Inhaltsübersicht
Inhaltsübersicht 2
0. Einleitung 3
1. Auf den ersten Blick 3
1.1. Das Genitiv „s“ 4
1.1.1. Wegfall des Genitiv „s“ 4
1.1.2. Hinzutreten des Genitiv „s“ 6
1.2. Die Genitiv-Rektion 6
1.2.1. Verlust der Genitiv-Rektion 6
1.2.2. Hinzutreten einer Genitiv-Rektion 8
1.3. Veraltung 8
1.4. Ersatzkonstruktionen 9
2. Der Verlust des Genitiv „s“ 10
2.1. Die Appelsche Theorie 10
2.2. Zustimmung und Gegentheorien 16
2.3. Vermehrung des Genitiv „s“ eine Gegentheorie? 17
3. Die Genitiv-Rektion 20
3.1. Rückgang der Genitiv-Rektion bei Verben und Präpositionen 20
3.2. Zunahme von Genitiv-Rektion bei Dativ-Adpositionen 21
3.3. Ersatzkonstruktionen und Konkurrenzformen 23
4. Der Genitiv heute 29
5. Prognosen 36
6. Abschließende Gedanken 38
Literaturverzeichnis 40
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0. Einleitung
„Der formale Vorgang, der den Untergang des Genitivs begründet hat, ist die Abschwächung der vollen Endvokale im Ausgang der althochdeutschen Zeit. [...] Im Ausgang der mittelhochdeutschen Zeit vollziehen sich dann Umbildungen der nominalen Flexion, die einen weiteren Zusammenfall der Kasus herbeiführen“ (Behaghel 1923:§358). Dieser Untergang des Genitivs soll laut Behaghel durch den „s“-Wegfall auch äußerlich deutlich werden.
Ist der Genitiv aber wirklich dem Untergang geweiht? Was ist formal zu beobachten? Wie wird er ersetzt? Wie ist es um den Genitiv heute bestellt? Was sagt man ihm für die Zukunft voraus? Wie sollte man die so gewonnenen Erkenntnisse als Lehrkraft umsetzen? All diese Fragen sollen in der folgenden Arbeit behandelt werden. Auch soll untersucht werden, was es mit der scheinbaren Zunahme des „s“-Suffix bei Substantiven im Genitiv und mit dem Rektionswechsel hin zum Genitiv bei einigen Adpositionen auf sich hat. Auch die scheinbare Sonderposition von Eigennamen, Personennamen und eigennämlichen Bezeichnungen im genitivischen Bereich soll eigens untersucht werden.
1. Auf den ersten Blick
Der Rückgang des Genitivs ist schon seit mehreren Jahrhunderten auszumachen. Es wird mit Sorge seitens der Sprachwissenschaft die Prognose gestellt, dass der Gebrauch des Genitivs als einer flexivischen Form überhaupt aufhören werde. Man hat dabei nicht die Mundart im Auge, die schon längst keinen flexivischen Genitiv mehr kennt, sondern die Hochsprache. Teils glaubt man als zukünftigen Zustand den des heutigen Englisch annehmen zu sollen, das heißt den Ersatz der flexivischen Form durch eine präpositionale Fügung (die Beine von dem Tisch), oder man prophezeit den Wegfall der charakteristischen „s“-Endung, das heißt ein Einheitsparadigma „der Tisch, des Tisch“ usw.
Zunächst soll eine Betrachtung der Auffälligkeiten des heutigen Genitivs einen Überblick geben. Der Genitiv zeichnete sich bisher durch folgende Ausprägungsform aus:
1. Durch eine bestimmte Intonation, die ihn vom gleich aussehenden Dativ abhebt.
2. Durch die Flexionsendung des Substantivs.
3. Durch die flektivische Form des Artikels oder eines Pronomens in Verbindung mit einem Substantiv.
4. Durch die Flexionsendung eines mit dem Substantiv im Genitiv verbundenen Adjektivs.
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1.1. Das Genitiv-„s“
Der Genitiv ist der zurzeit noch am stärksten markierte Kasus des Deutschen, dies bewirken vor allem die bei ihm noch sehr auffälligen Flexionsendungen. Im heutigen Deutsch geht aber die Tendenz eher zu Substantiven, die nicht kasusmarkiert sind. Es ist zu beobachten, dass die Flexionsendung „s“ immer häufiger wegfällt.
