3
1. Einleitung
Im Zentrum der beiden Kunstrichtungen Ästhetizismus und Dekadenz zur Zeit der Jahrhundertwende steht unzweifelhaft Oscar Wilde als dominante Persönlichkeit, nicht nur wegen seiner zahlreichen schriftstellerischen Werke, sondern vor allem durch sein nach den Lehren des Hedonismus gerichtetes Leben, dass zu jener Zeit für viel Aufruhr in der viktorianischen Gesellschaft gesorgt hat. Mit sehr gutem Erfolg gelingt es Wilde, die Presse für sich zu gewinnen, um sich selbst in Szene zu setzen und um die Menschen zu beeindrucken. Allerdings hat Wildes Name in der viktorianischen Gesellschaft nicht nur einen positiven Stellenwert wegen seiner aufblühenden literarischen Karriere, sondern es sind auch negative Episoden in Wildes Leben vorhanden. Die Auswirkungen seiner Homosexualität auf sein Leben gehören sicherlich zu einer negativen Phase, denn sie haben ihn als Outsider auf die Schattenseite der Gesellschaft gedrängt, von der er nicht mehr in der Lage war wieder freizukommen. Im viktorianischen England musste Wilde seine Homosexualität im Verborgenen ausleben. Als diese schließlich öffentlich wird, verurteilt ihn ein Gericht zu zwei Jahren Zuchthaus, an deren Spätfolgen er wenig später stirbt. Die unterdrückerische Moralität des viktorianischen Zeitalters bringt auf eine gewisse Weise also auch diese Art von Versteckspiel mit dem „wahren Ich“ hervor. (cf. Microsoft Encarta Enzyklopädie 2005 )
Nicht außer Betracht zu lassen ist der Einfluss, den Wilde auf seine Zeitgenossen und auf die kommenden Generationen ausgeübt hat. Denn seine exzellente Ausstrahlung, hat zahlreiche Literaturkritiker dazu bewegt, über sein Leben zu schreiben und seine Werke zu erörtern. Allerdings
4
konnten wenige Kritiker Wildes extravagantes Leben von seinem literarischen Schaffen trennen, was dazu geführt hat, dass die meisten seiner Werke als autobiographisch gedeutet und nicht als separate, künstlerische Darstellung Wildes angesehen worden sind (cf. Pfister 1986). Ferner hat die fehlende Differenzierung beider Bereiche zu einer Idealisierung Oscar Wildes als Person geführt.
In dieser Arbeit soll zunächst gezeigt werden, welche Auswirkungen es im Zuge der industriellen Revolution und der Erneuerung im 19. Jahr-hundert auf die ästhetische Bewegung gegeben hat. Danach sollen insbesondere die Veränderungen in der viktorianischen Gesellschaft zu dieser Zeit zeigen, in welchem Ausmaße sie auf den Ästhetizismus und der Dekadenzbewegung in England gewirkt haben. Dabei wird im folgenden Kapitel die Situation im Fin de siècle zu untersuchen sein, weil diese Ära durch den Fortschritt in der Technik und Industrie eine beunruhigende wirtschaftliche Situation mit sich gebracht hat, die nicht zu übersehen gewesen ist und für viele einen lebensbedrohlichen Zustand dargestellt hat. Weiter wird analysiert werden, womit sich der Ästhetizismus und die Dekadenz gegen Ende des 19. Jahrhundert beschäftigt haben und welche Neuerungen und Entwicklungen es dabei gab, da diese Bewegungen zu jener Zeit im Zentrum der Literaturwelt standen.
Ein weiterer zu untersuchender Aspekt ist das Kunstverständnis von John Ruskin und Walter Horatio Pater, da beide Kunstkritiker sehr großen Einfluss auf intellektuelle Kreise im viktorianischen Zeitalter ausgeübt haben. Walter Paters Werk Studies in the History of Renaissance wird noch heute als „die Bibel des Ästhetizismus der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts“ ( Microsoft Encarta Enzyklopädie 2005 über Walter Pater ) bezeichnet, es scheint unerlässlich seine Kunstauffassung anzuführen.
