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Inhalt
1 Einleitung. 4
2 Grundlagen. 6
2.1 Quellenlage. 6
2.2 Politik in der athenischen Demokratie. 10
2.3 Das athenische Gerichtswesen. 13
3 Biographie. 15
3.1 Die Familie. 15
3.2 Der junge Alkibiades 16
3.2.1 Kindheit 16
3.2.2 Jugend. 19
3.3 Der Stratege Alkibiades. 22
3.3.1 Der Kampf um Sizilien. 22
3.3.2 Flucht nach Sparta. 28
3.3.3 Der Krieg in Ionien. 28
3.3.4 Flucht nach Persien. 30
3.3.5 Rückkehr zur Flotte. 31
3.3.6 Rückkehr nach Athen. 34
3.3.7 Das letzte Exil. 37
4 Die Politik des Alkibiades. 39
4.1 Engagement für Sizilien. 39
4.1.1 Der Auslöser des Krieges gegen Sizilien. 39
4.1.2 Der Aufstieg an die Spitze der Kriegspartei. 41
4.1.3 Die Stimmung der Bevölkerung. 49
4.1.4 Nutzen für Athen. 50
4.1.5 Persönliche Umstände und Motivation. 52
4.1.6 Zusammenfassung. 54
4.2 Verbannung und Flucht nach Sparta. 55
4.2.1 Politische Umstände. 55
4.2.2 Möglichkeiten der Agitation nach Ankunft der Salaminia. 61
4.2.3 Zusammenfassung. 64
4.3 Persönliches Eingreifen in den Krieg in Ionien. 65
4.3.1 Grundlagen für das Eingreifen 65
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4.3.2 Persönliche Umstände und Motivation. 69
4.3.3 Zusammenfassung. 71
4.4 Alkibiades als Berater des Tissaphernes. 72
4.4.1 Politische Grundlagen. 72
4.4.2 Persönliche Motivation für die Annäherung an Tissaphernes. 75
4.4.3 Zusammenfassung. 77
4.5 Die Rückkehr als Feldherr zur Flotte. 77
4.5.1 Politische Voraussetzungen. 77
4.5.2 Reaktion auf den Umsturz der 400. 84
4.5.3 Zusammenfassung. 85
5 Schlussbemerkung. 88
6 Anhang. 91
6.1 Zeittafel zum Leben des Alkibiades. 91
6.2 Quellenverzeichnis. 92
6.3 Literaturverzeichnis. 93
6.4 Abkürzungsverzeichnis. 94
6.4.1 Allgemeine Abkürzungen. 94
6.4.2 Abkürzungen antiker Autorennamen und Werktitel 95
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1 Einleitung
Es gibt sicher keine antike Persönlichkeit die mehr polarisierte, als Alkibiades. Damals wie heute gibt es wohl kaum jemanden, der sich mit Alkibiades beschäftigt hat, dem dieser völlig egal wäre. Man hasste ihn oder man liebte ihn. Diese Polarisation lässt sich selbst heute noch in der modernen Forschungsliteratur wiederfinden. So versuchen Einige den Untergang der athenischen Demokratie mit seiner skrupellosen, Menschen verachtenden und un-moralischen Vorgehensweise zu erklären. Andere wiederum folgen eher der These des Thukydides und gehen davon aus, dass vielmehr das Volk, dass seine Individualität, seine extravagante Lebensweise und seine hochgesteckten Ziele nicht ertragen konnte und ihn mehrfach verdammte, letztendlich die Verantwortung für den Niedergang der Stadt hatte, und dass Alkibiades, hätte er nur die Chance bekommen, all das hätte verhindern können. Die vorliegende Magisterarbeit analysiert die politische Vorgehensweise des Alkibiades. Diese Analyse scheint, auf Grund der umfangreichen Literatur zu diesem Thema, wenig nützlich zu sein. Dennoch glaube ich, dass eine andere Herangehensweise, trotz der vielen Arbeiten, die sich mit dem Leben des Alkibiades, seiner Politik und den Umständen des Peloponnesischen Krieges befasst haben, durchaus Sinn macht. Ich halte es für durchaus notwendig die politischen Entscheidungen des Alkibiades, mit Blick auf seine Person, seinen Charakter und seine Lebensumstände, erneut zu untersuchen. Besonders seine persönliche Motivation findet häufig, wenn überhaupt, nur oberflächliche Beachtung. Folgende Fragen sind daher mit dieser Arbeit zu beantworten: 1. In welcher Weise betrieb Alkibiades Politik?
2. Welche persönlichen Ambitionen beeinflussten Alkibiades' politische Entscheidungen? 3. In wie weit waren seine politischen Entscheidungen sachgemäß? 4. War letztendlich seine persönliche Ambition oder seine sachgemäße Einschätzung der Lage, maßgeblich für seine politischen Entscheidungen?
Zuerst sind einige Grundlagen zu klären. Die Quellenlage ist dabei sicherlich besonders zu beachten. Dabei ist zu klären, welche Quellen überhaupt zum Leben des Alkibiades und zu seiner Politik zur Verfügung stehen und inwieweit diese Quellen glaubhaft und objektiv sind. Danach werden wir uns den politischen Alltag und das athenische Gerichtswesen etwas näher ansehen müssen. Allerdings wird sich diese Analyse auf die Punkte beschränken, die tatsächlich für das hier bearbeitete Thema relevant sind. Vor allem das Amt des Strategen und dessen Stellung im Staat und der Aufbau, sowie die Entscheidungsgrundla- gen der athenischen Gerichte, sind für die Politik des Alkibiades von wesentlicher Bedeu-
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tung. Im darauf folgenden Kapitel werden wir uns mit der Person des Alkibiades beschäftigen müssen. Vor allem die familiäre Situation, seine Abstammung und nicht zuletzt sein Charakter, geben uns einen wichtigen Einblick in seine Entscheidungsgrundlagen. Die darauf folgende Zusammenfassung seines Lebens dient lediglich dazu, seine politische Entscheidungen im Zusammenhang der Ereignisse zu sehen, weitere Eindrücke zu seinem Charakter zu bekommen und nicht zuletzt dazu, sein Verhalten als Stratege beurteilen zu können, da dies ansonsten nicht im Focus dieser Untersuchung steht. So entsteht ein Eindruck seiner Persönlichkeit, der für die eigentliche Untersuchung seiner politischen Entscheidungen wesentlich ist. Die Biographie habe ich, aus Platzgründen, versucht so kurz wie möglich zu halten. Daher werden die Ereignisse, nur an einigen Stellen, an denen es unbedingt notwendig wird, durch andere Quellen ergänzt bzw. kritisch hinterfragt. Hauptsächlich werde ich aber in diesem Teil dem Gedankengang des Thukydides bzw. Xenophon folgen.
