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A. Einleitung 5
B.1. Die Situation in Chile 8
1.1. Geschichtliche Voraussetzungen 9
1.1.1. Die Rekonziliationspolitik in Chile 10
1.1.2. Probleme der "wirklichen" Aussöhnung 11
1.1.3. Die Rekonziliationspolitik im Umbruch 12
1.2. Politische Umstände 13
1.2.1. Politische Schwierigkeiten 14
1.2.2. Rahmen der politischen Möglichkeiten 15
1.2.3. Die Bedeutung der Wahrheit 16
1.3. Die besondere Situation der Jugendlichen 17
1.3.1. Jugend als Problem 18
1.3.2. Ausgrenzung und Marginalisierung 19
1.3.3. Reaktionen der Jugendlichen 21
2. Theoretischer Hintergrund 22
2.1. Begriffsklärungen 22
2.2. Theoretische Ansätze 24
2.2.1. Kollektivgedächtnis 25
2.2.1.1. Das "soziale" Gedächtnis 26
2.2.1.2. Die "lebendige" Vergangenheit 27
2.2.1.3. Das "kritische" Ereignis 28
2.2.1.4. Die "kommunizierte" Erinnerung und Identität 29
2.2.1.5. Das "konstruierte" Gedächtnis 31
2.2.1.6. Die "Generationenhypothese" 32
2.2.1.7. Das "gesellschaftliche" Gedächtnis 33
2.2.2.Vergangenheit, Vergangenheitsaufarbeitung, Vergangenheitsbewältigung 34
2.2.2.1. Die Frage der "Bewältigung" 34
2.2.2.2. Die Frage der "Vergänglichkeit" 35
2.2.2.3. Eine Frage des Bewußtseins? 36
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2.2.3. Kognitive Dissonanztheorie und Überlegungen zum moralischen Urteil 37
2.2.3.1. Die Dissonanztheorie 37
2.2.3.2. Das moralische Urteil 39
2.2.4. Jugend 40
2.2.4.1. Gruppe 41
2.2.4.2. Generation 43
2.2.4.3. Jugendliche 45
3. Empirisches Vorgehen 47
3.1. Begründungszusammenhang 47
3.2. Methode 49
3.3. Das Interview 51
3.3.1. Das Tiefeninterview 51
3.3.2. Zur Situation des Interviews 53
3.3.3. Erstellung des Fragebogens 54
3.4. Thesen 56
4. Befunde 58
4.1. Aktuelle Probleme der Jugend bezüglich der jüngsten Vergangenheit in Chile 58
4.1.1. Eine "lebendige" Vergangenheit für Jugendliche in Chile? 59
4.1.2. Das "kollektive Trauma" Chiles 61
4.1.3. Jugendliche als Opfer eines Kollektivtraumas? 65
4.1.4. "No estoy ni ahí" 67
4.1.5. Im gesellschaftlichen Spannungsfeld Chiles 69
4.1.6. Erinnerung als Verteidigung der Identität 71
4.2. Die Perspektive chilenischer Jugendlicher 73
4.2.1. Kurzbeschreibung der Interviewpartner 73
4.2.2. Gesellschaft und Politik 80
4.2.2.1. Die Zukunft Chiles 80
4.2.2.2. Die gesellschaftliche und politische Situation 82
4.2.3. Kenntnis und Bewertung der jüngsten Geschichte 83
4.2.3.1. Diktatur und Menschenrechte 84
4.2.3.2. Quellen des geschichtlichen Wissens 86
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4.2.3.3. Wurzeln der Bewertungen 87
4.2.4. Gerechtigkeit und Dialogfähigkeit 88
4.2.4.1. Zweck vs. Mittel? 89
4.2.4.2. Einigung vs. Auseinandersetzung? 91
4.2.4.3. Gerechtigkeit vs. Wahrheit? 92
4.2.4.4. Dialogkultur vs. Monologkultur? 94
5. Schlußfolgerungen 95
5.1. Das Gestern im Heute 96
5.2. "En qué pais estamos?" 97
5.3. Probleme des Selbstbildes 99
5.4. Schnittpunkt Jugend 101
5.5. Warum den Politikern glauben? 102
C. Fazit: "La realidad del otro no se entiende" 104
D. Literatur 107
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Einleitung
"Who controls the past controls the future; who controls the present controls the past", George Orwell, 1984
Wie soll man die Dynamik, die schon vor, während, erst recht aber nach der Erstellung des Textes zu beobachten war und sein wird anschaulich machen? Wie kann man die den, sie beschreibenden, geschriebenen und dadurch statisch gewordenen Worten oftmals höhnend gegenüberstehende Wirklichkeit begreiflich machen?
Im Gegensatz zu einem Bild oder einer Melodie werden diese Zeilen den Leser wohl kaum zu Herzen gehend bewegen und das Schicksal der Protagonisten nachempfinden lassen. Deswegen muß die Dynamik der sozialen Realität, die nun einmal der Forschungsgegenstand der Soziologie ist, wenigstens schriftlich betont werden. Dies geschieht in der Hoffnung, sie möge trotzdem nicht aus dem Blickfeld geraten. Denn auch wenn versucht wird, "die Realität" abzubilden, so kann sie doch nur teilweise auf das Papier gebannt werden und bleibt dort immer nur ein Ausschnitt ihrer selbst.
Dies zu betonen ist wichtig, denn, wenn hier die Jugendlichen in Chile betrachtet werden, geschieht dies natürlich nur mit ein Teil von ihnen und aus einer bestimmten Perspektive heraus. In der Hoffnung so der Komplexität ein klein wenig besser Herr werden zu können, wird versucht sie anhand folgender Fragestellungen einzuengen: Haben die Jugendlichen mit der jüngsten Vergangenheit ein "Problem"? Gibt es überhaupt ein solches und wenn ja, warum? Wie kam es dazu und wie zeigt es sich?
Nach der weltweiten Diskussion, die der Verhaftung Pinochets folgte, könnte mancher beinahe vermuten, daß dieser, und damit auch Chile, selbst nach dem Putsch 1973 nie länger in den Schlagzeilen waren. "Chile" scheint weltweit auf "Pinochet" reduziert, fast gar synonym zu sein. Eventuell zeitgleich stattfindende Wahlen Anfang 2000 oder Krisen, wie die Zuspitzung in der Mapuchefrage 1999, scheinen hingegen überhaupt keine Bedeutung mehr zu haben. Aber es ist keineswegs selbstverständlich, das Interesse der "Weltöffentlichkeit" an Pinochet, auch in Chile selbst vorauszusetzen. Deswegen soll auf die Situation in diesem Land eingegangen, ein kurzer Rückblick auf seine Geschichte gewagt und die Situation der Jugendlichen erläutert werden. Dabei kann hoffentlich aufgezeigt werden, daß das Thema der jüngsten Vergangenheit wirklich auch in Chile - und nicht erst mit oder wegen des
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Pinochetprozesses - ein auf den Nägel brennendes Thema ist. Außerdem kann dargestellt werden, warum es interessant sein kann, sich aus diesem Blickwinkel mit den Jugendlichen zu befassen.
Zunächst aber müssen dafür Begriffe, die den Sachverhalt erhellen können, gesucht und geklärt werden. Wie verhält man sich in Chile zum Beispiel der so ins Zentrum geratenen Diskussion gegenüber? Nehmen die Chilenen dieselbe Menschenrechtsproblematik wahr oder haben sie eine ganz andere Einstellung als die internationalen Medien in bezug auf diese Frage? Liegt einer Handlung, wie der Verteufelung ausländischer Einmischung, ein anderes Bewußtsein zu Grunde oder wie läßt sie sich sonst erklären?