5
Charles Edmund L’Homme betont in The Influence of Walter Pater : „After The Renaissance, at any rate, aestheticism was largely identified with Paterism“ ( L’Homme 1978 : Preface iv ). Im Weiteren soll Oscar Wildes Essay " The Decay of Lying“ analysiert werden, um einen Einblick in seine Kunstauffassung zu bekommen.
Der Roman The Picture of Dorian Gray gilt sicherlich als eines der umstrittensten Werke der englischen Literatur, das zu Oscar Wildes Zeit für sehr viel Wirbel in der viktorianischen Gesellschaft gesorgt hat. Ziel der Arbeit ist es festzustellen inwiefern sich der Ästhetizismus und die Dekadenz in The Picture of Dorian Gray manifestieren. Bei einer gründlichen Analyse des Romans lässt sich allerdings eine gewisse Widersprüchlichkeit feststellen, da der Ästhetizismus als Ideal und als das einzige zu verfolgende Ziel im Roman in Frage gestellt wird. Obwohl am Anfang des Romans alles auf die Ansichten des Ästhetizismus hin deutet, vor allem durch die Präsenz Lord Henry Wottons, der seine Lehre des new hedonism bei Dorian Gray anzuwenden versucht, wird durch den Fall Dorians deutlich, dass The Picture of Dorian Gray alles andere als eine gelungene Anwendung der ästhetischen Theorie gewesen ist. Der zu analysierende Punkt ist somit die kritische Darstellung und Untersuchung dieser Widersprüchlichkeit in The Picture of Dorian Gray. Nicht außer Betracht zu lassen ist insbesondere der Aspekt, ob die Theorie des Ästhetizismus im Roman ad absurdum geführt wird. Eine der wichtigsten Figuren ist Lord Henry Wotton, da sich unweigerlich die Frage stellt, ob er durch seine Beeinflussung nicht eine Katastrophe für Dorian Gray ausgelöst hat. Es wird im Roman also dieser Aspekt, die Verantwortlichkeit Lord Henry Wottons, zu analysieren sein. Im weiteren wird Basil Hallwards Posi- tion in The Picture of Dorian Gray näher betrachtet werden, da er als Ver-
6
treter der moralischen Standards der viktorianischen Gesellschaft charakterisiert wird, und daher einen wichtigen Kontrast zu der ästhetischen Welt von Lord Henry Wotton und Dorian Gray darstellt. In der weiteren Analyse geht es um Lady Windermere’s Fan, Oscar Wildes erster Gesellschaftskomödie (vgl. San Juan 1967 : 140 ). Auch hier wird zu untersuchen sein wie der Ästhetizismus und die Dekadenz sich als Doktrin in Lady Windermere’s Fan manifestieren. Dabei wird zuerst das Theater des viktorianischen Zeitalters näher beleuchtet, da zu dieser Zeit das Drama nicht als solches von der Gesellschaft akzeptiert wurde und es weitestgehend an Geltung verloren hatte. Im Folgenden erscheint eine Untersuchung von Wildes Komödie Lady Windermere’s Fan unter diesem Aspekt als angebracht, da Wildes Aussagen sich einerseits gegen das Drama richten, doch andererseits finden sich einige Stichpunkte dieses Genres in seinen eigenen Stücken wieder. Abschließend kann man durch eine Gegenüberstellung der Figuren in Lady Windermere’s Fan feststellen, dass eine Disharmonie zwischen sprachlichem Ausdruck und dem Geschehen in der Komödie besteht. Diese Tatsache beruht auf der Gegensätzlichkeit zwischen der ästhetischen und der viktorianischen Gesellschaft, wobei Lord Darlington und Mrs Erlynne den Ästhetizismus als Ideal preisen und Lady und Lord Windermere als Repräsentanten der viktorianischen Gesellschaft gelten. Im abschließenden Kapitel soll mittels eines Aufsatzes von Christopher Nassaar der den Titel „Wilde’s The Picture of Dorian Gray and Lady Windermere’s Fan“ trägt, untersucht werden wie die unterschiedlichen Lebensphasen, die Dorian Gray durchmacht, Ähnlichkeit mit den Figuren von Lady Windermere’s Fan haben.
