Inhaltsverzeichnis:
1 Der Surrealismus als Methode 2
2 André Bretons écriture automatique 5
3 Die Frottage 12
4 Warum die Methoden nicht äquivalent sind 18
5 Bibliographie. 22
Quellen : 22
Forschungsliteratur : 22
1
1 Der Surrealismus als Methode
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehren sich die „Ismen“ in der europäischen Kultur-landschaft. Vielfältigste Avantgardebewegungen in Kunst und Literatur entstehen innerhalb kürzester Zeit und bestehen teilweise auch nur kurze Zeit. Die einzelnen künstlerischen Konzeptionen sind deswegen auch nur chronologisch, wenn nicht sogar in Korrelation zu verstehen und zu analysieren. Eine Bewegung hebt sich jedoch nicht nur durch ihr langes Bestehen von den anderen ab: Der Surrealismus, der die zivilisatorische Grenzerfahrung des zweiten Weltkriegs überdauert, zeichnet sich ebenso durch eine ihm eigene Qualität ab, welche im intendierten Sinn den Bereich der Kunst verlässt und in den Bereich des Lebens eintritt. Auch wenn der eng ver-wandte Dadaismus äußerst politisch und seinem Selbstverständnis nach gegen die traditionelle Kunst und gegen die herrschende politische Ideologie gerichtet war, so vermochte erst die surrealistische Bewegung eine Theorie zu etablieren, deren Potenzial zur praktischen Umsetzung weitaus größer war als die dadaistischen Konzepte. Deswegen konnte sich die surrealistische Bewegung um Breton auch viel stärker aus sich selbst heraus politisieren, ohne sich dabei zwangsläufig einer determinierten politischen Ideologie unterordnen zu müssen 2 . Selbstverständlich wurde die Theorie niemals im angestrebten Ausmaß auf die Lebenswelt ausgeweitet, doch zeigt sich gerade in der Tendenz zur Ausweitung der ästhetischen Prinzipien der Unterschied zu anderen Kunstrichtungen:
1 Theodor W. Adorno: Rückblickend auf den Surrealismus, in: Peter Bürger (Hg.): Surrealismus,
Darmstadt 1982, S. 33.
2 Vgl. Robert S. Short: Die Politik der surrealistischen Bewegung 1920-1936, in: Ebd., S. 341: „Im
weiteren Sinne drängte er [der Surrealismus, F. D.] jedoch zu einer eigenen Ethik, einer eigenen Phi-losophie und einer eigenen Politik.“
2
Er [der Surrealismus, F. D.] ist kein Stil im traditionellen Sinne der Kunstgeschichte, kein Versuch, einen derart beschaffenen Stil zu begründen in der Art von Jugendstil, Kubismus oder dergleichen, sondern ein Versuch, die in derartigen Programmen enthaltenen ästhetischen Voraussetzungen zu überwinden. Surrealismus ist kein Stil, sondern
mehr als das, eine Methode. 3
Die mannigfaltigen Ausprägungen surrealistischer Artefakte von André Breton bis Peter Weiß, von Max Ernst bis René Magritte zeugen davon, dass eine streng verfolgte Stildoktrin nicht existiert und dass es viele Spielarten des Surrealismus gibt. Auch André Breton konnte durch seine autoritäre Manier die Auswüchse der Bewegung nicht unterbinden. Dennoch lassen sich die heterogenen Werke meistens zweifellos unter den Begriff Surrealismus subsumieren. Die Zuordnung erfolgt einerseits durch den semantischen Gehalt der Werke und andererseits durch die produktionsästhetischen Verfahren, die in die Werke eingeschrieben sind. Letztere werden im Folgenden genauer analysiert werden, da eben jene Verfahren nicht nur politische Implikationen nach sich ziehen, sondern auch zur Bestimmung des Surrealismus von enormer Bedeutung sind. Die Gleichsetzung des Begriffes „Surrealismus“ mit einem psychischen Automatismus, nachzulesen im ersten Manifest 4 von Breton, findet ihren Niederschlag in den Verfahren, mit denen Texte bzw. Bilder hergestellt werden. Breton selbst konzeptualisierte die écriture automatique, wohingegen Max Ernst für den Bereich der Kunst die Frottage entwickelte.
3 Hans Holländer: Ars inveniendi et investigandi: Zur surrealistischen Methode, in: Ebd., S. 258.
4 Vgl. André Breton: Erstes Manifest des Surrealismus (1924), in: Günter Metken (Hg.): Als die Sur-
realisten noch recht hatten. Texte und Dokumente, Stuttgart 1976.
