Universität zu Köln
Philosophische Fakultät
Institut für Deutsche Sprache und Literatur
Das Verhältnis zwischen Kunst und Kriminalität in E.T.A. Hoffmanns Novelle ′Das Fräulein von Scuderi′
Stephanie Schmitz
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung und Zielsetzung der Arbeit ... 3
2 Die Gattungsfrage ... 3
2.1 Das Fräulein von Scuderi als Detektivgeschichte ... 3
2.2 Das Fräulein von Scuderi als Künstlergeschichte ... 6
2.3 Eine Synthese der möglichen Lesarten ... 8
3 Kunst und Kriminalität ... 10
3.1 Der Künstler Cardillac und die Beziehung zu seiner Kunst ... 10
3.2 Der Verbrecher Cardillac und Motive für seine Verbrechen ... 12
3.3 Künstlertum als Befreiung vom Verdacht der Täterschaft ... 14
4 Das Fräulein von Scuderi ... 17
4.1 Die Scuderi als künstlerischer Gegenpol ... 17
4.2 Cardillacs Beziehung zur Scuderi ... 19
5 Ausblick: Fortschreibung in Patrick Süskinds Das Parfum ... 21
Literaturverzeichnis ... 24
1 Einleitung und Zielsetzung der Arbeit
In E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Das Fräulein von Scuderi“, die zunächst im Oktober 1819 als Einzelveröffentlichung in dem von Stephan Schütze herausgegebenen Taschenbuch für das Jahr 1820. Der Liebe und Freundschaft gewidmet erschien und dann im Oktober 1820 in das Sammelwerk Serapions-Brüder aufgenommen wurde1, stellt die Künstlerproblematik ein zentrales Thema dar.
In der germanistischen Forschung hat bislang keine Einigung darüber stattgefunden, ob es sich bei dieser Novelle um eine Künstlergeschichte oder eine Detektiv- bzw. Kriminalgeschichte handelt. Auf beide möglichen Alternativen wird im Rahmen dieser Arbeit eingegangen, im Mittelpunkt soll jedoch das besondere Verhältnis zwischen Kunst und Kriminalität stehen, das unabhängig davon, ob die Novelle letztendlich als Künstler- oder Detektivgeschichte bewertet wird, einen zentralen Aspekt der Erzählung darstellt. Ziel dieser Arbeit ist es, den Zusammenhang zwischen Künstlertum und Verbrechen darzulegen und in der Erzählung angelegte Gründe für die Kriminalität des Goldschmieds Cardillac aufzuzeigen. Außerdem sollen Cardillacs Verhältnis zum Fräulein von Scuderi und ihre Rolle innerhalb der Erzählung geklärt werden. In einem abschließenden Kapitel soll erörtert werden, inwiefern sich Parallelen zur Struktur der Erzählung und bezüglich der Figur des mordenden Künstlers in Patrick Süskinds Roman Das Parfum finden lassen.
2 Die Gattungsfrage
2.1 Das Fräulein von Scuderi als Detektivgeschichte
Richard Alewyn bezeichnete Das Fräulein von Scuderi als Ursprung des Detektivromans, was er unter anderem mit dem Aufbau der Erzählung nach einem klassischen Muster begründet. Sie beinhaltet die drei für eine Detektivgeschichte charakteristischen Elemente: den Mord und seine Aufklärung, einen verdächtigen Unschuldigen und einen unverdächtigen Schuldigen, sowie die Aufklärung des Mordes durch einen Außenseiter anstelle der Polizei.2
Kanzog zufolge handelt es sich bei dem Fräulein von Scuderi jedoch nicht um einen Stereotyp der Kriminalgeschichte, sondern die Erzählung repräsentiert eher einige typische Merkmale der Kriminalgeschichte. 