft selten und Unterstützungsversuche enden meist mit Streit und Tränen. Ist in solchen Fällen Nachhilfe sinnvoll? (Kowalczyk & Ottich, 2002).
Die Bildungschancen und der Bildungsehrgeiz sind nicht nur bei den Eltern, sondern auch bei den Schülern erheblich gewachsen. So besuchten 1950 noch 80% der 14jährigen die Hauptschule. Von den Eltern der Schüler, die 1995 die Hauptschule besuchten, welche 30% ausmachten, geben nur 10% an, dass sie mit einem Hauptschulabschluss zufrieden seien. Dabei muss man sich nicht wundern, dass viele Kinder geistig und seelisch schlichtweg überfordert werden, wenn die Mehrzahl aller Eltern ihr Kind lieber auf der Realschule und am liebsten auf dem Gymnasium sehen wollen. Doch auch viele Jugendliche haben die Werte der Schulleistung verinnerlicht - sie teilen die allgemeine Hochschätzung von Schulbildung durchaus mit den Eltern. Das zeigen Untersuchungen der Bielefelder Universität aus dem Jahr 1990. Für viele Kinder ist der Schulerfolg eine wichtige Vorraussetzung ihres Selbstbewusstseins geworden. Bleibt der Erfolg aus, fühlen sie sich in ihrem Selbstwertgefühl getroffen und seelische Probleme, bis hin zu psychischen Erkrankungen, treten immer häufiger auf (Bergmann, 1995).
Dieses Bündel von Entwicklungen hat dazu geführt, dass Nachhilfe zu einem immer wichtigeren Thema in unserer Bildungslandschaft geworden ist und weiter bleiben wird. In einer Woche erhalten etwa 2 Millionen Schüler Nachhilfeunterricht. Professor Klaus Hurrelmann fand 1995 in einer Untersuchung heraus, dass umgerechnet ca. 15 Millionen Euro pro Woche für Nachhilfeunterricht in Deutschland ausgegeben werden. Neben Nachhilfeinstituten gibt es eine ganze Palette von Nachhilfeangeboten privater Art, Hausaufgabenhilfen, Kurse für die Leistungsförderung in Schulen etc. die in diesen Zahlen nur zum Teil berücksichtigt wurden (Bergmann, 1995). Man könnte jedoch annehmen, dass diese Zahl in den letzten 10 Jahren noch stark gewachsen ist.
Wenn man die Werbeanzeigen von meist privaten Anbietern mit Namen wie „Studienkreis“, „Schülerhilfe“, „Abacus“, u.a. in der Presse betrachtet, scheint es leicht, tatsächliche und vermeintliche Lerndefizite von Schülerinnen und Schülern aller Altersstufen und Schulformen zu beheben: „Durch Motivation und Leistungswillen zum Erfolg“.
Dies und mehr versprechen Nachhilfeeinrichtungen (Rudolph, 2002). Zudem ist auffällig, dass Nachhilfe zwar ein großes Thema der Bildungswirklichkeit ist, jedoch kaum darüber gesprochen - eher schamhaft geschwiegen wird - wogegen es endlose Kontroversen und Debatten um Schulformen und Lehrpläne gibt.
Dr. Margitta Rudolph geht in ihrem Buch „Nachhilfe - gekaufte Bildung? Empirische Untersuchung zur Kritik der außerschulischen Lernbegleitung“ unter anderem der Grundüberlegung nach, welche Faktoren und Ursachen dazu geführt haben, warum sich seit 1974 in unserer öffentlichen Schullandschaft außerschulische institutionelle Förderanbieter an dieser Größenordnung etablieren können.
In dieser Untersuchung soll herausgefunden werden, in welchen Jahrgängen und in welchen Fächern Nachhilfe eigentlich aktuell ist - inklusive einer Häufigkeitsverteilung an den unterschiedlichen Schulstufen, wieviel Geld im Schnitt dafür ausgegeben wird, weswegen Eltern ihre Kinder zur Nachhilfe schicken und ob sich bereits Erfolge gezeigt haben. Zudem soll auch auf die Qualifikation der Lehrkräfte eingegangen werden. Weiterhin wird erforscht, ob Eltern finden, dass die Kinder durch den Nachhilfeunterricht belastet werden und mit welchem Grund, in Hinsicht auf die Zukunft des Kindes, Eltern den Nachhilfeunterricht bezahlen, den sich viele eigentlich nicht leisten können. Am Ende der Forschung soll noch genauer auf die Problematik der Schule und die Meinungen der Befragten hierzu eingegangen werden.