Manche Begriffe sind so zentral für das Thema, daß die ganze dahinterstehende Theorie vorgestellt werden muß. Dazu gehört zum Beispiel die Frage, zu welchem Zeitpunkt genau die Vergangenheit eigentlich zu einer solchen wird und wie die Grenze zur Aktualität gezogen wird. Warum scheint es manchmal keine gemeinsame Geschichte einer Nation zu geben und wie kommt es dazu? Wenn es keine gemeinsame gibt, warum haben manche Gruppen dann ihre scheinbar ganz eigene Geschichte? Wie kann es dazu kommen, daß Personen, die dieselbe Situation erlebt haben, sie ganz anders sehen? Wie und warum beeinflußt weiterhin die Zugehörigkeit zu einer "Generation" die "Sicht der Dinge"? Spielt schließlich dieses generative Erbe dabei überhaupt eine Rolle oder gelingt es zum Beispiel der Jugend, sich als Individuen immer wieder neu zu erfinden?
Konzepte über Gedächtnis, Vergangenheit, die Konstruktion der sozialen Welt und über Generationen allgemein sowie Jugend im speziellen werden dazu Einblicke geben. Dadurch soll ein vorläufiger Rahmen geklärt, methodisch umgesetzt und für Chile erörtert werden. Das sich hoffentlich vervollständigende Bild der Zusammenhänge wird durch Beschreibung von bescheidenen Untersuchungen und Erfahrungen zu konkreten Beispielen ergänzt werden. So können aufgestellte Hypothesen konkretisiert werden. Außerdem können anhand der nicht repräsentativen und verallgemeinerbaren empirischen Untersuchung die bis dahin erarbeiteten Ergebnisse auf Widersprüche und eventuell vergessene Punkte, vernachlässigte Aspekte oder erkennbare Unstimmigkeiten - ergänzend zur Literatur - überprüft werden. Durch die Erörterung der Geschichtsbilder der Jugendlichen in Chile werden Zusammenhänge und Hintergründe deutlich, die auf den ersten Blick nicht miteinander verbunden zu sein scheinen. Hinter dem Versuch, diese Zusammenhänge zu klären und die Hintergründe zu verstehen, steht das Interesse an den Grenzen der Verständigung. In wie weit ist
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ein wirklicher Dialog zwischen einzelnen Individuen möglich? Wo erfährt der Versuch zu kommunizieren seine Grenzen?
Dabei sind weniger die Mechanismen, Strukturen und Systeme, die ein gesellschaftlich notwendiges Minimum an Verständigung gewährleisten von Interesse, als die Verständigungsmöglichkeiten von Einzelpersonen innerhalb dieser. Es soll also nicht der Rahmen und die Frage, wie er sich konstituiert, im Mittelpunkt stehen, sondern die Analyse der darin lebenden Individuen - auch wenn die Frage danach für die Systeme (im Sinne Luhmanns) vielleicht keine Bedeutung hat.
Am Beispiel der Jugendlichen sieht man exemplarisch, welche Probleme innerhalb eines "funktionierenden" Gesellschaftssystems liegen können. Die Abweichung von erwartetem Verhalten, die Probleme bei der Sozialisierung, die Schwierigkeiten die Jugendlichen sich in das gesellschaftliche Leben zu integrieren, können als Indiz für tiefer liegende Spannungen gesehen werden. Spannungen in einer Gesellschaft, die sonst unter der Oberfläche des gemeinsamen Konsens verdeckt werden und nicht ersichtlich sind.
Diese Oberfläche zu untersuchen ist deshalb für die Frage, ob es eine Kommunikation im Sinne Habermas gibt, nur bedingt hilfreich. Untersucht werden soll, ob es zu einer gelungenen Verständigung in der sich die Teilnehmer in einem wirklichen Dialog einander verständlich gemacht und bestenfalls gegenseitig angenähert haben in Chile kommt. Wichtig erscheint es daher, die den Dialogteilnehmern eigene Logik darzustellen um sie so nachvollziehbar zu machen.
Es soll hier nicht versucht werden in den philosophischen Streit darüber, ob eine Verständigung, eine gelungene Kommunikation überhaupt möglich ist oder nicht einzusteigen. Die Hoffnung ist nur praktische Hürden und Hindernisse, die dieser Möglichkeit entgegenstehen aufzuzeigen; oder beobachtbare Voraussetzungen und Brücken zu finden, die einen Dialog ermöglichen.
Das Bestreben ist also diesen Streit im Alltag von Individuen und konkreten Situationen dingfest zu machen.
Es wird auch in der theoretischen Diskussion bezug auf Beobachtungen und Erfahrungen genommen und damit argumentiert: Kritiker werfen gegen die theoretische Möglichkeit einer gelungenen Kommunikation zum Beispiel die Erfahrung "Holocaust" in die Waagschale. Organisierten Mord als mißlungene Verständigung zu interpretieren - so zynisch es klingen mag und so verkürzt es ist - kaum einer kann diesem Argument etwas entgegensetzen, es entkräften. Wie sieht es aber mit der Verständigung unter den Überlebenden, Tätern wie Opfer eines solchen
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"mißlungenen" Kommunikationsprozesses aus? Wenn die Verständigung zuvor nicht möglich schien und direkt in die Katastrophe führte, wie kann sie nun möglich sein? Wie kann sie vor allem nach einer solchen Erfahrung noch stattfinden? Oder ist sie genau anders herum nur eben dann möglich?
Diese Fragen werden keine Antwort finden, jedenfalls nicht hier. Aber es sollte interessant sein zu untersuchen, wie junge Chilenen sich in einer in vieler Hinsicht ähnlichen Situation 1 zu recht finden. Denn eben gestellte Fragen sind keine metaphysischen, sondern solche, die sich den Betroffenen tagtäglich stellen und mit denen sie umgehen müssen. Inwieweit sind die Jugendlichen davon betroffen und vor welche Probleme werden sie dadurch gestellt?
B.1. Die Situation in Chile
Chile ist in vieler Hinsicht einzigartig und deswegen vielfach Objekt internationaler Studien geworden: Die erste und einzige demokratisch gewählte sozialistische Regierung weltweit kam hier 1970 an die Macht, die darauf folgende Diktatur hielt sich trotz jahrelangen internationalen Druckes und ging sozusagen freiwillig nach einem von ihr selbst anberaumten, aber am Ende verlorenen Plebiszit.
Die Rechtfertigung beider Regierungen war eine Revolution: die friedlich demokratische der Unidad Popular - der "chilenische Weg zum Sozialismus"; und die konservativ militärische auf gewaltsamen Wege - erst nur gegen den "internationalen Bolschewismus" und schließlich hin zum Liberalismus. Beide Seiten selbst bezeichneten ihr jeweiliges neues Gesellschaftsmodell als revolutionär und bemühten sich diesen Begriff zu füllen und so zu rechtfertigen. Die Erfolge dabei sind diskutabel. Was bei aller Romantik, Propaganda und Mythen aber bleibt, sind vor allem zwei Besonderheiten, die sich aus dieser speziellen Geschichte Chiles ergeben: Keines der Modelle scheiterte aus der Sicht seiner jeweiligen Verteidiger. Das erste Experiment, den Sozialismus auf demokratischem Wege zu verwirklichen, deshalb nicht, weil es gewaltsam abgebrochen wurde; und - mit sehr viel nachhaltigeren Folgen - das als Alternative zum eben erwähnten gedachte neoliberale Modell deshalb nicht, weil es noch heute funktioniert. Nach dem Abschied Pinochets 1990 folgte keineswegs ein radikaler Umbruch. Das, wie vielerorts behauptet, von ihm mit durchschlagendem Erfolg durchgesetzte Modell wurde -
1 DieseFormulierung soll keine Gleichstellung sein oder auch nur die Möglichkeit eines Vergleiches andeuten. Sie ist eher dazu gedacht, der entfernten Realität Chiles eine unserer Breiten gegenüberzustellen und nicht umgekehrt.