7
2. Der Ästhetizismus zur Zeit der Jahrhundertwende
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts verbreitet sich unter der Bevölkerung eine Art Endzeitbewusstsein, das eine charakteristische Erscheinungsform für anstehende Reformen und Umschläge in der Gesellschaft ist. Die Menschen fühlen sich bedrängt, befinden sich in einer Notlage und eine Krise lässt sich nicht mehr abwenden, bedingt durch die gesellschaftliche Situation, denn Urbanisierung und Bevölkerungswachstum haben erhebliche Änderungen in den Sozialstrukturen mit sich gebracht ( vgl. Pfister und Schulte-Middelich 1983 ). Ferner sieht die wirtschaftliche Situation auch nicht positiv aus, denn in dieser Zeit der „Great Depression“ ( Pfister 1986 : 121 ) verlieren tausende Menschen ihren Arbeitsplatz und sind gezwungen alleine zurechtzukommen, da der Staat seinen wohlfahrtlichen Aufgaben nicht mehr nachkommen kann. Dies bedeutet wiederum, dass sich die Kluft zwischen arm und reich immer mehr weitet. Manfred Pfister und Bernd Schulte-Middelich behaupten in ihrem Buch Die 'Nineties folgendes : „[...] der damals unbestrittene Begriff Depression beherrschte als Indikator allgemeiner Verunsicherung und pessimistischer Zukunftserwartungen das öffentliche Bewusstsein“ ( Pfister und Schulte-Middelich 1983 : 12 ). Durch das Zurückdrängen der Aristokratie und durch die stärkere Entwicklung der Demokratie beginnt für England eine neue Epoche. Wie Aatos Ojala in Aestheticism and Oscar Wilde betont, ändert sich das Gesellschaftsschema. Aus einer veralteten Ständegesellschaft wird eine leistungsorientierte Klassengesellschaft, in der jeder durch Eigeninitiative in der Lage ist, sein Leben so zu gestalten, wie es ihm angebracht scheint:
8
The growing industrialism threatened to revolutionize the entire structure of society. It had made wealth, and not birth, the yardstick of social distinction which was to the benefit of the bourgeoisie and the commercial classes, that enjoyed a prosperity never dreamt before. ( Ojala 1954 : 19 )
Natürlich bringen die Umgestaltung der Arbeits- und Sozialordnung und der damit verbundene Kapitalismus Veränderungen auch in der Lebensweise der Menschen mit sich. Eine der in dieser Zeit entstehenden, deren Gegebenheiten reflektierende und einen dementsprechenden normativen Rahmen für das Zusammenleben entwerfende philosophische Strömung, ist der hedonistische Utilitarismus, dessen Kernaussage das Streben nach Glück und Wohlstand als einziges Ziel der Menschen in dieser reformierten Gesellschaft ist. „ Literarisches Endzeitbewusstsein im Fin de siècle entspringt einer sozialpsychologisch uneindeutigen Erfahrungssituation“ (Pfeiffer 1983 : 41 ). Damit möchte Pfeiffer deutlich machen, dass diese Veränderungen die Menschen dermaßen erschüttert haben, dass sie nicht mehr in der Lage sind mit dieser prekären Situation fertig zu werden, denn die sich verstärkende Säkularisierung erschwert die Beeinflussung der Religion auf den Menschen.