Nachhilfeunterricht - ein Phänomen
Nachhilfe hat sich zu einem Phänomen entwickelt. Die den Schulunterricht ergänzende Form des Übens und Wiederholens, welche inzwischen in allen Altersstufen und Schulformen vorzufinden ist, hat seinen Ursprung nahe an der Problematik der Hausaufgaben. Die Hausaufgaben, welche die Selbstständigkeit entwickeln und die Persönlichkeit des Schülers erziehen soll, können meist nicht mehr ohne fremde Hilfe von den Schülern gelöst werden. Wenn nicht einmal mehr die Hilfe von Eltern und Geschwistern weiterhilft, wenden sich viele Eltern an kommerzielle professionelle Institute, in welchen vorwiegend Lehrer, Studenten und Schüler den Kindern helfen sollen, die Hausaufgaben und mehr zu verstehen. Jedoch muss beachtet werden, dass es klare Unterschiede zwischen einer Hausaufgabenbetreuung und einem Nachhilfeunterricht gibt. Um klare Begrifflichkeiten in dieser Untersuchung zu gewähren, wird der Untersuchungsgegenstand Nachhilfeunterricht klar definiert:
„Eine den Schulunterricht ergänzenden Form des Übens und Wiederholens, der Aufarbeitung von Wissenslücken und des Erlernens von Arbeitstechniken, die in allen Altersstufen und Schulformen vorzufinden ist und zum Zweck der Leistungsverbesserung von SchülerInnen bei bestimmten Personengruppen oder außerschulischen Instituten - in Abgrenzung zu schulisch installierten Silentien oder Förderangeboten - nachgefragt und bezahlt wird. Sie kann von freien Trägern, kommerziellen Anbietern auf dem freien Markt wie auch von Privatpersonen angeboten werden. Sie fokussiert primär auf die Bearbeitung von Hausaufgaben und die Vorbereitung auf schulische Leistungstests“ (Rudolph, 2002, S. 20).
Es wurde somit in dieser Forschung darauf geachtet, dass unsere Untersuchung an einem Nachhilfeinstitut durchgeführt wurde, welches nicht - wie beispielsweise die Schülerhilfe oder der Studienkreis - hauptsächlich darauf abzielt, die Kinder beim Erledigen der Hausaufgaben zu betreuen, sondern versucht erkannte Wissenslücken aufzuarbeiten und Arbeitstechniken zu vermitteln.
Bevor die Ergebnisse dieser Untersuchung dargestellt werden, soll ein grober Überblick über die bisherige Forschung helfen, später bessere Vergleiche ziehen zu können. Hierfür werden Untersuchungen von Rudolph (2002), Behr (1992), Langenmeyer-Krohn/ Krohn (1987),
Krüger (1977), Adam (1960) und Statistiken eines etablierten Nachhilfeinstituts aus den Schuljahren 2004/2005 und 2005/2006 herangezogen.
Rudolph führte ihre Fragebogen-Untersuchungen in Niedersachsen durch und befragte 1195 Eltern von Nachhilfeschülern und 179 Fachlehrer. Mit 10 Nachhilfelehrern an Nachhilfeinstituten führte sie ein Leitfadeninterview. Behr (1992) untersuchte die Nachhilfesituation im Ruhrgebiet ebenfalls per Fragebögen.
Exakte Vergleiche zu unserer Studie kann man jedoch nicht vornehmen, da das Schulsystem in Deutschland von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich geregelt ist. In Niedersachsen wird die 6. Klasse als Orientierungsstufe angesehen, da die Schüler sich erst danach auf die verschiedenen Schularten aufteilen. Ebenso erfolgt in der Orientierungsstufe eine Schullaufbahnempfehlung durch die Lehrer. Die im Folgenden gezeigten Statistiken des Nachhilfeinstituts wurden aufgrund einer vom Institut selbst durchgeführten Umfrage mit unbekannter Methode erstellt.
