1. EINLEITUNG 3
2. WAS IST „IDENTITÄT“? 4
2.1. G. H. Mead, amerikanischer Sozialphilosoph 4
2.2. Wolfgang Welsch, Vertreter der postmodernen Theorie 5
2.3. Die narrative Identität 7
2.4. Erik Erikson, amerikanischer Psychoanalytiker 7
2.5. Jürgen Habermas, deutscher Soziologe und Philosoph 9
3. DER IDENTITÄTSORIENTIERTE UNTERRICHT (NACH K.H.
SPINNER ) 11
4. KRITIK 13
5. VORTEILE DES IDENTITÄTSORIENTIERTEN UNTERRICHTS 15
6. FAZIT 19
7. LITERATURVERZEICHNIS 21
2
1. Einleitung
Seit den 70er Jahren rückt der Schüler als Person und dessen „Ichfindung“ wieder zunehmend in das Blickfeld der didaktischen Diskussion, sodass man die Situation als „schülerorientierte Phase der Deutschdidaktik“ ansehen kann. 1 Unter identitätsorientiertem Deutschunterricht versteht man das Schreiben als Medium der Ich - Entwicklung. 2 Der Schüler wird aufgefordert sein „Ich“ und die ihn bestimmenden Gefühle und Konflikte verdeckt oder offen durch Schreiben darzulegen. Hierbei wird von einer neue Form der Aufsatzdidaktik gesprochen: Die „Förderung von Selbstfindung und Identitätsbildung“ stehen in dieser Unterrichtsform im Zentrum aller didaktischen Überlegungen. 3 Unter den Vertretern dieses Unterrichts besteht allerdings Uneinigkeit, ob sie als „Revolution“ der Aufsatzdidaktik alle anderen Formen des Schreibens verdrängt, oder ob sie nur als Ergänzung zum „gewöhnlichen“ Aussatzunterricht zum Einsatz dienen soll. 4 Der Streit braucht hier jedoch nicht thematisiert zu werden, da diese Arbeit sich damit befasst, ob identitätsorientierter Unterricht überhaupt sinnvoll ist. Im Folgenden wird daher nur auf den namhaftesten Vertreter dieser Konzeption - KasparH. Spinner- eingegangen, der diese Form des Schreibens lediglich als Ergänzung zum „normalen“ Aufsatzunterricht ansieht (Ein Beispiel für den „normalen“ Aufsatzunterricht wäre das Schreiben als Einübung des poetischen Schreibstils oder das Schreiben als Medium der Interaktion). 5 In dieser Arbeit wird auf den Begriff der Identität unter Einbezug der Definitionen nach Mead
1 Spinner, S. 5
2 Bouecke/ Schülein, S. 278
3 Frederking, S. 94
4 Bouecke, / Schülein, S. 296
5 Bouecke, / Schülein, S. 278
2. Was ist „Identität“?
Unter Identität wird heute im Allgemeinen die „Herleitung von Selbst oder Identität aus der sozialen Interaktion innerhalb und zwischen Gruppen“ 6 verstanden, auf das hin sich der einzelne im Austausch mit Interaktionspartnern in gesellschaftlichen Kommunikationsprozessen entwickelt bzw. entwickeln soll. Hierbei wird zwischen verschiedenen Stufen von Identität differenziert. - 'soziale Identität' (wird hergestellt durch Erfüllung gesellschaftlich bereitgestellter Rollenerwartungen)
- 'persönliche Identität' (Aufbau von kognitiven und sozialen Kompetenzen) 7
Die Entwicklung einer 'Ich-Identität' ist in diesem Rahmen somit als Prozess der Vermittlung zwischen „sozialer“ und „persönlicher“ Identität zu interpretieren. 8
2.1. G. H. Mead, amerikanischer Sozialphilosoph
G. H. Mead beschreibt das „ICH“ als die „Antwort des Einzelnen auf die Haltungen der anderen ihm gegenüber“ 9 , wobei die Haltungen anderer das organisierte „ich“ bilden, man aus deren Perspektive auf sich selbst blickt und demzufolge versucht sich selbst von außen zu betrachten. 10 Ermöglicht wird dies durch die Verwendung von allgemeingültigen Gesten, die für sich und den anderen identische Bedeutung haben. 11 Diesen Aspekt bezeichnet Mead als das „ME“ („verinnerlichte Fremderwartung“); das „ME“ ist demnach Voraussetzung für die Selbstwahrnehmung des Menschen.
Die zweite Komponente wird von Mead als „I“ („spontan-reaktiver Selbstausdruck“ 12 ) bezeichnet. Dieses entspricht der Kontrollinstanz, die ablehnend oder zustimmend auf die gesellschaftlichen Erwartungen reagiert. Das „I“ löst Reaktionen des Individuums gegenüber einer Person oder Gruppe aus, die nicht vor-
6 Mummendey,S. 105
7 Spinner, S. 68f
8 Boueke/ Schülein, S. 284 f.
9 Frederking, S. 94
10 Mead, S. 218
11 Herwig, S. 17
12 Frederking, S. 94
hersehbar sind. Im Nachhinein geht diese Handlung wiederum als Erinnerung und Erfahrung in den Bereich des „I“ über.
