2
Gliederung
A Der Begriff der Kaufsucht 3
B Die Kaufsucht als ein relativ neues Phänomen 4
I Inhaltliche Darstellung der Kaufsucht 5
1. Definition und Phänomenologie 5
2. Ursachen des Kaufens 6
3. Epidemiologie in den alten und neuen Bundesländern 7 8
4. Funktion des Kaufens 9
II Unterschied zu Sucht und Zwang 10
1. Merkmale einer Sucht (Abhängigkeitssyndrom) 10 11
2. Merkmale einer Zwangsstörung 11 - 13
III
Komorbidität 14
Substanzstörung Angst Depression
1. Substanzstörung 14 15
2. Angst 15 16
3. Depression 16
IV Praxisumsetzung im Bereich Sozialpädagogik
Methoden des Sozialarbeiters- 17
1. Soziale Einzelfallhilfe 17 18
2. Soziale Gruppenarbeit 19 20
V Präventionsmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche 21
1. Jugendämter 21 22
2. Werbung und Erziehung 22 23
C Zusammenfassung und Ausblick 24
3
A. Der „Begriff“ der Kaufsucht
Die Kaufsucht ist unter den psychischen Störungen ein noch sehr neues und rela- tiv unerforschtes Phänomen. Deutlich wird dies bereits an seiner Begrifflichkeit. Die Kaufsucht erscheint als klassifizierte Sucht in keinem der beiden bedeutends- ten Nachschlagewerke für psychische Störungen - weder in der aktuellen Ausgabe von ICD (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) noch in DSM (Diagnostisches und Statistisches Manual psychischer Störungen).
Der Begriff „Kaufsucht“ ist kein wissenschaftlich fundierter Begriff. Neben ihm bestehen Bezeichnungen, wie krankhafter Kauftrieb oder Oniomanie 1 ; Kauf- zwang, Kaufwut, krankhafte Kauflust, krankhafte Kaufsucht, triebhafte Kauf- sucht, anfallsweises Einkaufen oder sogar Kaufrausch 2 .
Mit letzterem verbinden wohl die wenigsten von uns eine ernst zu nehmende Krankheit, wie auch der Artikel aus „Der Spiegel“ vom 28. Juni 2006 mit seinem Slogan „Die Deutschen sind im Kaufrausch“ 3 erkennen lässt.
Was hier lapidar klingen mag, wird im Folgenden näher erklärt.
Nachfolgende Seiten handeln von der „Krankheit“ „Kaufsucht“ an sich, von deren Verbreitung in unserer Gesellschaft und ihren Komorbiditäten, sowie von den präventiven Methoden, die die Sozialarbeit bereits im Kindes- und Jugendalter einsetzen kann, um diesem Problem zu begegnen.
1 Lexikon der Psychologie; Band 2; von Arnold, Eysenck, Meili; Verlag: Herder
2 http://www.psychosoziale-gesundheit.net/psychiatrie/kaufzwang.html; Stand : 02.10.2006; Ver-
antwortlicher: Prof. Dr. med. Volker Faust
3 http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,424093,00.html; Stand : 02.10.2006; Verantwortli-
che: Anne Seith
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B. Die Kaufsucht als ein relativ neues Phänomen
Das erst Ende der 80er Jahre 4 in das Zentrum wissenschaftlicher Studien gelangte Störungsbild sorgt bereits bei der Begriffsbestimmung für Verwirrung.
Daher werde ich im Folgenden sowohl die englischen Bezeichnungen „excessi- ve buying“ (Dittmar & Drury, 2000) und „compulsive buying“ (Faber & O´Guinn 1989, Kuzma & Black 2004 McElroy, Keck, Pope, Smith & Strakowski 1994), sowie den Begriff „pathologisches Kaufen“ der Forscher Müller und de Zwaan (2004) ablehnen und mich der mehrheitlichen deutschen Bezeichnung „Kaufsucht“ von Scherhorn, Reisch und Raab (2001), Poppelreuter & Gross (2000) und Grüsser, Thalemann & Alberecht (2004) anschließen.
