gut beraten, rückhaltlose Selbstkritik 3 zu üben, statt sich übermäßigem Selbstmitleid hinzugeben, das jedoch nicht in Selbsthass, sondern in perverse Abneigung gegen sämtliche unschuldige Opfer ihrer Geschichte umschlägt. Unter Selbstkritik ist allerdings nicht das bloße Moralisieren mittels ethischer ‚Vorzeigetheorien’ der Kommunikation zu verstehen. Man erwartet dabei vielmehr konsistente Überlegungen, die zunächst den Europäern selbst zu einer resoluten Emanzipation vom eurozentrischen Geist hin zu einem lebendigen Dialog zwecks Verständigung mit Afrikanern verhelfen können. 4
Das hier bezeichnete Selbstmitleid hängt indes u.a. mit dem sehr schmerzenden und bedrückenden Wissen vieler Europäer vom Sklavenhandel und Kolonialismus zusammen, das sie dazu bringt, sich stets hypokritisch jeglicher geistigen Berührung mit Afrikanern zu entziehen. Gerade vor dem Hintergrund des Selbstmitleides wird das ambivalente Verhältnis mancher Europäer zu ihrer Zivilisation offensichtlich. 5 Einerseits geben sie sich eingedenk ihrer historischen Errungenschaften in Technik und Wissenschaft sehr stolz (zumindest nach außen). Andererseits aber werden sie ihr inneres Leiden in permanentem Andenken an die in und von Europa aus verübten Verbrechen gegen die Menschlichkeit kaum los. Aufgrund dieses historisch-psychologischen Faktors können manche Europäer kein wertbeständiges Selbstvertrauen aufbauen, geschweige denn dauerhaft zufrieden wirken, obwohl sie alles zu besitzen scheinen, was der Mensch für die Befriedigung seiner materiellen Bedürfnisse benötigt.
Oft manifestieren die Europäer ihre Unzufriedenheit entweder psychologisch durch Verachtung der kulturellen Werte anderer Völker oder politisch durch technische sowie finanzielle Maßnahmen, die andere Länder in schwer lösbare Krisen stürzen. Wenngleich das lästige Wissen um die Vergangenheit den Konflikt der Europäer mit ihrer Identität erklärt, genügt das jedoch nicht als stichhaltiges Argument, um ihre oft exzentrisch schamlosen Attitüden gegenüber anderen Völkern zu rechtfertigen. 6 Damit ist insbesondere die prinzipielle Neigung zur Geringschätzung afrikanischer Lebenswelten selbst seitens mancher Großgelehrten der Gegenwart gemeint, die sich aus Prinzip weigern, universalistische Kategorien wie die der Philosophie, Wissenschaft, Kultur und Religion auch auf Afrika auszuweiten oder adäquat anzuwenden.
Dieser Artikel ist keineswegs der Präsentation der afrikanischen Kulturen gewidmet. Sein Ziel besteht vielmehr in der Erörterung der Frage nach der Verantwortung der intellektuellen Eliten nicht nur Europas, sondern auch Afrikas für das allgemein miese Image von Afrika in der Welt. Er beginnt mit einer philosophischen Klärung des Kulturbegriffs und fragt im Anschluss daran an das Wesen des Kulturellen in Afrika. Die Untersuchung endet mit einer detaillierten Kategorisierung der Intellektuellen in beiden Kontinenten.
3 Domenico Losurdo gehört zu den wenigen mutigen Philosophen der Gegenwart, die europäische Selbstkritik wagen. Vgl. D. Losurdo: Selbstbewusstsein, falsches Bewusstsein, Selbstkritik des Abendlandes, in: Das geistige Erbe Europas, hrsg. von Manfred Buhr, Napoli 1994, S.733-770.
4 Die Forderung von Jürgen Habermas, die Menschen müssten kommunikativ handeln und dazu eine gemeinsame Sprache sprechen, die jeder versteht, ist zwar richtig. Doch Habermas hätte diese These vertiefen müssen, indem er zeigt, wie die Europäer universelle Verständigung aufnehmen können, ohne ihre Kultur zur Bed ingung für den Universalismus zu erheben. Einzelheiten bei J. Habermas : Die Einheit der Vernunft in der Vielfalt ihrer Stimmen, in ders.: Nachmetaphysisches Denken, Frankfurt/M. 1988, s. 153-186.; ders.: Die Einbeziehung des Anderen. Stud ien zur politischen Theorie, Frankfurt 1996.
5 Siehe dazu Michael Fischer: Les perspectives d’avenir de l’Europe, in: Manfred Buhr und Xavier Tilliette (Hrsg.) : Penser européen - qu’est-ce que cela veut d ire ?, Lisbonne : Cosmos 199), S.27-40.