Ferner ist es durchaus natürlich und absehbar, dass nicht nur das Ende, sondern auch das Anbrechen einer neuen Epoche für Verwirrung und Angst unter der Bevölkerung sorgt. Man stellt sich die Frage, was aus den Menschen werden wird; wie wird ihre Zukunft aussehen? Bei den Menschen entstehen Weltuntergangsszenarien, die ein Phänomen des Christentums sind und außerdem ist das Fin de Siècle sicherlich eine Ursache, die eine pessimistische Stimmung aufkommen lässt, und die vor allem Ausdruck der Infragestellung des Forschrittsglaubens ist. Pfeiffer betont,
9
dass derartige Bilder der Offenbarung des Weltuntergangs gewöhnlich von gläubigen und avantgardistischen Menschen angewandt wurden, um eine absolute Umwälzung der geltenden Situation herbeizuführen ( vgl. Pfeiffer 1983 : 35 ).
Durch diese Grundhaltung, die sich bei der Bevölkerung verbreitet hat, entstehen neue literarische Richtungen, wie die des Symbolismus, der sich grundsätzlich gegen den Naturalismus stellt. Dies bedeutet, dass die Natur nicht mehr als das wichtigste Gut angesehen wird. Weitere Richtungen sind Dekadenz und Ästhetizismus. Ziel dieser genannten Strömungen ist es, nicht die Wirklichkeit zu beschreiben, sondern die Gesellschaft aus einem imaginären und ästhetischen Gesichtspunkt zu betrachten: Reality, in the conventional definition given to it during the latter half of the nineteenth century, was for the aesthete in constant flux and dissolution, to the point where, indeed, he became acutely conscious of his dreams, aspirations, ideals, values, and illusions as such. ( L’Homme 1978 : Preface vi. )
Dies zeigt, dass das Ziel der Ästheten darin bestand mittels ihrer Illusionen eine Ausflucht aus einer nicht viel versprechenden Welt zu finden, um dort überleben zu können.
„Auf den Status- und Funktionswandel von Kultur, den eine kultivierte Sensibilität als Verlust empfindet, reagiert die Literatur mit Unter-gangsvorstellungen“ (Pfeiffer 1983 : 40-41). Pfeiffer möchte damit verdeutlichen, dass die Befreiung der Realität vom Mystischen die Ursache dieses Wandels ist. Dadurch dass der Eifer nach soziologischer und gesellschaftlicher Entwicklung, in verstärktem Maße die Kultur und die Literatur beeinflusst, werden beide Aspekte nicht als selbständig betrachtet. Pfister
10
und Schulte-Middelich bringen zur Sprache, dass es sich um eine „Bündelung antirealistischer, anti-naturalistischer und anti-didaktischer Tendenzen“ ( Pfister 1986 : 17 ) handelt. Dies zeigt, dass die Literatur des Fin de Siècle diese literarische Richtungen wie den Ästhetizismus, den Symbolismus und die Dekadenz auf differenter Weise aufnimmt. „Dieser Charakter des Übergangs, diese Gleichzeitigkeit von spätromantischem Ausklang und vor-modernistischem Neubeginn“ (ibid. 18) setzen die Tendenz für eine neue literarische Situation. Obwohl sich diese Bewegungen in manchen Aspekten unterscheiden, herrscht in einem Punkt absolute Einigkeit: die Normen der viktorianischen Gesellschaft sollen angegriffen werden, außerdem kritisieren sie das Aufkommen eines „kulturellen Expansionsstrebens und sozialer Propaganda“ ( Horstmann 1983 : 33 ). Laut Ruth C. Child richtet sich ein großer Teil der entstehenden Literatur gegen den viktorianischen Standard. Sie hebt hervor:
Against the influences which worked for art and beauty, the Victorian public seemed arrayed. It was, naturally, a bourgeois public, newly, formed by the rise of the middle classes, with cheap tastes, a worship of material prosperity, and an inclination to insist that art should obviously instruct or uplift. ( Child 1940 : 7 )
Dies zeigt, dass für das viktorianische Publikum Kunst eine moralische und erzieherische Funktion ausüben sollte. Abschließend lässt sich zum sozial-historischen Kontext des Ästhetizismus im Fin de Siècle sagen: „ Ästhetizismus, Symbolismus und Dekadenz beruhen auf einer Ausgrenzung des Ästhetischen und der ästhetisierten Existenz aus der Gesellschaft“ ( Pfister 1983 : 19 ).
