Die Auffassungsunterschiede in Bezug auf die Mimesis zwischen Lessing und Lenz 2
Inhaltsverzeichnis
1 Ziel und Methode. 3
2 Die Mimesis - ein umfassender Begriff 4
3 Die deutsche Dramentheorie im 18. Jahrhundert 6
4 Die Dramentheorie im Sinne von Lessing und Lenz - ein Vergleich. 7
4.1 Die Dramengattungen. 8
4.2 Die drei Einheiten 10
4.3 Die Charaktere. 12
4.4 Die Dramenhandlung 13
5 Schlussbetrachtung 16
Literatur 17
Die Auffassungsunterschiede in Bezug auf die Mimesis zwischen Lessing und Lenz 3
1 Ziel und Methode
Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) und Jakob Michael Reinhold Lenz (1751-1792) haben auf den ersten Blick einiges gemein. Beide leben zur gleichen Zeit, beide entspringen einer Pastoren- bzw. Pfarrerfamilie, und beide sind stark von den Ideen der Aufklärung geprägt. Sowohl Lessing als auch Lenz äußern sich öffentlich zu dramentheoretischen Fragen und setzen ihre Vorstellungen in eigenen Theaterstücken um. Beschäftigt man sich mit diesen Dramen, so stellt man fest, dass sie in Bezug auf Inhalt und Form Unterschiede aufweisen -Unterschiede, die in ungleichen Auffassungen über die Mimesis im Theater begründet liegen. Die vorliegende Arbeit verfolgt Ziel, diese Differenzen aufzuzeigen.
Um die Aufgabenstellung verständlicher zu machen, wird vorerst der Begriff der Mimesis näher erläutert. Danach erfolgt ein kurzer Einblick in die deutsche Dramentheorie im 18. Jahrhundert, in dem die maßgeblichsten Personen kurz vorgestellt werden. Der Kern der Arbeit beschäftigt sich dann mit den oben bereits erwähnten divergierenden Auffassungen der beiden Theatertheoretiker und -praktiker. Jedem Unterkapitel folgt eine kurze Zusammenfassung. Die Arbeit endet mit der obligaten Schlussbetrachtung.
Der Verfasser möchte auf den Umfang hinweisen, den dieses Thema impliziert. Eine Seminararbeit wie diese reicht nicht aus, um sich diesem Thema in jener Art und Weise zu widmen, die ihm zustehen würde. Es handelt sich daher lediglich um einen knappen Einblick.
Die Auffassungsunterschiede in Bezug auf die Mimesis zwischen Lessing und Lenz 4
2 Die Mimesis - ein umfassender Begriff
Bevor im Konkreten auf mimetische Auffassungsunterschiede eingegangen werden kann, ist der Begriff der Mimesis zu behandeln - über dessen konkreten kulturgeschichtlichen Hintergrund Uneinigkeit herrscht. Als gesichert gilt, dass in der Antike unter „Mimesis“ die Darstellung von lebendigen und konkreten Eigenschaften verstanden wird. Der Begriff taucht in einem ästhetischen Zusammenhang erstmals bei Platon auf. 1
In Platons Gedankenwelt wird Mimesis noch negativ gedeutet. Die Unmöglichkeit einer absolut korrekten Darstellung der Wirklichkeit führt den Lehrer von Aristoteles zu dem Schluss, dass jeglicher Versuch der Nachahmung einer Lüge gleichkomme und daher unmoralisch sei - auf diese Argumentation kommen kirchliche Vertreter in der Neuzeit gerne zurück.
Aristoteles hingegen meint, eine positive Wirkung der Nachahmung auf den Betrachter zu bemerken. Die Mimesis gem. Aristoteles ruft eine Reizung der Leidenschaften hervor und führt Erregungszustände herbei. Er bezeichnet diese Zustände als „Eleos“ und „Phobos“, was mit „Jammern“ und „Schaudern“ übersetzt werden kann. Dieses Jammern und Schaudern entstehe u.a. durch das Mitfühlen des Zusehers mit den dargestellten heldenhaften Figuren, weshalb Lessing den Begriff „Eleos“ später auch als „Mitleid“ übersetzt. Die durch menschliches Jammern und Schaudern begründete Aufregung führt gem. Aristoteles zu einer „Reinigung“ („Katharsis“) des Rezipienten. Die Mimesis heile bzw. läutere den einzelnen Betrachter aufgrund ihrer reinigenden Wirkung auf den jeweiligen Seelenzustand.
