Inhaltsverzeichnis
1.Der Kampf um Italien im Vergleich. 3
2.Ein Vergleich zwischen Eneasroman, Roman d'Eneas und Aeneis. 3
2.1 Die ersten Feindseligkeiten und der erste Angriff auf Montalbane (175,10-180,22) 4
2.2 Der Überfall auf das Heerlager des Turnus (180,23-187,34) 7
2.3 Zweiter Angriff auf Montalbane (187,35-191,5) 9
2.4 Die Bestürmung des Bergfrieds (191,6-193,40) 10
2.5 Dritter Angriff auf Montalbane (194,1-194,23) 12
2.6 Die Erstürmung Montalbanes (194,24-198,34) 12
2.7 Die erste Feldschlacht (198,35-235,28) 15
2.8 Das Vorspiel zur zweiten Feldschlacht (235,29-238,35) 19
2.9 Die zweite Feldschlacht (238,36-256,10) 20
2.10 Die letzte Feldschlacht (310,35-332,26) 23
3. Die wichtigsten Unterschiede zwischen Eneasroman und Vorlagen. 24
4. Literaturverzeichnis. 28
2
1. Der Kampf um Italien im Vergleich
Diese Arbeit befasst sich mit dem aus dem Eneasroman stammenden Kapitel Kampf um Italien, in dem es unter anderem um den Versuch des Turnus geht, die Burg in Montalbane zu erobern und um die Feindschaft zwischen ihm und dem Protagonisten Eneas, die letztlich durch einen Zweikampf endet, der gleichzeitig auch diesen Abschnitt abschließt. Kampf um Italien soll im folgenden mit seinen Vorlagen verglichen werden, um so herauszufinden, inwieweit sich Veldeke von der lateinischen Dichtung, der Aeneis, und der altfranzösischen Dichtung, dem Roman d'Eneas, entfernt und an welchen Stellen er sich an die ihm vorliegenden Texte hält.
Zu diesem Zweck wird das von mir 1 in zehn Abschnitte gegliederte Kapitel zunächst - Passage für Passage - inhaltlich wiedergegeben, um dann die wichtigsten Unterschiede zu den Texten, die Veldeke als Vorlage dienten, herauszuarbeiten und um zu beleuchten, zu welchem Zweck der mittelhochdeutsche Dichter diese Änderungen vorgenommen haben könnte. In der Arbeit soll gezeigt werden, dass sich Veldeke an vielen Stellen eher an der französischen als an der lateinischen Vorlage orientiert, da ihm die Welt Vergils mit all ihren Mythen und Göttersagen allzu unverständlich erscheinen musste. Dies lässt sich vor allem daran erkennen, dass den schicksalslenkenden Göttern der Aeneis weder im Roman d'Eneas noch im Eneasroman eine annähernd bedeutende Rolle zukommt wie in der lateinischen Vorlage. Neben der Betrachtung dieses wichtigen Unterschieds zwischen Vergil und den mittelalterlichen Dichtern ist es auch Ziel dieser Arbeit herauszuarbeiten, inwiefern sich Eneasroman und Roman d'Eneas - Dichtungen, deren Entstehungszeiten nur ca. zehn Jahre 2 auseinanderliegen - unterscheiden. Die beiden Texte ähneln sich zwar an vielen Stellen, in denen sie von der Aeneis abweichen, doch sind bei Veldeke trotzdem auch zahlreiche Abweichungen von der altfranzösischen Dichtung zu finden. Um inhaltlich wichtige Szenen anschaulich zu machen, werden einzelne Passagen zitiert und übersetzt. Für den Vergleich der drei Texte dienen vor allem die Arbeiten von Rose Beate Schäfer-Maulbetsch und Marie-Luise Dittrich. Ein Artikel von E. Wörner dient außerdem als wichtige Quelle für das Nebeneinanderstellen von Eneasroman und Aeneis.
