Inhaltsverzeichnis
Die Berichterstattung über die Martin-Hohmann-Affäre 1
Inhaltsverzeichnis 2
1. Einleitung. 3
2. Der Fall Hohmann - Eine Chronologie 5
3. Die quantitative Inhaltsanalyse 7
3.1. Zum Umfang der Berichterstattung in Frankfurter Rundschau und Welt 7
3.2. Textgattungen und Verfasser 9
4. Die qualitative Inhaltsanalyse 11
4.1. Was wird thematisiert? 11
4.2. Geschichtspolitische Deutungsmuster 12
4.3. Zum Einfluss der politischen Haltung auf die Berichterstattung. 14
4.4. Die Rolle der Wissenschaft in der Berichterstattung. 15
5. Schlussbetrachtung 16
Quellenverzeichnis. 18
Prim ärtexte 18
Sekund ärtexte. 18
2
1. Einleitung
„Geschichtspolitik ist ein Handlungs- und Politikfeld, auf dem verschiedene Akteure Geschichte mit ihren speziellen Interessen befrachten und politisch zu nutzen suchen. Sie zielt auf die Öffentlichkeit und trachtet nach legitimierenden, mobilisierenden, politisierenden, skandalisierenden, diffamierenden usw. Wirkungen in der politischen Auseinandersetzung“,1
erklärt Edgar Wolfrum in seinem Buch Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland. Zu den Akteuren, die Geschichtskultur erzeugen und prägen, zählt Wolfrum im weiteren Sinne auch Journalisten.2
Zweifellos handelt es sich bei Geschichtspolitik um einen öffentlich und massenmedial vermittelteten Prozess. Öffentlichkeit kann als intermediäre Sphäre zwischen Politik und Bürger begriffen werden. Sie ist einer Arena für Vergangenheitsinterpretationen gleichzusetzen, in welcher der „Wettstreit der Erinnerungen“ ausgetragen wird.3 Beim politischen Ringen um die Hegemonie von Diskursen und Deutungsmustern fungieren Journalisten als „Gatekeeper“4. Sie bestimmen, welche Informationen und Meinungen in ihrem Medium weitergegeben und welche zurückgehalten werden. Damit entscheiden sie aktiv über das Erinnern, Ausblenden und Vergessen von Geschichte.
Gleichzeitig gehören Journalisten selbst zu den „konkurrierenden Deutungseliten“. Sie messen Informationen anhand von Nachrichtenfaktoren eine bestimmte Bedeutung zu, treffen eine Auswahl und legen Erzählweise, Aufmachung und Platzierung fest. „Das Zusammenspiel von Text, Headlines und Bildbeigaben produziert eigene Bedeutungen, und die Erzählweisen des Textes erzeugen suggestive Deutungen und dramatische Effekte“,5 erklärt Klaus Naumann im Vorwort seiner Presse-Analyse zum Gedenkjahr 1995. In meinungsbetonten Beiträgen äußern Journalisten ihre Ansichten - beispielsweise wird ein politisches Deutungsmuster befürwortet oder abgelehnt.
1 Edgar Wolfrum: Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland. Der Weg zur bundesrepublikanischen Erinnerung 1948-1990. Darmstadt 1999, S. 1-22, hier S. 25f. 2 Vgl. Ebd., S. 26. 3 Vgl. Ebd., S. 28.
4 Kurt Lewin: Frontiers in Group Dynamics. In: Human Relations. 1. Jg. (1947), S. 5-41, S. 143-153. Siehe auch: Christian Kristen: Nachrichtenangebot und Nachrichtenverwendung. Eine Studie zum gate-keeper-Problem. Düsseldorf 1972, S. 114.
5 Klaus Naumann: Der Krieg als Text: das Jahr 1945 im kulturellen Gedächtnis der Presse. Hamburg 1998, S. 17f.
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Der Einfluss der Massenmedien zeigt sich auch daran, dass dort ausgetragene, insbesondere moralisch aufgeladene Konflikte eine starke Wirkung auf das Publikum erzielen. Sie tragen zur Durchsetzung oder Stabilisierung von Normen bei.1 Die Frage, wie, durch wen, mit welchen Mitteln, welcher Absicht und welcher Wirkung Erfahrungen mit der Vergangenheit thematisiert und politisch relevant werden, ist letztlich nur unter Berücksichtigung der Massenmedien hinreichend zu beantworten.
Im Folgenden soll die geschichtspolitische Rolle der Medien an einem Beispiel untersucht werden. In einer vergleichenden Inhaltsanalyse wird die Berichterstattung über die Hohmann-Affäre in den überregionalen Tageszeitungen Die Welt und Frankfurter Rundschau gegenübergestellt. Der Fall Hohmann eignet sich aufgrund seiner geschichtspolitischen Brisanz in besonderem Maße für die Untersuchung: Der Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann ist aus der CDU ausgeschlossen worden, nachdem er aufgrund einer als antisemitisch bewerteten Äußerung im Herbst 2003 öffentlich in die Kritik geraten war. Hohmann hatte historisches Wissen in einer politischen Rede instrumentalisiert und ein äußerst umstrittenes Deutungsmuster der Vergangenheit vertreten.
