einzige oraltraditionelle Lehre, die rational erklärt, was Lebenskraft ist und wie man in deren Besitz gelangt.
Richtig wäre, dass man durch genaue Kenntnisse der Naturgesetze, die man durch die Methode der Initiation, Inspiration und Mediation erwirbt, die Verbindung mit dem Jenseits herstellen könne. In der Oraltradition spricht man in diesem Fall vom Kontakt mit immateriellen Wesenheiten, nämlich den Ahnen, die angeblich die Wechselbeziehung zwischen dem Jenseits und dem Diesseits bestimmen. Dabei werden die Ahnen als Mittler zwischen sichtbarer und unsichtbarer Welt, Lebenden und Toten angesehen. So sind vermutlich Ahnen-Gedenkfeste entstanden, bei denen die Menschen durch besondere spirituelle Zeremonien versuchen, den Beistand der Verstorbenen herbeizurufen. Andere Völker in Afrika praktizieren keinen Ahnenkult, betrachten dennoch ihre verstorbenen Verwandten als Schicksalsgefährten, die trotz ihrer Unsichtbarkeit nicht nur bei ihnen stets präsent sind, sondern sie vor jeglichem Unsegen schützen. Suchen manche Menschen oft Wahrsager, Orakel, Hellseher und Visionäre auf, so wollen sie durch ihre Vermittlung die abgerissene Verbindung mit den Ahnen wiederherstellen. Das Tragen von Talismanen, Amuletten, Baumrinden und sonstigen Schmuckstücken aus Gold, Silber oder Diamanten wird hingegen mit der Absicht verknüpft, den Zugang des Bösen zu verhindern und damit ein leidloses Leben ohne unmittelbare Wirkung einer Lebenskraft zu erreichen. Bei den in weiten Teilen Afrikas noch praktizierten Ahnen-Gedenkfesten, die die Begegnung zwischen Verstorbenen und Lebenden symbolisieren, werden die Toten aufgerufen, um bei ihren lebenden Nachkommen ständig präsent zu sein sowie für ihre Sicherheit zu sorgen. Doch der Ahnenglaube verdankt seine bleibende Bedeutung in Afrika den vielfältigen mit der Moderne verbundenen Malaisen auf allen kulturellen und gesellschaftlichen Gebieten. Dort haben Individualismus, Egoismus, Geld- Macht- und Ruhmgier, Luxus, persönliches Prestige etc. den Zerfall von traditioneller Sitte und Moral verursacht. Daraus sind zwei nahezu unversöhnliche antagonistische Entwicklungen hervorgegangen: Einerseits eine Art explosionsartige Rückkehr des Aberglaubens als Folge der moralischen Erosion und eine rapide Wiederkehr des Spirituellen bei den einen sowie ein leidenschaftliches Streben nach ihm bei den anderen. Gerade die Dominanz des Spirituellen weist nach, dass nicht alle Afrikaner der moralischen Perversion zum Opfer gefallen, sondern vielmehr ihren ethischen und metaphysischen Traditionen treu geblieben sind. Nicht zuletzt verweist die Spiritualität auf das nostalgische Streben sowohl nach der Nähe der Ahnen als auch nach Harmonie. Denn Sicherheit ist für die meisten Afrikaner nur dann erreicht, wenn ein Mensch in Harmonie mit sich selbst sowie mit seiner Um- und Mitwelt lebt.
Zu den spirituellen Hinterlassenschaften der oralen Tradition zählen u.a. die Rituale, die Bräuche sowie die in den verschiedenen Sprachen dokumentierten Lebensregeln, die seit Generationen dem metaphysischen, ethischen, kosmologischen, logischen und ästhetischen Denken und Verhalten der afrikanischen Völker zugrunde liegen. Es sind die wichtigsten Indizien der afrikanischen Geisteswelt, die zeigen, dass Leben für die vergangenen Generationen nicht bloß als Zufallsprozess, sondern vielmehr als ein mit freier Willensentscheidung verbundener Bewusstseinsakt aufgefasst wurde. Das oraltraditionelle Erbe mag auf ungeschriebenen Lehrmeinungen beruhen, sie stellt jedoch eine wesentliche Quelle dar, ohne die eine vollständige oder adäquate Erschließung des Sicherheitsdenkens in Afrika nicht möglich sein kann.
