Inhaltsverzeichnis
1. Verrat - Ein Definitionsversuch 3
2. Der Verrat in Melusine von Thüring von Ringoltingen. 5
2.1. Grundlegende Merkmale des Verrats 5
2.2. Schuld 9
2.3. Genealogie 12
2.4. Geschlecht. 15
3. Schlussbetrachtung 18
Literaturliste. 20
Prim ärliteratur 20
Sekund ärliteratur. 21
Abbildungsverzeichnis. 22
2
1. Verrat - Ein Definitionsversuch
„Etwas verraten bedeutet, ein Geheimnis einem anderen Menschen mitteilen“, schreibt Elisabeth Frenzel in ihrem Buch Motive der Weltliteratur einleitend zum Begriff des Verräters1. Den ’verrâtaere’ (in der Bedeutung Verräter, Wahrsager2) und das Verb ’verraten’ (im Sinn von: durch falschen Rat irre leiten, verführen, verraten3) hat es schon im Mittelhochdeutschen gegeben. Das Wort Verrat hingegen existierte nicht, ist im Grimmschen Wörterbuch4 zu lesen. Dennoch kommt das Motiv des Verrats - die Brüder Grimm definieren diesen als „verkündung von etwas zu verschweigendem“5 - in der Literatur des Mittelalters häufig vor. Das Nibelungenlied und Thürings von Ringoltingen Melusine sind Beispiele dafür. Verrat kann heißen, ein Treueverhältnis oder einen Vertrag zu brechen, ein Geheimnis preiszugeben oder ein Versprechen nicht einzuhalten. Er kann zur Entblößung führen, sich in einer öffentlichen Aufkündigung äußern und zugleich ein Seitenwechsel sein. Im frühen Mittelalter wurde das Aufbegehren gegen den Lehnsherrn als Verrat durch Vierteilung oder Ertränken geahndet. Was Verrat ist, wird nicht zuletzt definiert von den jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnissen, die wiederum abhängig sind vom Entwicklungsstand einer Kultur.6
Das Mittelalter, um dessen Literatur es in diesem Aufsatz gehen soll, unterscheidet vor allem den politischen Verrat, der mit religiösem Verrat verknüpft sein kann, und den Liebesverrat. Für den Verrat im Allgemeinen gilt, was Peter von Matt für den Liebesverrat im Besonderen formuliert hat: Die Literatur könne nicht von „Liebesübereinkunft“ und von Liebesverrat handeln, „ohne die Frage nach der Macht in der für ihre Zeit und ihren gesellschaftlichen Ort grundsätzlichen Weise aufzuwerfen“7. Soziale Bindungen und Machtstrukturen prägen demzufolge den Verrat als Handlungsmuster.
1 Elisabeth Frenzel: Motive der Weltliteratur, Ein Lexikon dichtungsgeschichtlicher Längsschnitte, 5., überarbeitete und ergänzte Auflage, Stuttgart 1999, S. 788.
2 Matthias Lexer: Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch, in der Ausgabe letzter Hand, 2. Nachdruck der 3. Auflage von 1885, Stuttgart 1992, S. 327. 3 Ebd., S. 326.
4 Vgl. Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch, Band 12: V-verzwunzen, herausgegeben von der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Leipzig 1956, S. 984. 5 Ebd.
6 Vgl. http://www.wilhelm-griesinger-institut.de/veroeffentlichungen/verrat.htm (20.02.2004) 7 Peter von Matt: Liebesverrat, Die Treulosen in der Literatur, München 1991, S. 143.
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Normen werden unterlaufen und Ordnungsgefüge gestört, soziale Beziehungen werden aufgekündigt und neu geknüpft. In mittelalterlichen Texten wird Verrat literarisch ästhetisiert. Er hat den Charakter einer Inszenierung. Die Verfasser arbeiten beispielsweise mit Ritualisierungen und Typologien1.