1.1.1. Wegfall des Genitiv-„s“
Bei folgenden syntaktischen Fügungen ist es belegt (Appel 1941:3):
1. Substantiv mit nachgestelltem substantivischem Attribut im Genitiv.
2. Substantiv mit vorausgehendem substantivischem Attribut im Genitiv.
3. Präpositionen wie trotz, wegen, mittels, inmitten mit Substantiv im Genitiv.
4. Substantiv mit einem durch als angefügtem Substantiv im Genitiv.
5. Substantiv mit vorausgehender oder folgender Apposition.
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Diese Substantive fallen laut Appel unter folgende begrenzte Gruppen (Ebd. 1941:4):[1]
1. Substantive mit der Endung „en“, wie z.B. „Bogen“.
2. Fremdwörter, wie z.B. Marmor.
3. Eigennamen, wie z.B. „Main“, „Matterhorn“, „Frankreich“, „Maria“.
4. Substantive von sekundärer Bildung, wie Verkleinerungsformen; zusammengesetzte Substantive mit oder ohne Fugen-„s“ und Substantivierungen.
5. Personenbezeichnungen, die nicht Eigennamen sind, wie z.B. „Vater“, „Redner“, „Dichter“.
Appel führt auf der gleichen Seite auch noch 22 Wörter auf, die sich in diese Gruppen nicht einordnen lassen, bei denen aber das „s“ ebenfalls oft wegfällt, wie z.B. „Bild“, „Buch“, „Ergebnis“, „Käse“.[2]
Diese Auflistung stellt eine Erweiterung der von Behaghel aufgeführten Beispiele dar (Ebd. 1923:§42II). Der Wegfall des „s“ wird schon seit vielen Jahren beobachtet, es steht laut Behaghel im Zusammenhang mit dem Untergang des Genitivs, der schon im 15. Jahrhundert begonnen haben soll (Ebd. 1923:§358f). Für ihn stellte der „s“-Wegfall damals noch eine starke Markierung dar, was heute eher nicht mehr so ist.
Wann das „s“ bleibt, und wann es wegfällt, ist aber sehr oft situationsabhängig. Es muss nicht in diesen Fügungen und bei diesen Substantiven wegfallen, aber die Wahrscheinlichkeit ist höher, gerade in diesen Fällen einen Wegfall beobachten zu können. Auch müssen Nomen betrachtet werden, die im Stammausgang auf „s“ enden. Ist das Apostroph ein reiner Genitiv-„s“-Ersatz, oder schon der erste Schritt in Richtung des „s“-Wegfalls?
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1.1.2. Hinzutreten des Genitiv-„s“
Fakt ist, dass zurzeit im Deutschen noch beide Formen nebeneinander existieren, es werden Wörter mit und ohne Genitiv-„s“ gebildet. Interessant daran ist, dass das „s“ aber auch Nomen zu erobern scheint, denen es die Grammatik eigentlich untersagt, wie z.B. „Automat, des Automats“. Gallmann bringt diese Entwicklung in den Zusammenhang des Wegfallens der genitivischen „(e)n“- Endung (Ebd. 1990:178). Pérennec nimmt diese Tatsache auf und verwendet sie sogar gegen Gallmann (Pérennec 1998:168):
Andererseits widerspricht der These des Verfalls, daß viele schwache Maskulina genau die
entgegengesetzte Tendenz aufweisen, auf s-Genitiv überzuwechseln.
Leider begründet sie ihre Argumentation nicht ausreichend, so dass man auf der Suche nach Gründen wieder bei Gallmann landet.
1.2. Die Genitiv-Rektion
Diese Betrachtungen sollen sich nur auf die Genitiv-Rektion von Verben und Präpositionen beziehen. Auffällig sind natürlich eher die Verluste auf diesem Gebiet, aber bei genauerem Hinsehen, kann man auch einen Zuwachs beobachten.
1.2.1. Verlust der Genitiv-Rektion
Sauter findet im Mittelhochdeutschen noch 300 Verben mit Genitiv-Rektion (Ebd. 1998:181). Eine bekannte deutsche Grammatik benennt heute nur noch 5 Verben, die eindeutig den Genitiv regieren (Helbig/Buscha 2001:53f): bedürfen, gedenken; sich erinnern, sich annehmen, sich schämen. An Verben, die den Akkusativ und Genitiv regieren, sind auch nur noch 4 aufgeführt: anklagen, entbinden, beschuldigen, verdächtigen.
