Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung 4
2. Film noir - eine Annäherung 5
2.1 Film noir - Kurze Entstehungsgeschichte des Begriffs 6
2.2 Film noir - Merkmale der Bildebene 7
2.3 Film noir- Merkmale der Tonebene 8
2.4 Film noir - Merkmale der narrativen Ebene 9
3. „Mulholland Drive“ als moderner Film noir 12
3.1 Die Erzählstruktur - Nichtlinearität als Methode 14
3.2 Der Traum als Ausdruck des gestörten Innenlebens 16
3.3 Die audiovisuellen Merkmale von „Mulholland Drive“ als Film noir 18
4. Zusammenfassung 19
5. Literaturverzeichnis 20
6. Abbildungsverzeichnis 21
Anhang:
Sequenzprotokoll des Films „Mulholland Drive“ 22
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1. Einleitung
Im Amerika der vierziger und fünfziger Jahre waren Verbrechen, Korruption, aber auch Filmkarrieren und die Erfüllung des „American Dream“ vorherrschende
Gesellschaftsausprägungen. Besonders die dunkle Seite von Großstädten wie Los Angeles, die „Stadt der Engel“, wurde und wird von vielen Buch- und Filmautoren gewürdigt. Kurz nach dem zweiten Weltkrieg beherrschten die Wirtschaftskrise und desillusionierte Kriegsheimkehrer das Bild der USA. Regisseure wie Billy Wilder, Orson Welles, Robert Siodmak und Max Ophüls schufen die dunkle, gewalttätige Filmlandschaft des Wartime Cinema, die sich vom ursprünglichen Hollywoodkino stark abgrenzte. Die düsteren Stoffe der Buchautoren Dashiell Hammett und Raymond Chandler aus den dreißiger Jahren, wurden zur Vorlage 1 einer der einflussreichsten und fruchtbarsten Filmbewegungen des 20. Jahrhunderts. Zwischen 1941 und 1958 2 wird die klassisch -historische Periode des Film noir eingeläutet Die französischen Filmkritiker zeigten sich begeistert vom neuen amerikanischen Kino. Sie bewundern die größtenteils europäischen Regisseure, für ihren Mut zur offenen sexuellen, brutalen Darstellungen und der wegweisenden filmischen Ästhetik. Im prüden Amerika wurde man erst in den sechziger Jahren auf die Filmbewegung aufmerksam, die in Europa längst „Film noir“ oder die „Schwarze Serie“ getauft wurde.
In der vorliegenden Arbeit, sollen nun charakteristische Merkmale und Elemente des Film noir in seiner klassischen Periode aufgezeigt werden und in Verbindung mit dem Filmschaffen von David Lynch gesetzt werden. Da es den Umfang einer Hausarbeit sprengen würde, konzentriere ich mich auf das Werk „Mulholland Drive“ 3 , welches zwar zeitlich nicht zur klassischen Film noir Bewegung gezählt werden kann, aber dennoch viele Charakteristika und Elemente der dunklen Bewegung vereint. Zur Verdeutlichung der Erzählstruktur findet sich im Anhang ein Sequenzprotokoll, welche das komplexe Werk Lynchs’, ein wenig übersichtlicher macht.
Des Weiteren soll dies keine allumfassende Analyse des Films „M.D.“ werden, vielmehr interessieren hier filmische Feinheiten der Erzählstruktur, Figurenkonstellation, audiovisuellen Ebene sowie der Montage, die dem Film noir entlehnt sind oder ihn teilweise weitergehend aufgreifen und sogar ironisieren.
1 Andere Autoren sehen neben Kriminalautoren, auch klassische Gangsterfilme, Werke des deutschen Expressionismus sowie Autoren wie Zola und Hemingway als Wurzeln des Film noir.
2 1941 erscheint mit „The Maltese Falcon“ von Billy Wilder einer der ersten Film noir. Orson Welles „Touch of Evil“ gilt als Spätwerk der Bewegung.