6 Vgl. u.a. P.-A. Taguieff: La force du préjugé. Essai sur le rac isme et ses doubles, Paris 1987 : E. Balibar/I. Wallerstein : Race, nation, classe. Les identités ambigües, Paris 1988.
2. Kultur als Lebensform
Der Begriff ‚Kultur’ wird in den Geistes- und Kulturwissenschaften relativistisch thematisiert. Doch seine Bedeutung wird fast immer vom gesellschaftlichen und technischen Fortschritt abhängig gemacht, indem man die schöpferischen Leistungen der Menschen auf einzelne wirtschaftliche Kriterien reduziert sowie am technologischen Niveau ihrer jeweiligen Länder misst. Kultur bedeutet indes mehr als technische Produktivität und umfasst somit sämtliche intellektuellen und körperlichen Tätigkeiten, mit denen die Menschen ihre Freiheit im Denken und Handeln, d.h. in konkreten Aktionen sowie in abstrakten Ideen, manifestieren. 7 In diesem Sinne bezeichnet ‚Kultur’ alle von Menschen hervorgebrachten materiellen und geistigen Werte, die für die weitere Entwicklung der Gesellschaft, Wirtschaft, Technik und Kunst sowie für die individuelle Selbstentfaltung des Menschen bestimmend sind. Werte sind ihrerseits moralische, ethische und metaphysische Qualitäten und stellen somit die wesentlichen Konstituenten der Kultur dar. Im folgenden werden drei Kategorien von Werten unterschieden:
-Die problematischen Werte. Es handelt sich dabei um Urteile und Einstellungen, die aus subjektiven Meinungen entstehen, die meist von bestimmten Autoritätspersonen ausgehen und zu Handlungen und Vorstellungen der gesamten Gesellschaft erklärt werden. Das Problematische resultiert aus dem Versuch, dominante Einbildungen zu verobjektivieren oder für eine komplexe Gesellschaft repräsentativ zu machen.
-Die konformistischen Werte. Es sind Werte, über deren Entstehung von den Menschen selten nachgedacht, sondern die als heiliges und untadeliges Überlieferungserbe schlechthin angenommen werden. Dazu gehören tradierte Institutionen wie Familienbindungen, Verwandtschaftstreue, Heimatverbundenheit, Vaterlandsliebe, soziale Hierarchien etc., insofern sie unhinterfragt gepflegt und von Generation zu Generation kritiklos weitergegeben werden.
-Die probativen Werte. Sie werden von allen Gesellschaftsmitgliedern gebilligt und als allgemeine Urteilskriterien oder Handlungsmuster einstimmig angenommen. Ihnen liegen Prinzipien zugrunde, die aus der Vielfalt der praktischen Lebenserfahrung heraus auf ethische, logische, moralische oder metaphysische Ideen abstrahiert werden, die für das weitere Leben der Menschen bestimmend sein sollen. Sie verdanken ihre Entstehung zudem dem Bewusstwerden der Menschen, dass sie nicht mehr nur nach tradierten Verhältnismäßigkeiten, Gesetzmäßigkeiten und Regelmäßigkeiten zu handeln oder nur in alten Kategorien und Normen zu denken haben, sondern dass sie zum selbständigen sowie eigenverantwortlichen Leben in ihrer Zeit verdammt sind. Aus diesem Bewusstsein heraus versuchen die Menschen Werte wie Menschenrechte, Freiheit, Frieden, Sicherheit, Wohlsein, Naturschutz, Demokratie, Arbeit etc., dem Wandlungs- und Transformationsprozess ihrer Gesellschaft und Kultur zu unterwerfen und an die Bedingungen ihres jeweiligen Zeitalters anzupassen. Probative Werte bestimmen daher nicht nur die Maßstäbe für die ethisch-moralischen Einstellungen sowie für das weltweite rationale Streben der Menschen zu gewissen Lebensidealen, sondern auch die allgemeinen Kriterien dessen, ob ein Lebensstil gut oder schlecht, sinnvoll oder sinnlos etc. sei. Vor dem Hintergrund der Probation oder Apodiktion zeigt sich, dass universelles Denken nicht nur wichtig ist, sondern sich auch auf die Einstellungen und Vorstellungen positiv
7 Vgl. Jacob E. Mabe : Die Kulturentwicklung des Menschen nach Jean-Jacques Rousseau in ihrem Bezug auf die gesellschaftlichen Entwicklungen in Afrika., Stuttgart 1996, S. 43 ff.