Im eigentlichen Hauptteil dieser Arbeit werden wir einige politische Entscheidungen, die Alkibiades in seinem Leben zu treffen hatte, genauer betrachten. Wir werden uns dabei auf fünf Entscheidungen beschränken müssen. Die ausgewählten Entscheidungen sind m. E. besonders aussagekräftig für seinen Charakter, aber auch entscheidend für den weiteren Verlauf des Krieges und den Gang der Geschichte überhaupt. Im Einzelnen werde ich folgende Punkte darlegen: Die Entscheidung sich aktiv für ein Eingreifen in den Konflikt in Sizilien einzusetzen, die letztendlich zu einer dramatischen Schwächung der politischen und strategischen Situation Athens führte. Inwieweit Alkibiades für diese Schwächung ver-antwortlich war ist zu zeigen. Der nächste Punkt ist seine Verbannung und die daraus resultierende Entscheidung nicht direkt, mit Hilfe der Flotte, gegen seine Feinde in Athen vorzugehen, sondern einen Konflikt, durch seine Flucht nach Sparta, zu umgehen. Danach müssen wir uns mit Alkibiades' persönlichem Eingreifen in den Krieg in Ionien beschäftigen und inwieweit dieses Eingreifen zu rechtfertigen ist. Aus dieser Entscheidung und seinem Verhalten gegenüber den Spartanern resultiert ein weiterer wichtiger Schritt in seinem Leben. Der Wunsch politischen Einfluss auf den Satrapen Tissaphernes zu nehmen. Zuletzt werden wir uns mit seiner Rückkehr zur Flotte und der vermeintlich wichtigsten politischen Entscheidung seines Lebens befassen. Die Entscheidung, nicht gegen die, durch den Umsturz von 411 an die Macht gekommenen Oligarchen zu fahren, sondern sich zuerst auf eine Fortsetzung des Krieges in Ionien zu konzentrieren.
Die abschließend beigefügten Zeittafel, soll die Gelegenheit geben, die Ereignisse chrono- logisch einordnen zu können, da dies im Textfluss nicht immer gewährleistet werden kann.
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2 Grundlagen
2.1 Quellenlage
Das Leben und die Taten des Alkibiades fanden schon in der Antike großes Interesse. Auch wenn die meisten antiken Zeugnisse im Verlauf der Jahrtausende verschwunden sind, so steht uns auch heute noch eine große Auswahl antiker Quellen zur Verfügung. Bedeutend mehr, als über das Leben des Alkibiades selbst, wissen wir von den Geschehnissen seiner Zeit. Er wurde in eine Epoche geboren, in der fast alle bedeutenden Schriftsteller, Komödiendichter, Philosophen und Politiker lebten, die noch heute unser Bild von der griechischen Kultur in der Antike prägen. Zu diesem erlesenen Kreis, der sich zu dieser Zeit in Athen bzw. im kulturellen Einzugsbereichs Athens befand, gehörten Perikles, Thukydides, Sokrates, Antiphon, Aristophanes, Euripides und nicht zuletzt Platon.
Als bedeutendster griechischer Historiker dieser Zeit, ist sicherlich Thukydides zu sehen. Das genaue Datum der Geburt ist nicht bekannt, aber man kann davon ausgehen, dass er um das Jahr 455 geboren wurde. Er war also nur wenige Jahre älter als Alkibiades und somit dessen direkter Zeitgenosse. Thukydides gehörte einer aristokratischen Familie an und verkehrte damit in den selben Kreisen, wie Alkibiades. Man kann sicher davon ausgehen, dass er den jungen Alkmaioniden persönlich gekannt hat und auch dessen Umfeld genau kannte. I. J. 425 wurde Thukydides zum Strategen gewählt und hatte dementsprechend einen guten Einblick in den politischen Alltag in Athen. Auch sein Überblick, über Fragen der Außenpolitik und der athenischen Kriegsführung, muss, dem Amt des Strategen entsprechend, gut gewesen sein. Seine historische Tätigkeit began Thukydides i. J, 431. Nur wenige Jahre später, i. J. 422, wurde er, durch Ostrakismos, aus der Stadt verbannt. Nach Athen zurückkehren konnte er erst im Rahmen der allg. Amnestie i. J. 404. 1 Sein Werk umfasst eine fast komplette Beschreibung des peloponnesischen Krieges, die jedoch i. J. 411 unvermittelt abbricht. Man kann davon ausgehen, dass ihn, vor Fertigstellung, der Tod ereilte. Die Bedeutung und die Qualität des Geschichtswerks des Thukydides, lässt sich besonders gut an dem Abbruch desselben zeigen. Denn durch diesen plötzlichen Abbruch „bleibt nicht nur ein wirkliches Verständnis der Jahre 411 bis 404 verschlossen. Vielmehr verstärkt der scharfe Kontrast zwischen der reichen Erzählung des Thukydides und dem eher dürftigen historiographischen Material, das für die folgende Zeit des Peloponnesi-