3 Im Folgenden wird „Mulholland Drive“ mit „M.D.“ abgekürzt.
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Der Zusammenhang des „Lynch’schen Filmkosmos“ mit dem Film noir ist bereits in einigen Aufsätzen und Büchern 4 erwähnt worden, aber wissenschaftliche Betrachtungen zu „M.D“ sind rar gesät, was einerseits den hohen filmischen Anspruch des Films geschuldet ist und andererseits besondere Spannung bereithält. Mein Vorgehen ist hermeneutisch und somit qualitativ, da bei der Auseinandersetzung mit nur einem Werk das quantitative inhaltsanalytische Verfahren zu vernachlässigen ist. Der Fragestellung obliegt ein qualitativer Zugang, weil Zusammenhänge und Unterschiede von „M.D.“ im Verhältnis zur klassischen Periode des Film noir beschrieben und erklärt werden sollen.
2. Film noir- eine Annäherung
Über den Film noir existiert eine Menge Literatur, leider oft mit der Folge einer Beliebigkeit der Wortwahl und des Definitionsansatzes. Der Film noir ist kein spezifisches Genre, vielmehr vereint er verschiedene klassische Filmgenres und kreiert daraus einen düsteren Filmcocktail.
Paul Werner weist darauf hin, dass es sich um „die einzige wirkliche Stilrichtung oder künstlerische Bewegung, die Hollywood je hervorgebracht hat 5 “, handelt. Der klassische Film noir wird zwischen 1940 und 1960 angesiedelt, aber natürlich befindet sich der Film noir im ständigen Wandel und wird auch gegenwärtig immer wieder neu erschaffen. Werner sieht hier den Begriff „Neo-Noir“ 6 für jüngere Werke ab 1960 angebracht, wohingegen Röwekamp eine ganze „méthode noir“ 7 ausgemacht hat, die er in Filmen wie „Seven“ von David Fincher und der James Ellroy Verfilmung „L.A Confidential“ verwirklicht sieht. Schließlich endet der Autor mit David Lynchs „Lost Highway“ als Beispiel für die Vollendung der Methode. Der Film noir soll in seiner „klassischen“ Periode eingegrenzt werden, um seine charakteristischen Merkmale besser herausfiltern zu können. Hierbei geht es um eine Annährung an spezifische ästhetische Elemente, die im besonders im Vergleich zum klassischen Hollywood-Erzählkino auszumachen sind und inwieweit „M.D“ diese Merkmale verwendet. Dazu bietet sich eine Untersuchung auf mehreren Ebenen an. Neben der der narrativen Ebene werde ich spezifische Figurenkonstellationen, audiovisuelle Besonderheiten der Mis en Scène und Montage herausarbeiten.
4 Vgl. Röwekamp, Burkard, Vom film noir zur méthode noire. Die Evolution filmischer Schwarzmalerei, Marburg 2003, S. 167 bis 201.
5 Werner, Paul, Film noir und Neo-Noir, München 2 2000, S. 9.
6 Ebd. S. 161 bis 163.
7 Vgl. Röwekamp, Burkard, S.13f.
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Da es keine allgemeingültige Definition des Film noir vorliegt, werden in diesem Aufsatz die Ansätze von Röwekamp 8 und Place als eine „Bewegung“ oder „Movement“, die ein Verdichtungsmodell charakteristische Elemente und diskursiven Zusammenhänge ausmacht und somit einem Film das Attribut „noir“ verleihen, verwendet. Eine Bewegung erscheint demnach nur in spezifischen historischen Perioden mit besonderem sozialem Stress 9 , wie es beim Krieg, Kriegsende und der darauf folgenden Depression der Fall war. Die Noir-Filme überwinden scheinbar mühelos die Genrekonventionen herkömmlicher Kriminal- und Detektivfilme und integrieren psychologische Verhaltensstudien der Antihelden, atmosphärisch - düstere Schauplätze sowie eine beinahe unübersichtliche Erzählstruktur zu einem Gegenentwurf des klassischen „Whodunit -Schemas“. 10
Natürlich kann nicht jedes Merkmal genau betrachtet werden, sondern es sollen Elemente, die für die spätere Analyse von „M.D.“ wichtig sind, aufgezeigt werden.