Verteilung des Nachhilfeunterrichts auf Schultypen und Klassen
Im Bezug auf die Frage, auf welche Schulstufen sich der Nachhilfeunterricht am häufigsten verteilt, kam Rudolph (2002) zu dem Ergebnis, dass der größte Anteil in der 7. Klasse (22,8%) anzufinden ist. Diese Anzahl lässt sich dadurch erklären, dass sich in Niedersachsen in der 7. Klasse entscheidet, ob das Kind in der gewählten Schulform bleiben darf oder zurück wechseln muss. Allgemein, findet man ab der 6. Klasse (14%) einen deutlichen Anstieg an Nachhilfe, was auf die bevorstehende Schullaufbahnempfehlung zurückzuführen ist.
Widersprüchlich ist allerdings, dass Eltern in der 7.Klasse am häufigsten bei den Hausaufgaben helfen (68,5%) und zudem am häufigsten Nachhilfe in Anspruch nehmen. Anschließend sinkt die elterliche Hilfe wieder kontinuierlich (9.Klasse: 40,6%). Als möglichen Grund sieht Rudolph den Besuch höhere Schulen von Schülern, welche entgegen ihren Empfehlungen trotzdem auf diese gehen.
Adam (1960), Krüger (1977), Langenmeyer-Krohn/Krohn(1987) und Behr (1990) stellten ebenfalls fest, dass in der Mittelstufe über die Jahre der meiste Nachhilfeunterricht in Anspruch genommen wurde (1960: 27%; 1977: 21%; 1987: 18%; 1990: 17%).
Doch wie sieht es in mit den bayrischen Schülern aus? In den internen Statistiken eines Nachhilfeinstituts verteilen sich die Nachhilfeschüler wie folgt: Der Großteil der Schüler, die hier im Schuljahr 2005/2006 bisher Nachhilfe nahmen, kam vom Gymnasium (36,61%). 29,02% kamen von der Realschule, 14,29% von der Hauptschule und nur 12,50% kamen von der Grundschule. Die restlichen 7,59% verteilen sich auf die Berufsschule, die Berufsoberschule und die Fachoberschule (siehe Graphik 1).
Dieses Ergebnis ist mit dem Betrachtungszeitraum des Schuljahres 2004/2005 mit nur minimalen Abweichungen ungefähr vergleichbar. Insgesamt (alle Schultypen miteinander) wurde der Nachhilfeunterricht am Häufigsten von Schülern in den Jahrgangsstufen 8, 9 und 10 besucht.
Welche Fächer sind favorisiert?
Es stellt sich die Frage, wie sich die Schüler nun auf die verschiedenen Fächer aufteilen lassen, in denen sie Nachhilfeunterricht bekommen. Sind eher die Fremdsprachen für Nachhilfeunterricht favorisiert oder stellen mathematische Fächer den Schülern mehr Probleme?
Der Fächerbericht des Nachhilfeinstituts im Schuljahr 2005/2006 zeigt auf den ersten Blick, dass die Mehrzahl der Schüler eine Schwäche in Mathematik besitzt. Mit 42,15% führt das Fach Mathematik vor den Fächern Englisch (19,56%) und Deutsch (15,70%). Die Fächer Rechnungswesen, Physik, Französisch und Latein hingegen haben alle einen ungefähren Anteil von 5% (Graphik 2).
Auch bei der Fächerverteilung gibt es zum Schuljahr 2004/2005 keine erwähnenswerten Unterschiede.
Bei der Untersuchung von Behr im Jahr 1990 teilten sich die Fächer Englisch und Mathematik mit jeweils 31% den ersten Platz und bei Rudolph’s Studie (2002) lag Mathematik mit 52,2% weit vorne (Englisch: 51,6%, Deutsch: 29,8%).
Arbeit zitieren:
Stephanie Sasse, Manuela Woßler, 2006, Nachhilfeunterricht - eine rentable Investition? Ein kritischer Überblick über den außerschulischen Förderunterricht, München, GRIN Verlag GmbH
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