zu veröffentlichen entschlossen habe. Den oben genannten Titel tragend datiert seine Abfassung vom Anfang September 1989. Den Chronisten dürfte dazu einfallen, dass in diesen Tagen des Jahres 1989 der Massenexodus der Ostdeutschen aus der DDR begann. Welche Folgen diese Form des Plebiszits einmal haben würde stand noch völlig in den Sternen. Auch in meinem Artikel taucht der Hinweis darauf lediglich in vorsichtiger Form auf.
Veröffentlicht wurde er schließlich in „Konservatismusforschung“ Nr. 12, Wissenschaftliche Beiträge der Friedrich-Schiller- Universität zu Jena, im Frühjahr 1990 zur Vorbereitung eines internationalen Kolloquiums zur Konservatismusforschung. Durch die Beschäftigung mit dem Konservatismus hatte ich gute Kontakte zu den in Jena tätigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gewonnen. Leider wurden viele von Ihnen in Folge der demokratischen Umgestaltung der Universitäten der ehemaligen DDR pauschal mit „abgewickelt“. Der ideengeschichtliche Forschungsbereich Konservatismus blieb jedenfalls meines Wissens auf der Strecke.
Einige der in meinem Aufsatz erörterten Gedanken mögen als erledigt betrachtet werden können. An einen Gedanken möchte ich aber wieder aktuell anknüpfen. Im deutschen Konservatismus dominiert der Liberalkonservatismus. Durch die Einheit der Deutschen hat er seine innerkonservative Dominanz weiter verstärkt. Kein Martin Hohmann oder Jörg Schönbohm vermag daran etwas zu ändern. Der Liberalkonservatismus bewies im Prozess der Herstellung der deutschen Einheit seine Realitätstauglichkeit und grub nationalkonservativen
Alles-oder-Nichts-Positionen das Wasser ab. Das nationalkonservative Wirken in Gestalt seiner Zeitschriften, Publikationen und Kongresse sowie in Person seiner Protagonisten hat sich zwar verändert, beeinflusst aber zunehmend die Argumentation der antidemokratischen Rechten. Ob Rechtskonservatismus und Extremismus á lá NPD in eine Phase der weiteren Annäherung eingetreten sind und sich der Rechtskonservatismus von seinem Platz am rechten Ende des demokratischen Spektrums freiwillig zu lösen begonnen hat, könnte eine interessante Forschungsfrage sein. Mich jedenfalls würde auf Dauer es nicht sehr wundern, würde es in unserer „Berliner Republik“ eine Rechtspartei nach dem Muster der militant konservativen DNVP der Weimarer Republik als feste Größe geben. (27. Februar 2005) ----------------------
III) Neuabdruck
„Seit einem Jahrzehnt wird in der politischen Kultur der BRD die Frage nach der „nationalen Identität“ mit wachsender Intensität diskutiert. Diese Suche nach nationaler Identität ist allerdings keine Zeitgeisterscheinung. Sie ist vielmehr Ausdruck eines Bedürfnisses in Politik
und Gesellschaft, verlorengegangene und untauglich gewordene Identifikationen mit der Bundesrepublik Deutschland neu zu suchen und zu schaffen. Durch das seit Mitte der siebziger Jahre entstandene Krisengeflecht aus ökonomischen, sozialen, ideologischen und militärischen Faktoren verfielen gesellschaftliche Identifikationsmuster wie wachsender Wohlstand und soziale Sicherheit, prinzipielle Befürwortung US-amerikanischer Attribute und Lebensstile zusehends. Die Suche nach nationaler Identität ist Ausdruck des Dranges nach neuerlicher Selbstvergewisserung.