1 Vgl. Breitenbach, Hans Rudolf, s. v. Thukydides, in: DKlP 5 (1979), S. 792f.
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schen Kriegs zur Verfügung steht,“ 2 den Eindruck von der Überlegenheit der historischen Fähigkeiten des Thukydides. So herrscht auch in der modernen Forschung weitgehend ein Konsens darüber, dass Thukydides der erste Mensch war, „der im eigentlichen Sinne historisch dachte, er ist auch der erste, der den bleibenden Wert vergangener Ereignisse erkannte und auf die Möglichkeit ihres Nutzens für kommende Generationen hinwies.“ 3 Aber es gibt auch Kritik an Thukydides. Vor allem das Fehlen einer Kulturgeschichte und die Konzentration auf die Militärgeschichte steht in der Diskussion. „Die Konzentration auf Politisch-Militärisches durch Thukydides, verbunden mit einem pessimistischen Menschenbild, ist zwar sehr folgenreich, ja prägend gewesen, jedoch fragt es sich, ob das nicht eine Verengung bedeutet, erst recht dann, wenn man diese zwar eindrucksvolle, aber doch persönliche Sicht für angeblich illusionslos und objektiv richtig hält, was sie nicht ist.“ 4 Fortgesetzt wird das Werk des Thukydides von Xenophon, der mit seiner Hellenika genau in dem Jahr einsetzt, indem Thukydides abgebrochen hatte. 5 Xenophon war, wie Thukydides, auch ein Zeitgenosse des Alkibiades, obwohl er einige Jahre jünger war, als dieser. Er wurde um das Jahr 427 geboren. I. J. 410 lernte er einen guten Freund des Alkibiades kennen, Sokrates. Die Freundschaft mit Sokrates war so groß, dass er diesem, nach dessen Tod, ein eigenes Werk widmete. I. J. des Todes des Sokrates, schließt er sich den Spartanern an, die in später mit einem großzügigen Landbesitz honorieren. 368 kehrt er nach Athen zurück, wo er dann, im Alter von mind. 70 Jahren, starb. Neben der Hellenika sind uns noch diverse weitere Werke erhalten. 6 Im Gegensatz zu Thukydides, ist Xenophon „bei der Auswahl seiner Vorlagen nicht nach einem bestimmten System oder Prinzip verfahren. [...] Xenophon war also kein Systematiker, und aus seiner persönlichen Sichtweise lassen sich Lücken, Verkürzungen und Inkonsequenzen innerhalb seiner Geschichte erklären.“ 7 Außerdem wird ihm vor allem auch vorgeworfen, dass er nie die Objektivität seines Vorgängers erreichte und, auf Grund seiner persönlichen Vorlieben für Sparta, stark parteiisch
2 Bleckmann, Bruno, Athens Weg in die Niederlage: Die letzten Jahre des peloponnesischen Krieges, Stuttgart u. Leipzig 1998, S. 317.
3 Erbse, Hartmut, Thukydides-Interpretationen, Berlin u. New York 1989, S. 183.
4 Schuller, Wolfgang, Griechische Geschichte, München 2002, S. 66f. Vgl. dazu auch Bloedow, Edmund F., Alcibiades Reexamined, Wiesbaden 1973, der in dieser Arbeit immer wieder versucht, das Fehlen der Objektivität des Thukydides, vor allem gegenüber Alkibiades und dessen Politik, nachzuweisen. Ein endgültiger Beweis ist ihm dabei m. E. nicht gelungen.
5 Vor allem das Einsetzten der Beschreibung des Xenophon, genau an der Stelle, an der Thukydides abgebrochen hat, ist ein Beweis dafür, dass auch zu damaliger Zeit, nur die uns auch bekannten Bücher des Thukydides zur Verfügung standen, und nicht erst im Laufe der Zeit verloren gegangen sind.
6 Vgl. Breitenbach, Hans Rudolf, s. v. Xenophon, in DKlP 5 (1979), S.1422-1429.
7 Nickel, Rainer, Xenophon, Darmstadt 1979, S. 119.
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erscheint. 8 Dennoch ist es sicherlich nicht richtig, „die 'Hellenika' als eine 'öde Chronik' zu verstehen, in der Geschichte nur als eine endlose Kette von Schlachten, als ein Hin und Her von Sieg und Niederlage aufgefasst werde. Wer zu diesem Urteil gelangt, übersieht Xenophons Fähigkeit, gelungene 'historisch-militärische Stimmungsbilder' und 'wirkungsvolle Einzelszenen' zu gestalten oder feine Lichter aufzusetzen'.“ 9 Aber auch spätere Generationen von Historikern wollten nicht auf Berichte über Alkibiades verzichten. Plutarch, der um das Jahr 45 n. Chr. geboren wurde, ist uns besonders durch seine Doppelbiographien bekannt, von denen er eine dem Alkibiades widmete. Aber auch neben den Doppelbiographien sind uns von Plutarch mehrere tausend Seiten überliefert, die jedoch kaum die Hälfte seines tatsächlichen Werkes darstellen. 10 .Allerdings war Plutarch kein waschechter Historiker. Er war vielmehr ein Schriftsteller. Ihm ging es in erster Linie um die Unterhaltung seiner Leser, nicht um die Wahrheit seiner Fakten. Daher ist kaum zu übersehen, dass er in seinen Werken nicht objektiv Urteilt, sondern seine Vorlieben für bestimmte Personen offen durchblicken lässt. „Für unsere Kenntnis vom Leben des Alkibiades ist Plutarch deswegen wertvoll, weil er zahlreiche sonst verlorengegangene Quellenschriften benutzt hat. Außer Thukydides und Xenophon den Theopompos, Ephoros, Duris, Satyros, Theophrast, Antisthenes, Isokrates,Antiphon, Andokides, Euripides, Plato, Kritias, Aristophanes, Stesimbrotos aus Thasos, Eupolis, Archippos und Phrynichos. Abgesehen von der Chronologie, die seine schwache Seite ist, und ferner abgesehen von seinen moralisierenden Zwecken, seiner Plauderhaftigkeit und Zitierwut ist seine Lebensbeschreibung des Alkibiades eine durchaus glaubwürdige und beachtenswerte Quelle.“ 11 Ein weiterer, für unsere Zeit relevanter, Historiker, ist Diodoros. Lebensdaten sind uns von ihm nicht bekannt, allerdings behandelt der letzte uns bekannte Eintrag, seiner vierzig-bändigen Weltgeschichte, das Jahr 36 v. Chr.. Daraus kann man schließen, dass er vermutlich im ersten Jahrhundert v. Chr, gelebt hat. 12 Auf Grund des großen Umfangs, ist das Werk naturgemäß nicht besonders detailreich. Dennoch gilt auch Diodoros, dass er, da Quellen benutzte, die für uns heute nicht mehr verfügbar sind, eine unschätzbare Quelle, vor allem für die Zeit von 411 bis 404, darstellt. 13