11
2.1 Versuch einer Definition der Kunstbewegungen
Ästhetizismus und Dekadenz
Das Fin de Siècle ist nicht nur in der Literatur, sondern auch im sozialen Gesellschaftsleben durch die Termini des Ästhetizismus und der Dekadenzbewegung geprägt. Allerdings ist es eine sehr komplexe Aufgabe die Bedeutung dieser Tendenzen zu erfassen, da sich kein genauer Trennpunkt zwischen beiden finden lässt. Sehr oft werden Dekadenz und Ästhetizismus in einem Kontext angeführt und es findet keine offensichtliche Unterscheidung beider Begriffe statt, da sie in gewissen Aspekten Ähnlichkeiten aufweisen. Monika Lindners Beitrag zu diesen Strömungen verdeutlicht diese Schwierigkeit:
Es handelt sich dabei keineswegs um klar umrissene Dichterschulen, sondern eher um unterschiedliche «Perspektiven» im Umgang mit Literatur, die sich in vielen Punkten aber auch überlappen und gegenseitig ergänzen, so daß eine zeitliche Fixierung dieser Strömungen äußerst schwierig ist. ( Lindner 1983 : 53 )
Deshalb erscheint es mehr als angebracht den Versuch einer Trennung beider Richtungen nur ansatzweise zu wagen, da es nicht von sehr großer Wichtigkeit ist und da diese Abgrenzung sich als unmöglich erweisen würde.
Pfisters Meinung nach ist der Ästhetizismus als eine ähnliche literarische Richtung zur Dekadenzbewegung anzusehen und deshalb nicht separat zu betrachten ( vgl. Pfister und Schulte-Middelich 1983 ). Andere Literaturkritiker wiederum sehen den Ästhetizismus als die Ursache für die Entstehung der Dekadenz an: „Der Ästhetizismus muß, beinahe notge-
12
drungen, zur Dekadenz führen“ ( Lindner 1983 : 71 ). Manche Kritiker bezeichnen die Dekadenz als eine Untergruppe des Ästhetizismus ( vgl.. Kunz 1997 ). Während Ulrich Horstmann ganz deutlich sagt: Ästhetizismus und Dekadenz verhalten sich so in der zeitgenössischen Diskussion wie Vorder- und Rückseite ein- und derselben Münze, d.h. sie bezeichnen dasselbe kulturelle Phänomen, drücken aber ganz unterschiedliche Werthaltungen aus. ( Horstmann 1983 : 197 )
Dies zeigt, dass Ästhetizismus in einem eher „kunsttheoretischen“ (ibid. 197) Kontext anzusehen ist, während Dekadenz in einem „geschichtsphilosophischen“ (ibid. 197) Zusammenhang zu bringen ist. Bei diesen etwas diskrepanten Definitionen lässt sich feststellen, dass beide Begriffe nicht getrennt auftreten können und eine starke Abhängigkeit zwischen beiden besteht.