2.1 Film noir - Kurze Entstehungsgeschichte des Begriffs
Der Begriff Film noir wurde in Frankreich bereits kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges verwendet und hatte anfänglich eine negative Konnotation inne. Kritiker polemisierten und verrissen mit dem Attribut noir Werke, deren Inhalte geltende moralische Normen überschritten und als subversiv galten. Das Ende des 2. Weltkrieges brachte ein soziokulturelles Phänomen hervor, welches dem Film noir eine Umwertung als qualitativ hochwertige, neue Stilistik des amerikanischen Kinos zukommen ließ. 11 Die Franzosen hatten wieder die Möglichkeit amerikanische Kinofilme zu sehen, die eine ungewöhnliche Ästhetik und Struktur besaßen. Die Filmkritiker „Nino Frank und Jean-Pierre Chartier beschrieben diese Filme erstmal im Jahr 1946 […], erst 1955 erschien die umfassende Studie ‚Panorama du Film noir du cinéma’ […]“ 12 , die sich mit den Werken des Film noir befasste. Die Filmemacher in den USA bekamen also erst Anfang der sechziger Jahre die Anerkennung und Bewunderung der französischen Kritiker zu spüren. Ihre kleinen Meisterwerke wurden davor als jugendgefährdende B - Movies minderer Qualität abgetan. Die Faszination für die Filme war jedoch auch bei den Zuschauern ungebrochen und somit etablierte sich ein Diskurs von beiden Seiten, der die neue filmische Qualität, aber auch die Wurzeln im deutschen Expressionismus und französischen, poetischen Realismus suchte.
8 Vgl. Röwekamp, Burkard, S. 11-14.
9 Place, Janey, Women in film noir, in: E.Ann Kaplan (Hg.), Women in Film Noir, London 2 1980, S.36f.
10 Vgl. Röwekamp, Burkard, S. 17.
11 Ebd., Burkard, S.15-17.
12 Duncan, Paul (Hg.), Film Noir, Köln 2004, S.10f.
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Neben diesen Vorbildern, war der Film Noir ein Ausdruck des amerikanischen Zeitgeistes. Insbesondere in Los Angeles 13 , herrschten in Zeiten der Depression neben Verbrechern, Korruption und Armut auch Reichtum der Traumfabrik Hollywood. Diese veränderten sozialen Zustände wurden erstmals im Film noir abgebildet und mit neuen narrativen und visuellen Mitteln verknüpft. In Tradition der „hard-boiled“ Kriminalgeschichten, adaptierten die Regisseure zu Beginn vorwiegend Romanvorlagen. Zu den bekanntesten Noir- Werken zählen „The Maltese Falcon“ 14 , „Gilda“ 15 , „Sunset Boulevard“ 16 und „Touch of Evil“.
2.2 Film noir - Merkmale der Bildebene
Für den Film noir lassen sich charakteristische, visuelle Merkmale festschreiben, die zwar auch in vorhergehenden Filmepochen Verwendung fanden, aber erst durch ihre Verdichtung, Ausdifferenzierung und Zusammenführung zu einem regelrechten „visual style“ 17 avancierten.
Zur Beleuchtung verwendet man das „Low Key“ Verfahren, das kontrastreiche Hell-Dunkel Effekte erzeugt und teils kunstvolle Schatten hervorbringt, indem das dunklere Führungslicht weite Teile des Bildes eintönt 18 . Durch extremes Unterlicht, wirken Personen dann oft dämonisch, was die Verwendung von diffusem Streulicht verstärkt.
„Das Licht übernimmt diegetische Funktion, es verfolgt Handlungen und Figuren und tritt [..] selbst in den Bildraum“ 19 , indem zum Beispiel die Lichtquellen als Lampen lokalisierbar werden.
Die spärliche Beleuchtung und partielle Dunkelheit im Bildraum, unterstützt ein wichtiges Moment des Film noir: Die subjektive Kamera und somit begrenzte, wahrnehmungssubjektive Informationsvergabe. Sie beschreibt Mittel der audiovisuellen Gestaltung die, die inneren Gefühle der Protagonisten nach außen hin, in der Bildebene sichtbar werden lassen. Psychische Zustände wie Alpträume, Halluzinationen und Angst, werden durch Unschärfen, perspektivische Verzerrung, Verdopplungen 20 und kippende Kamerapositionen versinnbildlicht. Die verkantete Kamera entzieht dem Betrachter die horizontalen Linien und