2. Ein Vergleich zwischen Eneasroman, Roman d'Eneas und Aeneis
Im folgenden wird der Inhalt des Kapitels Kampf um Italien mit dem altfranzösischen Roman d'Eneas und der lateinischen Aeneis verglichen. Besondere Beachtung erhalten hierbei vor allem Kürzungen, Erweiterungen und Auslassungen, deren Bedeutung näher untersucht werden soll. Zu diesem Zweck wird der ca. 3000 Verse umfassende Abschnitt in zehn Kapitel unterteilt, wie es auch
1 Übernahme der Gliederung von Schäfer-Maulbetsch
2 Vgl. http://www.ub.uni-heidelberg.de/helios/fachinfo/www/kunst/digi/1418/cpg403.html
3
bei Schäfer-Maulbetsch der Fall ist. Zunächst wird der Inhalt der betreffenden Passage wiedergegeben, um dann Unterschiede zum Roman d'Eneas und darauf folgend zur Aeneis herauszustellen. Da die Kapiteleinteilung von Schäfer-Maulbetsch teilweise sehr kurze Passagen beinhaltet, sind in wenigen dieser Abschnitte nur bedeutende Abweichungen vom französischen und nicht vom lateinischen Text darzustellen.
2.1 Die ersten Feindseligkeiten und der erste Angriff auf Montalbane (175,10-180,22)
Der Kampf um Italien beginnt damit, dass Turnus sein Heer dazu aufruft, die Burg in Montalbane zu belagern und zu erobern. Doch obwohl der Heerführer glaubt, die Burg innerhalb weniger Stunden einnehmen zu können, schlägt zunächst jeder Angriff fehl:
Turnus umzingelt die Burg zwar mit seinen Männern, doch zahlreiche Trojaner werden von Ascanius, dem Sohn des Königs, dazu ermuntert, die Festung zu verteidigen. Über die Uneinnehmbarkeit der Festung sehr wütend, ordnet Turnus schließlich trotz allem einen Sturmangriff an, in dem viele seiner Männer den Tod finden:
Die Schuld für diesen Verlust wird dem Feldherrn selbst zugeschrieben, da er, obwohl er mit eigenen Augen gesehen hat, dass die Burg uneinnehmbar ist, den Kriegsknechten den Angriff befiehlt. Erst nachdem Turnus seine aussichtslose Lage erkennt, lässt er sein Heer umkehren, um sich in seinem Lager zu beraten. Daraufhin schildert Veldeke die zahlreichen Gefallenen, die im Graben liegen und von Geiern und Raben aufgefressen werden. Doch noch bevor der zornige Turnus mit seinen Männern zum Lager zurückgekehrt ist, entdeckt er auf dem Tiber die Schiffe der Trojaner. Noch außer sich vor Wut über die Niederlage befiehlt er seinen Männern, diese Schiffe in Brand zu stecken, um sich so zu rächen und die Gefolgsleute des Eneas daran zu hindern, in der Nacht zu fliehen, wie es ihr Herr getan hatte. Gleichzeitig hält Turnus eine wütende Rede, in der er den Trojanern mit dem Tod droht:
4
Schließlich kehrt Turnus mit seinem Heer zu seinem Lager zurück, um sich vom Kampf und der Niederlage zu erholen.
Zu Beginn dieser Passage, als das Heer nach Montalbane aufbricht, steht - im Unterschied zum Roman d'Eneas Turnus im Mittelpunkt des Geschehens. Darauf folgt „die ausführliche Schilderung der Kampfvorbereitungen und des besonnenen Verhaltens der Burgbesatzung“. 3 An dieser Stelle wird zum einen Eneas, dessen Ratschläge befolgt werden (6338f), und zum anderen Ascanius, der seinen Männern Mut für den Kampf macht (6362), erwähnt. Diese Beschreibung taucht nicht in der Vorlage auf, ist also von Veldeke hinzugefügt worden. Außerdem hat Veldeke den Ritt des Turnus um die Burg stark erweitert, indem er eine ausführliche Schilderung der Festung einfügt und somit die Uneinnehmbarkeit verdeutlicht. Gleichzeitig findet Eneas an dieser Stelle eine erneute Erwähnung, da er als Erbauer dieser Burg hervorgehoben wird. Unabhängig von der Vorlage fügt Veldeke die Schilderung des Angriffs der Kriegsknechte ein (6413-42), bei der er Turnus als einen Feldherrn beschreibt, der seine Männer aus reiner Wut in einen aussichtslosen Kampf und somit in den sicheren Tod schickt. Der taktische Fehler des Turnus wird durch die Schilderung der großen Verluste verdeutlicht. Im Roman d'Eneas wird Turnus hingegen nicht einmal als zorniger, sondern als ein betrübter und angstvoller (RE 4861) Feldherr beschrieben, der mit seinem Heer direkt in sein Lager zurückkehrt (6869f), nachdem er erkannt hat, dass ein Angriff zwecklos wäre. Es lässt sich also zum einen an der Beschreibung der Burganlage erkennen, dass Veldeke bereits am Anfang des Abschnitts Kampf um Italien die Schilderungen gegenüber der Vorlage erweitert, um sie auszuschmücken und vor allem auch um das Kampfgeschehen zu verdeutlichen. 