3 Fraglich ist hierbei, ob Kanzog den Terminus Kriminalgeschichte im Sinne Alewyns benutzt, der zwischen einem Kriminalroman, der die Geschichte eines Verbrechens erzählt, und einem Detektivroman, der die Aufdeckung eines Verbrechens erzählt, unterscheidet.4 Es ist aber davon auszugehen, dass die Autoren in ihrer Definition der Kriminalgeschichte variieren, da Alewyn den Kriminalroman vom Detektivroman dadurch abgrenzt, dass im Kriminalroman dem Leser der Verbrecher früher bekannt ist als die Tat und ihr Ausgang, im Detektivroman jedoch die Tat und ihr Ausgang dem Leser vor dem Täter bekannt sind. Sobald der Leser erfährt, wer der Täter ist, findet der Roman sein Ende.5 Kanzog erläutert, dass durch die Enthüllung der Taten Cardillacs, also in dem Moment, in dem der Leser erfährt, wer der Mörder ist, die Erzählung den Bereich der Kriminalgeschichte verlässt.6 Es liegt daher nahe, dass Alewyns Terminus Detektivgeschichte und Kanzogs Terminus Kriminalgeschichte dasselbe bezeichnen, da sie in der Definition, dass die Enthüllung des Mörders das Ende der Detektiv- bzw. Kriminalgeschichte bedeutet, übereinstimmen. Fraglich ist allerdings, warum Alewyn trotz seiner eigenen Definition der Detektivgeschichte, die mit der Enthüllung des Täters endet, Das Fräulein von Scuderi uneingeschränkt als Detektivgeschichte betrachtet, obwohl nach der Enthüllung Cardillacs als Mörder noch immerhin ein Viertel der gesamten Erzählung folgt. In diesem letzten Teil kann es sich nun nicht mehr um eine Detektivgeschichte handeln, da die Arbeit des Detektivs bereits erledigt ist. Die Erzählung wandelt sich nun zunächst in einen psychologischen Fall um die Hintergründe für Cardillacs Taten aufzudecken. Anschließend richtet sich das Interesse auf die Rechtsproblematik und damit auf die Frage, wie die Angelegenheit für den unschuldigen, aber verdächtigten Olivier ausgehen wird.
Im Gegensatz zu Alewyn geht Kanzog auf den sich innerhalb der Erzählung verändernden Fokus ein und macht am Handlungsaufbau deutlich, dass zunächst typische Merkmale der Kriminalgeschichte auftauchen, die aber später zugunsten des Rechtsfalls in den Hintergrund treten. Er unterteilt die Erzählung in eine ‚dramatische Exposition’, in der der Leser in eine unheimliche Stimmung versetzt wird und das geheimnisvolle Kästchen eingeführt wird und eine ‚epische Exposition’, die eine Beschreibung der Pariser Giftmorde und der aktuellen Juwelenraub-Morde beinhaltet und so die Spannung steigert, da bisher noch keine Verbindung zur dramatischen Exposition erkennbar ist. Die eigentliche ‚Handlung’ beginnt für Kanzog mit dem Bericht der Martiniere und der Öffnung des Kästchens und somit der Verbindung zwischen dramatischer und epischer Exposition, gefolgt von der Vorstellung Cardillacs. Der Mord an Cardillac, der den Höhepunkt der Kriminalgeschichte darstellt, und das anschließende detektivische Bemühen der Scuderi bilden das Ende der eigentlichen Kriminalgeschichte. Denn mit der ‚Erzählung Oliviers’ setzt eine neue Phase ein, die das Interesse von dem Kriminalfall auf den psychologischen Fall und damit auf die Beweggründe Cardillacs für seine Verbrechen lenkt. In der letzten Phase schließlich überführt Hoffmann die Erzählung in einen ‚Rechtsfall’, indem die Scuderi versucht, Olivier vor dem Tod zu retten und sich schließlich durch die Gnade des Königs alles zum Guten wendet.7
[...]
1 Vgl. Gorski, 1979, S. 15.
2 Vgl. Alewyn, 1974, S, 353.
3 Vgl. Kanzog, 1976, S. 308.
4 Vgl. Alewyn, 1974, S. 343.
5 Vgl. Alewyn, 1974, S. 343.
6 Vgl. Kanzog, 1976, S. 310.
7 Vgl. Kanzog 1976, S. 308-311.
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Stephanie Schmitz, 2005, Das Verhältnis zwischen Kunst und Kriminalität in E.T.A. Hoffmanns Novelle 'Das Fräulein von Scuderi', Munich, GRIN Publishing GmbH
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