2.1.1 Charakteristika des ästhetischen Kunstwerks
Zur weiteren Analyse dieser literarischen Richtungen ist zu erwähnen, dass eine feindliche Stellungnahme gegen Konzepte und festdefinierte Normen der viktorianischen Gesellschaft erstes und bedeutendestes Ziel ist ( vgl. Horstmann 86). In der viktorianischen Epoche wird Literatur als ein Instrument angesehen der einen Zweck erfüllen soll, sei es zur Unterhaltung, sei es zur Instruktion, doch der Ästhetizismus wie auch die Dekadenz wollen die Literatur von solchen Zwangsvorstellungen entlasten. Für sie bedeutet Kunst alles andere als eine Pflicht:
13
Eine solche Kunst versteht sich als a-mimetisch, anti-didaktisch, a-moralisch und anti-utilitaristisch, oder -ins Positive gewendet- als autonom und autotelisch und damit von besonderer Würde, ja Weihe. ( Pfister 1986 : 141 )
Was ein ästhetisches Werk charakterisiert ist der formale und künstlerische Aspekt, dabei wird meistens das Geschehen in einem Werk in den Hintergrund gedrängt, da es von zweitrangiger Bedeutung gehalten wird. Das ästhetische Kunstwerk wird als ein autonomes Objekt dargestellt, frei von allen bisher bestehenden Zwängen. Einziges Merkmal mittels das sich ein ästhetisches Werk beurteilen lässt, ist der Aspekt der Schönheit. Die konventionelle und puritanische Moral der viktorianischen Gesellschaft wird verpönt, und in dieser Zeit der Entfremdung ist es die Kunst allein, durch die der Mensch wahre Erfüllung erlangen kann. Sie soll keinen sinnvollen Zweck mehr erfüllen und jeden Bezug zur Realität verlieren, so dass jegliche didaktische Funktion der Kunst entfällt. Sie soll nicht mehr lehren, sondern für die Ästhetizisten eher eine eskapistische Funktion erfüllen: mittels der Schönheit der Kunst soll es möglich sein, der hässlichen Wirklichkeit zu entfliehen. Daher werden Form und Ausdruck dem Inhalt vorangestellt und die Kunst wird zur „Feindschaft gegen das Leben“ (Wuthenow 1978: 117). Lindner verdeutlicht diesen Gedanken folgendermaßen: „Das Leben hat den einheitsstiftenden gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang verloren, auf den jede menschliche und künstleri- sche Betätigung als sinnvoll zu bezeichnen wäre“ ( Lindner 1983 : 71 ).
14
Diese Ablösung der Sprache von ihrem Objektbezug ist Ausdruck einer Trennung von persönlicher Wahrnehmungswelt und externer Realität und somit Zeichen einer „Entfremdung von Kunst und Gesellschaft“ (Pfister 1986 : 151). Dies bedeutet, dass der Ästhetizismus sich von dem Fortschrittsdenken der viktorianischen Gesellschaft distanziert und demzufolge grenzt sich diese Kunstbewegung selbst aus den sozialen Lebensarten aus, was der Ausdruck Elfenbeinturm 1 deutlich macht, in welchen sich die Literatur zurückgezogen haben soll.
Diese Ausgrenzung bedeutet aber nicht, dass die Literatur die Gesellschaft in ihrem Streben gewähren lässt. Im Gegenteil: die Doppelmoral der Viktorianer wird vor allem im Bereich der Sexualität bloß gestellt; Ehebruch und Homosexualität als Themen bilden eine Provokation für die prüde viktorianische Gesellschaft. Moralität ist nicht mehr gefragt in einem Zeitalter, in dem „Erfahrung und Erkenntnis sind im fin de siècle nicht die Übereinstimmung einer subjektiven Wahrnehmung mit einer objektiven Realität, sondern nur Emanationen einer augenblicklichen Laune“ ( Omasreiter 1978 : 103 ) sind.
