Inhaltsverzeichnis
1. Einführung: 2
2. Grundlagen 3
2.1. Warum sind naive Theorien von Interesse für die Wissenschaft 3
2.2. Woher stammen die Informationen zur Bildung naiver Theorien 4
2.3. Theoretischer Hintergrund: Attributionstheorie 6
3. Naive Theorien zu wirtschaftlichen Problemen 9
3.1. Arbeitslosigkeit 9
3.2. Armut und Reichtum 10
3.3. Inflation 12
4. Kognitive Modelle naiver Wirtschaftstheorien 14
5. Zusammenfassung 19
6. Literaturverzeichnis 20
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1. Einführung:
Wenn die Ergebnisse jahrelanger Forschung im politischen Tagesgeschäft als „Professorengeschwätz“ abgetan werden, welche Vorstellungen macht sich dann „Otto Normalverbraucher“ über die Zusammenhänge unseres Wirtschaftssystems? Wieso beschäftigt er sich überhaupt mit derart komplexen Problemen, auf die selbst Experten oft keine klaren Antworten liefern können? Um es mit den Worten von Williams (1977, S. 12) zu sagen:
“If a car breaks down nobody but a fool expects to be able to repair it without some elementary understanding of the mechanism, and the economic system is a good deal more dangerous to tinker around with than a car. Unfortunately it is also much more difficult to understand.”
Diese Arbeit beschäftigt sich mit den Allerweltstheorien, die sich trotz mangelnder Fachkenntnis auf dem Gebiet der Wirtschaftswissenschaft bilden. Sie sollen in Art, Struktur und Funktion dargestellt werden um die Frage zu klären, wie „naiv“ diese Theorien tatsächlich sind.
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2. Grundlagen
2.1. Warum sind naive Theorien von Interesse für die Wissenschaft?
Zunächst soll der Begriff einer „naiven Theorie“ geklärt werden: Der Definition Meyers (2003, S.2) folgend, ist eine Theorie ein System zentraler Annahmen über einen Gegenstand oder Sachverhalt, das dazu dienen soll, den Sachverhalt zu erklären sowie Voraussagen über zukünftige Entwicklungen zu ermöglichen und Wege der Beeinflussung darzustellen.
Wissenschaftliche Theorien genügen bestimmten Standards und methodologischen Anforderungen. Es gibt aber auch vorwissenschaftliche Theorien, so genannte naive Laien- oder Alltagstheorien. Diese zeichnen sich insbesondere dadurch aus, dass sie nicht grundsätzlich konsistent sind und auf Annahmen beruhen, die nicht implizit offen oder bekannt sind (Reisenzein, Meyer & Schützwohl, 2003).
Naive Theorien können sich in allen Bereichen des täglichen Lebens bilden. Im Bereich der Psychologie spricht man von Alltagspsychologie (common sense psychology), die der Amerikaner Harold Kelley so beschreibt:
„Die Alltagspsychologie enthält die Meinungen der gewöhnlichen Leute über ihr eigenes Verhalten und das anderer Personen sowie über die vorauslaufenden Bedingungen und Konsequenzen dieses Verhaltens“ (Kelley, 1992, S. 4).
Nun könnte man argumentieren, dass solche Theorien abzulehnen sind, da sie eben nicht herkömmlichen Wissenschaftsstandards entsprechen. Dagegen forderte Fritz Heider, eben diese naiven Theorien in die Wissenschaft mit einzubeziehen. Er begründete diese Forderung mit einem simplen Beispiel:
“Wenn ein Mensch glaubt, dass seine Handlinien seine Zukunft vorhersagen, dann muss dieser Glaube berücksichtigt werden bei dem Versuch, bestimmte Erwartungen und Handlungen zu erklären.“ (Heider, 1977, S. 14)
Der Gedanke ist klar: Alltagstheorien sind in der Lage, das Verhalten und die Wahrnehmung von Menschen zu beeinflussen. Wenn wissenschaftliche Theorien die Realität widerspiegeln und vorhersagen wollen, müssen sie also auch diese naiven Theorien berücksichtigen und zwar völlig unabhängig davon, ob diese Theorien einer wissenschaftlichen Überprüfung standhalten oder nicht.
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Heider sieht außerdem die Möglichkeit, aus Alltagstheorien wichtige Anregungen für die wissenschaftliche Forschung zu gewinnen. Er spricht in diesem Zusammenhang von intuitiver Psychologie, aus der man fruchtbare Modelle formulieren könne (Heider, 1977). Bei diesem deskriptiven Ansatz lautet die Frage dann nicht mehr: Wie sollten sich Menschen verhalten? Sondern: Wie verhalten sie sich tatsächlich und lassen sich daraus mathematische Modelle ableiten?
Bei den im Folgenden behandelten naiven Theorien handelt es sich um die Wahrnehmung von Ursache und Wirkung wirtschaftlicher Zusammenhänge. Untersucht wird also z.B. worin Laien die Erklärung für Arbeitslosigkeit oder Armut sehen und welche Einstellung sie gegenüber solchen Phänomenen haben. Der wissenschaftliche Wert, bzw. die Korrektheit dieser Wahrnehmungen wird nicht geprüft.