Beide Instanzen stehen in einer gewissen Abhängigkeit zueinander; sie existieren nicht getrennt voneinander. Die Identitätsbildung erfolgt -so Mead- in einem „stetigen, dialogisch, d.h. sprachlich vermittelten Wechselspiel“ 13 . Krappmann entwickelte dieses Modell weiter und sieht darin eine „Identitätsba- lance“zwischen den beiden Polen.
Zum einen sollen Rollen- und Normenkonflikte überbrückt werden und zum anderen die eigenen Bedürfnisse dabei nicht vernachlässigt werden. Somit handelt es sich um eine ständige Gratwanderung zwischen bedingungsloser Anpassung und Abgrenzung: 14
Einerseits müssen die Bedürfnisse und Wünsche des Partners berücksichtigt werden, andrerseits soll man stets seine eigenen Interessen und Wünsche nicht aus dem Blickfeld verlieren. Zur Erhaltung dieser Identitätsbalance werden Fähigkeiten wie Rollendistanz und Fremdverstehen gebraucht. Eine stabile Identität ist also der erfolgreiche Balanceakt zwischen „ME“ und „I“. Dabei wird die Balance zu seiner zentralen Kategorie, indem sie „zur Bedingung für die Behauptung von Ich-Identität“ wird. 15
2.2. Wolfgang Welsch, Vertreter der postmodernen Theorie
Durch die Interaktion mit der Umwelt werden Identitäten beeinflusst und gebildet und daher durch die Gesellschaft geprägt. Soziologische Untersuchungen der heutigen postmodernen Gesellschaft stimmen dem Trend einer Pluralisierung der Lebensstile (verschiedene Lebensformen) überein. 16 Die früher dominierende Lebensform der „Normalfamilie“ gerät immer mehr ins Wanken. Vielmehr erfolgt eine „Vervielfachung der gesellschaftlicher Identität“ 17 ; es bilden sich andere, unterschiedlichste Möglichkeiten heraus, das Leben zu gestalten (z.B. unverheiratete Paare mit/ohne Kinder, wiederverheiratete Paare, Singles, Alleinerziehende, sog. „Jungsenioren“). 18
13 ebd.
14 Herwig, S. 18
15 Krappmann, S. 8
16 Welsch, S. 180
17 ebd.
18 Welsch, S. 180
5
Diese Veränderungen führen zu einer „Rollenvielfalt“, mit der sich jeder Einzelne arrangieren muss.
Folglich hebt Welsch hervor: Der Pluralisierungsprozess innerhalb unserer Gesellschaft bringt eine „neue, plurale Identität“ hervor. Hierbei handelt es sich nicht nur um ein zwangsläufiges Ergebnis, sondern um eine Anforderung, die die Gesellschaft an jedes Individuum stellt.
In diesem Zusammenhang weist Welsch einerseits - in Anlehnung an F. Pessoa- aufdie Identität eines Schauspielers hin, der dank seiner künstlerischen Fähigkeit flexible und verschiedenste Rollen annehmen kann. Dies kann allerdings unter Umständen zu einem Identitätsverlust führen. Ebenso kann der Pluralisierungsprozess aber auch Vorteile mit sich bringen: Die Ausbrechen aus alten vorgegebenen Lebensbahnen kann ebenso befreiende Wirkung haben. Niemand wird mehr durch gesellschaftliche Konventionen in eine Rolle gezwungen, die er nicht will. Heute ist dies kein Thema mehr. Durch die stets wachsende gesellschaftliche Toleranz wird der Spielraum für den Einzelnen immer mehr ausgeweitet.
Somit resümiert Welsch, dass die Wirklichkeit ebenso vielfältig ist, wie die heute existierenden Lebensformen, und auch so wahrgenommen werden muss. Er sieht in dieser Erkenntnis einen Befreiungsakt, durch den sich die Gesellschaft endlich von ihren alten Traditionen lösen kann. Hierdurch kann „die variable Identität, die man bislang aus den Zonen der Krankheit (...) kannte, vom Stigma zum Modell geworden ist und gesellschaftlich prospektive Funktion übernommen hat“, aufgezeigt werden. 19 Um einem durch diese Pluralisierung drohenden Identitätsverlust zu entfliehen, regt er an, sich an der Kunst inspirieren zu lassen und „aus der Not eine Tugend zu machen“:
Jeder kann sich stets selbst neu inszenieren; diese Möglichkeit sollte jedes Individuum anerkennen und für sich anwenden. Die Realität ist vielfältig und als solche nicht änderbar. Also muss das Individuum seine Einstellung zu dieser Realität entsprechend modifizieren. 20
19 Welsch, S. 198
20 ebd.
6
Arbeit zitieren:
Markus Schlupf, 2006, Der identitätsorientierte Deutschunterricht, München, GRIN Verlag GmbH
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