Wir beschäftigten uns eingehend mit dem Typus des Tiber- Apollons (Abb.1) und des Kasseler Apollons (Abb. 2). Dabei sollten Unterschiede der beiden Skulpturen und die Probleme der eindeutigen Zuordnung in die Epoche des möglichen Künstlers thematisiert werden.
Die Statue des Tiber-Apollons wurde 1891 im Tiber nahe dem Ponte Palatino gefunden und steht heute im Museo Nationale Romano in Rom. Die Höhe der Figur mißt 2,04 m. 1 Der Körper ist hoch aufgerichtet. Der rechte Fuß ist leicht nach vorn und seitwärts gesetzt und tritt mit dem ganzen Fußballen auf. Die Muskeln der Standbeinseite sind angespannt. Das gesamte Gewicht der Figur ruht auf dem linken Bein. Dadurch liegt die linke Schulter eindeutig tiefer als die rechte.
Der rechte Arm hängt locker herab. Obwohl der linke Arm von der Schulter abwärts nicht mehr erhalten ist, kann man anhand der Muskelanspannung davon ausgehen, daß der Arm angewinkelt war. Die linke Hand war also er- hoben.
Der Kopf ist halb abgewendet. Die Haare fallen in langen Locken auf die Schulter. Das Deckhaar ist strähnig ausgearbeitet und mündet auf der Stirn in kleine „Schneckenlocken“. Diese Locken rahmen das jugendliche Gesicht zangenförmig ein. Die Gestalt blickt nachdenklich auf den Gegenstand, den er einst in seiner linken Hand hielt. Geht man von Darstellungen auf Münzen oder Gemmen aus, ist es möglich, daß die Figur in der rechten Hand einen Bogen und in der linken Hand einen Lorbeerzweig oder –kranz gehalten ha- ben muß. Ein mögliches Indiz, daß es sich um einen Lorbeerzweig handelte, ist der halbhohe Baumstamm, der am linken Bein als Stütze der Figur dient. Andererseits kann die Statue auch eine Kithara in der linken Hand gehalten haben. Beide Möglichkeiten können hier in Betracht gezogen werden. Apollon ist der griechische jugendliche Gott des Lichtes und des Todes, der Gesetzmäßigkeit und Ordnung, des Rechts und Friedens, Schutzgott der Künste und der Musen und Gott der Weissagungen mit den Orakelstätten in Delphi und Delos. Zu seinen Attributen zählen der Pfeil, Bogen, die Kithara und der Lorbeerzweig oder Lorbeerkranz. Der Lorbeer galt bei den Griechen als heilbringend und steht als Zeichen für Milde und Gnade. 2 Diese Eigen- schaften sollten auch auf die Statue des Gottes übertragen werden. 1 Wolfgang Helbig: Führer durch die öffentlichen Sammlungen klassischer Altertümer in Rom, Bd. 3, Tübingen 1969, S.161 2 Gerhard J. Bellinger: Knaurs Lexikon der Mythologie, München 1999, S. 41
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Die Kopfdrehung verstärkt diesen Eindruck von Milde und Nachdenklichkeit. Sie gibt der verharrenden Seite ein Übergewicht und erweckt bei dem Bet- rachter den Eindruck einer sinnenden, zögernden Haltung.
Die Statue wies bei Entdeckung wesentliche Schäden auf, die im Zuge von Säuberungen und Rekonstruktionen bereinigt wurden. So wies der Tiber– Apollon beispielsweise Schäden an dem rechten Unterschenkel und am rechten Fuß auf. So mußten das linke Bein von der Wade an mit der Plinthe und der untere Teil des Baumstammes ergänzt werden.
