Protokoll vom 06. Dezember 2001
Epochale und künstlerische Zuordnung des Tiber- und Kasseler Apollons
Eingereicht von: Britta Heidel
Studiengang: Kunstgeschichte 1
Klassische Archäologie 1
Wirtschaftswissenschaft 1
Abschluß: Magister
Wir beschäftigten uns eingehend mit dem Typus des Tiber- Apollons (Abb.1) und des Kasseler Apollons (Abb. 2). Dabei sollten Unterschiede der beiden Skulpturen und die Probleme der eindeutigen Zuordnung in die Epoche des möglichen Künstlers thematisiert werden.
Die Statue des Tiber-Apollons wurde 1891 im Tiber nahe dem Ponte Palatino gefunden und steht heute im Museo Nationale Romano in Rom. Die Höhe der Figur mißt 2,04 m.1 Der Körper ist hoch aufgerichtet. Der rechte Fuß ist leicht nach vorn und seitwärts gesetzt und tritt mit dem ganzen Fußballen auf. Die Muskeln der Standbeinseite sind angespannt. Das gesamte Gewicht der Figur ruht auf dem linken Bein. Dadurch liegt die linke Schulter eindeutig tiefer als die rechte.
Der rechte Arm hängt locker herab. Obwohl der linke Arm von der Schulter abwärts nicht mehr erhalten ist, kann man anhand der Muskelanspannung davon ausgehen, daß der Arm angewinkelt war. Die linke Hand war also erhoben.
Der Kopf ist halb abgewendet. Die Haare fallen in langen Locken auf die Schulter. Das Deckhaar ist strähnig ausgearbeitet und mündet auf der Stirn in kleine ,,Schneckenlocken". Diese Locken rahmen das jugendliche Gesicht zangenförmig ein. Die Gestalt blickt nachdenklich auf den Gegenstand, den er einst in seiner linken Hand hielt. Geht man von Darstellungen auf Münzen oder Gemmen aus, ist es möglich, daß die Figur in der rechten Hand einen Bogen und in der linken Hand einen Lorbeerzweig oder -kranz gehalten haben muß. Ein mögliches Indiz, daß es sich um einen Lorbeerzweig handelte, ist der halbhohe Baumstamm, der am linken Bein als Stütze der Figur dient. Andererseits kann die Statue auch eine Kithara in der linken Hand gehalten haben. Beide Möglichkeiten können hier in Betracht gezogen werden.
Apollon ist der griechische jugendliche Gott des Lichtes und des Todes, der Gesetzmäßigkeit und Ordnung, des Rechts und Friedens, Schutzgott der Künste und der Musen und Gott der Weissagungen mit den Orakelstätten in Delphi und Delos. Zu seinen Attributen zählen der Pfeil, Bogen, die Kithara und der Lorbeerzweig oder Lorbeerkranz.
[...]
1 Wolfgang Helbig: Führer durch die öffentlichen Sammlungen klassischer Altertümer in Rom, Bd. 3, Tübingen 1969, S.161
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Tiber-Apollon
3. Der Kasseler Apollon
4. Die Stilstufen der griechischen Klassik
5. Vergleichsanalyse und Zuschreibung
6. Rezeptionsgeschichte und Rekonstruktionsversuche
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die künstlerische und epochale Einordnung des Tiber- und des Kasseler Apollons, um deren Stellung innerhalb der griechischen Plastik sowie deren Charakter als römische Kopien zu bestimmen.