4 Dem Leser wird die Festung und somit der Schauplatz des Kampfes sehr detailliert beschrieben, so dass ein sehr genaues Bild des Szenarios entsteht. Zum anderen fügt Veldeke neben Erweiterungen auch ganze Szenen neu ein. So hebt der mittelhochdeutsche Autor nicht nur die Handlungen der Heerführer hervor, sondern bringt außerdem eine komplette Kampfschilderung ein, die im Roman d'Eneas nicht vorkommt, um so das (fehlerhafte) taktische Vorgehen des Turnus zu beschreiben und ihn als glücklos und von Emotionen geleitet zu charakterisieren.
3 Schäfer-Maulbetsch, Rose Beate: Studien zur Entwicklung des mittelhochdeutschen Epos. Die Kampfschilderung in
„Kaiserchronik“, „Rolandslied“, „Alexanderlied“, „Eneide“, „Liet von Troye“ und „Willehalm“. Göppingen: Verlag
Alfred Kümmerle, 1972. S.161.
4 Ebd. S.162.
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Allerdings erweitert Veldeke seinen Text nicht nur, sondern kürzt ihn an anderer Stelle auch. Beispielsweise fehlt im Eneasroman die Passage, in der Turnus seinen Feldherren befiehlt, „sein Heer zur Burg zu führen und diese zu belagern; dann wählt er 100 'chevaliers' aus, trennt sich vom Heer und führt mit dieser Schar persönlich den Angriff durch (RE 4832ff.,4851ff.)“. 5 Möglicherweise wird diese Szene von Veldeke nicht berücksichtigt, da sie für das Fortschreiten der Handlung keinerlei Relevanz hat.
Eine weitere Änderung der Vorlage lässt sich in der Szene, in der Turnus die Schiffe der Trojaner anzünden lässt, feststellen. Im Roman d'Eneas hält Turnus seine Rede, in der er diese Tat begründet, bevor er seinen Männern den Befehl hierzu gibt. Bei Veldeke lässt der Held zuerst die Schiffe verbrennen und erklärt sein Verhalten erst dann. Dadurch liegt im Eneasroman der Nachdruck "einerseits auf der Befriedigung über die vereitelte Flucht (179,19ff.) [...], andererseits zeigt sich Turnus schon von weiterer Kampfgier erfüllt, um die Verluste zu rächen [...] und er gaukelt sich bereits vollen Kampferfolg vor (179,28)." 6
Insgesamt wird im Vergleich deutlich, dass im Eneasroman vor allem die Helden in den Vordergrund gerückt werden, und dass der Autor großen Wert auf sehr detaillierte Beschreibungen, Motivierungen und Beurteilungen legt und den Text so an mehreren Stellen erweitert. 7 In der Aeneis beginnt dieser Abschnitt damit, dass "Juno durch die Iris dem Turnus die entfernung des Äneas von den seinen kund tut und ihn zum beginn des kampfes in diesem günstigen zeitpunkte auffordert." 8 Im Eneasroman wird an keiner Stelle darauf eingegangen, wie Turnus vom Verschwinden des Eneas erfährt, die Götterszene wird ersatzlos ausgelassen. Auch bei der Verbrennung der Schiffe spielen in der Aeneis die Götter eine Rolle. Die Schiffe werden in der lateinischen Vorlage von der Göttermutter Berekynthia beschützt, indem sie in Meernymphen verwandelt werden. 9 Im Unterschied zum Eneasroman werden die Schiffe der Trojaner bei Vergil also nicht verbrannt, da dieser Rachealt durch die Götter vereitelt wird. Im Vergleich mit der lateinischen Vorlage wird auch deutlich, dass Veldeke "bildhaften Vergleichen abgeneigt" 10 ist. Auf "das symbolgeladene Gleichnis" des von "brennender ira und dolor gegen die verschanzten Troer erregten Turnus (IX 65ff.)" 11 verzichtet er. Es wird also deutlich, dass Veldeke auf das Einlenken der Götter verzichtet. Die Handlung wird zum größten Teil von