Diese Selbstvergewisserung kulminierte deshalb im Postulat nationale Identität, weil die außenpolitischen Spannungen zunahmen, nationale Interessen der BRD durch US-Strategieplanung („Euroshima“) verletzt zu werden drohten und mit der Reflexion über die Nachkriegsrealitäten und über die Folgen atomarer Konflikte für Mitteleuropa zusammenfielen. Da die Nachkriegsgrenzen sich als beständig erwiesen, entstand ein Bedarf an neuen Standortbestimmungen und Perspektivplanungen. Die Suche nach nationaler Identität ist Ausdruck des Konflikts zwischen diesen Realitäten und dem unhaltbar gewordenen Selbstverständnis der BRD als eines Provisoriums. Die Bundesrepublik Deutschland ist auf dem Weg zu einem „normalen“ bürgerlichkapitalistischen Staatswesen mit einer diesem entsprechenden „Staatsräson“. Nationale Identität ist der Versuch der Begründung eines Selbstverständnisses, das die Nation als Gemeinsames über Klassenkonflikte, Krisen, Interessen und politische Einstellungen ausgeben soll. Dazu bedarf es der Vergangenheit als einer begründungsliefernden Folie, aus der vermittels „Geschichtspolitik“ Leitbilder und Identifikationen gewonnen werden können, welche wiederum ein kollektives Nationalbewusstsein zu fördern tauglich sind. Alsdann können diese interessengeleiteten „Sinnstiftungen“ in Beziehung gebracht werden zu politischen Tages- und Zukunftsaufgaben, die im nationalen Interesse liegen oder als solche ausgegeben werden. Ein „normaler“ kapitalistischer Staat bedarf der Legitimation durch ein Gemeinschaftsbewusstsein, will er Instabilitäten und Legitimationsentzug vermeiden. Die Debatte um die nationale Identität in der BRD wurde insbesondere von den Konservativen vorangetrieben.
Die Diskussion um Begriff und Inhalt nationaler Identität trieb die Re-Ideologisierung und Differenzierung des Konservatismus in den achtziger Jahren voran. Wir haben es de facto mit zwei innerkonservativen Hauptströmungen zu tun, denen zwei Modelle nationaler Identitätsstiftung entsprechen.Wir können sie als „Liberalkonservative“ und als „Nationalkonservative“ charakterisieren. Sie knüpfen an unterschiedlich akzentuierte Traditionsstränge des deutschen Konservatismus an. (1)
Während die Liberalkonservativen politisch-ideologisch die Westbindung der BRD und die politisch-kulturelle Öffnung zum Westen als Grundbedingungen für ihre Überlegungen akzeptieren und somit die Resultate des von Konrad Adenauer geprägten Nachkriegskonservatismus verarbeiten, knüpfen die Nationalkonservativen ihre programmatische Grundlinie an den klassischen deutschen Nationalismus an: Ihre Loyalität gebühre der (ungeteilten) deutschen Nation.(2) Dieser Differenzierung in eine liberalkonservative und eine nationalkonservative Strömung entspricht eine organisatorische Zentrierung. Befinden sich die Liberalkonservativen in ihrer Mehrheit in der CDU und deren
Umfeld - mit Abstrichen auch in der CSU -, um Zeitschriften wie „Die politische Meinung“, „Die Sonde“ und um Denkfabriken mit wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Schwerpunktaufgaben (3), so sammeln sich Nationalkonservative um „Criticon“, um „Mut“, im Studienzentrum Weikersheim, im „Deutschland-Rat“(4) und neuerdings in der Rechtspartei „Die Republikaner“ oder mindestens in deren Umfeld.(5) Diese Abfolge von ideologischer und organisatorischer Ausdifferenzierung gibt zu interessanten Hypothesen Anlass, die jedoch zunächst noch zurück zu stellen sind. Da von zwei konkurrierenden Identitätskonzeptionen im konservativen Gesamtlager auszugehen ist, sind nun beide Konzeptionen zunächst getrennt vorzustellen. Differenzen und Gemeinsamkeiten wiederum sind im Lichte der wissenschaftlichen Konservatismusforschung zu bewerten. Das Hauptaugenmerk der Darstellung liegt dabei auf den Schwerpunkten Nation, Identitätsdefinitionen, Geschichtsverständnis und Europakonzeptionen.