Desweiteren war auch ein großer Teil der Marmoroberfläche besonders am Ober- und Unterkörper durch Sand und Wasser stark „angefressen“. Der Stein wirkt dadurch rauh und uneben. Muskelpartien, wie z. B. die Bauchdecke, Unterleib und die Brustmuskulatur wirken dadurch unvollendet. 3 Allerdings verstärkt dies den Eindruck von Zartheit und Verwundbarkeit. Ähn- lich wie bei der Statue des Tiber-Apollons handelt es sich bei dem Kasseler Apollon um eine überlebensgroße Figur. Die Marmorstatue mißt 1,97m und befindet sich in den Staatlichen Kunstsammlungen der Stadt Kassel. Die Figur wurde vermutlich 1721 in einer Villa am See von Sabaudia gefunden. Das linke Standbein trägt das Gewicht des Körpers. 4 Der Fuß des Spielbei- nes ist ähnlich wie beim Tiber-Apollon leicht nach vorne und seitwärts ge- setzt. Allerdings ist hier der Stand enger geworden. Der Oberkörper ruht in der klar abgesetzten Beckenlinie und zeigt somit das Anspannen der Stand- beinseite. Die Schultern sind leicht in entgegengesetzter Weise zum Becken gewölbt und damit wird der chiastische Kontrapost im Körper angedeutet. Der Muskelverlauf des Oberkörpers ist stark gegliedert. Doch läßt sich sofort feststellen, daß die dargestellte Figur keinen durchtrainierten Athleten zeigt. Muskelverläufe an Bauch, Brust und Oberschenkel sind weich modelliert. Der Körper wirkt dadurch geschmeidig und gut proportioniert. Trotz dieser Ge- schmeidigkeit strahlt die Skulptur Entschlossenheit und Konzentration aus. Die Bauch- und Gesäßmuskeln sind angespannt. Die Figur steht aufrecht und scheint sich in einer Vorwärtsbewegung zu verharren, wie Schrägansich- ten verdeutlichen.
3 Ebd. , S. 161-162 4 Informationszettel : Apollon und Athena - Von der römischen Kopie zum griechischen Original Staatliche Museen Kassel Antikensammlung, Schloß Wilhemshöhe
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Um der Figur einen sicheren Stand zu gewährleisten, verfügt sie ebenso wie der Tiber-Apollon am linken Bein über eine Beinstütze. Die Stütze des Kas- seler Apollon besitzt hier die Form eines Köchers für Pfeile. Diese Form läßt darauf schließen, daß die Götterstatue einen Bogen und Pfeile in einer Hand gehalten haben mußte. Die linke Hand umschließt einen stabförmigen, ge- wölbten Überrest aus Bronze. Hierbei muß es sich um den ehemaligen Bo- gen handeln. Ein Bronzenagel im linken Oberschenkel deutet daraufhin, daß hier der untere Bogenschaft befestigt war. Der vorgestreckte und gebeugte Mittelfinger dieser Hand ist typisch für bereitgehaltene Pfeile. Die rechte Hand greift locker um einen verloren gegangen Gegenstand. Die Arme sind in unverkrampfter Haltung vom Körper abgespreizt.
Der Kopf der Figur ist nach vorne geneigt und leicht seitlich nach links ge- wendet. Einzelne Strähnen fallen in detailliert modellierten Korkenzieherlo- cken auf die Schultern. Bei frontaler Betrachtung scheint die Statue eine Langhaarfrisur zu haben. Allerdings zeigt die Seitenansicht, daß die Haare geflochten und um den Kopf gelegt wurden. Die Frisur wird durch eine Span- ge oder ähnlichem gehalten. Das Deckhaar liegt straff auf dem Kopf und mündet auf der Stirn in kleine Locken. Diese „Schneckenlocken“ rahmen das jugendliche Gesicht zangenförmig ein. Die Augenbrauen und Lider sind scharf gezeichnet. Ähnliches gilt auch für die Nase. Sie ist gerade und e- benmäßig geformt. Die Lippen sind leicht geöffnet. Bei genauer Betrachtung zeichnen sich sogar genau abgegrenzte Zähne ab. Dies deutet auf das Attri- but eines sprechenden Gottes hin. Wie vorher schon erwähnt, ist Apollon der Hüter der Orakel in Delos und Delphi. Somit ist er auch der Gott der Weissa- gung. Entschlossenheit und Strenge strahlt dieses Gesicht aus.