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mit kleineren Korrekturen - in rechtlicher und wirtschaftlicher Hinsicht weitergeführt, geschützt von einer von den Militärs maßgeschneiderten Verfassung.
Wo sonst scheiterte eine Diktatur nicht an wirtschaftlichem Mißerfolg, politischer Isolierung oder militärischem Desaster? Eine Diktatur, an deren Ende ein freiwilliger, überwachter und in die richtigen Bahnen gelenkter Übergang zur Demokratie stand. Eine Transition, die alle alten Würdenträger (wenn überhaupt) in Ehren entließ, die sogenannten „Modernisierungen“ der Diktatur nie antastete und den alten Kräften sogar Überwachungsbefugnisse einräumte (vgl. unter anderem Maira 1998, Kapitel 3 und Moulian 1997, Kapitel 2).
Mit relativ knapper Mehrheit wurde die Diktatur abgewählt, und das in einer von ihr selbst inszenierten und gewollten Entscheidung. Denn sie ging von der nicht völlig abwegigen Annahme aus, auf eine demokratische Legitimierung hoffen zu können. Weder fühlten sich die Militärs am Ende, noch waren sie es. Ganz im Gegenteil dachte Pinochet seine Kritiker widerlegt zu haben und war von einem Sieg fest überzeugt.
Das Ergebnis der Abstimmung (55 Prozent stimmten gegen Pinochet) ist symptomatisch für die chilenische Gesellschaft der letzten Jahrzehnte: Während einige nichts für weniger denkbar hielten, als unter dem Pinochet-Regime weiter zu leben, hielten andere diese Lösung für eine sehr gute Idee, die sich noch dazu schon über Jahre bewährt hatte. „Bewährt?!“ hätten seine Gegner gefragt und wahrscheinlich dieselben Gründe wie die Pinochetisten angeführt, um das Gegenteil zu beweisen. Und hier kommt das "Trauma" der chilenischen Bevölkerung zum Tragen: obwohl man im selben Land wohnt und dieselbe Sprache spricht, könnte man in vielerlei Hinsicht nicht weiter voneinander entfernt sein und weniger gemeinsam haben.
1.1. Geschichtliche Voraussetzungen
Bei der Auseinandersetzung um Chiles Geschichte ist für die heutige Sicht vor allem der Putsch zum Dreh- und Angelpunkt der jeweiligen Perspektive auf die historischen Gegebenheiten geworden. Entweder man will mit dem Nachweis der langen demokratischen Tradition den Militärcoup als Rettung derselben darstellen oder aber den Putsch als untypisch für Chile verurteilen, indem man ihn außerhalb dessen demokratischen Tradition stellt. Diese Auseinandersetzung hält auch heute, mehr als ein halbes Jahrhundert nach diesem "Schlüsselereignis", noch unvermindert an.
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Durch die Verhaftung Pinochets gewann die Debatte sogar an Aktualität. Obwohl auch schon davor die "Emanzipation" einzelner Richter und Abgeordneter die Öffentlichkeit beschäftigte: Diese dachten spätestens seit der Ankündigung Pinochets, sich als aktiver General zurückzuziehen und einen Senatorenposten einzunehmen, offiziell und öffentlich über eine Anklage gegen ihn ("acusación constitutional") nach.
1.1.1. Die Rekonziliationspolitik in Chile
Chile soll in keiner Weise eine "demokratische Tradition" abgesprochen werden. Etwa in der Argumentationslinie mancher, die lateinamerikanische Staaten generell als Bananenrepubliken mit Umstürzen an der Tagesordnung sehen. Daß diese Argumentation nicht haltbar ist, zeigt schon der Vergleich mit Deutschland, in dem die Demokratie erst ein Jahrhundert später Einzug fand als in dem "unterentwickelten" Chile. Trotzdem muß, nachdem die relative Stabilität aufgezeigt wurde, die Entwicklung und Erscheinungsform der chilenischen Demokratie genauer untersucht werden. Die Geschichtsschreibung bestimmt sich immer auch aus den jeweils aktuellen Blickwinkeln. Deshalb löst sich bei einer Rückschau der konsistent erscheinende Gesamteindruck, bei genauerer Betrachtung aus einer anderen Perspektive auf. So wird die ruhige - weil von Putschen, Bürgerkriegen und Aufständen verschonte -Epoche von 1932-1972 von Loveman und Lira eher als ein verschobener Konflikt, denn eine harmonische Zeit gesehen (Loveman; Lira 1998). Ihrer Meinung nach wurden in dieser Zeit Amnestien und Selbstamnestien zur Tagesordnung; Gegensätze wurden nicht aufgelöst, sondern Antagonisten zu integrieren versucht.
Bei ihrer Geschichtsanalyse des unabhängigen Chiles identifizieren sie fünf politische Brüche im 19. Jahrhundert, die einen Bürgerkrieg und darauffolgende Rekonziliation mit sich brachten. Ohne zahllose gewalttätige Auseinandersetzungen mit einzubeziehen, zeigen sie anhand dieser Konflikte und den darauf folgenden Bewältigungsversuchen, einen speziellen "chilenischen Weg" auf. Dieser Weg bezieht sich vor allem auf die Art der Rekonziliation, das heißt der Einbindung der Konfliktparteien in die politische Gemeinschaft und die wieder herzustellende Regierungsfähigkeit. Nach der ersten längeren Periode politischer Unruhen zwischen 1924-1932 und den Erfahrungen der Konflikte im vorhergehenden Jahrhundert 2 wurde
2 Für eine genaue Auflistung der zahlreichen politischen Umbrüche, versuchter und gelungener Coupversuche und der militanten Auseinandersetzungen bei Präsidentschaftswahlen siehe Loveman; Lira 1998, Appendix 1-3.
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diese vermittelnde Politik zur "Geschäftspolitik" Chiles: "La via chilena de reconciliación (....) became routinized aspects of everyday politics" (ebenda, S.5). Aus diesem Grund wurde Chile zwischen 1932 und 1972 zum einzigen lateinamerikanischen Land ohne illegale Umstürze oder nicht verfassungsgemäßen Präsidentschaftswahlen (ebenda).
1.1.2. Probleme der "wirklichen" Aussöhnung
Die in dieser Zeit zelebrierte Rekonziliation, also Aussöhnung, kann mehrere Bedeutungen haben. Sie setzt zu allererst einen friedlichen "Urzustand" voraus, der von einem Konflikt unterbrochen und wiederhergestellt werden muß. Auch wenn dieser "Urzustand" nie existiert und ein rein ideeller sein kann, beeinflußt eben diese Vorstellung die Art und Weise, in der man ihn wieder herzustellen sucht.
Im Falle Chiles weisen Loveman und Lira nach, daß der Schwerpunkt der Aussöhnung auf die Regierbarkeit gelegt wurde. Diese sollte vor allem durch ein Vergessen der Vergangenheit erreicht werden. Da deren Erinnerung nur Konflikte wieder aufleben lassen würde. Statt dessen wurde eine Ausrichtung auf die Zukunft gefordert. Dadurch gerät das Unterfangen in Konflikt mit denen, die eine Suche nach der historischen Wahrheit und Gerechtigkeit, die eine Bestrafung der Täter statt deren Integration fordern:
"The notion that reconciliation required ´forgetting´ the recent past, with the consequences of ´impunity´ for ´the guilty´, was resisted by those who believed that ´true reconciliation´ required the opposite" (ebenda, S.4).