8 Vgl. Schuller, S. 66.
9 Nickel, S. 47.
10 Vgl. Ziegler, Konrat, s. v. Plutarchos, in: DKlP 4 (1979), S.945f.
11 Rüssel, Alkibiades, Berlin 1939, S. 22f.
12 Vgl. Von Albrecht, Michael, s. v. Diodoros, in: DKlP 2 (1979), S. 41.
13 Vgl. Rüssel, S. 20f.
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Der letzte hier zu erwähnende Historiker ist Cornelius Nepos. Nepos lebte ebenfalls im ersten Jahrhundert v. Chr., aber auch von ihm sind uns keine genauen Lebensdaten über-liefert. Allerdings weiß man, dass er bereits i. J. 80 v. Chr. Augenzeuge der Geschehnisse in Rom war und mindestens sei 40 v. Chr. in Rom großes Ansehen genoss. Besonders bekannt ist uns Cornelius Nepos vor allem durch seine Biographien berühmter Männer, von denen eine dem Alkibiades gewidmet ist. 14 „Der Stil des C. N. Ist schlicht und ohne sprachliche Raffinesse, mitunter salopp und trivial. Sentenzen, die sein ganzes Lebenswerk zu charakterisieren scheinen, gehen über einfache, praktische Lebensphilos. Nicht hinaus. Obwohl nicht ohne Kenntnis hist. Lit. Betont er öfters, kein Historiker zu sein.“ 15 Auch wenn deshalb sein Umgang mit Quellen eher lapidar war, gibt er uns, sonst nicht überlieferte, Hinweise, über die letzten Lebensjahre des Alkibiades. 16 Neben den Historikern, liegen uns aber noch weitere Quellen zum Leben des Alkibiades vor. So hat Platon, Alkibiades einen eigenen Dialog gewidmet. Der Dialog gewährt uns einen kleinen Einblick, in Alkibiades' Charakter und in den Umgang zwischen ihm und Sokrates. Historische Informationen sind dort jedoch nicht zu erwarten, da die beschriebene Begegnung zwischen Alkibiades und Sokrates, entsprechend dem Muster, dass wir von allen platonischen Dialogen kennen, lediglich schmückendes Beiwerk, für das eigentliche Thema des jeweiligen Dialoges, sind. Das selbe gilt natürlich auch für den Auftritt des Alkibiades beim Gastmahl. Auch hier ist kaum anzunehmen, dass das besagte Gastmahl tatsächlich jemals stattgefunden hat. Dennoch kann man davon ausgehen, dass der Charakter, einige erwähnte Szenen aus dem Leben des Alkibiades, sowie die Freundschaft zwischen Sokrates und Alkibiades, tatsächlich historisch sind.
Ähnlich verhält es sich bei Euripides, von dem jedoch nur noch Fragmente erhalten sind, und bei Aristophanes. Zwar kann man mit einiger Phantasie annehmen, dass mit dem Pheidippides in den
Wolken,
Alkibiades gemeint ist,
17
doch kann dieser Pferdenarr, der sich, unter Zwang seines Vormundes, dem Sokrates anschließt, auch jeder andere junge Aristokrat gemeint sein. Dennoch wird Alkibiades auch in anderen Komödien des Aristophanes erwähnt. „Selbstverständlich
waltet hier dichterische Freiheit und Willkür, aber gerade unter der Maske des übertriebenen Spottes werden uns einzelne ganz individuelle Züge über-
14Vgl. Wirth, Gerhard, s. v. Nepos, Cornelius, in: DKlP 4 (1979), S. 62. 15 Ebd., S. 63.
16 Vgl. Rüssel, S. 23.
17 Vgl. Ebd., S. 29.
10
liefert, welche der immer gern typisierende und generalisierende Historiker und Moralist gar nicht beachtet und daher verschweigt.“ 18
Schließlich sind uns Überlieferungen von einigen Rhetoren bekannt, die allesamt nicht als Freunde des Alkibiades anzusehen sind. Andokides ist uns aus dem Prozess um die Zerstörten Hermen gut bekannt. Die wichtigste von ihm erhaltene Rede, ist sicherlich die Rede Über die Mysterien, die sich mit den Umständen des Hermenfrevels und des Mysterienprozesses befasst. Ein weiterer bekannter Rhetor, war Antiphon, der selbst als Feldherr und Gesandter eine nicht unbedeutende Rolle im peloponnesischem Krieg gespielt hat. Von ihm ist, an relevantem Material, nur die Rede Gegen die Verleumdungen des Alkibiades auf uns übergegangen. 19 Diese allerdings auch nur in Fragmenten. Zuletzt wäre noch Lysias zu nennen, der über seinen Hass zu Alkibiades, in einer Anklage gegen dessen Sohn, keinen Zweifel lässt. Allerdings gibt es auch von Lysias, außer der nämlichen Rede, keine relevanten Informationen über Alkibiades.
2.2 Politik in der athenischen Demokratie
„Die der athenischen Demokratie zugrunde liegende Idee ist die radikale Gleichheit des politischen Rechts für alle freien männlichen und seit jeher ansässigen (also nicht erst später zugezogenen) Bewohner Attikas. Die Gleichheit ist eine Gleichheit nach Zahl, wie Aristoteles sagt, keine nach Herkunft oder Vermögen.“ 20 Allerdings gab es auch staatliche Ämter, die natürlich für den Zeitraum in dem sie besetzt waren, die Gleichheit aufhoben. Damit dies nicht zu Ungerechtigkeiten führte wurden diese Ämter durch das Los bestimmt. Ausnahme dazu war lediglich die militärische Führung. Diese wurde gewählt, da man sich bewusst war, dass man für dieses Amt eine gewisse Eignung haben musste. 21 Ob natürlich eine freie Wahl ein Garant für die Fähigkeiten des Gewählten ist, bleibt bis in die heutige Zeit höchst fragwürdig. Der Wunsch der totalen Gleichheit führte natürlich dazu, dass alle Bürger ein besonderes Amt ausfüllen wollten und so kam es, vor allem bei den Gerichten, zu Bildern, die bei uns zumindest Verwunderung hervorrufen. In einigen Prozessen wurden bis zu 6000 Richter eingesetzt. Damit bei der Auswahl der verschiedenen Ämter nicht einige Teile der Stadt überrepräsentiert waren, wurde die Stadt in Phylen (Verwaltungsbezirke)
18 Ebd., S. 28.
19 Vgl. Ebd., S. 24f.
20 Bleicken, Jochen, Wann begann die athenische Demokratie, in: Jochen Bleicken, Gesammelte Schriften, Bd. 1, Stuttgart 1998, S. 15.
21 Es wirkt ein wenig befremdlich, dass man scheinbar davon ausgegangen ist, das man für die anderen poli- tischen Ämter des Staates keine besondere Eignung brauchte.