- Analyse der physischen Merkmale und Erhaltungszustände beider Statuen
- Untersuchung der ikonografischen Attribute und ihrer mythologischen Bedeutung
- Einordnung in die stilgeschichtlichen Phasen der griechischen Klassik (Strenge Stil, Hohe Klassik)
- Diskussion der Zuschreibung an den Bildhauer Phidias
- Evaluierung von Rekonstruktionsmethoden anhand antiker Vorbilder und Repliken
Auszug aus dem Buch
Der Kasseler Apollon
Das linke Standbein trägt das Gewicht des Körpers. Der Fuß des Spielbeines ist ähnlich wie beim Tiber-Apollon leicht nach vorne und seitwärts gesetzt. Allerdings ist hier der Stand enger geworden. Der Oberkörper ruht in der klar abgesetzten Beckenlinie und zeigt somit das Anspannen der Standbeinseite. Die Schultern sind leicht in entgegengesetzter Weise zum Becken gewölbt und damit wird der chiastische Kontrapost im Körper angedeutet. Der Muskelverlauf des Oberkörpers ist stark gegliedert. Doch läßt sich sofort feststellen, daß die dargestellte Figur keinen durchtrainierten Athleten zeigt. Muskelverläufe an Bauch, Brust und Oberschenkel sind weich modelliert. Der Körper wirkt dadurch geschmeidig und gut proportioniert. Trotz dieser Geschmeidigkeit strahlt die Skulptur Entschlossenheit und Konzentration aus. Die Bauch- und Gesäßmuskeln sind angespannt. Die Figur steht aufrecht und scheint sich in einer Vorwärtsbewegung zu verharren, wie Schrägansichten verdeutlichen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Bestimmungsübung und Vorstellung der zu untersuchenden Skulpturentypen.
2. Der Tiber-Apollon: Detaillierte Beschreibung der Statue, ihres Fundortes sowie ihrer spezifischen körperlichen Attribute und Haltung.
3. Der Kasseler Apollon: Analyse der Marmorstatue, ihrer Erhaltungsgeschichte und der stilistischen Merkmale, die auf eine römische Kopie hinweisen.
4. Die Stilstufen der griechischen Klassik: Erläuterung der chronologischen Einordnung in den strengen Stil, die hohe und die späte Klassik.
5. Vergleichsanalyse und Zuschreibung: Kritische Gegenüberstellung der Repliken und Erörterung der Frage, ob sie auf Werke des Phidias zurückgehen.
6. Rezeptionsgeschichte und Rekonstruktionsversuche: Darstellung moderner und historischer Ansätze zur Visualisierung des antiken Erscheinungsbildes durch Kolorierung und Rekonstruktion.
Schlüsselwörter
Apollon, Tiber-Apollon, Kasseler Apollon, Phidias, klassische Archäologie, griechische Plastik, Kontrapost, römische Kopie, Strenge Stil, Hohe Klassik, Marmorskulptur, Ikonografie, Rekonstruktion, antike Kunst, Omphalos-Apollon.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der archäologischen Analyse und Bestimmung zweier bedeutender antiker Statuen: des Tiber-Apollons und des Kasseler Apollons.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die stilistische Einordnung in die griechische Klassik, die Unterscheidung zwischen Original und Kopie sowie die Rekonstruktion antiker Erscheinungsformen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, Unterschiede zwischen den Skulpturen zu identifizieren und die Frage nach ihrer zeitlichen und künstlerischen Zuordnung – insbesondere im Hinblick auf den Bildhauer Phidias – zu klären.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine vergleichende kunsthistorische und archäologische Stilanalyse angewandt, die durch den Einbezug von Sekundärquellen und Vergleichsobjekten ergänzt wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Deskription der Statuen, der Analyse des Kontraposts und der Diskussion um die Attribute der dargestellten Götterfigur.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Apollon, Kontrapost, Phidias, griechische Plastik und römische Kopie.
Warum werden der „Blonde Kopf“ und der Omphalos-Apollon herangezogen?
Diese Objekte dienen als Vergleichsbeispiele, um eine zeitliche Brücke zu schlagen und die Entwicklung des bildhauerischen Stils im 5. Jahrhundert v. Chr. nachvollziehbar zu machen.
Welche Bedeutung haben die Eisenstangen bei der Restaurierung?
Sie wurden zur Stabilisierung der Figuren verwendet, stellen jedoch durch Oxidation ein Risiko für die Marmorsubstanz dar, weshalb sie heute vermehrt durch Stahlstifte ersetzt werden.
Inwiefern stützt die Pausanias-Quelle die Interpretation?
Der Reisebericht des Pausanias liefert Hinweise auf einen Apollon Parnopios und hilft dabei, die ikonografische Zuweisung der Attribute für die bronzierte Rekonstruktion zu begründen.
- Quote paper
- Britta Heidel (Author), 2002, Protokoll vom 06. Dezember 2001 - Epochale und künstlerische Zuordnung des Tiber- und Kasseler Apollons, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6473