Diese Arbeit zielt nicht darauf ab, Hohmanns Auslegung der Vergangenheit zu diskutieren und zu bewerten. Stattdessen wird - anknüpfend an die theoretischen Ausführungen zu Beginn dieser Arbeit - nach den Deutungsmustern gefragt, die sich Die Welt und Frankfurter Rundschau als geschichtspolitische Akteure in der Thematik aneignen. Schließen sie sich der Sichtweise Hohmanns an? Von Interesse ist auch der Stellenwert, welcher der Hohmann-Affäre angesichts einer Vielzahl verschiedener, um die Hegemonie in der Berichterstattung ringender Diskurse zugeschrieben wird. Wie wichtig nehmen die Journalisten, die laut Wolfrum eine eigene geschichtspolitische „Deutungselite“ bilden, dieses Thema? Die Zahl, Platzierung, Größe und Detailgenauigkeit der Zeitungsartikel zur Hohmann-Affäre könnten Aufschluss darüber geben. Aufgrund der Rolle der Journalisten als „Gatekeeper“ ist ebenfalls relevant, was die Welt und Frankfurter Rundschau berichten, und was zumindest eine der Zeitungen oder beide verschweigen. Hat die Positionierung gegenüber den politischen Eliten Einfluss auf die Berichterstattung? Mit der Welt und der Frankfurter Rundschau wurden Zeitungen ausgewählt, die in ihrer grundsätzlichen politischen Haltung differieren. Während sich die Welt als „liberal“ versteht,2 wird die Frankfurter Rundschau von Publizistik-Experten zu den politisch links orientierten Blättern gezählt3.
1 Vgl. Wolfrum, Geschichtspolitik, S. 28.
2 http://media.welt.de/start.php Die Grundhaltung der Zeitung findet sich unter dem Link Media-Daten. Die direkte Adresse der Linkseite ist im Internet nicht ersichtlich. Stand: 14.3.2005 3 Die Frankfurter Rundschau äußert sich in der Selbstpräsentation auf der ihrer Homepage nicht über die politische Haltung der Zeitung. Vgl. Einschätzung von Dr. Michael Meissner im Medienseminar Presse, Wintersemester 2004/2005, Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft, FU Berlin.
4
Eine weiterer Aspekt, der bisher unerwähnt geblieben ist, soll in der Beispiel-Untersuchung berücksichtigt werden: die Rolle der (Geschichts-)Wissenschaft in der Berichterstattung. In wie weit beziehen die Zeitungen Historiker ein?
Aufgrund der gewählten Fragestellungen bietet sich eine Analyse in zwei Kategorien an. Im nächsten Kapitel wird die Hohmann-Affäre in ihrem Ablauf geschildert. Dann erfolgt zunächst eine quantitative Analyse. Raummaß, Textgattungen und Quellenangaben werden untersucht. In der anschließenden qualitativen Analyse geht es um das „Wie“ der Berichterstattung, also beispielsweise um die Haltung der Zeitungen gegenüber Hohmanns Äußerungen. Die Analyseformen ergänzen sich. Ihre Ergebnisse stehen in Zusammenhang.
2. Der Fall Hohmann - Eine Chronologie
Die Hohmann-Affäre hat sich über den Zeitraum von 13 Monaten erstreckt. Im Rahmen dieser Arbeit wird die Berichterstattung vom 1. bis zum 31. November 2003 untersucht - in diesem Monat haben sich die meisten Ereignisse abgespielt. Dennoch erscheint es sinnvoll, vor Beginn der Analyse einen chronologischen Überblick über die gesamte Affäre zu geben: Am 3. Oktober 2003 hält der hessische CDU-Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann auf einer Festveranstaltung zum Tag der Deutschen Einheit in seiner Heimatgemeinde Neuhof eine Rede mit dem Titel „Gerechtigkeit für Deutschland“. Hohmann empört sich, dass international noch immer das Bild von den Deutschen als „Tätervolk“ vorherrsche, um dann in einem längeren Teil seiner Ansprache nach der „Täterschaft“ der jüdisch-stämmigen Kommunisten während der Oktoberrevolution im Jahr 1917 zu fragen. Sein Fazit: „Daher könnte man Juden mit einer Berechtigung als Tätervolk bezeichnen. Das mag erschreckend klingen. Es würde aber dergleichen Logik folgen, mit der man Deutsche als Tätervolk bezeichnet.“ Im weiteren Verlauf der Rede relativiert er seine Äußerungen. Weder „die Deutschen noch die Juden“ seien ein „Tätervolk“.1
Die Fuldaer Zeitung berichtet über die Veranstaltung, ohne Hohmanns Äußerungen kritisch zu bewerten. Drei Wochen später stößt eine Frau aus den USA im Internet auf den Wortlaut von Hohmanns Ansprache. Sie informiert den Hessischen Rundfunk, der den Inhalt der Rede am 30. Oktober öffentlich problematisiert und eine Welle der Berichterstattung auslöst.
1 Der Wortlaut des Rede-Manuskriptes findet sich unter http://213.187.75.204/uebersicht/alle_dossiers/ politik_inland/die_hohmann_affaere/?cnt=333883 Stand: 15.1.2005
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Arbeit zitieren:
Janine Wergin, 2005, Die Berichterstattung über die Martin-Hohmann-Affäre in der Frankfurter Rundschau und der Welt - Ein Vergleich unter geschichtspolitischen Aspekten, München, GRIN Verlag GmbH
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