Inhaltsverzeichnis
Einleitung 3
I. Goldonis Adaption der Commedia dell Arte 4
I.1. Truffaldino im Literaturgeschichtlichen Kontext 4
I.2. Figaro im Literaturgeschichtlichen Kontext 6
I. Frage nach Dominanz in den beiden Herr-Diener-Beziehungen 7
Il.1.1. Diener Truffaldino 7
II.1.2. Herrentypen Beatrice und Florindo 8
II.2.1. Diener Figaro 10
II.2.2. Herrentypus Almaviva 12
I. Figaros Wahrheit und Beaumarchais’ Sozialkritik 14
Abschlie ßende Betrachtung 17
Literaturverzeichnis 18
2
Einleitung
In der vorliegenden Arbeit werden die Herr-Diener-Verhältnisse in zwei bedeutenden Komödien des 18-ten Jahrhunderts Le Mariage de Figaro von Beaumarchais und Il Servitore di due Padroni von Carlo Goldoni thematisiert. In diesem Rahmen werden zunächst die
Dienerpersönlichkeiten Truffaldino und Figaro einer näheren Betrachtung unterzogen und ihre Entsprechungen im Bezug auf die Tradition der Commedia dell′Arte dargestellt. Gemeinsame sowie unterschiedliche Charakterzüge und Verhaltensmuster der beiden Diener werden unter Berücksichtigung der literatur- und theatergeschichtlichen Hintergründe herausstellen.
Danach werden die zentralen Herr-Diener-Beziehungen in beiden Werken unter komparatistischen Gesichtspunkten analysiert und verglichen. Der Fokus wird darauf gerichtet, wie es den beiden Dienerfiguren Truffaldino und Figaro gelingt mit ihrer jeweiligen Dienersituation umzugehen. Durch einen Vergleich wird der Kontrast zwischen den beiden Diener-Darstellungen verdeutlicht. Daneben wird herausgearbeitet, wer sich in jeder der beiden Komödien als der tatsächliche Herr des Geschehens erweist, d.h. wie und wem es jeweils gelingt die Handlungsentwicklung zu kontrollieren.
Abschließend erfolgt eine Analyse der sozialkritischen Aspekte in Le Mariage de Figaro und auf diese Weisen wird der revolutionäre Charakter dieses Stückes veranschaulicht.
3
I. Goldonis Adaption der Commedia dell′Arte 1 .
Die Commedia dell′Arte fand in den Theaterstücken des venezianischen Dichters Carlo Goldoni ihre reformierte Gestalt. Die durch ihn eingeführte auffälligste Neuerung ist die Niederschrift des kompletten Textes. Außerdem findet sich aber eine ganze Reihe von Relikten der mittelalterlichen Theaterform in Il Servitore di due Padroni. Zum einen bei der Benennung der Figuren. So taucht Pantalone (de′Bisognosi) bereits in der Commedia dell′Arte als alter, venezianischer Kaufmann auf, stets mit einem vollen Geldbeutel zu sehen, der seinen Reichtum symbolisieren soll. Auch bei Goldoni spricht er im venezianischen Dialekt. Bei der Hochzeit seiner Tochter ist ihm nichts so wichtig wie der finanzielle Profit. Das typische Liebespaar aus der Commedia wird in Goldonis Il Servitore di due Padroni von Clarice und Silvio verkörpert. Zudem gibt es noch ein zweites jugendliches Liebespaar: Beatrice und Florindo Aretusi. Auch der Dottore (Lombardi) tritt mit der vorgeschriebenen Überheblichkeit auf, die sich in seinem Umsichwerfen von Zitaten und lateinischen Fremdwörtern äußert ("Accidit in puncto, quod non contingit in anno." (SP I.3.24) 2 "Prior in tempore, potior in iure." (SP I.3.28)). Truffaldino entspricht Arlecchino 3 , ein Bergamaske, schwarzhaarig und stets hungrig. Wie wird er nun in Goldonis Komödie integriert und adoptiert?