Mit Melusine2 von Thüring von Ringoltingen soll im Folgenden exemplarisch ein spätmittelalterlicher Text auf das Handlungsmuster Verrat untersucht werden. Der Prosaroman stammt von 1456 und geht auf eine französische Vorlage zurück, den von Couldrette verfassten Versepos Mellusine - Poème relatif à cette fée Poitevine composé dans le quatorzième siècle par Couldrette. Die Untersuchung soll deutlich machen, wie sich Verrat in Thürings Melusine definiert. Gefragt wird nach der Motivation und Funktion des Verrates sowie nach der sozialen Beziehungsstruktur, in welcher dieser angesiedelt ist. Welche Probleme hat der Verfasser in den Vordergrund gerückt? Zunächst wird der Verrat allgemein untersucht. Dann erfolgt die Analyse unter drei Gesichtspunkten: Schuld, Genealogie und Geschlecht. Alle drei stehen in entscheidendem Zusammenhang mit dem Verrat in Thürings Melusine, wie im Folgenden gezeigt werden soll.
1 Ein Beispiel für Ritualisierung findet sich im Rolandslied des Pfaffen Konrad. Die Beratung Karls und seiner Paladine wird ritualisiert. Der Stereotyp des schwachen Kaisers in Herzog Ernst ist ein Beispiel für die im Mittelalter verwendeten Typologien.
2 Thüring von Ringoltingen: Melusine, In der Fassung des Buchs der Liebe (1587), Mit 22 Holzschnitten, herausgegeben von Hans-Gert Roloff, Stuttgart 1969.
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2. Der Verrat in Melusine von Thüring von Ringoltingen
2.1. Grundlegende Merkmale des Verrats
Der Liebesverrat steht in der Melusine im Vordergrund. Er ist mit dem Bruch eines Treueverhältnisses verbunden. Kern der Melusinensage, wie sie im 14. Jahrhundert von Jean d’Arras und Couldrette erzählt und von Thüring übersetzt wurde1, ist das Motiv der gestörten Mahrtenehe2. Dabei handelt es sich um eine Verbindung eines Menschen mit einem überirdischen Wesen. Diese Verbindung ist an die Beachtung eines Verbots gebunden. Claude Lecouteux, der sich in mehreren Arbeiten mit dem Motiv der gestörten Mahrtenehe befasst, unterscheidet drei wichtige Momente: die Begegnung, das Verbot und dessen Übertretung.3 Der Verrat äußert sich in der Übertretung des Verbotes.
Die Verbindung, welche in Melusine im Mittelpunkt steht, ist die zwischen Reymund4, dem jüngsten Sohn des Grafen von Forst, und der Fee Melusine. Reymund und Melusine begegnen sich an einem Brunnen unmittelbar nachdem Reymund in einem Versehen seinen Herrn, den Grafen von Potiers, getötet hat (= erster Moment der gestörten Mahrtenehe). Melusine verspricht ihm Hilfe und eine glückliche Zukunft, stellt aber gleichzeitig eine Bedingung (= zweiter Moment der gestörten Mahrtenehe):
„Reymund / du solt mir zum ersten schweren bey Gott unnd seinem Leichnam / daß du mich zu einem Ehelichen Gemahel nemmen / und an keinem Sambstag mir nimmer nachfragen / noch mich ersuchen wollest / weder durch dich selbs / noch jemand anderem gunnen / gehelen / verschaffen /noch dich lassen darauff weisen / daß du mich denn immer ersuchst / wo ich sey / was ich thu oder schaff / sondern mich den gantzen Tag unbekummert lassen wollest.“5
1 Bei Thürings Melusine handelt es sich nicht um eine reine Übersetzung von Couldrettes Werk. Thüring greift verändernd in den Text ein. Darauf kann in dieser Arbeit aber nicht näher eingegangen werden. 2 Claude Lecouteux, der sich mit der Entstehung der Melusinensage befasst, unterteilt die Vor-Melusinensagen in zwei Gruppen: Erzählungen von der gestörten Mahrtenehe und Erzählungen von Schlangenweibern. Claude Lecouteux: Zur Entstehung der Melusinensage, in: ZfdPh 98 (1979), S. 73-84, hier S. 73, 76. 3 Claude Lecouteux: Das Motiv der gestörten Mahrtenehe als Widerspiegelung der menschlichen Psyche, in: Vom Menschenbild im Märchen, herausgegeben von J. Janning (u.a.), Kassel 1980, S. 59-71, hier S. 59. Ders., Zur Entstehung der Melusinensage.