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aufgeteilt. Eine Phyle bestand immer aus drei Demen, jeweils einem Küsten-Demos, einem Land-Demos und einem Stadt-Demos. So konnte gewährleistet werden, dass lokale Sonderinteressen keinen Einfluss auf die Entscheidungsfindung der einzelnen Beamten hatte. Schwierig wird in einem solchen Staatskonstrukt die Frage nach der Regierung. Es ist schließlich kaum vorstellbar, die Regierungsgewalt in die Hände von durch Los bestimmten Beamten zu geben. Wichtige Entscheidungen, wie beispielsweise die Frage nach Krieg oder Frieden, wurden daher von der Ekklesia, der Volksversammlung, getroffen. 22 Stimmrecht bei der Ekklesia hatten alle männlichen Bürger, die das 18. Lebensjahr vollendet hatten. Seit 451, seit dem Bürgerrechtsgesetz des Perikles, war dieses Stimmrecht auf Bürger mit athenischer Abstammung beschränkt. D. h. auf Personen, deren Eltern beide gebürtige Athener waren. Natürlich waren bei einer Volksversammlung nicht alle stimmberechtigten Bürger vertreten. Von den ca. 30.000 Vollbürgern waren durch-schnittlich nur 5000 anwesend. Daher konnten auch äußerst wichtige Entscheidungen, wie z. B. ein Ostrakismos, bereits von 6000 Bürgern beschlossen werden. 23 Man kann davon ausgehen, dass vor allem Bürger, die in Athen oder dem Piräus wohnten und somit eine kurze und vor allem kostengünstige Anreise hatten, bei einer solchen Versammlung vertreten waren. 24 Außerdem kann man davon ausgehen, dass die Besitz- bzw. Arbeitslosen in der Versammlung die Mehrheit stellten, da zu dieser Zeit noch keine Diäten für den Besuch der Ekklesia gezahlt wurden und sich der normale Arbeiter den Verdienstausfall nicht leisten konnte. An Tagen, an denen besonders schwerwiegende Fragen beraten wurden sah die Sache dagegen sicherlich etwas anders aus. Wegen der Notwendigkeit die Mehrheit bei der Ekklesia zu erhalten und somit breite Schichten der Bevölkerung zu überzeugen, war vor allem die Macht des Adels, der alten Familien und der Freundschaftsverbände eingeschränkt und konnten lediglich noch dazu dienen eine breitere politische Front zu aktivieren. So war es, um zu einem politischen Erfolg kommen zu können nötig, eine Politik zu verfolgen, welche die Masse der Bürger und deren Interessen ansprach. Vor allem der Ausbau der Macht Athens und die Vergrößerung des Einflussbereiches lag in diesem Interesse, da vor allem dadurch der Wohlstand der Stadt und somit der seiner Bürger gesichert werden konnte. Po-
23 Vgl. Welwei, Karl-Wilhelm, Die griechische Polis: Verfassung und Gesellschaft in archaischer und klassischer Zeit, Stuttgart 1998, S. 183 sowie Bleicken, Jochen, Die athenische Demokratie, Paderborn, München, Wien u. Zürich 1995, S. 190f.
24 vgl. Beloch, Julius, Die attische Politik seit Perikles, Darmstadt 1967, S. 7f, sowie Bleicken, Die athenische Demokratie, S. 191. Welwei kann sich dagegen dieser Meinung nicht anschließen. „Die verbreitete These, dass die Volksversammlung in klassischer Zeit durchweg nur schwach besucht gewesen seinen und hieran überwiegend Bürger aus der Stadt und ihrer näheren Umgebung teilgenommen hätten, lässt sich indes kaum halten. Ph. Harding hat vor einiger zeit darauf hingewiesen, dass weite Entfernungen für viele Ab- stimmungsberechtigte aus den Landgebieten offenbar kein allzu großes Hindernis waren.“ Welwei, S. 183.
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litischer Erfolg hing damit hauptsächlich von der Fähigkeit, die eigenen Interessen so zu präsentieren, dass das Volk darin seine eigenen persönlichen Interessen wiederfand. 25 Daher waren es vor allem professionelle Rhetoren, die die Aufgabe übernahmen vor der Ekklesia zu sprechen und Anträge einzubringen. Diese Rhetoren wurden von einflussreichen Bürgern bzw. Interessenverbänden dazu genutzt, deren Ideen auf gekonnte Art und Weise dem Volk näher zu bringen. 26 Obwohl nun bei einer solchen Ekklesia Menschenmassen zusammen kamen, war sie weitgehend durch die „strenge Verfahrensordnung [...] bis zu einem gewissen Grad [...] gegen typische Massenreaktionen“ 27 geschützt. Die Sicherheit und Ordnung wurde von dem Epistates gewährleistet, der zu diesem Zweck Staatssklaven zur Verfügung hatte, die eine Art Ordner-Funktion ausübten. 28 Auf Grund der hohen Teilnehmerzahl an einer solchen Versammlung, war eine echte Regierungstätigkeit durch dieses Instrument allerdings ausgeschlossen.
Eine bessere Möglichkeit die täglichen Regierungsgeschäfte zu führen hatte der Rat, die Boule. Er bestand aus 500 ebenfalls gelosten Bürgern, von denen je 50 für ein Zehntel des Jahres die Amtsgeschäfte führte. Aus ihren Reihen wurde täglich ein neuer Vorsitzender, der Epistates, gewählt. 29 Zwar besaß die Ekklesia fast uneingeschränkte Macht, doch der Rat hatte weitgehende Befugnisse. Er berief und präsidierte die Volksversammlung und legte die Tagesordnung fest. Zwar konnte während einer Versammlung jederzeit der Antrag auf Hinzufügung eines weiteren Tagesordnungspunktes gestellt werden, aber Anträge, die außerhalb der Ekklesia an den Rat gestellt wurden, mussten von diesem auf die Tages-ordnung gesetzt werden. Bedingt durch das Los-System konnte sich auch mit dem Rat keine stabile Regierung bilden und der Rat war zur bloßen ausführenden Tätigkeit verdammt. Anders in der Zeit in der der Rat durch Wahl zustande kam. 30 Zu diesen Zeiten besaß er dann tatsächliche Macht. Besonders dessen Präsidium, die Prytanen. Daher stieg in der klassischen Demokratie die Bedeutung der Wahlämter, vor allem die der Strategie. „So wurde die Strategie zum maßgebenden Factor im Staate. Alle die Männer, die während des V. Jahrhunderts zu leitendem Einfluss gelangt sind, haben in der Strategie die Grundlage ihrer Macht gefunden, von Themistokles bis auf Alkibiades und Thrasybulos.“ 31
25 Vgl. Ebd., S. 201.
26 Vgl. Ebd., S. 199.
27 Ebd., S. 198.
28 Vgl. Ebd., S. 188.
29 Vgl. Bleicken, Wann begann die athenische Demokratie, S. 17.
30 Vor allem nach den Umstürzen 411 und 404.
31 Beloch, S. 16.
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Die Strategie war das „wichtigste Exekutivorgan Athens“ 32 und in der Strategie hatte man als politisch ambitionierter Bürger, im Gegensatz zu den gelosten Beamtenstellen, die in permanentem Wechsel waren, die Möglichkeit sich politisch darzustellen. Da jedoch das Amt des Strategen vor allem militärische Funktionen hatte, war es kaum möglich in dieses Amt zu gelangen, ohne vorher sein militärisches Können unter Beweis gestellt zu haben. Aber es gab auch noch andere wichtige Fähigkeiten, die ein angehender Stratege besitzen musste. Neben dem obligatorischen rhetorischen Können, musste man zudem über profunde Kenntnisse der attischen Außenpolitik besitzen. Durch diese, die Masse überragenden Fähigkeiten, besaßen sie naturgemäß eine höhere Autorität und konnten leichter als Andere ihre politische Überzeugungen durchsetzten. 33 Aber die Stellung des Strategen war kein Freibrief. Auch der Stratege konnte keine über seine Befugnisse gehende Macht oder gar alleinige Befehlsgewalt erlangen, da auch er letztendlich an die Entscheidungen der Ekklesia gebunden war. Außerdem musste sich vor allem der Stratege an dem Erfolg, der von ihm vorgeschlagenen Politik, messen lassen.