Ursprünglich muß die Statue komplett mit Farbe überzogen gewesen sein. Rote Farbreste an der Frisur, besonders in den Schneckenlocken deuten darauf hin. Bei dieser Farbe muß es sich um eine Grundierung handeln. Es ist unwahrscheinlich, daß die Skulptur ursprünglich rote Haare besessen hat. Viel mehr werden sie gelb oder höchstens in einem Orange gewesen sein. In der antiken Literatur wird seine Haarfarbe auch mit Gold verglichen.
Vergleichbar zum Tiber-Apollon wies auch der Kasseler Apollon erhebliche Schäden auf. Teile der Korkenzieherlocken, der komplette linke Fußballen und drei Zehe vom rechten Fuß waren abgebrochen. Bruchstellen wurden
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geglättet und fehlende Stücke ergänzt. 5 Da die Skulptur Bruchstellen im Bauchbereich, an den Oberschenkeln und an den Armen vorwies, wurden diese Teile mit Hilfe von Eisenstangen zusammengefügt. Der Nachteil dieser Eisenstangen ist allerdings, daß sie mit der Zeit oxidieren. Das Eisen breitet sich also im Marmor aus und droht das Gestein von Innen heraus zu spren- gen. Dieser Vorgang kann sogar beim Kasseler Apollon beobachtet werden. An der Innenseite der rechten Hand beispielsweise befinden sich Rostfle- cken, die sich mit der Zeit noch weiter ausbreiten würden. Um diesem Vor- gang vorzubeugen werden die Eisenstangen durch Stahlstifte ersetzt. Aller- dings muß auch erwähnt werden, daß nicht nur Fehler in den Anfängen der Restauration gemacht wurden, sondern auch in der Neuzeit. Beispielsweise wurde die Figur bei der Lagerung im Zweiten Weltkrieg fälschlicherweise auf Jutesäcken gelagert. Noch heute können auf dem Rücken Abdrücke des Gewebes festgestellt werden.
Daß es sich bei diesen Figuren nicht um griechische Originalskulpturen han- delt, zeigen die Beinstützen an den rechten Beinen dieser Statuen. Der Marmor erfordert eine Verstärkung im Beinbereich, um ein Brechen zu ver- hindern. Dies ist ein typisches Zeichen, daß es sich bei diesen Figuren um römische Kopien bekannter griechischer Bronzestatuen handeln muß. Gliedmaßen und Attribute wurden mit Verbindungsstegen gegen Brüche ge- sichert. Beim Kasseler Apollon weist eine unebene quadratische Bruchstelle außen am rechten Oberschenkel daraufhin, daß bei der Säuberung im 18. Jahrhundert die Verbindungsstege entfernt worden sind. Dies ist ein weiteres Zeichen, daß diese Figuren Kopien sind. Durch diese Schlußfolgerung stellte sich die Frage, welche Epoche von den Römern kopiert worden ist. Es ist wahrscheinlich, daß die meisten Kopien in hadrianischer Zeit herge- stellt wurden. Der Geschmack dieser Zeit neigt zur Reproduktion von früh- klassischen Vorbildern.
Die klassische Kunst der Griechen wird in drei Stilformen unterteilt:
1. Der strenge Stil
2. Die Hohe Klassik
3. Die Späte Klassik
5 Wolfgang Helbig: Führer durch die öffentlichen Sammlungen klassischer Altertümer in Rom, Bd. 2, Tübing 19 , S.
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Britta Heidel, 2002, Protokoll vom 06. Dezember 2001 - Epochale und künstlerische Zuordnung des Tiber- und Kasseler Apollons, Munich, GRIN Publishing GmbH
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