3
Beide Verfahren stehen in enger Beziehung zueinander, sowohl ideologisch als auch produktionsästhetisch. Dennoch bleibt ein unbezweifelbarer, kategorialer Unterschied dazwischen: Beide Verfahren können nicht die Medialität der aus ihnen resultierenden Werke verleugnen. An diese Feststellung schließt sich die Frage an: Was sind die spezifischen Bedingungen und Charakteristika der automatischen Schreibweise und der Frottage, und welche Konsequenzen ergeben sich aus der medialen Differenz für die Realisierung von Kunstwerken einerseits und für die Rezeption derselben andererseits? Eine solche Annäherung an den Surrealismus über die künstlerischen Verfahren vermag daher einen aufschlussreichen Einblick in die Werke der Bewegung zu leisten, „denn so definierbar die Ausgangspositionen auch sein mögen, die Resultate sind es per definitionem nicht; das folgt aus den Spielregeln.“ 5 Um jedoch über die rein subjektive Lesbarkeit der Werke hinauszugelangen, erhellt sich die Bedeutung der surrealistischen Bewegung erst in Anbetracht der für ihn spezifischen Produktionsmodi, welche exemplarisch durch Bretons écriture automatique und Max Ernsts Frottage vorgestellt werden sollen, um anschließend die Gemeinsamkeiten und Differenzen herauszuarbeiten und zu einer kritischen Bewertung beider Verfahren zu gelangen.
5 Hans Holländer: Ars inveniendi et investigandi: Zur surrealistischen Methode, a. a. O., S. 258.
4
2 André Bretons écriture automatique
Auf dem Höhepunkt der dadaistischen Bewegung und noch bevor das erste Manifest die Prinzipien des Surrealismus darlegt, entsteht im Jahr 1919 ein Text, der die automatische Schreibweise literaturgeschichtlich einführt. „Les champs magnétiques“ stellen den ersten Moment im fließenden Übergang vom Dadaismus zum Surrealismus dar, dem nachträglich sein surrealistischer Gehalt zugeschrieben wurde 6 . Das kollektive Werk von André Breton und Philippe Soupault wendet sich gegen die äußerst formorientierten, auf Negation und Provokation ausgerichteten dadaistischen Texte, weil es sich allein durch sein experimentelles Herstellungsverfahren wesentlich vom Dadaismus abgrenzt und damit auch Bretons kritische Auseinandersetzung mit demselben einleitet. Breton erkennt früh das begrenzte Potenzial und die Redundanz der dadaistischen Aktionen. Demgegenüber versucht er eine neue Quelle der literarischen Produktion zu erschließen, um mit Hilfe derer die materialistischen bzw. realistischen Methoden der Wahrheitssuche abzulösen. Als Quelle dient die Psyche des Menschen, die durch die intendierte Anwendung von psychischen Automatismen die Bilder einer inneren Realität ans Licht befördern soll.
Die Jahre zwischen den „champs magnétiques“ und dem ersten surrealistischen Manifest 1924 sind geprägt vom Experimentieren mit psychischen Automatismen und der automatischen Schreibweise in verschiedenen psychischen Zuständen, zum Beispiel unter Hypnose, mit zweifelhaftem Erfolg. Die Aufwertung der psychischen Automatismen zur literarischen Produktion spielt nicht nur für die écriture automatique eine gewichtige Rolle, sondern auch für den Surrealismus als solchen:
Die Bedeutung, die Breton der écriture automatique zuspricht, geht nicht allein aus dem Umfang der Ausführungen hervor, die er ihr im ersten Manifest widmet, sondern vor al-
lem aus der Tatsache, daß er Surrealismus und Automatismus gleichsetzt. 7
6 Vgl. Beate Bender: Freisetzung von Kreativität durch psychische Automatismen. Eine Untersuchung
am Beispiel der surrealistischen Avantgarde der zwanziger Jahre, Frankfurt a. M.; Bern; New York;
Paris 1989, S. 14.
7 Peter Bürger: Der französische Surrealismus. Studien zum Problem der avantgardistischen Litera-
tur, Frankfurt a. M. 1971, S. 150.
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Arbeit zitieren:
Frank Dersch, 2006, Surrealistische Methoden - André Bretons "écriture automatique" und Max Ernsts "Frottage", München, GRIN Verlag GmbH
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