auswirken kann. Denn es hilft, sich von bestimmten Denk- und Lebensgewohnheiten zu distanzieren und gleichzeitig für alternative, ja noch als unbekannt erscheinende, Lebensmodelle zu öffnen, ohne seine gewohnte und als eigene geltende Kultur zwangsläufig aufgeben oder verleugnen zu müssen. Darauf baut die interkulturelle Philosophie ihr Prinzip auf, um den Dialog zwischen den Völkern zwecks gegenseitiger Verständigung über moralische, ethische, erkenntnistheoretische, metaphysische und religiöse Fragen zu fördern. 8 Sie weist allerdings insofern ein methodisches Defizit auf, als sie nicht konzeptionell zeigt, wie Menschen aus verschiedenen Denktraditionen zu einer Verständigung insbesondere mit Europäern verholfen werden kann, ohne Kompromisse mit aus dem Westen stammenden Ideologien schließen zu müssen. In Anbetracht dieses Mankos versucht die Konvergenzphilosophie oder der Konvergentialismus, textuelle und orale Formen des Denkens nicht nur gleichzusetzen, sondern auch methodisch zusammenzuführen. Dabei zeigt sie, wie die Methoden der Mündlichkeit (Initiation, Inspiration und Mediation) einerseits und die der Schriftlichkeit (Analyse, Synthese, Dialektik und Experiment) andererseits so miteinander konvergieren können, dass daraus Kategorien mit universeller und kulturinvarianter Valenz abzuleiten sind, denen in jeder schriftlichen sowie mündlichen Tradition die gleiche Bedeutung zukommt. 9
In universeller Hinsicht ist Kultur einerseits durch deskriptive Lebensformen bestimmt, zu denen die Sitten (Konventionen, sozialen Lebensregeln), die Gebräuche (Gewohnheiten), die gesellschaftlichen Institutionen (Erziehung, soziale Hierarchie etc.), die Riten, die Rituale und Zeremonien gehören. Ihnen stehen andererseits normative Lebensformen gegenüber, die sich auf die ethischen und moralischen Einstellungen der Menschen beziehen. Normative Lebensformen weisen zudem auf das Verhältnis von Kultur zur Philosophie hin, was insbesondere im altgriechischen Denken nachzuweisen ist. Denn für die Griechen war Philosophie nichts anderes als Kultur im Sinne einer normativen Lebensform. Dabei stand im Mittelpunkt des griechischen Denkens der Mensch als animal rationale, also als ein mit Vernunft begabtes und ausgestattetes Lebewesen, dessen entscheidende Lebensform das bios theoretikos (das theoretische Leben) war, das den Maßstab für alle daraus fließenden praktischen Aktivitäten des Lebens festlegte. Der Philosophie wurde dabei die Aufgabe zugewiesen, dem Menschen den Weg zum guten und glücklichen Leben zu weisen. Bereits in den Werken Platons wird deutlich, dass Kultur geistig orientiert ist, insofern als Platon sie mit dem Ideal verbindet, dem Menschen zur "Theoria" bzw. zur philosophischen Einsicht als der höchsten Tugend zu verhelfen. Platon lehrt dabei, nur derjenige, der sich zur Erkenntnis der Ideen erheben könne, besitze einen philosophischen Eros, worunter er das Streben vom Sinnlichen zum Geistigen versteht. Damit ist der Drang des Sterblichen gemeint, sich zum Unsterblichen aufzuschwingen, da es nach Platon ewige Ideen gibt, die als Maß des Denkens und Handelns gelten und für das denkende und handelnde Wesen erfassbar sind. Aristoteles geht noch weiter als Platon, indem er die geistigen und körperlichen Fähigkeiten des Menschen an konkreten Lebenszielen orientiert. Dies wird besonders mit seinem Versuch deutlich, „den bios theoretikos, den bios apolaustikos (Genußleben) und den bios politikos (politisches Leben) zum Zweck der Erfassung der Einheit von Theorie und Praxis miteinander“ 10 zu verbinden. Dabei bezeichnet Aristoteles das Leben der Theoria als ein
8 Siehe u.a. H. Kimmerle: Interkulturelle Philosophie zur Einführung, 1. Aufl. Hamburg 2002; F. M. Wimmer: Interkulturelle Philosophie. Eine Einführung, Wien 2004.
9 Einzelheiten bei J.E. Mabe: Mündliche und schriftliche Formen philosophischen Denkens in Afrika. Grundzüge einer Konvergenzphilosophie, Frankfurt/M. u..a. 2005.
10 Vgl. Aristoteles: Nikomachische Ethik, a.a.O., Buch I, 1-8; ders.: Politik, übers. u. hrsg. v. O. Gigon, 3. Auflage, München 1978, Buch VII, 3. 1325 b.
Arbeit zitieren:
PD Dr. Dr. Jacob Emmanuel Mabe, 2006, Was wissen Europäer kulturell von Afrika?, München, GRIN Verlag GmbH
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