4 „Verhaltenssucht –Diagnostik, Therap ie, Forschung“; Grüsser/Thalemann; Verlag: Huber; 2006;
S. 81
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I. Inhaltliche Darstellung der Kaufsucht
1. Definition und Phänomenologie
Das Störungsbild „Kaufsucht“ wird von Grüsser und Thalemann definiert als „…wiederholt auftretendes, impulsives und exzessives Kaufen von Dingen, die nicht unbedingt gebraucht werden“ 5 , mit dem Ziel seinen Kaufdrang zu befriedigen.
Weitere Merkmale der Kaufsucht sind:
o innerer Druck, der erst beim Kauf der Ware endet o vergebliche Versuche, dem Kaufimpuls zu widerstehen o kurzzeitiges Gefühl der Entlastung oder Glücksgefühl 6
Bei Kaufsüchtigen besitzt jedoch nicht, wie vielleicht anzunehmen, die gekaufte Ware, sondern stets der Kaufakt an sich Suchtpotential. Gekauft werden nicht (nur) Gegenstände, die tatsächlich gebraucht werden.
Jedoch ist mit zunehmender Abhängigkeit ein Kaufmuster nicht selten, um die Störung unter anderem vor den Familienmitgliedern, Freunden etc. zu verschlei- ern; ähnlich wie bei den bekannteren Verhaltenssüchten z. B. der Essstörung. Die Möglichkeiten solch einer Verschleierung reichen von Gründen, wie dem Gefühl Geld gespart zu haben bis hin zu dem Gedanken, somit seine Unabhängigkeit zu beweisen, da das Geld beispielsweise selbst verdient und somit auch der Verwen- dungszweck frei wählbar ist.
Oftmals spezialisieren sich Betroffene auf Lebensmittel, Schnäppchen 7 oder Kosmetika. Eben Artikel, die im alltäglichen Leben auch gebraucht werden könn- ten und bei denen ein Übermaß nur langsam deutlich wird. Auch werden die Einkäufe nach Erwerb entsorgt oder verschenkt, da der Kauf- süchtige „keinerlei emotionale Bindung an die gekauften Dinge“ 8 empfindet.
5 „Verhaltenssucht –Diagnostik, Therap ie, Forschung“; Grüsser/Thalemann; Verlag: Huber; 2006; S. 81 6 „Verhaltenssucht –Diagnostik, Therap ie, Forschung“; Grüsser/Thalemann; Verlag: Huber; 2006; S. 82 7 „Verhaltenssucht –Diagnostik, Therap ie, Forschung“; Grüsser/Thalemann; Verlag: Huber; 2006; S. 88 8 „Verhaltenssucht –Diagnostik, Therap ie, Forschung“; Grüsser/Thalemann; Verlag: Huber; 2006; S. 92
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2. Ursachen des Kaufens
Hinter der Kaufsucht können sich eine Vielzahl unterschiedlicher Ursachen ver- bergen; Beispielsweise „…Ängste, Depressionen, innere Leere, geringes Selbst- wertgefühl…“ 9 . Das Kaufen dient als Versuch, „…diese Gefühle in den Griff zu bekommen…“ 10 .
“Die Wurzeln für das Suchtverhalten liegen in der Kindheit…“ 11 und reichen von „…Mangel an Zuwendung und Anerkennung […]“bis hin zu „…Mangel an Liebe und Geborgenheit.“ 12 Das heißt Betroffenen wurde nur Zuwendung der Eltern geschenkt, wenn sie et- was dafür geleistet haben. Die unerfüllte Sehnsucht stand im Mittelpunkt und be- steht weiter im Erwachsenenleben. „Sie haben erlebt, dass sie als Person nicht wichtig sind.“ 13 Ein gesundes Selbstwertgefühl, das unabhängig ist von Besitz, konnte also nie entwickelt werden.
Auch die materielle Entbehrung im Kindesalter ist häufig eine Ursache für die Entstehung der Kaufsucht. Dieses Mangelempfinden an Zuwendung wird durch das Kaufen zu kompensieren versucht.