Im 19. Jahrhundert kämpfte jede Partei jeweils für die gerechte Sache. Welche Seite auch immer gewann, "la patria" hatte gesiegt und eine Wiederherstellung der verfassungsgemäßen Herrschaft war gesichert worden. Auch wenn eben letztere mit der Machtergreifung modifiziert wurde. Diese Auffassung für die "richtige" Sache gekämpft zu haben, wurde nicht in einem öffentlichen Diskurs gemeinsam mit den Gegnern nachgebessert. Vielmehr gab sie Anlaß zur Unterdrückung und Verfolgung der nicht zu integrierenden und kooptierenden Widersacher. Dies geschah mit allen, auch illegalen Mitteln, da man auf die kommende Amnestie "bauen" konnte, solange bis ein weiterer politischer Umbruch den Teufelskreis von neuem startete. Allein die Nähe der bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen - 1826 bis ´30, 1836 bis ´41, 1850 bis ´51, 1856 bis ´59 und 1890 bis ´91 - lassen deshalb den langfristigen Erfolg, die "Effektivität" dieser Aussöhnungspolitik in einem anderen Licht erscheinen.
Da Rekonziliation nur mit "paz social y orden" gleichgesetzt wurde, konnten die Ursachen des jeweiligen Konfliktes nicht beseitigt werden. Ganz im Gegenteil konnten sie mehr oder
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weniger verdeckt fortbestehen und die Fronten verhärten. Diese Analyse trifft für die Zeit nach dem ersten Weltkrieg, nach der letzten großen politischen Umbruchsphase 1924-32 bis 1970 zu. Auch Moulian sieht in dem Putsch 1973 keinen Traditionsbruch in einem seit seinen Ursprüngen demokratisch gefestigten Land. Er setzt den Beginn des 20.Jahrhunderts in Chile im Gegensatz zu Europa schon im Jahre 1891 an und sucht die Wurzeln der Widersprüche dieses Jahrhunderts in diesem selbst. Für ihn bilden die Phase der Bürgerkriege, der "Musterdemokratie" und der Militärdiktatur eine unauflösbare Einheit, die sich in einer partiellen Betrachtung einzelner Dekaden nicht erschließt:
"1932-1973, cincuenta años de estabilidad politica. En efecto, pero también gran espacio de olvido de la torturosa historia del primer tercio del siglo XX. Una nueva manifestación de que la desmemoria ha sido una constante de nuestro Chile. ... A partir de la estabilidad política que se fue asentando desde fines de 1932 ... Chile presentaba un sistemas de partidos estables, una sucesión ordenada en el poder .... En realidad, esa ejemplaridad de Chile estaba construida sobre la mezcla peligrosa del olvido y de la mistificatión. Olvido de los comienzos de furia, de la ineficacia de los tiempos de prebendas, desorden e inestebilidad que se vivieron entre 1891 y 1932" (Moulian 1997, S. 151ff.).
1.1.3. Die Rekonziliationstradition im Umbruch
Betrachtet man nun die Entwicklung der Wahlstimmenanteile der Parteien in den 60ern und 70ern, so zeigt sich schon ein Trend weg von "der Mitte" und ein Wiedererstarken - nach massiven Verlusten 1965 - der Parteien rechts der Christdemokratie Chiles. Bei den Resultaten der letzten drei Präsidentenwahlen, läßt sich eine zunehmende Drittelung der Gesellschaft feststellen, die mit Allende einen Höhepunkt der "Extremisierung" erreicht hatte. Denn Allendes Politik stand in völligem Gegensatz zu der Alessandris, dessen Wahlversprechen und schon gezeigter Führungsstil wiederum keinen Zweifel an diesem Antagonismus ließen. Die 34,98% der Wähler, die sich trotz dieser Gewißheit 1970 für letzteren entschieden, können deswegen als den 36,30%, die Allende wählten, politisch genau entgegengesetzt eingestuft werden (vgl. Frias 1979, S.475ff.). Zur Situation ab 1970 soll hier auf den Versuch des Rettigberichtes eine objektive Geschichtswahrheit zu etablieren verwiesen werden. Ein Teil dieses Berichtes ist nämlich die Beschreibung der politischen Situation, die zu dem Putsch führten, der "Marco Político" (siehe Comision Verdad y Reconciliación im Anhang V; auch: Maira 1998 und Moulian 1997, S.158ff.).
Denn nicht die objektiv richtige Geschichtsschreibung ist hier von Interesse, sondern der Umstand, daß es sich bei diesem aktuellsten Versuch traditionell um einen wesentlichen
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Bestandteil der Aussöhnung handelt. Allerdings wurde dieser Prozeß bis dahin erst sehr viel später als alle anderen Maßnahmen zur Aussöhnung in Angriff genommen. Als Expräsident Montt zum Beispiel auf das schärfste im Senat angegriffen und seine Verurteilung gefordert wurde, mahnte der damalige Senatspräsident Besonnenheit an. Ein Senator verurteilte diese Attacke als Wieder-Auf-Beschwörung unseliger Zeiten voller Hass, und die ganze Diskussion um die korrekte Darstellung der Taten des Expräsidenten, könnte wörtlich auch über hundert Jahre später stattgefunden haben (vgl. Loveman und Lira 1998, S. 18f.). Einer solchen Diskussion versuchte der Rettigbericht durch eine "ausgewogene" Geschichtsschreibung entgegen zu wirken. Kam dieser Versuch vielleicht aber zu "früh"? Bedenkt man die neue Diskussion zehn Jahre nach dessen Fertigstellung und zum Beispiel Pinochets Versuch mit seinem Brief an die Chilenen die Geschichte wiederum umzuschreiben (Pinochet 1998, siehe Anhang IV) könnte man zu dieser Auffassung gelangen. Auch historisch gesehen braucht der Prozeß der Einigung auf eine gemeinsame Geschichte seine Zeit. So konnte zum Beispiel der "chilenische George Washington" Bernando O´Higgins als Nationalheld erst drei Jahrzehnte nach der Unabhängigkeit etabliert werden (Loveman und Lira 1998, S. 12). Natürlich soll mit diesem Vergleich Pinochet nicht mit einem Nationalhelden verglichen werden. Die Frage stellt sich vielmehr, wie lange es dauert, bis ein Antiheld etabliert wird, wenn er nicht einfach ignoriert werden kann. Bisher nämlich wurden fast alle unliebsamen Persönlichkeiten chilenischer Geschichte schlichtweg "unter den Teppich gekehrt".
1.2. Politische Umstände
Durch die eventuell zu negative Darstellung der historischen Aussöhnungsversuche soll keineswegs der Eindruck vermittelt werden, es gäbe Alternativen hierzu. Vor allem einer Demokratie bleibt selbstverständlich prinzipiell gar kein anderer Weg offen, um die Konfliktparteien in den politischen Prozeß wieder einzubinden. Die Frage ist nur, wie dieser Prozeß von statten geht. Dargestellte Kritik an der Rekonziliation richtetet sich nicht gegen diese, sondern gegen die Art, die Schwerpunkte und die Definition von wirklicher Aussöhnung. Sollte sie sich wirklich nur auf den politischen Bereich erstrecken und die "Regierbarkeit" gewährleisten oder die Wurzeln des Konfliktes beseitigen? Für die Zeit seit Chiles Unabhängigkeit jedenfalls kann gezeigt werden, daß eine wahre Aussöhnung keine Priorität hatte. Im Mittelpunkt standen bisher Pakte der Eliten. Aber diese Situation scheint sich erstmals geändert zu haben:
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"The intraelite pacts that made ´reconciliation´ possible before 1925, and political accommadation feasible before 1964, face the challenge of international scrutiny, national media, and a tenacious minority that rejects reconciliation without ´truth´and repentance"(Loveman; Lira 1998, S. 25).