4 Die Schreibweise des Namens variiert im Text von Thüring. So wird auf Seite 5 von „Reymundt“ berichtet, während die gleiche Figur vielfach im Roman als „Reymund“ bezeichnet ist, so zum Beispiel auf Seite 7. In dieser Arbeit wird durchgängig der Name „Reymund“ verwendet. 5 Thüring von Ringoltingen, Melusine, S. 14.
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Reymund willigt ein, verstößt aber nach Jahren des gemeinsamen Glücks gegen sein Gelübde. Er beobachtet Melusine trotz des Verbots an einem Samstag durch ein Tür-Loch und entdeckt, dass sie halb Mensch und halb Wurm ist (= dritter Moment der gestörten Mahrtenehe). Obwohl sie von der Übertretung weiß, lässt Melusine dieser keine Konsequenzen folgen. „[D]och thet sie es darumb / daß sie wol wust / daß er [Reymund, J.W.] noch keinem Menschen darvon nichts gesagt hette / und die Sach ihm selbst behielte“1, begründet der Erzähler Melusines Verhalten. Zum wiederholten Verstoß kommt es, als Reymund in einem aufgebrachten Moment ihr Geheimnis der Öffentlichkeit preis gibt, sie anklagt und als „bose Schlang unnd schendtlicher Wurm“2 beschimpft.
Das Motiv des Verrates ist in der Melusine also doppelt gestaltet. Man kann eine Inkonsequenz in der Handlungslogik konstatieren. Melusine - die selbst einem Fluch unterliegt, der nur durch die Einhaltung des Tabus zu brechen ist - darf offenbar eigenmächtig entscheiden, dass der Verrat erst mit der Öffentlichmachung vorliegt. Das Gelübde von Reymund hatte sich aber eindeutig auf das Sehverbot an Samstagen bezogen. An dessen Stelle tritt nun ein Schweigegebot. Ulrike Kindl erklärt, der Roman mische mit diesen Verboten zwei klassische Mysteriengesetze miteinander: „das erstere wird der Außenwelt auferlegt, die sich dem Geheimnis nicht uneingeweiht nähern darf [...], das zweite wird dem Eingeweihtem auferlegt, der bei strengster Strafe das Geheimnis nicht profanieren darf“3. Einen anderen Gesichtspunkt bringt Gerhild Scholz-Williams zur Sprache. Sie schreibt Worten eine besondere
Zerstörungskraft zu. „Einmal formuliert und öffentlich, das heißt, rechtlich wahrgenommen“ würden diese „in zwingender Unausweichlichkeit zur Erfüllung drängen“4. Das könnte erklären, warum die öffentliche Anklage der folgenschwerere Verrat in der Melusine ist. Eine Begründung, warum der eindeutige Verstoß gegen das Gelübde nicht zur Katastrophe, sondern zu einer Umwandlung des Sehverbots in ein Schweigegebot führt, liefert dieser Ansatz nicht. Um die Struktur des Verrates hinreichend zu erfassen, muss auch nach der Motivation desselben gefragt werden. Bevor Reymund seinen Eid zum ersten Mal bricht, hat er ein Gespräch mit seinem Bruder, dem Grafen von Forst.
1 Ebd., S. 74. 2 Ebd., S. 86.
3 Ulrike Kindl: „Melusine“ - Feenmärchen oder historische Sage?, in: Annali della Facoltá di Lingue e Letterature Straniere di Ca’ Foscari 23 (1984), S. 115-126, hier S. 119.
4 Gerhild Scholz-Williams: Magie entzaubert: Melusine, Paracelsus, Faustus, in: Entzauberung der Welt, Deutsche Literatur 1200-1500, herausgegeben von James F. Poag und Thomas C. Fox, Tübingen 1989, S. 53-71, hier S. 56.
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Arbeit zitieren:
Janine Wergin, 2004, Verrat als Handlungsmuster in Thürings von Ringoltingen "Melusine", München, GRIN Verlag GmbH
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