„Kaufsuchtkranke haben nicht gelernt, sich mit Konflikten auseinanderzusetzen. Probleme in der Familie, Sorgen um den Arbeitsplatz oder Einsamkeit werden mit Kaufen verdrängt.“ 14
9 http://www.palverlag.de/Kaufsucht.html; Verantwortlicher: Dr. Rolf Merkle; Stand: 15. 09. 2006 10 http://www.palverlag.de/Kaufsucht.html; Verantwortlicher: Dr. Rolf Merkle; Stand: 15. 09.
2006
11 http://www.palverlag.de/Kaufsucht.html; Verantwortlicher: Dr. Rolf Merkle; Stand: 15. 09. 2006 12 http://www.palverlag.de/Kaufsucht.html; Verantwortlicher: Dr. Rolf Merkle; Stand: 15. 09. 2006 13 http://www.palverlag.de/Kaufsucht.html; Verantwortlicher: Dr. Rolf Merkle; Stand: 15. 09. 2006 14 http://www.palverlag.de/Kaufsucht.html; Verantwortlicher: Dr. Rolf Merkle; Stand: 15. 09. 2006
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3. Epidemiologie in den alten und neuen Bundesländern
Die bisher aufwendigste Studie wurde zur Epidemiologie der Kaufsucht wurde 1991 von Scherhorn, Reisch und Raab durchgeführt. Diese ergab in der ersten Durchführung eine Betroffenenquote von ca. 1% in den neuen Bundesländern und etwa 5% in den alten Bundesländern.
In einer Wiederholungsstudie im Jahr 2001 stellen die Forscher eine Erhöhung der Quote auf 6,5% in den neuen und 8% in den alten Bundesländern fest. 15
Von den 5% im Jahr 1990 waren 60% Frauen und 40% Männer 16 , was der Kauf- sucht als einer typisch weiblichen Sucht widerspricht.
Noch geschlechtsunspezifischer erscheint das Störungsbild nach einer aktuellen Studie von Lorrin Koran an der Stanford-Universität zu sein. Aus einer Testgrup- pe von 2500 Amerikanern und Amerikanerinnen ergab sich ein Prozentwert von 5,5% aller Männer und 6% aller Frauen, die als krankhafte Konsumenten zu be- zeichnen sind. 17
Im Gegensatz zu Männern, die vor allem Dinge kaufen, „die ihre persönliche I- dentität betreffen“ (z. B. Dinge mit einzigartigen Eigenschaften oder Werten), bevorzugen Frauen den Kauf von Gegenständen, die den „sozialen Standard und die Gruppenzugehörigkeit betonen“ 18 , wie etwa Schmuck oder Kosmetika.
Erschreckend sind auch die Ergebnisse des Forschers Lange, der bei Einsatz der selben Analyse-Skala die Kaufsuchtgefährdung Jugendlicher aufzeigt. Im Westen findet er 1996 bei Jugendlichen (zwischen 15 und 20 Jahren) etwa 6%, die als kaufsüchtig zu bezeichnen sind und weitere 12%, die als kompensatorisch kaufend einzustufen sind. 19 US-amerikanische Forschungsergebnisse decken sich mit den Studien von Prof. Dr. Raab, „…die davon ausgehen, dass etwa zehn Prozent der Jugendlichen eine Tendenz zu süchtigem Kaufverhalten haben.“ 20
15 „Verhaltenssucht –Diagnostik, Therap ie, Forschung“; Grüsser/Thalemann; Verlag: Huber; 2006; S. 83 16 http://www.landesstelle-berlin.de/e349/e481/e3417/e3418/e3493/index_ger.html; Verantwortli- che: Renate Otte-Hoch; Stand: 15. 09. 2006 17 „Der Spiegel“ Nr. 41/9.10.06; S.73 18 „Verhaltenssucht –Diagnostik, Therap ie, Forschung“; Grüsser/Thalemann; Verlag: Huber; 2006; S. 84 19 „Wenn Konsum zum Problem wird – Kaufsucht“; Marlène Wyss-Gygi, 2003; Ver- lag: Edition Soziothek, Bern; S. 23
Arbeit zitieren:
Monika Schattenkirchner, 2006, Kaufsucht, München, GRIN Verlag GmbH
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