1.2.1. Politische Schwierigkeiten
Aber auch in dieser neuen Situation spielen die politischen Kalküle und Rahmenbedingungen eine wichtige Rolle. Vor allem letztere, die noch unter der Militärdiktatur festgelegt und in der Verfassung von 1980 verankert wurden. Wie Müller-Plantenberg feststellt, ist eines der entscheidenden Probleme im heutigen Chile die Existenz sogenannten "autoritären Enklaven", die von Pinochet in eindeutig "antidemokratischer Absicht" entworfen worden sind (siehe Müller-Plantenberg 1997, S. 362f.). Aus diesem Grund geht derselbe Autor davon aus, daß das politische System Chiles unter diesen Voraussetzungen "nicht wirklich demokratisch" zu nennen ist (ebenda) 3 .
Ein Umstand, der auch auf lange Sicht nicht zu ändern sein wird, so die Meinung eines Politikers der Concertación:
"Desde diciembre 1997, las chilenas y chilenos saben que la Constitución de 1980 no puede ser modificada con la composición actual del Senado. Ellos saben también que esto difícilmente va a cambiar en los proximos años. Al mismo tiempo un segmento importante de la sociedad chilena percibe que el no tener una democracia plena resulta una situacion intolerable" (Maira 1998, S.74).
Aber nicht nur die gesetzte Verfassung des Staates, sondern auch die psychische Verfassung der Politiker und deren Wähler stellt den Prozeß der wirklichen Aussöhnung vor Probleme. Das Gespenst von 1973 geht noch in den Köpfen um und schwebt über den politischen Entscheidungen, die in irgendeiner Weise die Militärs, den Umgang mit der jüngsten Geschichte oder das hinterlassene Rechtsgerüst der Militärdiktatur betreffen. So geht Moulian davon aus, daß das chilenische Militär diesen psychischen Terror 4 zur Durchsetzung ihrer Interessen zu nutzen wissen 5 :
3 Zu den Zielen, Resultaten und Problemen der Transition vgl. ergänzend: Moulian 1994, Bengoa 1994 und Bengoa; Tironi 1994.
4 Die Perfektion der Militärs, die Bevölkerung in Angst und Schrecken zu versetzen, zeigt sich unter anderem in der Diskrepanz der anfangs vermuteten und dann tatsächlich festgestellten Zahl der Opfer der Diktatur. Von den Militärs wurde das Schlimmste erwartet, und diese verstärkten die Erwartungen, außer durch ihre tatsächlichen Taten, zusätzlich noch durch eine Art Psychoterror. Diese Taktik wird bei Moulian (1977) in "La dictadura terrorista" erörtert (S. 171ff.).
5 Der Präsens wurde hier absichtlich gewählt. Denn "zarte" Hinweise seitens der Militärs an die Regierung, bestimmte Sachverhalte könnten zu einer Situation wie anno 1973 führen, wurden auch 1999 noch laut.
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"Esta estrategia de producción de temor fue ejercida en un contexto postautoritario marcado por un doble trauma, el de la Unidad Popular y de la represión de la dictadura. A traves de medidas abiertas de presión, entre ellas las operaciones conocidas bajo el nombre ´ejercicios de enlace´ y ´boinazo´, se trató de manipular el miedo latente, heredado del pasado. Se buscaba fortalecer la imagen de que Pinochet disponía de un poder no regulable por la ley o por otro poder" (Moulian 1994, S. 41).
Manchmal wird diese Furcht fehlgedeutet und Chile erscheint dann als Land, in dem bisher kein Interesse bestand, die Militärs zu verurteilen. Touraine (Rocinante Nr.3, S.9) hält es sogar für das einzige dieser Art und deswegen für unfähig von diesem Extrem direkt zum nächsten zu gehen. Das heißt er hielt das Risiko einer schweren politischen Krise und sogar die Gefahr eines Putsches für gegeben, falls Pinochet bei seiner Rückkehr der Prozeß gemacht werden sollte.
1.2.2. Der Rahmen der politischen Möglichkeiten
Die Ursachen mögen umstritten sein, die Auswirkungen sind es nicht. Ob aus Not, als Tugend oder auch wegen "... der Erinnerung an die Heftigkeit des politischen Kampfes vor und während der Diktatur ..." (Müller-Plantenberg 1997, S.364): die Idee des Konsens, einer Integration der verschiedenen politischen Kräfte und der Ausgleich zwischen den Konfliktparteien hat einen hohen Stellenwert in der heutigen Politik Chiles.
Dazu einer derjenigen Politiker, die antraten, um eine Demokratie wieder aufzubauen: "Al reflexionar sobre el destino de Chile y la gris condición de su cultura politica en los años noventa, se advierte que nuestros problemas como nacion son muy complejos: están tanto en la incapacidad para asumir el pasado como en la falta de energías para plantearnos el futuro" (Maira 1998, S.87).
Doch bevor wieder die Probleme als ursächlich in der Einstellung zur Vergangenheit, "olvido y negación" (ebenda) wie von Maira behauptet, gesucht werden, weiter zu den politischen Schwierigkeiten.
José Zalaquett, ehemaliger Vorsitzender von Amnesty International und Mitglied der nationalen Kommission für Wahrheit und Versöhnung, unterscheidet sechs verschiedene politische Beschränkungen ("political constraints") für die Menschenrechtsarbeit in Transitionssituationen.
Im Falle Chiles handelt es sich dieser Klassifikation zufolge beinahe idealtypisch um eine ausgehandelte Machtübergabe unter den Bedingungen der abtretenden Militärs. Da diese ihre Moral, inneren Zusammenhalt und militärische Macht nicht einbüßten, setzen sie gewichtige Bedingungen für die Aussöhnung fest. In dem pragmatisch realpolitischen Überlegungen
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Zalaquetts geht es nun um das Problem, welche Prioritäten gesetzt werden müssen und wie sie umgesetzt werden können (vgl. Zalaquett 1990):
Wenn man von der Unrechtmäßigkeit einer Regierung ausgeht, stellt sich die Frage nach der Wiedergutmachung der von dieser begangenen Verbrechen. Die Opfer können prinzipiell auf rechtlicher, gesellschaftlicher und politischer Ebene entschädigt werden. Auf all diesen Ebenen sollte eine Anerkennung ihrer Leiden, Bestrafung der Täter und ein Ausgleich, zum Beispiel in Form einer finanziellen Wiedergutmachung, erlittenen Unrechts erfolgen. Bei all diesen Prozessen ergeben sich Probleme rechtlicher (Amnestien, etc.), politischer (Macht der ehemaligen Militärs, etc.) oder gesellschaftlicher Art (Versöhnungsstreben, etc.) (vgl. ebenda, S.59ff.). Ganz abgesehen von den Bedürfnissen und Erwartungen der Opfer, deren psychische Gesundung betreut und Reintegration gefördert werden muß und damit den Interessen der Täter direkt gegenüberstehen 6 .
Dabei ist selbst dies keine klare Trennlinie. Aus entgegengesetzten Gründen können die Bedürfnisse der Täter und der Opfer vergessen zu wollen ähnlich sein: Sie suchen eigene Erinnerungen aktiv zu verdrängen und vermeiden daran erinnert zu werden. Oder sie versuchen umgekehrt auf beiden Seiten ihre subjektive Erinnerung zu erhalten und gesellschaftlich zu etablieren. Das heißt in diesem Falle vor allem für den jeweiligen Widersacher verbindlich festzulegen.
1.2.3. Die Bedeutung der Wahrheit
Als allerwichtigste Mindestanforderung einer nachhaltigen Aussöhnung wurde im chilenischen Fall, in Übereinstimmung mit Zalaquetts Auffassung, die Wahrheit über
Menschenrechtsverletzungen unter dem Militärregime gesehen: " The truth must be officially proclaimed and publicly exposed" (Zalaquett 1990, S.56).
