Ludwig-Maximilians-Universität München
Institut für Kommunikationswissenschaften
Sommersemester 2002
Dipl.-Journ. Michael Brüggemann
Proseminar II
„Kommunikation als Beruf“
Thema der Hausarbeit
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Lena Gorelik
2. Semester Diplom-Journalistik
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Gliederung ..................................................................................................................... 3
Einleitung 4
1. Der Ablauf der Geiselnahme von Gladbeck 5
2. Drei Ansätze der Medienethik 6
2.1. Wichtige Definitionen im Zusammenhang mit der Medienethik 6
2.2. Die Individualethik 7
2.3. Die Mediensystem-Ethik 8
2.4. Die Publikumsethik 9
3. Versagen der Ethik in Gladbeck 10
3.1. Fehler in der Arbeit der einzelnen Journalisten 11
3.1.1. Journalisten behindern die Polizei 11
3.1.2. Der Journalist als Akteur 12
3.1.3. Missverständnis der Aktualitätspflicht 12
3.1.4. Journalisten als Handlanger der Geiselnehmer 14
3.2. Mediensystematische Gründe für die Eskalation 14
3.2.1. Ökonomisierung des Mediensystems 14
3.2.2. Technische Entwicklung 15
3.2.3. Das journalistische Berufsverständnis und die Rolle der Redaktionen 16
3.2.4. Besondere Umstände in Gladbeck 16
3.3. Das gierige Publikum 17
Schlussbetrachtung 18
Literaturverzeichnis 19
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„Das Geiseldrama von Gladbeck“ ist zu einem wichtigen Begriff in der Kommunikationsgeschichte geworden. Als Journalist erinnert man sich etwas beschämt, vor allem aber immer fragend und ungläubig daran. Drei Tage lang sorgten zwei Verbrecher für Schlagzeilen in Deutschland: sie überfielen eine Bank, nahmen Menschen als Geiseln und töteten sogar einige von ihnen, bis sie endlich von der Polizei fest genommen wurden. Die deutsche Bevölkerung wusste bestens über die Verfolgungsjagd und die Vorgänge Bescheid – die Journalisten sorgten durch aktuelle Bilder und Interviews Tag und Nacht dafür, dass die Zuschauer und Zeitungsleser über alle Einzelheiten informiert waren. Einige von ihnen nahmen diese Berichterstattungspflicht zu genau.
Drei Tage lang schienen manche Journalisten das Denken und Hinterfragen ausgeschaltet zu haben. Es ging nur noch um Bilder und O-Töne, um Aktualität und Sensation. Und so wurde Opfern die Würde genommen, Geiselnehmer entwickelten sich zu begehrten Gesprächspartnern, und der Polizei war es unmöglich, ihre Arbeit zu machen, weil Reporter überall im Weg waren. Mit anderen Worten, Journalisten haben die Berufsethik komplett ignoriert.
Im Rahmen dieser Arbeit werde ich versuchen, die Ereignisse und Fehlhandlungen von Gladbeck zu analysieren. Ich werde, nach einer Definition der Begriffe „Ethik“ und „Moral“ im Journalismus, drei gängige Ethiktheorien der Kommunikationswissenschaften vorstellen und anschließend versuchen, mithilfe dieser die Gründe für die Eskalation in Gladbeck zu untersuchen. Im Anschluss werde ich aufzeigen, welche Lehren aus den Fehlern von 1988 gezogen wurden.
4
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Am 16. August 1988 begann die Geiselnahme, die später als das Gladbeck-Drama bekannt wurde und Deutschland drei Tage lang in Atem hielt. Kurz vor acht Uhr morgens betreten Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski die Filiale der Deutschen Bank in Gladbeck- Rentford und nehmen die Kundenberaterin Andrea Blecker und den Kassierer Reinhold Alles als Geiseln. Sie fordern von der Polizei 300.000 Mark Lösegeld, einen Fluchtwagen und einen Schlüssel zum Tresor. Bereits zu diesem Zeitpunkt geben sie dem Privatsender Radio FFN ein Telefoninterview. Abends verlassen die Bankräuber mit einem von der Polizei bereit gestellten Auto Gladbeck Richtung Bremen. Vorher holen sie noch Rösners Freundin Marion Löblich ab.