Obwohl die folgenden Sicherheitskonzepte von Generation zu Generation mündlich weitergegeben worden sie, beeinflussen sie nach wie vor das Denken und Verhalten der meisten Völker Afrikas:
- Alterssicherung durch eigenen Nachwuchs oder durch enge Familienbindung und Verwandtschaftstreue;
- Wohnschutz (mystische Sicherung seines Hauses und Grundstückes); - Körper- oder Leibesschutz (Einsatz der Lebenskraft zum Schutz vor unnatürlichem Tod, magischen Angriffen, durch Hexerei bedingten Erkrankungen und Leiden, Unfällen und sonstigen Behinderungen);
- Bodenschutz (spirituelle Sicherung des Bodens oder Ackerlands vor Unfruchtbarkeit und möglichen Missernten, die aus Neid, Missgunst oder Eifersucht von anderen verursacht werden könnten; - Nahrungssicherheit.
Weisen diese Konzepte auf Momente hin, die an die geistigen Leistungen der früheren Generationen erinnern, machen sie gleichwohl sichtbar, wie Menschen in der Vergangenheit mit ihren Lebensängsten (Angst vor dem Hungern, Sterben, Leiden, Alleinsein etc.) umgingen. Denn sie konnten dabei auch positive Gefühle (Freude, Ruhe, Wohlbefinden, Solidarität, Liebe, Mitleid etc.) kultivieren, um negative Gefühle (Trauer, Wut, Aggression, Hass, Egoismus, Neid, Eifersucht etc.) zu überwältigen, die meist Unsicherheit bei Menschen auslösen.
In den gegenwärtigen Gesellschaften Afrikas denken die meisten Gelehrten nicht mehr nur in oraltraditionellen Kategorien. Vielmehr bedienen sie sich fast ausschließlich philosophischer Methoden und Theorien. So fassen sie Sicherheit als einen Begriff auf, den man metaphysisch, ethisch, hermeneutisch etc. deuten kann. Doch für die überwältigende Mehrheit der afrikanischen Sozialwissenschaftler geht es in der Sicherheit insbesondere um den Schutz vor
- politischer oder religiöser Verfolgung, - sozialer Ungleichheit, - rassischer und sexistischer Diskriminierung, - Hunger und Armut, - Hass, Neid und Krieg.
2. Sicherheit in der antiken Philosophie
a) Introduction
Die schriftliche Geistesgeschichte Afrikas reicht bis auf die ägyptische Antike zurück. Kennzeichnend für die diese Diffusions- und Artikulationsform des Wissens ist der Anspruch einzelner Denker, von Imhotep, Ptahhotep und Echnaton über Apuleius, Plotin, Aurelius Augustin, Averroes, Amo bis hin zu Alexis Kagame, Cheikh Anta Diop, Ahmadou Hampate Bâ, Samir Amin etc.,, auf individuelle Wahrheitserkenntnis. Dabei bemüht sich jeder Denker darum, den Bruch mit der Mündlichkeit mit subjektiven Konzepten zu vollziehen, ohne jedoch die gesamte Kulturtradition in Frage stellen zu müssen. Haben sich alle afrikanischen Großgelehrten mit allgemeinen Existenzproblemen auseinandergesetzt, konnten sich allerdings nur wenige der Sicherheitsfrage im Hinblick auf die politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Anforderungen ihres jeweiligen Zeitalters zuwenden. Zu den meist diskutierten Sicherheitsfragen der letzten Jahrhunderte waren gehören u.a. die Sklaverei und
der Sklavenhandel, die koloniale Eroberung und Gewalt, die politischen Emanzipationsbewegungen, die neue Staatenbildung sowie die allgemeinen Entwicklungsprobleme.