Sei die Wahrheit einmal festgestellt und der Öffentlichkeit zugänglich, wäre die Basis für eine wirkliche Rekonziliation geschaffen, meint auch ein weiteres Mitglied der Rettigkommission Vial. Allerdings wird bei seinem (Vial 1990, S. 81f.) wie auch Zalaquetts Wahrheitsbegriff die Anerkennung dieser einmal festgeschriebenen und veröffentlichten Wahrheit quasi notwendig vorrausgesetzt. Die Wahrheit wird als objektiv feststellbar und damit als von allen anzuerkennend gesehen. Das Problem besteht vor allem in der Nennung der Taten,
6 Ganz abgesehen von dem Problem, daß man einen solchen Verlust zum Beispiel eines Angehörigen ideel oder materiell überhaupt nicht "ausgleichen" kann. Siehe hierzu auch Becker 1992, S. 65ff.)
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Täter und Opfer. Für diese Etablierung "der" Wahrheit sind auch Amnestien und eine Art "Kronzeugenregelungen" gegenüber den Tätern vertretbar (Zalaquett 1990, S.72). Auf Grund dieser festgeschriebenen Wahrheit könnten dann rechtliche Anklagen, Strafverfolgungen, Reperationen, etc. angegangen und je nach Möglichkeiten in Angriff genommen werden.
Diese Überlegungen sind unter Berücksichtigung der Zeit ihrer Entstehung, einer Periode des vorsichtigen Demokratisierungs- und Konsolidierungsprozesses zu betrachten. Während die einen noch immer von einem "inneren Krieg" sprachen und nicht von dieser Position abweichen wollten, ging es den Opfern und ihren Familien auf der anderen Seite vor allem um die gesellschaftliche, private und öffentliche Anerkennung ihrer systematischen Verfolgung. Vor allem aber sollte die Sicherheit, daß eine solche Verfolgung aufhören und nie mehr wiederholbar sei, auf allen Ebenen gewährleistet sein.
Die Frage nach Gerechtigkeit und wie diese überhaupt zu definieren sei, tritt aus Angst vor Wiederkehr des Terrors so an zweite Stelle. Dieses Interesse und die Zwänge der damals aktuellen Verhältnisse - welche sich teilweise bis heute nur langsam verändern - stellte die Wahrheitsfindung im Rahmen des Möglichen 7 als elementarsten Schritt in den Vordergrund. Auf dieser Basis kann aber nur aufgebaut werden, wenn die Rezeption "der Wahrheit" durch alle gesellschaftlichen Gruppen - vor allem der Militärs - gewährleistet ist. So lange letztere die "objektive" Wahrheit als "Teilwahrheit" bezeichnen und sich große Teile der Medien, Politiker, Richter und Privatpersonen den Ergebnissen einer Wahrheitskommission systematisch verschließen (als Beispiel stehen sich in Anhang IV und V zwei entgegengesetzte "Geschichtswahrheiten" im vollen Wortlaut gegenüber), bleibt deren Durchschlagkraft auf alle Fälle zweifelhaft.
1.3. Die besondere Situation der Jugendlichen
Die Jugendlichen stehen in Chile zur Zeit nicht nur aus politischen Gründen (siehe 3.1.) im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Wie wahrscheinlich nicht nur in Chile macht "die Jugend" in den Nachrichten nur schlechte Schlagzeilen. Ganz im Gegenteil zu den Tatsachen 8 , werden deviante, von der Norm abweichende, kriminelle oder drogensüchtige Jugendliche zur Regel, und nicht "auffallende" Altersgenossen zur Ausnahme gestempelt:
7 Vgl. zu dieser Politik "en la medida de lo posible": Müller-Plantenberg (1993, S.5f.).
8 Für einen umfassenden statistischen Überblick über die heutige chilenische Jugend, siehe Anhang III.
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Der ehemalige Direktor des nationalen Institutes für die Jugend Garcia faßt diese verbreitete Einstellung folgendermaßen zusammen.:
"La juventud es un problema porque tuvó muchas difficultades, porque enfrentó muchas adversidades y se constituye en un problema. ... La juventud por lo tanto, se asocia a drogadicción, a hechos violentos, a conductas terroristas, a hechos delicuales: y se le transforma y engloba en un paquete, como la sociedad tiene esa referencia, de la juventud, cuando piensa en ella desarolla una actidud también para escucharla o para ovservar su compartimiento" (Garcia 1993, S.107).
1.3.1. Jugend als Problem
Dieses Bild steht im Gegensatz zur Realität, in der die Schlagzeilen machenden Jugendlichen rein quantitativ in der überwältigenden Minderheit sind. Die "wahren" Probleme der größten Anzahl der Jugendlichen sind nicht die Gewalt, Drogenabhängigkeit oder Deliquenz - obwohl dies vor allem in den Poblaciones zutreffen mag (vgl. Garces et. el. 1999) - sondern strukturelle Rahmenbedingungen, die sie aus der Gesellschaft ausgrenzen (vgl. Garcia 1993, S.108f.). Garcia listet den ökonomischen Aspekt, der den Jugendlichen nur eine Integration durch den Markt und nach dessen Gesetzen ermöglicht, als wichtigsten auf 9 . Weil er der alles bestimmende Faktor ist, wird auch ein anderer Faktor, die Erziehung, nur nach der Möglichkeit Arbeit und damit auch gesellschaftliche Akzeptanz zu vermitteln, bewertet. Die aktuelle Situation auf dem Arbeitsmarkt übt einen zusätzlichen Druck auf die Schulbildung aus. Die Jugendarbeitslosigkeit übertrifft die Erwachsenenarbeitslosigkeit um das Dreifache und erreicht, mit der Unterbeschäftigung zusammengenommen, im urbanen Raum 35% (ebenda) Zu bedenken ist hierbei die Lage der Jugendlichen, in der es oftmals schlicht um die Finanzierung des täglichen Bedarfs geht: 22% der Jugendlichen zwischen 15 und 29 lebten 1996 unterhalb der Armutsgrenze (Injuv 1999, S.4/ vgl. Anhang III, Tabelle 5). Da es um Qualifikation und nicht um Bildung an sich geht, steigen viele Jugendliche deswegen vorzeitig aus dem Schulsystem aus. Denn in ihren Augen kann es keine Chancenverbesserung in dieser Hinsicht garantieren (vgl. ebenda, S. 9).
Vor allem die höhere Bildung wird häufig abgebrochen, da sie aus dieser Perspektive an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes vorbei zielt. Oder sie bleibt, wie zum Beispiel die universitäre Ausbildung, nur den finanziell besser gestellten als Möglichkeit offen, ohne deswegen eine Arbeitsstelle sichern zu können (siehe Anhang III, Tabelle 6/ Injuv S. 11).
9 Es muß nochmals betont werden, daß damit nicht der Eindruck vermittelt werden soll eingangs erwähnte Probleme existierten nicht (dies wird nicht bestritten, vgl. Injuv 1999, S.22ff.). Sie sollen hier nur in den größeren Zusammenhang gestellt werden.
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Dazu kommen familiäre Probleme, etwa häusliche Gewalt. Diese wird häufig totgeschwiegen, um die Institution Familie an sich und die "Freiheit des Erziehungstils" im speziellen nicht anzugreifen. Nichtsdestotrotz existiert sie und wird den Heranwachsenden als Lösungsstrategie alltäglicher Probleme vermittelt (siehe Redolés 1993, S. 115f.). 1997 gaben 19.4% der Jugendlichen physische und psychische Mißhandlungen von seiten der Eltern als Problem innerhalb der Familie an. Dabei sind die Frauen (im Vergleich 1994/ 1997) immer häufiger die Opfer 10 . In der Gruppe der Einkommensschwachen sind es sogar 30.7% (ebenda, S.18).