13 James Ellroy bezeichnet L.A. in seinem Roman „L.A. Confidential“ treffender als „Stadt der Teufel“.
14 Humphrey Bogart als Privatdetektiv markiert die erste Verfilmung von Dashiell Hammets Roman.
15 In “Gilda” avancierte Rita Hayworth zum Innbegriff der Femme Fatale.
16 Billy Wilder liefert die erste Abrechnung mit Hollywood.
17 Vgl. Röwekamp, Burkard, S.77.
18 Borstnar, Nils (Hg.), Einführung in Film- und Fernsehwissenschaft, Konstanz 2002, S. 109.
19 Vgl. Röwekamp, Burkard, S.78.
20 Vgl. Werner, Paul, S.95f.
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schrägt zusätzlich die Vertikalen. 21 Der Ausdruck der Verwirrtheit und des Verlierens jeglichen sozialen Halts wird so visuell adäquat umgesetzt.
Die Gestaltung des Bildraumes wird durch geometrische Prinzipien verstärkt, die die Figuren in separate Bereiche sperren oder bewegte Diagonalen, statt der übersichtlichen Horizontalen, zeigen. 22 Der Raum verschluckt die Personen regelrecht und limitiert somit die Wahrnehmung des Zuschauers. Im Gegensatz zum hell und satt ausgeleuchteten „High Key“ Stil Hollywoods, dominieren Schattenformationen, was sich auch in der thematischen Umsetzung niederschlägt.
Die meist ungewöhnlichen Kameraperspektiven sind entweder von einer extremen Übersicht oder einer extremen Untersicht geprägt. Bei ersterem werden die Handelnden zu Schachfiguren, die hilflos den drohenden unheilvollem Schicksal ausgeliefert sind. Im zweiten Fall entsteht eine verzerrt - surreale Optik, die die Bedrohungssituation und Gefahr für den Helden verdeutlichen soll. Die Kamerasicht befindet sich des Weiteren häufig ein wenig unter- oder oberhalb der Normalachse.
Durch die Verwendung extremer Schärfentiefe durch Weitwinkelobjektive 23 und vorwiegend Nah- oder Grossaufnahmen von Gesichtern, statt der überblicksartigen Totalen, wird die subjektive Sicht der Kamera unterstützt und die Ambivalenz der Charaktere verstärkt. Trotz der verwirrenden Ereignisse im Bildraum, nähert sich die Kamera langsam und bestimmt den Figuren und trägt schicksalhafte Qualität, die durch lange Einstellungen verstärkt wird. 24 Seinen Namen verdankt die „Schwarze Bewegung“ größtenteils seiner kontrastreichen, düster - expressiven visuellen Bildgestaltung 25 und stellt damit einen Gegensatz zum klassischen Hollywoodkino dar. Der Film noir verwendet die klassischen Studiotechniken Hollywoods also lediglich anders, um durch die Konventionsbrüche gerade jene Standards ad absurdum zu führen, und dem Betrachter vollends die Realität stiftende Filmillusion raubt. 26
2.3 Film noir - Merkmale der Tonebene
Die Tonebene des Films war in den vierziger Jahren eher nachrangig, da man immer noch um Bild-Ton-Synchronisation bemüht war, versuchte man die Qualität der Aufnahmen zu verbessern, anstatt ihr große gestalterische Freiräume zu gewähren.
21 Die verkantete Kamera findet sich z. B. in der Kirmes Szene im Film „Der dritte Mann“.
22 Vgl. Röwekamp, Burkard, S.78.
23 Orson Welles Werk „Citizen Kane“ setzte hier Maßstäbe mit Weitwinkelobjektiven und Plansequenzen.
24 Vgl. Duncan, Paul (Hg.), S.19.
25 Die Filme waren aus produktionstechnischen Gründen in schwarz-weiß gedreht, aber der Farbfilm stellt kein Verlust dar, sondern eher eine Befreiung vom Dogma, welches neue filmische Möglichkeiten eröffnet.
26 Vgl. Röwekamp, Burkard, S.79f.
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Juliane Scholz, 2005, Elemente des Film Noir in David Lynchs "Mulholland Drive", Munich, GRIN Publishing GmbH
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