Der Ausdruck von Definitheit
am Beispiel einiger Sprachen des europäischen Nordens –
kontrastiv zum Deutschen
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Germanistisches Seminars Schriftliche Hausarbeit im Rahmen des Zertifikats "Deutsch als Fremdsprache" Übung ”Deutsche Grammatik im Sprachvergleich” Wintersemester 1996/97
Eingereicht von Klaus Geyer
1 Zu dieser Arbeit .............................................................................................................................
2 Theoretische Überlegungen zum Begriff der Definitheit .............................................................. 2.1 Definitheit in der Logik .......................................................................................................... 2.2 Definitheit in der Sprache....................................................................................................... 2.2.1 Definitheit und Pragmatik ............................................................................................... 2.2.2 Verstöße gegen die logische Definitheit.......................................................................... 2.3 Arten sprachlicher Definitheit ................................................................................................ 2.3.1 Der anaphorische Gebrauch............................................................................................. 2.3.2 Der assoziativ-anaphorische Gebrauch ........................................................................... 2.3.3 Der unmittelbar-situative Gebrauch ................................................................................ 2.3.4 Der abstrakt-situative Gebrauch ...................................................................................... 2.4 Arten von Determinantien ...................................................................................................... 2.5 Generischer Gebrauch des bestimmten Artikels .................................................................... 2.6 Besonderheiten im Gebrauch des bestimmten Artikels.......................................................... 2.6.1 Problemstellung............................................................................................................... 2.6.2 Ausgewählte Beispiele ....................................................................................................
3 Der Ausdruck von Definitheit im Sprachvergleich ....................................................................... 3.1 Schwedisch ............................................................................................................................. 3.2 Isländisch................................................................................................................................ 3.3 Finnisch .................................................................................................................................. 3.4 Westgrönländisch ................................................................................................................... 4 Konsequenzen für den DaF-Unterricht..........................................................................................
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, einen Überblick darüber zu geben, wie Definitheit ausgedrückt wird. In erster Annäherung läßt sich sagen, daß es sich bei Definitheit um diejenige sprachliche Kategorie handelt, die im Deutschen durch den bestimmten Artikel ausgedrückt wird. Was für den Muttersprachler eine Selbstverständlichkeit zu sein scheint, kann dem Deutschlerner große Schwierigkeiten bereiten. Deshalb habe ich das Deutsche mit vier Sprachen aus den Nordischen Ländern - dem Schwedischen, Isländischen, Finnischen und dem Westgrönländischen - verglichen, in denen Definitheit ganz anders enkodiert wird als im Deutschen und in den gängigen schulischen Fremdsprachen Englisch und Französisch. Gleichsam spiegelverkehrt sollen die Probleme, die ein deutscher Muttersprachler mit solchen fremden Sprachstrukturen hat, die Schwierigkeiten wiedergeben, die für andere beim Erwerb des
- nun keineswegs selbstverständlichen! - deutschen Systems auftreten können. Diese kontrastive Untersuchung des Ausdrucks von Definitheit ist der Inhalt von Abschnitt 3, dem zweiten Hauptabschnitt der Arbeit.
Der Analyse der konkreten Sprachdaten zur Definitheit habe ich mit Abschnitt 2 als erstem Hauptabschnitt einige notwendige theoretische Überlegungen zur Definitheit vorangestellt. Der abschließende Abschnitt 4 bietet dann einen Ausblick darauf, welche Konsequenzen aus den gewonnenen Erkenntnissen für den DaF-Unterricht gezogen werden können.
Die Konzepte von Definitheit - oder mit einem anderen Terminus: Determiniertheit - sind in der Literatur sehr zahlreich, und sie weichen zum Teil auch stark voneinander ab. Einen guten allgemeinen Überblick hierzu gibt Hauenschild 1993:988-990. Eine kleine Arbeit wie die meine, die zudem sehr stark an konkreten Sprachbeispielen ausgerichtet ist, kann es unmöglich leisten, die verschiedenen Konzepte eingehend oder auch nur in groben Zügen zu analysieren, dann zu vergleichen, und schließlich zu einer umfassenden Definition von Definitheit zu gelangen. Der vorliegenden Arbeit liegt das wohl gängigste Konzept von Definitheit zu Grunde, das von Hawkins 1978 zuerst für das Englische entwickelt wurde. Bußmann 1990 stützt sich in ihrer Definition auf Hawkins, und auch Hauenschild 1993 nennt in ihrer Übersicht zur Definition von Definitheit zuerst Hawkins. Vater 1984 hat Hawkins’ Konzept auf das Deutsche übertragen, wie in Abschnitt 2.3 ausführlicher gezeigt wird.