Auch die Zahl der jungen Mütter ist eines der weiteren Problem, das speziell die Jugendlichen betrifft: 1993 waren 30% der Mütter in Chile zwischen 12 und 19 Jahre alt (Garcia 1993, S. 110). Im Vergleich zur Idealfamilie auf der einen Seite und den stereotypisierten jugendlichen Kriminellen auf der anderen, wird diesem aber kaum Beachtung geschenkt. Obwohl es für Frauen der häufigste Grund ist, die Schule zu verlassen: 1997 waren es 16,3% (Injuv 1999, S.9) 11 . Und diese jungen Frauen werden noch dazu oft ausgegrenzt und für einen Einstieg in den Berufsalltag disqualifiziert. Häufig leben Jugendlichen deswegen nicht nur in diesem Fall in einer Situation, in der sie schon in frühem Alter die Verantwortung und Aufgaben von Erwachsenen übernehmen müssen. Dadurch fallen sie in vielerlei Hinsicht aus der Gruppe der Jugendlichen heraus. Besonders betroffen davon sind die Jugendlichen der unteren Einkommensschichten (vgl. Munoz 1998, S.5).
1.3.2. Ausgrenzung und Marginalisierung
Marginalisierung und Ausgrenzung sind Probleme, mit denen fast alle Jugendlichen zu kämpfen haben. Aus ihrer Sicht hat dies eine lange Tradition in Chile. Schon in der Diktatur wurde "jugendlich" und "subversiv" manchmal von den Ordnungskräften gleich gesetzt (ganz auf einer Linie mit dem Großteil der Bevölkerung siehe oben). Vor allem bei ihnen fand ein erst kürzlich
10 "Evolución de problemas que afectan a familias de jóvenes: Maltrato físico y psicológico": Männer 1994: 21.2% / 1997: 10,7%; Frauen 1994: 20.3% / 1997 26.3%
Die durchschnittliche allgemeine Steigerung (siehe oben) ist also nicht nur auf "Kosten" der Frauen entstanden, sondern ging mit einer Halbierung der Gewalt bei den Männern einher. Ob dabei die Gewalt gegen die jeweiligen Personen oder das Bewußtsein die Gewalt als Problem zu betrachten stieg, läßt sich aus der Studie leider nicht entnehmen.
11 In vielen Fällen erfolgt der Schulverweis von seiten der Schulleitung inoffiziell. Alles unter dem Deckmantel der Anständigkeit, die gleichzeitig auch einen Schwangerschaftsabbruch verbietet, außerhalb einer Ehe geborene Kinder nicht anerkennt und keine gesetzliche Möglichkeit für eine Scheidung einräumt.
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abgeschafftes Gesetz, demzufolge man wegen eines bloßen Verdachts verhaftet und eingesperrt werden konnte, Anwendung. Allein bis 1989 wurden 110,000 Jugendliche aufgrund dieses Gesetzes eingesperrt (Garcia 1993, S.110) und auch die offizielle Änderung dieses Gesetzes brachte keine wirkliche grundsätzliche Besserung (vgl. 5.2.). Viele dieser Verdachtsmomente waren allein durch die Teilnahme an einer künstlerischen Aktivität, Mitwirkung in einer Musikgruppe oder Musikveranstaltung (Peña, Recital) schon gegeben. Politische Ativitäten gehörten per se dazu und werden deswegen auch heute noch bei vielen Jugendlichen direkt mit Repression, Gewalt und Unterdrückung in Verbindung gebracht (vgl. Redolés 1993, S.115). Dabei bleibt fraglich, ob die Gewalt als legitime Art seine politische Überzeugung durchzusetzen gesehen wird, oder ob es sich um Erfahrungswerte handelt. Hier sieht man auch die Unterschiede der Jugendlichen nach Generationen: Für die Jugend der 80er war die Politik mit Widerstand und Rebellion gleichgesetzt. Politische Betätigungen waren ein Angriff auf die herrschenden Verhältnisse, der meist zu einer direkten Konfrontation mit der Obrigkeit führte (Munoz 1998, S. 28ff.). Dies machte sich in den Protesten 1983 bemerkbar, die vor allem von den Jugendlichen getragen wurden (ebenda, S. 37f.). Währenddessen ist für die Generation der 90er die Demokratie heute Ordnungsmacht. Eine Auflehnung findet deswegen oft außerhalb der politischen Sphäre statt (ebenda, S. 127f.). Die Jugendlichen sehen die Polizei als verlängerten Arm der Politik und Politiker. Da diese sich unverändert ihnen gegenüber verhält, reagieren auch die Jugendlichen wie vor der Demokratisierung: Aus dem Widerstand gegen die Obrigkeit vor Ort leitet sich, wie vor 1990, oft eine Ablehnung des Staates einschließlich der dahinterstehenden Ideologie ab. Weinstein beschäftigt die Situation der Jugendlichen in den Elendsvierteln. Vor allem in diesen werden die Jugendlichen von der Polizei unter Druck gesetzt und oftmals auf Verdacht verhaftet. Das Verhältnis zu der Ordnungsmacht ist aber trotzdem zwiespältig. Die immer höher ansteigende Kriminalität und das Problem der Drogenabhängigkeit lassen zunehmend den Ruf nach Sicherheit lauter werden. Andererseits fühlt man sich von der Polizei selbst bedroht (Weinstein 1990, S. 151ff.). Eine Lösung ist nicht in Sicht und scheint wegen der Grenzen, die der Transition (des Überganges von der Diktatur zur Demokratie) gesetzt sind (siehe oben) auch nicht zu erwarten. Die Jugendlichen wenden sich deshalb immer mehr von "der Gesellschaft" ab und Nischen zu. Damit grenzen sie sich aber selbst noch mehr aus.
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1.3.3. Reaktionen der Jugendlichen
Klar ist, daß diese Ausgrenzung und Marginalisierung gesellschaftlicher, ökonomischer, und sozialer Art in der Öffentlichkeit, Familien- und Arbeitsleben Reaktionen auf seiten der davon betroffenen Jugendlichen hervor ruft. In der subjektiven Überzeugung von der Gesellschaft, Wirtschaft, Staat und Politik allein gelassen worden zu sein, kehren auch die Jugendlichen diesen Welten den Rücken auf verschiedenste Arten zu 12 : Entweder sie resignieren und werden scheinbar gleichgültig ihrem Schicksal gegenüber oder sie akzeptieren es. Wenn sie diese Rollenerwartungen also nicht ignorieren, müssen sie sich entweder damit identifizieren oder dagegen wehren.
Letzteres kann sich in Gewalt gegen Sachen oder Personen manifestieren, es kann aber auch zu einem Verhalten führen, das anderen Normen entgegengesetzt ist. Auch das Bemühen auf "legitimen“ Weg eine Veränderung herbeizuführen, sei es in politischen oder sozialen Organisationen, etc., kann eine Reaktion sein.
Ebenso gut können aber alle eben genannten Brüche mit der Welt der "Erwachsenen" ausbleiben. Aktionen und Verhaltensweisen können andere Hintergründe haben. Die Jugendlichen können sich im Gegenteil nur positiv stigmatisiert fühlen. Denn diese Verhältnisse sind statischer Art. Sie treffen auf die meisten Jugendlichen zu, aber eben nicht für jedes einzelne Individuum in einer objektiv erfahrbaren gleichen Weise. Da wäre zum Beispiel auch noch das Bild der Jugend, wie es in Film und Fernsehen, auf bunten Plakaten, in zahllosen Bildern, Symbolen und auch im täglichen Sprachgebrauch vermittelt wird: Die Jugend als leider vergängliches, deswegen aber nur um so erstrebenswerteres Ideal.