5 Schäfer-Maulbetsch: 1972, S.162.
6 Dittrich, Marie-Luise: Die Èneide`Heinrichs von Veldeke. 1. Teil. Quellenkritischer Vergleich mit dem Roman
d`Eneas und Vergils Aeneis. Wiesbaden: Franz Steiner Verlag GmbH, 1966, S.246.
7 Vgl. Schäfer-Maulbetsch: 1972. S.163.
8 Wörner, E.: Virgil und Heinrich v. Veldeke. In: Zeitschrift für deutsche Philologie. Dritter Band. 1871. S.119-
125, hier S.119.
9 Vgl. ebd.
10 Dittrich: 1966, S.245.
11 Ebd.
6
Helden wie Eneas oder Turnus voran getrieben, ohne dass das Schicksal in Form eines Gottes daran beteiligt ist. Durch das Fehlen der Götter und deren Einlenken des Geschehens wird die Handlung bei Veldeke teilweise nicht nur anders dargestellt bzw. begründet, sondern nimmt, wie beispielsweise bei Turnus Versuch, die Schiffe zu verbrennen, auch einen anderen Verlauf als bei Vergil.
2.2 Der Überfall auf das Heerlager des Turnus (180,23-187,34)
Im zweiten Abschnitt stehen die beiden Helden Euryalus und Nisus im Blickpunkt des Geschehens. Durch die Konzentration ihrer herausragenden Heldentaten wird das folgende Schlachtgeschehen personalisiert. 12 Es handelt sich bei ihnen um zwei mutige und miteinander befreundete Männer des Eneas, die von selbigem über dem Burgtor aufgestellt worden sind, um die Festung zu bewachen. Ihre Freundschaft und ihre Tugenden wie Mut und Tüchtigkeit werden hervorgehoben, bevor Veldeke schildert, wie Nisus seinen Gefährten in den Plan einweiht, in das Lager des Turnus einzudringen, um die dort schlafenden Männer zu erschlagen:
Doch Euryalus, der ein langjähriger Freund Nisus' ist, will diesen nicht allein ziehen lassen und schließt sich so seinem Gefährten an, um mit ihm gemeinsam das Heer des Turnus zu schwächen. Nachdem die beiden Ascanius in ihren Hinterhalt eingeweiht und sich von ihm verabschiedet haben, deutet Veldeke den Tod der Freunde schon an:
6638 sine quâmen nimmer mêre wider. Sie kamen nie wieder zurück.
Auf dem Weg zu Turnus' Heer wird ein weiteres Mal geschildert, welch prächtige Helden die beiden Männer darstellen und in welcher Rüstung sie aufbrechen. Mit ihren Schwertern erschlagen sie schließlich ca. 200 der Feinde, darunter auch Rhamnes, der edle Augur (6660f), dem Nisus den Kopf abschlägt. Daraufhin begibt sich Euryalus ins Zelt des Messapus und stiehlt daraus dessen Helm, noch bevor Nisus ihn herausziehen kann. Da der Tag langsam heran bricht, fliehen die Männer. Dabei trägt Euryalus den Helm des Messapus auf dem Kopf, der ihm schließlich zum Verhängnis werden soll. Von den Rittern des Grafen Volcens verfolgt, fliehen die Freunde in den
12 Vgl. Lienert, Elisabeth: Deutsche Antikenromane des Mittelalters. Berlin: Erich Schmidt Verlag, 2001, S.87.
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Arbeit zitieren:
Berit Marchetti, 2005, Kampf um Italien - Ein Vergleich zwischen Eneasroman, Roman d'Eneas und Aeneis, München, GRIN Verlag GmbH
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