2.2. Woher stammen die Informationen zur Bildung naiver Theorien?
Als die drei wesentliche Informationsquellen naiver Wirtschaftstheorien werden im Folgenden betrachtet: die Medien, die Politik und das direkte soziale Umfeld. Natürlich sind die Wirtschaftswissenschaften ein breites Forschungsgebiet zu dem Unmengen an Fach- und Sachliteratur existiert. Trotzdem dürften die meisten wirtschaftswissenschaftlichen Theorien der breiten Öffentlichkeit weder bekannt, noch verständlich sein. Viele Theorien setzen ein hohes Maß an Wissen und Verständnis voraus und sind daher schlichtweg schwer vermittelbar. Die Forschung und ihre Literatur selbst werden daher nicht als wesentliche Quelle der Information für die betrachtete Gruppe der Laien erachtet (Furnham, 1988).
Zur Rolle der Medien untersuchte Mosley (1984) die in den britischen Zeitungen diskutierten Wirtschaftsthemen zwischen 1960 und 1980. Er unterschied die Zeitungen nach politischer Richtung in links orientiert und konservativ. Dabei kam er zu dem Ergebnis, dass die Medien je nach politischer Ausrichtung schwerpunktmäßig über andere Themen berichteten: Linke Zeitungen thematisierten besonders die Arbeitslosigkeit, während die konservativen eher über Inflation und das Haushaltsgleichgewicht berichteten. Laut Mosley beschränkt sich der Einfluss der Medien aber nicht nur auf die wahrgenommenen Themen, sondern umfasst auch die Wahrnehmung und das Bekenntnis zu den Zusammenhängen zwischen ökonomischen Variablen. Die Studie betrachtete auch die Lösungsvorschläge der Medien für einzelne Probleme:
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In den 60er Jahren fand sich übereinstimmend die Ansicht, dass die Arbeitslosigkeit durch einen Anschub der Nachfrage reduziert werden könnte, während eine Nachfrage-Drosselung sich positiv auf das Haushaltsgleichgewicht auswirke und die Inflation gering halte. In den 70ern hingegen waren die Zeitungen der Auffassung, dass eine Senkung der Inflation überhaupt erst die Grundlage für die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit sei. Die wissenschaftlich gängige Möglichkeit, geringe Arbeitslosigkeit durch höhere Inflation zu „erkaufen“ fand sich in den Medien dieser Zeit nicht wieder.
Per Definition ist es die Aufgabe von Parteien, in einem Land zur politischen Willensbildung beizutragen. Dazu gehören natürlich auch Aspekte der Volks- und Privatwirtschaft. Mehrere Ministerien beschäftigen sich in Deutschland ganz überwiegend mit Problemen wirtschaftlicher Variablen (z.B. Wirtschafts- und Sozialministerium, Verbraucherministerium, Gesundheitsministerium, etc.) und der Staat selbst nimmt durch Subventionen und Ausgaben der öffentlichen Hand am Wirtschaftskreislauf teil. Natürlich versuchen konkurrierende Parteien, die bestehenden Probleme auf unterschiedliche Art und Weise zu lösen und bedienen sich dazu auch einer völlig anderen Semantik. Furnham (1988) zeigt dies anhand eines Beispiels aus Großbritannien: Der damals amtierende, konservative Premierminister argumentierte oft anhand der Haushälter-Analogie, in der er die Volkswirtschaft mit einem privaten Haushalt verglich. Er müsse also, wie jeder andere Haushälter auch, Tugenden wie Sparsamkeit und Ordnung befolgen und könne daher nicht mehr ausgeben, als durch Steuern in die Kassen fließe. Die linksorientierte Arbeiterpartei argumentierte dagegen anhand einer Körper-Analogie: Der Haushalt sei mit einem Körper vergleichbar in dem alle Organe miteinander verknüpft sind. Wie bei einem Kranken müsse sich der Staat daher mit besonderer Zuwendung um verletzte Bereiche (z.B. eine lahmende Konjunktur) kümmern. Die konservative Analogie verdeutlicht marktorientierte, monetaristische Konzepte der VWL, während die Körper-Analogie sich zur Verbildlichung einer interventionistischen Wirtschaftsordnung eignet.
Die dritte große Informations-Säule, aufgrund derer sich naive Theorien bilden, ist das direkte persönliche Umfeld. Dazu gehört das eigene Erleben, da jedes Individuum natürlich selbst Teil der wirtschaftlichen Kreisläufe ist und eigene Erfahrungen macht (z.B. durch Preise, Steuerbescheide, etc.). Dazu gehört auf der anderen Seite aber auch der Erfahrungsaustausch mit anderen Individuen im engeren Umfeld. Tatsächlich scheint das Gespräch im Bus oder am Gartenzaun sogar einen erheblichen Einfluss auf die Wahrnehmung von Zusammenhängen zu haben, wie die später besprochene Studie von Williamson und Wearing (1996) zeigt.
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Quote paper:
Robin Wuchter, 2006, Naive Theorien über wirtschaftliche Zusammenhänge, Munich, GRIN Publishing GmbH
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