Die liberalkonservative Identitätskonzeption, die wesentlich von Werner Weidenfeld, Michael Stürmer und Hermann Lübbe theoretisch entwickelt worden ist, begreift Identität als
„permanente Suche des Menschen nach sich selbst und Versuch, jene Entfremdung aufzuheben, die der Preis für Aufklärung und Modernisierung war und ist.“ (6) Sie ist die
zu leistende Konzession an den historischen Wandel; es gibt kein Zurück in die Epoche vorliberaler oder feudaler Bindungen. Identität, und d.h. dergestalt Loyalität und Integration, muss ständig gestiftet werden: „Was stiftet Sinn und Zusammenhang? Nation und Staat, oder Klasse und Gesellschaft?“(7) Die Menschen, so der Grundgedanke, bedürfen der Sinngebung; fehlt diese, so geraten Menschen bzw. die Gesellschaft in eine Orientierungskrise. Identität und deren Stiftung ist Staatsaufgabe. Der wachsenden Komplexität der ökonomischen Abläufe, der sozialen Beziehungen, der kulturellen Prozesse und der damit verbundenen Spezialisierungen von Kenntnissen und Fertigkeiten wird dahingehend Rechnung getragen, dass es eine Aufgabe des Staates sei, die individuellen Spezialkenntnisse durch „Orientierungswissen“ zu ergänzen: „Identität ist...die Summe unseres Orientierungswissens“. (8)
Die Menge individueller Fertigkeiten und Qualifikationen ist also zu verbinden mit einer ideologischen Aufwertung der Nation: Es ist überdeutlich, dass hier ökonomische Zielsetzungen Pate stehen. Die weltwirtschaftliche Stärkung der BRD ist das oberste Ziel liberalkonservativer Politik, wobei der Begriff Identitätsstiftung zu übersetzen ist mit Leistungsmotivierung bei gleichzeitiger Verzichtsbereitschaft, mit Loyalitätsbildung und Schaffung eines auf Wirtschaftskraft beruhenden Nationalstolzes. Es dominiert mit anderen Worten die sozialtechnologische Variante des Nationalismus. Die Haltung gegenüber Wandlungsprozessen und Komplexität sozialer Beziehungen entspricht die Wahrnehmung der internationalen Verflechtung des Staates BRD. Es wird konzediert, dass in der BRD „die Staatsnation im Werden“ (9) sei. Im Gegensatz zu älteren und nationalistischeren Auffassungen wird für beide deutschen Staaten nicht der Status einer „Staatsnation“ proklamiert, also Irredentismus, sondern es wird der Begriff „Kulturnation“ als Gemeinsamkeit veranschlagt. Während also das Staatsnationselement eine für die BRD adäquate Staatsräson und Politik begründen soll, untermauert das Kulturnationselement, da komplementär angewendet, die Option auf eine Änderung des gegenwärtigen Status quo.
Die Besonderheit dieser Beziehung erschließt sich aus der kommunikationstheoretischen Unterfütterung beider Nationstypen. Kommunikation im Sinne intensiver und tradierter Symbolsysteme, Beziehungen, Wertvorstellungen etc. bestehen dann sowohl zur DDR wie auch zu den Partnern der BRD im Westen. Diese Unterfütterung ermöglicht vielfältige regulierende Eingriff im Bereich gesellschaftlicher Bewusstseinsbildung. Weidenfeld formuliert diese Sichtweise als „geschichtete Identität..., die vielfältige Gemeinschaftsbezüge
Arbeit zitieren:
Holger Czitrich-Stahl, 1990, Konservatismus und Nationale Identität in der BRD - Liberalkonservative und Nationalkonservative in den achtziger Jahren , München, GRIN Verlag GmbH
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