Am folgenden Tag bringen die Bankräuber in Bremen-Huckelriede einen vollbesetzten Linienbus in ihre Gewalt. Sie lassen – sehr zum Ärger der Polizei – auch Journalisten in den Bus. Mit den Geiseln an Bord fahren sie gefolgt von Presseautos auf die Autobahn Richtung Rasstätte Grundbergsee. Dort nimmt die Polizei Marion Löblich fest. Aus Wut darüber erschießt Degowski den 15-jährigen Emanuele de Georgi. Löblich wird daraufhin wieder frei gelassen.
In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag fahren die Bankräuber über die niederländische Grenze. Bei der Verfolgung kommt ein Polizist ums Leben. In Holland steigen die Täter in ein neues, von der Polizei bereit gestelltes Auto um. Mit den Bremerinnen Silke Bischoff und Ines Voitele als Geiseln fahren sie Richtung Köln. Dort geben sie, mitten in der Fußgängerzone, den sie umstellenden Reportern Interviews. Laut der Polizei bieten die Journalisten den Geiselnehmern sogar Hilfe an. „ Braucht ihr etwas? Vielleicht Handschellen?“ , sollen die Reporter gefragt haben. Ein Journalist (damaliger stellvertretender Chefredakteur des Kölner „ Express“ ) steigt ins Fluchtauto und fährt ein Stück mit den Geiselnehmern mit. Am nächsten Tag erscheint eine mehrseitige Bildserie über seine „ Erfahrungen“ im Gangsterauto im Kölner Expresse. Auf der Autobahn bei Bad Honnef greift die Polzeit mit einem Spezialkommando die Täter an. Bei der Schießerei wird die 18-jährige Silke Bischoff getötet. Rösner, Degowski und Löblich werden schließlich fest genommen.
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Am 22. März 1991 werden Degowski und Rösner vom Landgericht Essen zur lebenslanger Haft verurteilt, Löblich muss für neun Jahre ins Gefängnis. 1
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Genauso wie es eine Ethik in der Medizin, der Juristerei und der Biologie gibt, existiert auch eine Ethik des Journalismus. Im Grundgesetz ist zwar die Pressefreiheit festgeschrieben, doch auch dieser sind moralische Grenzen gesetzt. Wo diese Grenzen liegen, wer die Verantwortung für deren Einhaltung trägt, inwiefern das Publikum mitzuständig ist - das sind Fragen, mit denen sich die Medienethik auseinandersetzt. In gewisser Weise wird mit Hilfe dieser Teildisziplin der Kommunikationswissenschaft versucht, die Funktion der Massenmedien in der Gesellschaft zu klären. 2 In den vergangenen Jahren gewann das Thema immer mehr an Bedeutung. Drei verschiedene Ansätze haben sich dabei besonders durchgesetzt, die sich aber nach Kunzcik/Zipfel auch ergänzen können. 3
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Der Begriff Moral stammt aus dem lateinischen Wort „ mos“ und bedeutet ursprünglich Gewohnheit, Sitte und Brauch. Moral wird definiert als ein „ uns anerzogenes Werte-, Sitten- und innere Normengeflecht, auf dessen Basis wir täglich bewusst oder unbewusst unsere Handlungen vollziehen“ . 4 Moral bezieht sich auf die Ansprüche und Verhaltensnormen, mit denen der einzelne konfrontiert ist. 5
Der Begriff Ethik wird aus dem griechischen Wort „ ethos“ abgeleitet, was „ Sitte“ bedeutet. „ “ Ethik“ ist jener Zweig der Philosophie, der sittliches Empfinden beschreiben und erklären sowie Kriterien und Maßstäbe für gutes und gerechtes Handeln aufzustellen sucht.“ 6 Sie ist auch ein „ Nachdenken über unsere (moralisch bedingten und moralisch zu bewertenden) Handlungen“ . 7 „ Mit Moral bezeichnen wir eine Gesamtheit der Wertungen, Ideale, Tugenden 1 Vgl. Zusammenfassung der Ereignisse durch die Nachrichtenagentur AFP „ Die 54 Stunden der Geiselnahme von Gladbeck“ und die Rheinzeitung „ Die 54 Stunden des Schreckens“ 2 Vgl. Kunzcik/Zipfel, 2001, S. 198 3 ebd., S. 201 4 Pürer, 2002, S. 45f 5 Vgl. Kunzcik/Zipfel, 2001, S. 198 6 Kunzcik/Zipfel, 2001, S. 198 7 Pürer, 2002, S. 46
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Quote paper:
Lena Gorelik, 2002, Das Geiseldrama von Gladbeck - wie die journalistische Ethik versagte. Eine Analyse anhand von drei Ethiktheorien, Munich, GRIN Publishing GmbH
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