Selbst wenn der individuelle Jugendlichen sich also nicht primär als solcher definiert und gesehen werden will (vgl. 2.2.4.), steht er immer in diesem Spannungsfeld der Erwartungen, Befürchtungen und sozial-strukturellen Verhältnisse. Diese werden sein Denken und Handeln einrahmen, wenn nicht sogar bestimmen 13 .
12 Das Desinteresse an der Politik teilen die Jugendlichen noch mit fast der Hälte der Bevölkerung: ca. 80% haben kein oder nur ein geringes Interesse an der Politik (Garreton 1999, S. 21). Bei ihnen hat dieses Desinteresse aber größere faktische Auswirkungen, da sie - im Gegensatz zu den Älteren - deswegen von ihrem Wahlrecht keinen Gebrauch mehr machen (siehe ebenda, S. 20).
Nach Alterstufen getrennt wirklich unterschliedliche Werte lassen sich bei den 18-24jährigen bei Studien über Vertrauen in Institutionen in bezug auf die Kirche, das Militär, die Regierung und die Polizei (ebenda, S. 14f.) feststellen. All diese Institutionen genießen in diesen Altersgruppen weniger Vertrauen als durchschnittlich in der chilenischen Bevölkerung.
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2. Theoretischer Hintergrund
Um eventuellen Mißinterpretationen vorzubeugen, sei noch einmal auf den genannten Ausschnittscharakter und die damit verbundenen Beschränkungen dieser Arbeit hingewiesen: Wie in dem ethnologischem Vergleich zwischen dem Mythos und der Wissenschaft soll mit dieser Klärung des theoretischen Hintergrundes die Arbeit auf den Schultern mächtiger Riesen auf einen festen Sockel gestellt werden. So werden Theoretiker zitiert werden, die mit geschichtlicher Entfernung und Abstand zum Todesjahr scheinbar an Gewicht zunehmen. Riesen, um die sich eine Heerschar von Jüngern scharte und schart, die deren Autorität durch Wiederbelebungsversuche und dabei erarbeitete Erfolge noch mehr erhöh(t)en. Das obwohl oder weil diese Halbgötter - im Gegensatz zum Mythos - noch immer hinterfragt und angezweifelt werden.
Die Klärung des theoretischen Gerüsts soll nicht die Größe des Erschaffenden vortäuschen, sondern darauf aufbauen. Vortheoretische Beweggründe den einen oder anderen Riesen ausgewählt zu haben können nicht verneint werden; allerdings auch nicht erörtert. Das Dilemma der doppelten Hermeneutik kann - ohne sich in den eigenen Schwanz zu beißen- nur minimiert werden, indem die Auslegung klar als solche dargestellt wird 14 . Praktisch kann dies - wenn überhaupt - nur durch intersubjektive Nachvollziehbarkeit der Ergebnisse und Klärung der Vorgehensweise (Offenlegung der Perspektive und Methode) vermieden werden:
2.1. Begriffsklärungen
Im Folgenden sollen die für diese Arbeit grundlegenden Begriffszusammenhänge von Wahrnehmung beziehungsweise Bewußtsein, Einstellung und Verhalten beziehungsweise Handeln geklärt werden.
Schäfers "Grundbegriffe der Soziologie" zu Folge ist es die Wahrnehmung, die zwischen der Umwelt und dem Individuum, zwischen dem Sein und dem Bewußtsein vermittelt. Durch die menschliche Wahrnehmung, die auf Relativität und Selektivität fußt, gefiltert gelangt das Sein über die Sinnesorgane in das Bewußtsein. Das heißt die Wahrnehmung "... führt zu einer
13 Zum Selbstkonzept der Jugend, vgl. Cottet, Ahrensburg, Jimenez 1999, S.100ff.).
14 Die Auslegung des Verstandenem um es zu Verstehen darf den Hintergrund des Verstehenden nicht vergessen. Problematisch wird es nur dann, wenn Riesen von einer ganz anderen Seite gesehen werden als man selbst ihn erklomm. Ecken und Kanten, Reibungspunkte und Kämpfe die mit diesem assoziert werden, führen dann zu ganz anderen Rückschlüssen, als beabsichtigt.
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Vielzahl von möglichen ´Wirklichkeiten´" (Schäfers 1995, S. 338). Aber dadurch erlangt das Individuum schließlich auch Orientierung und Verhaltenssicherheit. Verhalten und Handeln wird in der Soziologie manchmal nicht klar getrennt. Bei Max Weber allerdings wird deutlich, daß Verhalten der umfassendere Begriff ist. Laut seiner Definition ist Handeln ein spezifisch menschliches Verhalten, wenn der Handelnde damit einen subjektiven Sinn verbindet (ebenda, S. 379).
Diesen "Sinn" einer überlegten sozialen Handlung klassifizierte Weber (vgl..Weber 1984, S45ff.) indem er die Bestimmungsgründe des sozialen Handelns in zweckrationale, wertrationale, affektuelle und traditionelle einteilte. Diese Handlungstypen sind idealtypisch auf sinnhaft orientiertes Handeln und somit auf das Bewußtsein des Handeln bezogen. Um eine Handlung also vorhersagen zu können, müssen diese Aspekte, die sich durchaus praktisch überschneiden können, und die unbewußten Beweggründe beachtet werden 15 .
So ist zum Beispiel die soziale Einstellung von Interesse, die als relativ stabile Tendenz auf die soziale Umwelt in bestimmter Art und Weise zu reagieren definiert wird. Das Individuum begegnet einer sozialen Situation, anderen Personen oder Gruppen, indem es u.a. auf erworbene Erfahrungen zurückgreift. Das heißt, die Gefühle, Vorstellungen und das Verhalten innerhalb dieser Reaktion auf ein soziales Objekt werden durch die vorherige Sozialisation des Individuums beeinflußt. Dadurch spielen die den Sozialisationsprozeß bestimmenden Verhaltensweisen, Rollenerwartungen und Werthaltungen der Bezugsgruppe in die Wahrnehmung und das Verhalten des Einzelnen hinein:
Psychologisch gesehen beruhen Einstellungen auf den drei Komponenten Meinungen, Affekten und Verhaltensdispositionen (vgl. Zimbardo 1992, S. 578f.). "Die Einstellungen einer Person nehmen Einfluß darauf, was sie bemerken und was sie schätzen, woran sie sich erinnern wird und was sie zum Handeln veranlassen wird. Wichtig dabei ist die soziale Umgebung und, in bezug auf die Konsistenz zwischen Einstellung und der Handlung, der situative Kontext. Darüber hinaus spielt die Kommunikation, in der Individuen auch andere überzeugen und überzeugt werden eine wichtige Rolle. Die konstruierte persönliche Realität des Einzelnen korrespondieren mit den persönlichen Realitäten anderer, so daß eine gemeinsame soziale Realität entsteht." (vgl. ebenda).
15 Die Orientierungen des Handelnden komplett zu erfassen kann nicht geleistet werden, die Diskussion über Objektivismus, Subjektivismus, Individualismus, Kollektivismus, Apekte der Interaktion, etc. soll hier soll nicht einmal angeschnitten werden. Ich beschränke mich darauf, - unter anderem - verschiedene Einstellungen in soziologischer, psychologischer und subjektiver Sicht darzustellen.
Vergleiche dazu auch die von Simmel geleistete Vorarbeit auf dem Gebiet der "verstehenden Soziologie", in der er die traditionelle Gegenüberstellung von Subjektivismus und Objektivismus zu überwinden suchte, siehe u.a.: Simmel, Georg (1999): Grundfragen der Soziologie, in: ders.: Gesamtausgabe, Band 16, Frankfurt am Main.
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