Bei den Präpositionen sind noch einige mehr zu nennen (Helbig/Buscha 2001:357f): abseits, angesichts, anhand, anlässlich, anstelle, aufgrund, halber, infolge, inmitten, kraft, namens, seitens, um...willen, ungeachtet, unweit, vermöge, ab-, dies-, jenseits; außer-, inner-, ober-, unterhalb. Es werden in dieser Grammatik im Folgenden auch noch viele Beispiele für Präpositionen mit einem Nebenkasus genannt, wobei der Genitiv einmal der dominierende Kasus, und einmal der Nebenkasus ist.
Die Verben mit Genitiv-Rektion sind größtenteils zweiwertige Verben, sie sind reflexiv, das heißt gegenüber einer möglichen Konkurrenz durch den Akkusativ insofern resistent, als diese Stelle schon pronominal besetzt ist. Das Schwinden der
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Genitivrektion hängt damit zusammen, dass der Genitiv als Objektkasus veraltet. Dürscheid ist hier sogar der Meinung, dass, „[...] was den verbalen Kasus betrifft, tatsächlich davon gesprochen werden kann, daß sich das Deutsche auf dem Weg zu einem Dreikasussystem befindet.“ (Ebd. 1998:34f). Sie vertritt auch die Ansicht, dass der verbale Genitiv in der heutigen Gegenwartssprache keine nennenswerte Rolle mehr spielt (Ebd. 1998:37 sowie Pérennec 1998:167). Auch macht sie diese Beobachtung (Dürscheid 1998: 220):
• In den Fällen, in denen im Neuhochdeutschen noch Nom.-Gen.-Konstruktionen vorliegen und
• ein Ausweichen auf eine PP-Konstruktion nicht möglich ist, ist zu beobachten, daß der
• Sprecher eher ein anderes Verb verwendet als eine Konstruktion mit einem genitivregierenden
• Verb zu bilden (einer Sache bedürfen > eine Sache brauchen).
Diese Vermeidungsstrategie führt zum Abbau von Kasuskonstruktionen mit verbalem Genitiv. Die Benutzung des Genitivs nach Präpositionen wie „wegen“ oder „trotz“ gilt heute noch als gutes Deutsch (Lauterbach 1993:62), doch in vielen Fällen ist dies schon gar nicht mehr möglich: wegen dir.
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1.2.2. Hinzutreten einer Genitiv-Rektion
Gerade bei einigen Dativ-Präpositionen ist zu beobachten, dass sie immer öfter auch den Genitiv regieren. Darauf macht unter anderem Di Meola aufmerksam, wobei er die Präpositionen „entgegen“, „nahe“, „entsprechend“ und „gemäß“ näher untersucht. Zunächst fordert er eine Umbenennung in „Adpositionen“, da sie sowohl in Prä- als auch in Poststellung auftreten können (Di Meola 1999:344). Solche Dativ-Genitiv-Alternationen soll es laut Dürscheid auch bei einigen Verben geben (Ebd. 1998:34).
1.3. Veraltung
Viele Verwendungs- und Erscheinungsformen des Genitivs sind heute ungebräuchlich, unproduktiv und nur noch in festen Fügungen vorhanden. Die prädikative Verwendung ist heutzutage z.B. eher eine Domäne von Nominativ und Adjektiven geworden, im Fall des Genitivs sind nur noch starre Wendungen wie „Er ist des Todes“ anzutreffen, was auch nicht gerade jeder Sprecher jeden Tag benutzen würde. Auch vom adverbialen Genitiv existieren nur noch Reste wie „des Abends, des Morgens“, wobei hier die Entwicklung noch weiter fortgeschritten ist, da aus diesen Formen die heute eher gebräuchlichen Zeitadverbien entstanden sind. Als Objekt von Adjektiven, die ihrerseits in prädikativer Funktion stehen, erscheint der Genitiv zwar noch vergleichsweise häufig, doch in vielen Fällen hat ihn auch hier der Akkusativ schon abgelöst. Der Genitiv als Objektkasus scheint bald ein eingefrorener Kasus zu sein, er kommt auch fast nur noch in festen Wendungen vor: „jemanden eines Besseren belehren“ vs. „*jemanden des Tanzens belehren“. Das Gleiche gilt für Reflexivkonstruktionen: „sich einer Sache bedienen“, „sich eines guten Stils befleißigen“. Der „s“-Wegfall gehört auch in diesen Abschnitt, da Kasusmarkiertheit in vielen Fällen auch als veraltet angesehen wird. So haben die femininen Nomen im Singular schon lange keine Genitiv-Endung mehr.
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Quote paper:
Susanne Elstner, geb. Spindler, 2003, Der Genitivverfall - Ausprägungen und Konsequenzen, Munich, GRIN Publishing GmbH
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