2.3 Das athenische Gerichtswesen
In Athen gab es Mitte des 5. Jahrhunderts keine Berufsrichter. Alle Streitfragen und Gerichtsprozesse wurden von Laienrichtern, so genannten Dikastes, entschieden. Die Zusammensetzung des Dikasterias, des Geschworenengerichtes 34 , wurde jedes Jahr neu ausgelost, insgesamt 6000 Heliasten aus 10 Phylen. Nach der Auslosung wurden die 6000 Laienrichter 35 wieder durch das Los auf die verschiedenen Gerichtshöfe verteilt. Die Anzahl der Richter für einen Prozess variierte je nach schwere des Deliktes. Bei einer kleinen Klage konnten es nur 201 Richter sein, bei einer größeren auch 401 oder 501. Bei besonders schwerwiegenden Anklagepunkte, wie z. B. Hochverrat oder schwere religiöse Vergehen, konnte es sogar passieren, dass alle 6000 Richter mit der Urteilsfindung beauftragt wurden. In der Regel jedoch waren es 501 Richter die zu einem Urteil kommen mussten. 36 Die ungerade Zahl der Richter ist deshalb wichtig, da bereits eine einfache Mehrheit über Schuld
32 Welwei, S. 194.
33 Vgl. Ebd., S. 199 sowie Beloch, S. 16f.
34 Zu dem Problem der deutschen Übersetzung von Dikasteria vgl. Bleicken, Die athenische Demokratie, S. 240f.
35 Gewöhnlich wird Heliast auch als Geschworener übersetzt, was der eigentlichen Aufgabe nur zum Teil entspricht, da sie neben der Aufgabe der Schuldfindung auch selbst über das Strafmaß entscheiden mussten. Vgl. Ebd., S. 241.
36 Vgl. Welwei, S. 189f.
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oder Unschuld entscheiden konnte. Einen Staatsanwalt gab es nicht. Alle vorgebrachten Klagen waren Popularklagen. Um zu verhindern, dass Prozesse nur so zum Spaß geführt wurden und um Prozesswellen zu verhindern, musste der Kläger eine Kaution hinterlegen, die er verlor für den Fall, dass er den Prozess vorzeitig abbrach oder weniger als 1/5 der gesamten Richterstimmen bekam. 37 Im Allgemeinen kann man davon ausgehen, dass obwohl die Gerichte nur mit Laienrichtern bestückt waren, sie dennoch in der Regel ein gerechtes Urteil sprachen, da die Richter durch einen Eid dazu verpflichtet waren ein Urteil entsprechend den bestehenden Gesetzten zu fällen. 38 Allerdings konnte man sich dessen nicht gewiss sein. Ein besonders großes Problem war die Zusammensetzung des Gerichts. Zwar stand die Position des Richters jedem Vollbürger zur Verfügung, der das 30. Lebensjahr vollendet hatte, dennoch kann man davon ausgehen, dass besonders für die Besitzlosen es eine gute Alternative zu einer schweißtreibenden Fronarbeit war. Dies war möglich geworden, durch die Einführung eines Richtersoldes durch Perikles. Der Sold war allerdings nicht hoch genug, um gehobene Schichten zu einer Richtertätigkeit zu motivieren. „So wurden die Volksgerichte eine Domäne des städtischen Pöbels, je länger je mehr; und es bildete sich jenes Richterproletariat heraus, das die Komödie in so unübertrefflicher Lebendigkeit geschildert hatte.“ 39
37 Vgl. Bleicken, Die athenische Demokratie, S. 100.
38 Vgl. Welwei, S. 190.
39 Beloch, S. 9.
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3 Biographie
3.1 Die Familie
„Das Geschlecht des Alkibiades soll aufwärts bis auf Eurysakes, den Sohn des Aias, als ältesten Ahnherrn zurückgehen, und mütterlicherseits war er Alkmaionide, Sohn der Deinomache. Tochter des Megakles.“ 40
Das Haus des Kleinias führte den Namen Eupatridai und gehörte zu den vornehmsten Familien Athens. Ursprünglich war Eupatridai, was übersetzt soviel wie Söhne edler Väter bedeutet, nämlich eine allgemeine Gattungsbezeichnung, die sich athenische Adelige selbst gegeben hatten. Ob Kleinias selbst seiner Sippe diesen Namen gegeben hat oder ob er sich im Laufe der Zeit zu einem Familiennamen entwickelt hat, kann man heute nicht mehr mit Gewissheit sagen. 41 Was wir dagegen über die Familie wissen ist, dass die Name Alkibiades und Kleinias immer abwechselnd vom Vater zum Sohn weitergegeben wurde. Der Name Alkibiades war ursprünglich spartanisch und geht auf die lange Freundschaft zu einer spartanischen Familie, in der sich immer die Namen Alkibiades und Endios abwechselten, zurück. Außerdem wissen wir über die Familie des Vaters, dass bereits in spätpeisistratidischer Zeit ein enges Bündnis zwischen dieser und der Familie der Alkmaioniden be-standen hat. 42 Da Kleinias 480 bei der Schlacht von Artemision auf einer eigenen Triere teilnahm, kann man auch davon ausgehen, dass die Familie nicht gerade zu den ärmsten Familien Athens gehörte. Gestorben ist Kleinias bei der Schlacht von Koroneia i. J. 447. Bedeutend mehr wissen wir dagegen von der Familie der Mutter, den Alkmaioniden. Diese nahmen mindestens seit peisistratidischer Zeit immer wieder eine führende Rolle im Staat ein. Deinomaches Urgroßvater Megakles hatte entscheidend in die athenische Innenpolitik zur Zeit des Peisistratos eingegriffen. Nachdem der Versuch, Bündnisse mit Lykurgos und Peisistratos zu erreichen, jedoch gescheitert war, wurde Megakles schließlich zum Gegenspieler des Peisistratos und musste dessen Tyrannis tatenlos zusehen. Sein Sohn, Kleisthens, dagegen hatte mehr Erfolg. Er wurde zu dem Reformer Athens und gestaltete die Verfassung der Stadt neu. „Die Grundlage seiner Ordnung war die territoriale Neu-ordnung Attikas. Sie bedeutete die Entmachtung der bestehenden, aus Familien oder Standesinteressen hervorgegangenen Gruppen.“ 43 Außerdem soll Kleisthenes den Ostrakismos