b) Sicherheit und Staat in der altägyptischen Philosophie
Wie in anderen Sprach- und Denktraditionen werden auch in Afrika unterschiedliche Begriffe für Sicherheit verwendet: Schutz, Aufbewahrung, Schonung, Verteidigung etc. Ungeachtet ihrer Hochschätzung der Metaphysik sind sich die afrikanischen Denker jedoch bewusst, dass das Prinzip des natürlichen Rhythmus oder der Befolgung göttlicher Stimmen nicht immer unmittelbar auf das soziale Leben wirkt. In der Konsequenz dieser Erkenntnis befürworten sie die Schaffung von künstlichen Mitteln, um das gemeinsame Überleben der Menschen zu sichern. Im Mittelpunkt des afrikanischen Sicherheitsdenkens steht sodann die Frage: Wie sind die jeweiligen Gesellschaften Afrikas politisch und ökonomisch so zu gestalten, dass alle dort lebenden Menschen (alte und junge, kranke und gesunde, schwache und starke, große und kleine etc.) ihre elementarsten Bedürfnisse nach Sicherheit (gesunde Wohnung, Nahrung und Kleidung etc.) befriedigen können?
Ungeachtet ihrer divergenten Ansätze ist den afrikanischen Denkern seit der Antike gemeinsam, dass sie die Sicherung der menschlichen Existenz nicht als eine Aufgabe Gottes, der Natur, der Dorfgemeinschaft oder der Familie allein, sondern auch des Staates betrachten. Bereits in der ägyptischen Antike machten sich die Denker Gedanken um theoretische Erklärung sowie praktische Umsetzung der Maât, die sie als politische Lebens- und Ordnungsform, Weisheit, Wahrheit und Gerechtigkeit auffassten.
Nach Ansicht des Philosophen Ptahhotep (ca. 2700 v. Chr.) ist die Befolgung der Maât als ewige Lebensregel der einzige Weg zur Sicherheit. Zudem bezeichnet er die Maât als ein mit der Ordnung des Universums vereinbares Gesetz, dessen Nichtbeachtung Krieg, Chaos und Unsicherheit zur Folge haben. Ptahhotep weist seiner Sebayt (Weisheitslehre) die Aufgabe zu, den Geist des Lesers zu öffnen, dass er den richtigen Weg zur Maât stets erkennt und einschlägt. Die Maât selbst sollte jedem Menschen zur Harmonie mit sich selbst und mit dem Universum einerseits sowie zum friedlichen Zusammenleben mit seinen Nächsten andererseits verhelfen. An die Herrscher appelliert Ptahhotep, ihre politischen Vorstellungen stets schriftlich und öffentlich zu machen, um dadurch ihren Nachfolgern das Regieren zu erleichtern oder ihnen zu zeigen, wie sie unnötige Führungsfehler vermeiden könnten. Denn erst durch gutes Regieren erreicht ein Volk sein Glück, und richtige Staatsführung besteht nach Ptahhotep darin, nach der Maât zu handeln und zu regieren. Zudem bezeichnet Ptahhotep die Nahrungssicherung als eine der wichtigsten Staatsaufgaben neben Friedenssicherung und Bildungsförderung. In Ägypten war es tatsächlich die Pflicht der Staats- und Tempeldiener, Nahrungsmittel so zu verteilen, dass jeder Bürger ausreichend versorgt wurde. Ptahhotep spricht in seiner Erläuterung dieser Frage von einem Recht auf Nahrung, das man heute als Grund- oder Menschenrecht bezeichnen könnte. „Wer einen leeren Magen hat, ist ein Ankläger“, sagt Ptahhotep, hinzufügend, dass ein gerechtes und damit sicheres Land dasjenige ist, das „wohl ernährte Menschen hat“. Bildung und Sicherheit hängen zusammen, weil Sicherheit Vertrauen ebenso in die Ordnung des Gemeinwesens wie in das Wissen voraussetzt. Doch ohne Bildung gibt es nach Ptahhotep kein Vertrauen. So empfiehlt er, dass hoch angesehene Persönlichkeiten im Land ihre Lehrmeinungen so formulieren, dass sie „für die Ewigkeit“ gelten, d.h. auch von allen
Arbeit zitieren:
PD Dr. Dr. Jacob Emmanuel Mabe, 2005, Sicherheit in der afrikanischen Philosophie und Geistesgeschichte, München, GRIN Verlag GmbH
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