Ich werde mich darauf beschränken, die wichtigsten Charakteristika von Definitheit aufzuzeigen und zu versuchen, Definitheit von anderen sprachlichen Phänomenen abzugrenzen, die in ähnlicher Umgebung vorkommen und mit Definitheit verwechselt werden könnten. 'HILQLWKHLWLQGHU/RJLN
Der Terminus ” Definitheit” stammt ursprünglich aus der Logik. Dort bedeutet er die Bestimmung eines Individuums durch eine nur ihm zukommende Eigenschaft 1 . Hierin liegt in der Logik der Unterschied zwischen Eigennamen, die der bloßen Identifikation eines Individuums dienen, und sog. definiten Kennzeichnungen, die die Identifikation ” aufgrund einer Eigenschaft, die diesem Individuum zukommt bzw. einer Relation, in der dieses Individuum steht” , vornehmen (Vater 1984:32). Eine solche definite Kennzeichnung kann z.B. ein Possessivum sein wie in (1):
0HLQH7RFKWHU geht in den Kindergarten.
Satz (1) hat zwei Präsuppositionen: er setzt zum einen voraus, daß der Referent der definiten Kennzeichnung tatsächlich existiert (Existenzpräsupposition), und zum anderen, daß es nur einen Referenten hierfür gibt bzw. daß nur ein Referent in Frage kommt (Unikalitätspräsupposition). Nur wenn ich tatsächlich eine Tochter habe, und nur wenn ich nur éine Tochter habe, kann ich (1) sinnvoll äußern (Wahrheitswert). Wenn ich gar keine oder drei Töchter habe, wäre es unsinnig, (1) zu äußern, wobei der Satz dann weder wahr noch falsch ist, sondern eben sinnlos.
'HILQLWKHLWLQGHU6SUDFKH
Die Sprachwissenschaft hat den Terminus ” Definitheit” aus der Logik entlehnt und ist in ihrem Verständnis von Definitheit deutlich von der Logik beeinflußt. Aber zwischen logischer und sprachlicher Definitheit bestehen wesentliche Unterschiede. So ist für die sprachliche Definitheit nicht die Identifikation durch eine bestimmte, einmalige Eigenschaft entscheidend, und auch die Existenz- und Unikalitätspräsupposition sind nicht bindend, wie in den folgenden beiden Abschnitten gezeigt wird.
2.2.1 Definitheit und Pragmatik
Definite Kennzeichnungen im linguistischen Sinne sind im Bereich der Pragmatik wirksam. Sie sind eigentlich eine ” Suchanweisung” , die der Sprecher dem Hörer 2 gibt: eine definite
1
vgl. Allwood et al. 1973:89f.
2 ” Sprecher” und ” Hörer” schließen hier wir im folgenden stets auch ” Schreiber” und ” Leser” mit ein.
Kennzeichnung - im Deutschen den bestimmten Artikel GHU, das Possessivum PHLQ und die Demonstrativa (GLHVHU, MHQHU, u.a.) - verwendet der Sprecher dann, wenn er davon ausgeht, daß
der Hörer den Referenten kennt, z.B. weil er zuvor Thema des Gesprächs war oder weil der Referent als Gegenstand in der Gesprächssituation sichtbar ist und auf ihn gezeigt werden kann. Definitheit ist also nicht gleichzusetzen mit ” bekannter Information” (und Nicht-Definitheit mit ” neuer Information” ). 3 Auch wenn diese beiden Kategorien oft übereinstimmen und der definit gekennzeichnete Ausdruck tatsächlich die ” bekannte Information” im Satz enthält, kommt auch der andere Fall vor, vgl. Satz (2), in dem ein Referent, auf den in der Situation sogar gezeigt werden kann, definit ist und trotzdem neue Information enthält:
Und plötzlich kam sie durch GLHVH7U herein.
Nach Chafe kann die Identifizierbarkeit in drei Teilaspekten beschrieben werden (1996:38):
” First, and most importantly, the speaker judges that knowledge of the referent in question is al- ready shared with the listener. [...] A second component of identifiability is the speaker’s choice of language that will categorize the referent narrowly enough to reduce all the referents the speaker and listener may share to just those that are instances of the chosen category. [...] the speaker uses sufficiently identifying language. Third and finally, since it is likely that other shared referents could be categorized in the same way, the speaker must also judge that this particular referent is the most salient instance for the category within the context at hand.”
Auf die erste und wichtigste Komponente bei Chafe wurde bereits eingegangen. Die zweite Komponente könnte man auch, etwas vereinfacht, als die Wahl des richtigen Appellativums durch den Sprecher umschreiben, während als drittes die Wahl des passenden Determinans notwendig ist.
2.2.2 Verstöße gegen die logische Definitheit
Durch die definite Kennzeichnung wird der Referent in der Menge der möglichen Referenten lokalisierbar = identifizierbar gemacht. Daß es dabei nicht - wie in der Logik - auf die eindeutig individualisierende Eigenschaft ankommt, zeigt am einfachsten das Vorkommen von definiten
Die Existenz eines Referenten ist für eine definite Kennzeichnung zwar logische, nicht aber sprachliche Voraussetzung. Abgesehen von Gesprächen über Einhörner und fliegende Untertassen sind v.a. Sätze wie (3) interessant (= Vater 1984:34, Satz 26):
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Dr. Klaus Geyer, 1997, Der Ausdruck von Definitheit - am Beispiel einiger Sprachen des europäischen Nordens (kontrastiv zum Deutschen), Munich, GRIN Publishing GmbH
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