40 Plut. Alk. 1,1.
41 Kiechle, Franz, s. v. Eupatridai, in: DKlP 2 (1979), S. 430f.
42 Vgl. Taeger, Fritz, Alkibiades, München 1943, S. 12f.
43 GÄRTNER, Hans, s. v. Kleisthenes, in: DKlP 3 (1979), S. 233f.
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eingeführt haben, der in Krisenzeiten der Stadt die Möglichkeit geben sollte einen klaren Kurs zu bekommen. 44 Ein weiteres Mitglied der Familie der Alkmaioniden war Perikles. Er war der Enkel von Hippokrates, des Bruders des Kleisthenes. Perikles wurde „der erste Mann in Athen zur damaligen Zeit“ 45 und leitete die Stadt für fast drei Jahrzehnte. Aber Perikles war nicht nur Politiker, sondern er förderte auch wie kein anderer die kulturelle Entwicklung der Stadt und so wurde er der Vater einer Epoche, die man getrost als den kulturellen Höhepunkt menschlicher Kultur betrachten kann. Leider war er m. E. aber auch durch diese extrem verschwenderische Politik und durch die gleichzeitige Zerstörung der Legitimation des attischen Seebundes, durch den Kalliasvertrag, verantwortlich für den Weg, der letztendlich zum endgültigen Untergang Athens führte. Im Jahr 447, nach dem Tod von Alkibiades' Vater, wurde er der Vormund von Alkibiades und dessen Bruder Kleinias.
3.2 Der junge Alkibiades
3.2.1 Kindheit
Alkibiades wurde um 450 v. Chr. geboren. Leider ist uns von Alkibiades' Kindheit nur wenig bekannt. Wir wissen, dass er seinen Vater nie bewusst erleben konnte. Kleinias starb vermutlich drei Jahre nach Alkibiades Geburt, bei der Schlacht von Koroneia. Nach seinem Tod wurde Alkibiades von dem von ihm bestimmten Vormund großgezogen. Dieser Vor-mund war Niemand geringeres als Perikles. Perikles kümmerte sich natürlich nicht selbst um ihn, sondern betraute zuerst die lakonische Amme Amykla, später den thrakischen Pädagogen Zapyros, mit der Erziehung des lebhaften und aufgeweckten Jungen. 46 Böse Zungen behaupten Perikles hätte Zapyros nur ausgewählt, weil dieser sein nutzlosester Sklave war. Auf jeden Fall zeigte er nur wenig Interesse an dem Jungen und ließ keinen Zweifel daran, dass er sich diesen nicht als seinen Nachfolger vorstellte. Außer diesen wenigen Informationen sind uns nur einige Anekdoten aus seiner Kindheit bekannt, deren Echtheit jedoch fraglich ist. Da es aber Alkibiades' Charakter ist, der uns bei der Frage nach seinen persönlichen Ambitionen beschäftigen muss, ist es gleichgültig, ob die Geschichten wahr sind oder nur seinem Charakter entsprechend auf seine Jugend zurückprojiziert wurden. In je-
44Zu Alkibiades Familiengeschichte vgl. vor allem Taeger, S. 12ff.
45 Thuk. I 139,4.
46 Plut. Alk. 1,3.
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dem Fall gewähren sie einen Einblick in den Charakter des Alkibiades. So berichtet uns Plutarch, 47 dass Alkibiades eines Tages mit einigen anderen Kindern auf der Strasse mit Knöcheln spielte. Einer der Spielsteine des Alkibiades landet dabei auf der Fahrbahn, auf der genau in diesem Moment ein Lastwagen kam, der im ersten Moment keine Anstalten machte sich wegen der spielenden Kinder von seinem Tagesgeschäft abhalten zu lassen. Als Alkibiades das bemerkte, schmiss er sich genau vor den Wagen auf die Strasse. Der geschockte Fahrer stoppte sofort seinen Wagen und war sicherlich froh, dass er nicht das Mündel des Perikles getötet hatte. Alkibiades hat hier zum ersten Mal seinen unbedingten Willen gezeigt, das zu bekommen, was er sich in den Kopf gesetzt hatte, ohne dabei auf die Trivialitäten des Alltags und die Interessen anderer Menschen Rücksicht zu nehmen. Sein unbedingter Wille das durchzusetzen, was er sich vorgenommen hatte zeigt sich auch an einer anderen Stelle. Während eines Ringtrainings wurde Alkibiades von einem anderen Jungen in den Schwitzkasten genommen. Als er merkte, das er sich nicht aus der Umklammerung befreien konnte, biss er dem Anderen in den Arm. Als dieser daraufhin losließ und ihm vorwarf er würde beißen wie ein Mädchen, antwortete Alkibiades ihm, dass er nicht wie ein Mädchen beiße, sondern wie ein Löwe. Aber Alkibiades zeigt in den Anekdoten nicht nur seinen unbedingten Willen zum Erfolg, sondern Plutarch berichtet uns an der selben Stelle auch über einen Vorfall, wo zum ersten Mal deutlich wird, dass er bereits in frühester Jugend Einfluss auf seine Mitmenschen nehmen konnte. Alkibiades war im Allgemeinen als Schüler sehr gelehrsam und hatte eine hohe Auffassungsgabe. Als man ihm jedoch das Flötenspiel beibringen wollte, weigerte er sich und schmiss die Flöte weg. Er war der Meinung, dass das Flötenspiel einem Athener nicht angemessen wäre. Immerhin wären die Athener berühmt für ihre Rhetorik und so wäre ein Instrument, das man nicht mit Worten begleiten könne eher etwas für die zur Sprache unbegabten Thebaner und nicht für ihn. Angeblich soll dieser Zwischenfall der Grund dafür gewesen sein, dass sich jeder junge Athener, der etwas auf sich hielt, vom spielen der Flöte lossagte. Leider erfahren wir nicht viel mehr über seine Kindheit, dennoch kann man schon aus diesen wenigen Geschichten ein gutes Bild des Charakters des jungen Alkmaioniden zeichnen, das uns auch durch weitere Quellen bestätigt wird. Alkibiades wollte immer der Beste sein. Ob es sich auf Politik, seine Fähigkeiten als Rhetor oder den Sport bezog. Bei den olympischen Spielen ging er mit sieben Gespannen an den Start, mit so vielen, wie noch nie ein Grieche vor ihm. 48 So ist es nicht verwunderlich, wenn Platon seinen Sokrates sa-