Diese Stellungnahme findet ihren Höhepunkt in der Dekadenz - dem Verfall der kulturellen Gesellschaft. Der Begriff der Dekadenz war zunächst negativ besetzt, nämlich als Reaktion der viktorianischen Gesellschaft auf
15
die Lebenshaltung des Ästhetizismus. Diese wendeten den Begriff allerdings gegen die viktorianische Gesellschaftsgrundlage des Positivismus und Materialismus ( cf. Pfister 1983 : 358-376 ). Pfisters Meinung nach ist die Dekadenz nichts anderes als die Steigerung der Provokation ins Übertriebene; sie stellt ein Denkmodell dar, „in dem der ästhetische und symbolistische Amoralismus in einen offenbaren Immoralismus umschlägt und der Kult des Künstlichen zur Feier des Widernatürlichen radikalisiert wird“ ( Pfister 1986 : 145 ). Beckson bezeichnet die Dekadenz wie folgt: „It emerged as the dark side of Romanticism in its flaunting of forbidden experiences, an it insisted on the superiority of artifice to nature“ ( Beckson 1992 : 33 ). Die gewöhnlichen Inhalte der dekadenten Literatur sind vorwiegend Randbereiche der Gesellschaft wie Perversion, Kriminalität, Diabolismus und Aberglaube. Der entscheidende Aspekt ist in dieser Hinsicht die Hinwendung zum Unerklärlichen und Bizarren (ibid. 42).
Der Dekadenzbegriff wird aus Frankreich übernommen, wo besonders Schriftsteller mit einer „morbiden Imagination“ damit bezeichnet werden ( Gerber 1983 : 53 ). In England wird der Begriff Dekadenz so hauptsächlich verwendet, wenn etwas mit französischen Quellen assoziiert werden kann. Diese Initialfunktion Frankreichs ist nicht von der Hand zu weisen. Tatsächlich wird die Grundhaltung der Ästhetizisten und Dekadenten, nämlich die unbedingte Erlösung von objektiven Zwängen, durch französische Schriftsteller beeinflusst. Am bedeutendsten dafür sind Théophile Gautier, der mit seinem Prinzip des l’art pour l’art die Autonomie der Kunst betont. Deshalb lehnt dieses Prinzip die negative Haltung der französischen Mittelschicht rigoros ab:
16
The French middle class was at its worst, especially with regard to art and the artist, hence the l’art pour l’art movement set itself against the bourgeois an against any attempt to cater to him or teach him moral lessons in the implicit belief he could be improved. ( L’Homme 1978 : 20 )
Des weiteren Charles Baudelaire, der in den Fleurs du mal das romantische Ideal der Natur durch einen anti-realistischen und anti-rationalistischen Subjektivismus in Frage stellt und letztlich Stéphane Mallarmé, der dem Kunstwerk eine nahezu göttliche Qualität zugesteht, das in der Lage ist, das Rätsel der Welt zu lösen und die Wirklichkeit neu zu erschaffen ( cf. Lindner 1983 ).
In England sind die wichtigsten Vertreter der ästhetischen Bewegung vor Oscar Wilde, Algernon Swinburne und Walter Pater. Swinburne ist der erste, der die Formel „art for art’sake“ prägt und sich für eine „Konzentration auf Probleme der Form und des Stils“ ( Pfister 1986 : 143 ) ausspricht und damit den Blick auf Kunst als technische Beherrschung der Sprache eröffnet. Paters Ästhetizismus ist geprägt durch „Kontemplation und Besinnung auf das Schöne“ ( Lindner 1983 : 65 ), welche zu einer höheren Moralität - fern der utilitaristischen Moral der Viktorianer - führen sollen. Dabei verkündet sich für ihn die Realität nur in Form von einzigartigen, unhaltbaren Impressionen.
Pater unterrichtet Oscar Wilde in Oxford und übt somit einen großen Einfluss auf ihn aus. Wilde übernimmt von Pater den Subjektivismus und Phänomenalismus der Welt, sowie die Auslegung von Kunst als „Gegenentwurf zu der vergänglichen Erfahrungswelt“ ( Zelter 1994 : 115 ), die nur noch auf sich selbst verweist. Er radikalisiert Paters Ethik und gelangt zu
17
einer Auffassung von Ästhetik und Kunst, die schließlich die Moralfrage ausschließt und ihr Ideal ganz im Sinnlich-Schönen hat. Im folgenden Kapitel sollen John Ruskins und Walter Paters Auffassung des Ästhetizismus näher analysiert werden.