Man könnte auch sagen, dass Aristoteles den Wirklichkeitsbegriff nicht nur auf Vorgänge in der Natur, sondern ebenso auf innere menschliche Vorgänge anwendet - und seine bisherige Bedeutung dadurch ausweitet. Die „Darstellung“ bezieht sich demnach nicht mehr ausschließlich auf die äußerlich wahrnehmbare Natur, sondern ebenso auf eine geistige Dimension. Die Mimesis kann daher per se nicht als „Lüge“ bezeichnet werden.
1 Vgl. Gebauer/Wulf (1992), S. 44ff.
Die Auffassungsunterschiede in Bezug auf die Mimesis zwischen Lessing und Lenz 5
Im 18. Jahrhundert reduziert man in philosophischen Diskursen den Begriff der Mimesis v.a. auf die Nachahmung der Natur, wobei „Nachahmung“ „im wesentlichen als ‚Ähnlichkeit’ eines Artefaktes mit einem natürlichen Vorbild interpretiert“ 2 wird.
Heute wird Mimesis als sehr umfassender Begriff verstanden. In mimetischen Prozessen werden Beziehungen auf andere Welten hergestellt. Durch einen Vergleich der dargestellten Welt mit eigenen Erfahrungen können Ähnlichkeiten entstehen; diese Ähnlichkeiten sind jedoch nicht per se Voraussetzung. Ähnlichkeiten werden demnach nur mehr als Folge von mimetischer Bezugnahme betrachtet, wobei Imitation lediglich als ein Sonderfall von Mimesis gilt. 3
Mimesis entsteht durch Handlung, welche praktisches Wissen der verantwortlichen Personen (dies sind v.a. Schauspieler, Regisseur und Dichter) voraussetzt. Dieses Wissen kann auch als Erfahrung bezeichnet werden. Die Summe aller Erfahrungen wiederum führen zu ästhetischen Grundhaltungen. Ästhetik kann sehr individuell ausgeprägt sein und unterschiedlicher Sinn für Ästhetik ist ein wichtiger Motor der Kunst. Im Bereich des Theaters bedingen ästhetische Auffassungsunterschiede divergierende Einstellungen in Bezug auf die Mimesis. Diese individuellen Einstellungen führen zu unterschiedlichen Anforderungen an die Mimesis in Hinsicht auf Inhalt und Form ihrer Handlung.
Um mit Adorno zu argumentieren: Mimesis ist das Bindeglied zwischen Wirklichkeit und Kunst. Wie dieses Bindeglied beschaffen ist, hängt von der individuellen Auffassung des jeweiligen Theaterkünstlers ab. Man könnte auch sagen: Mimesis ist dargestellte Handlung, die stets durch Individuen entsteht. Inhalt und Form der Handlung sind hierbei zentrale mimetische Bestandteile. Mimesis beinhaltet daher wichtige dramentheoretische Aspekte. Speziell in der deutschen Dramentheorie des 18. Jahrhunderts steht der formale Aspekt in Hinblick auf die Nachahmung der Wirklichkeit im Vordergrund. Folglich werden in dieser Arbeit vor allem dramentheoretische Auffassungsunterschiede in Bezug auf die dichterische Darstellung der Welt behandelt. Im Konkreten werden diese in Bezug auf Dramengattungen, die drei Einheiten, Charakterbeschreibungen und die Anforderungen an den Inhalt behandelt. Die Anforderungen an die Schauspielkunst werden nicht behandelt, da im Zuge der Recherchen für diese Arbeit keine diesbezüglichen Äußerungen von Lenz gefunden wurden.
2 Gebauer/Wulf (1992), S. 219.
3 Vgl. Gebauer/Wulf (1992), S. 431ff.
Arbeit zitieren:
Mag. Stephan Burianek, 2006, Die Auffassungsunterschiede in Bezug auf die Mimesis zwischen Lessing und Lenz, München, GRIN Verlag GmbH
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