I.1. Truffaldino im literaturgeschichtlichen Kontext
Dorothea Klenke 4 unterscheidet zwei Ausprägungen der Dienergestalten in der Komödientradition des 18. Jahrhunderts: Diener als listiger und trickreicher Intrigant versus Dienerdarstellung als triebgebundener Tölpel. Ich will im Folgenden zeigen, dass Truffaldino und Figaro im wesentlichen Maße die hauptsächlichen Grundzüge der beiden gegensätzlichen Diener-Typen verkörpern.
1 Stackelberg, Metamorphosen des Harlekin, S. 139ff.
2 Diese Quellenangabe wie auch die folgenden besteht aus einem Sigle, einer Akt-Angabe, einer Szenen-Angabe und einer Seitenangabe.
3 Da Il Servitore di due Padroni auf Anforderung von Antonio Sacchi (1708-1788) entstand, heißt der Zanni Truffaldino und eben nicht Arlecchino. Antonio Sacchi war selbst Arlecchino-Mime mit dem Künstlernamen Truffaldino. Es existieren passim zahlreiche Verweise auf eine Entsprechung der beiden Figuren.
4 Vgl. Klenke, Herr und Diener in der französischen Komödie, S. 124.
4
Züge eines planenden und intrigierenden Spielmachers trägt Truffaldino kaum. Er figuriert vielmehr als Prügelknabe, als komisches Opfer sowie zugleich meist unabsichtlicher Verursacher von Verwicklungen. Dieser komödiantische Typ parodiert durch seine Triebabhängigkeit die Laster der hohen Gesellschaft (wie es auch andere Gestalten der Commedia tun). So wird die Geldgier ihm fast zum Verhängnis. Andererseits verursacht er aufgrund seiner Unbelehrbarkeit Verwechslungen, in die er seine beiden Herren einbezieht, und begeht immer wieder dieselben Fehler. Diese Unbelehrbarkeit Truffaldinos ist unmittelbar mit seinem Leben allein im Hier und Jetzt verbunden. Er handelt ohne vorher viel zu planen, allein aufgrund der sich gerade bietenden Gelegenheit sowie seiner unmittelbaren Wünsche. (Eben auf diese Weise nimmt er das zweite Arbeitangebot an.)
Car la grande différence entre Truffaldin et les autres personnages, c’est qu’il est pratiquement le seul capable de vivre dans un présent immédiat, idéalement proche de cet hédonisme vital qui lui permet justement de s’adapter immédiatement aux coups du hasard, adhérant totalement au présent sans se projeter jamais ni dans le passé ni dans le futur. 5
Als vorläufige Bilanz ist zu vermerken, dass Truffaldino sich nicht eindeutig als Schlaukopf oder als Narr einordnen lässt. ("Cossa credemio che el sia costù? Un furbo, o un matto?" (SP I.2.16)). Er ist nicht mehr nur tölpelhaft, gefräßig oder zotig, wie die Arlecchino-Figur aus der Commedia dell’Arte. Die anderen Figuren rätseln nun, ob er nicht ein schlauer Kerl sei:
P a n t a l o n e (piano al Dottore). Mi credo che el sia un sempio costù. D o t t o r e (piano a Pantalone). Mi par piuttosto un uomo burlevole. (SP I.2.12)
B r i g h e l l a. A mi el me par piuttosto un semplizotto. L′è bergamasco, no crederia che el fuss un baron. S m e r a l d i n a. Anche l′idea l′ha buona. (Da sè.) Non mi dispiace quel morettino. (SP I.2.16)
5 Berger, Le Serviteur de deux maîtres, S. 64.
5
Arbeit zitieren:
Anna Perlina, 2004, Vergleich der Herr-Diener-Verhältnisse in 'Il Servitore di due Padroni' von Carlo Goldoni und 'Le Mariage de Figaro' von Beaumarchais, München, GRIN Verlag GmbH
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