3. Theorien der Kunstkritiker zum Ästhetizismus
In diesem Kapitel soll das Kunstverständnis von John Ruskin und Walter Pater näher erklärt werden, da beide Kritiker ausschlaggebend für den Ästhetizismus im 19. Jahrhundert gewesen sind. Es ist bekannt, dass sich Walter Paters Theorie des Ästhetizismus von der John Ruskins unterscheidet. Doch in welchen Punkten sind beide Theorien unterschiedlich? Anhand einer Analyse des ästhetischen Kunstverständnisses beider Kunstkritiker sollen diese Unterschiede näher beleuchtet werden. Außerdem spielen John Ruskin aber vor allem Walter Pater eine große Rolle nicht nur im literarischen Werk von Oscar Wilde, sondern auch in seinem Leben wie sich im nachfolgenden Kapitel herausstellen wird.
18
3.1 Walter Paters Konzept : die Art for Art’s Sake - Theorie
The actual ends towards which Paterian aestheticism moved - practical criticism, stream-of-consciousness, decadence, symbolism, technical art criticism, and abstract art - are variously reflected in the work of his immediate disciples - Wilde, Yeats [...]. ( L’Homme 1978 : Abstract 2 )
Walter Pater gilt zweifellos als einer der einflussreichsten Kunstkritiker der ästhetischen Bewegung im 19. Jahrhundert, obwohl er es selbst abgestritten hat, denn in The Aesthetic Movement in England ( Child 1940 : 6 ) von 1882 werden Autoren wie Rossetti, Morris, Swinburne, O’Shaughness und Wilde erwähnt, doch von Pater ist hier nicht die Rede. Seine Kunsttheorie ist charakterisiert durch die „art for art’s sake“ ( Child 1940 : 10) Theorie. Walter Paters Theorie besagt, dass Kunst wegen ihrer unterhaltsamen Funktion respektiert werden sollte und nicht für andere, ungeeignete Zwecke missbraucht werden sollte. Die Kunst soll sowohl von sozialen als auch von moralischen Zwängen befreit sein:
Against this it is necessary to maintain that art has the vocation of revealing the truth in the form of sensuous artistic shape […] and, there-fore, has its purpose in itself, in this representation and revelation. For other objects, such as instruction, purification, improvement, pecuniary gain, endeavor after fame and honor, have nothing to do with the work of art as such, and do not determine its conception. (zitiert nach Child 20 )
Persönliche Sinneseindrücke sind das einzige Mittel, die dem Kunstbetrachter die Chance einräumen Kontakt mit der Kunst aufzunehmen. Um sich von der Kunst inspirieren zu lassen muss sich der Kunstbetrachter in
Arbeit zitieren:
Francesca Cangeri, 2006, Oscar Wildes Ästhetizismus in den Werken "The Picture of Dorian Gray" und "Lady Windermere's Fan", München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Ästhetizismus und new hedonism in The Picture of Dorian Gray
Hausarbeit (Hauptseminar), 24 Seiten
Wechselspiele zwischen Film und Videogames - Die Ästhetik von Film, Vi...
Seminararbeit, 15 Seiten
Jugend und Religion, Befunde aus der 13. und 14. Shell Jugendstudie
Hausarbeit (Hauptseminar), 36 Seiten
"The Picture of Dorian Gray" and the Aesthetic Movement in E...
Hausarbeit, 15 Seiten
Francesca Meier's Text Oscar Wildes Ästhetizismus in den Werken "The Picture of Dorian Gray" und "Lady Windermere's Fan" ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Francesca Meier hat den Text Oscar Wildes Ästhetizismus in den Werken "The Picture of Dorian Gray" und "Lady Windermere's Fan" veröffentlicht
Francesca Meier hat einen neuen Text hochgeladen
The Picture of Dorian Gray. Lektüre mit 2 CDs
Elementary Level 1.100 Wörter ...
Oscar Wilde, Annabel Large
0 Kommentare