48 Ebd. 10f.
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gen lässt: „Was ziehst du vor Alkibiades? Weiter zu leben im Besitze dessen was du hast, oder augenblicklich tot zu sein, wenn es dir nicht vergönnt sein sollte noch Größeres zu erwerben? Da würdest du, glaub ich, den Tod wählen.“ 49 Aber auch im persönlichen Bereich gab er sich nicht mit dem gewöhnlichen Maß zufrieden. Seine Ausschweifungen bei Gelagen, seine vielen Liebesaffären und seine hochmütige Verschwendung waren überall bekannt. Auf seinem Kriegsschiff hatte er ein speziell für ihn angefertigtes, extra weiches, Bett. Sein Schild war geschmückt mit einem Eros mit Donnerkeil und es war sicherlich eine Pracht ihn, geschmückt mit einem langen purpurfarbenem Umhang, in seinem glänzenden weißen Viergespann durch Athen fahren zu sehen. 50 Er war bekannt für seinen übermäßigen Stolz und sein hochmütiges Benehmen 51 und er fühlte sich über alle Menschen erhaben und war sich sicher, der Hilfe eines Anderen in keiner Weise zu bedürfen. 52 Er war zügellos, übermütig und jähzornig. Als einmal ein gewisser Towreas drohte, ihn bei der Ausstattung eines Chores zu übertreffen, verprügelte er ihn. Er war sich jederzeit bewusst was er wollte und er wollte es sofort. So ließ er den Maler Agatharchos einsperren und erst wieder frei, natürlich gut bezahlt, nachdem dieser ihm sein Haus bemalt hatte. Aber er war auch von hoher Gesinnung und überlegener Klugheit. 53 Am wenigsten im Leben bildete er sich etwas auf seinen Reichtum ein und war dementsprechend sehr großzügig. 54 Er war äußerst spendabel, wenn es um freiwillige Leistungen für den Staat ging und spendete viel Geld für Festspiele und andere öffentliche Notwendigkeiten. 55 Kurz gesagt er war eine äußerst schillernde Persönlichkeit. Und genau dieser Lebenswandel wurde sein und das Ende von Athen. Thukydides ist der Meinung, dass insbesondere seine excessive Lebensweise am Untergang Athens Schuld gewesen sei. Er hätte nämlich damit die Bevölkerung gegen sich aufgebracht und sie gezwungen ihn zu hassen und schließlich zu verbannen. Und genau diese Verbannung war es, die schließlich zum Untergang der Stadt geführt hätte. 56
49 Ebd. 105A.
50 Ebd. 16.
51 Plat. Alk. 103D.
52 Ebd. 104A.
53 Plut. Alk. 16.
54 Plat. Alk. 104B
55 Plut. Alk. 16.
56 Thuk. VI 15.
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3.2.2 Jugend
Als heranwachsender Junge lernte er Sokrates kennen, der ihn, wie uns Platon berichtet, bereits seit dessen Jugend beobachtet hatte. Er wusste genau Bescheid über Alkibiades' Erziehung und Ausbildung. Nun, da dieser älter geworden war und beschlossen hatte „vor den Athenern als Redner aufzutreten, um ihnen Rat zu erteilen“ 57 , gestattete es Sokrates' Gott, sein Daimon, ihm den Jungen anzusprechen. Er versuchte dem jungen Alkmaioniden philosophische Denkweisen beizubringen, aber vor allem versuchte er ihm beizubringen, sich und seine eigenen Fähigkeiten kritisch zu hinterfragen. Daraus entwickelte sich eine Freundschaft zwischen den beiden, die mindestens bis zur Verbannung des Alkibiades halten sollte.
Neben Sokrates lernte Alkibiades zu dieser Zeit, bei seinem, wie Plutarch es nennt, ersten öffentlichen Auftreten, noch jemanden kennen, der, ohne dass sich diese enorme Bedeutung zu diesem Zeitpunkt bereits erahnen ließ, zu der vermutlich schicksalsreichsten Begegnung seines Lebens werden sollte. Alkibiades war, wie es unter den vornehmen, jungen Athenern üblich war, auf dem Weg zu einem Wachtelkampf, seine Kampfwachtel, fest an sich gedrückt, unter seinem Mantel. Plötzlich bemerkte er lautes Geschrei und einen Menschenauflauf. Er ging näher, um sich zu erkundigen, was denn passiert sei. So erfuhr er, dass es sich um eine freiwillige Selbstbesteuerung handelte und war sofort dazu bereit seinen Beitrag zu leisten. Man kann Alkibiades viel nachsagen, geizig war er nie und die Menge war natürlich begeistert. Bei dem ganzen Rummel um seine Person, vergaß er jedoch seine Wachtel, welche die Gelegenheit nutzte, um sich ihre Freiheit zu sichern. Sofort sprangen einige der Schaulustigen dem Tier hinterher. Der Glückliche, der die Wachtel wieder einfing und sich von nun an ein Freund des Alkibiades nennen konnte, war Antiochos. Laut Plutarch eben jener Antiochos, der zwei Jahrzehnte später als Steuermann des Alkibiades für die Niederlage bei Notion verantwortlich war und so für Alkibiades' endgültige Verbannung sorgen sollte. 58
Im Jahr 432, im Alter von 18 Jahren, wurde Alkibiades das erste Mal zum Kriegsdienst eingezogen. Das Geld für die Hopliten Ausrüstung aufzubringen war zu diesem Zeitpunkt für ihn kein Problem mehr, da er mit 18 Jahren endlich offiziell sein Erbe übernehmen konnte. Eingezogen wurde er aus folgendem Grund: Nachdem sich durch die Schlacht von Sybota i. J. 433 die Beziehungen zwischen Athen und Korinth verschlechtert hatten, kam
57 Plat. Alk. 106C.
58 Plut. Alk. 10.
Arbeit zitieren:
M.A. Thorsten Scherff, 2006, Die Politik des Alkibiades - Zwischen persönlicher Ambition und sachgemäßer Orientierung, München, GRIN Verlag GmbH
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