Inhaltverzeichnis
1 Einleitung 1
2 Verhandlung von Weiblichkeitsmythen in den Erzählungen 4
2.1 Der Mythos der Frau als das Andere bei Simone de Beauvoir 4
2.2 Analyse der Erzählungen 8
2.2.1 Ebene der erzählten Figuren: Figurenanalyse 8
2.2.2 Ebene des Erzählkonzeptes: Binäre hierarchische Oppositionsstrukturen 13
2.2.3 Ebene der Struktur 16
3 Verhandlung von weiblicher Künstlerschaft in den Erzählungen 19
3.1 Zum Verhältnis von Körperlichkeit und Kunst: weibliche Künstlerschaft 19
3.2 Analyse der Erzählungen 23
3.2.1 Der kleine Herr Friedemann: Gescheiterte Androgynie 23
3.2.2 Tristan: Tötung des Engels des Hauses’ 28
3.2.3 Tonio Kröger: Androgynes Kunstkonzept 36
4 Schluss 44
5 Literaturverzeichnis 46
1 Einleitung
Kaum ein Motiv wird in der Sekundärliteratur zum literarischen Werk Thomas Manns so stiefmütterlich behandelt wie das des Weiblichen in seinen Texten. Vom Themenkomplex der Homosexualität überschattet und meist als stereotype Randfiguren abgetan, kommt der Analyse der Frauenfiguren und ihrer Funktion für das Erzählkonzept nur wenig Beachtung zu. Um diese Lücke ein wenig zu füllen und eine neue Perspektive auf das Mannsche Frühwerk zu eröffnen, beschäftige ich mich in der vorliegenden Arbeit mit einer vergleichenden Analyse der Bedeutung von Weiblichkeit und weiblicher Künstlerschaft in Thomas Manns frühen Erzählungen Der kleine Herr Friedemann (1898) 1 , Tonio Kröger (1903) 2 und Tristan (1903) 3 für sein Konzept von Leben und Kunst. Dabei steht auf der einen Seite die Frage nach der Verwendung von und dem Umgang mit weiblichen Mythen im Mittelpunkt. Auf der anderen Seite soll die Darstellung des Verhältnisses von Weiblichkeit und Kunst sowie von weiblicher Künstlerschaft in den Erzählungen untersucht werden. Im Rahmen einer textimmanenten, semiotischen Interpretation wird die zeichenhafte Konstruktion der literarischen Frauenfiguren analysiert und der Fragestellung nachgegangen, auf welche abstrakten Konzepte und Bilder von Weiblichkeit und auf welche Entwürfe von weiblicher Künstlerschaft diese Zeichen verweisen.
Trotz der expliziten Analyse der Frauenfiguren in den Erzählungen zielt die Arbeit ausdrücklich nicht auf eine ideologiekritische Reflexion über gesellschaftliche Rollenmuster der Frau und auf deren Interpretation als Ausdruck männlicher Herrschaft ab. Vielmehr soll die Funktion der weiblichen Figuren als Zeichenkonstrukte für den Text und für die Konzepte von Weiblichkeit den Fokus bilden und somit der Text klar als fiktionales Konstrukt in seiner ästhetischen Form Beachtung finden. Die Erzählungen werden also nicht „auf soziologische[], kulturelle[] oder historische[] Typologien hin abgefragt“ 4 und somit fälschlich mit der realen Lebenswelt von Frauen gleichgesetzt, wie es die Frauenbildforschung der siebziger und achtziger Jahre betrieben hat, von der sich die hier vorliegende Arbeit klar abgrenzen will: „Die Frauenbildforschung hatte versucht, durch die Untersuchung der Darstellung von Frauen in der Literatur bestimmte Stereotypen männlicher Projektion zu isolieren und zu kritisieren. […] Dieser Ansatz berücksichtigt ästhetische Form nicht und läuft damit Gefahr, manche Nuance der literarischen Texte zu übersehen und so Stereotypen selbst dort zu entdecken, wo
1 Mann, Thomas: Der kleine Herr Friedemann. In: Ders.: Gesammelte Werke in zwölf Bänden. Bd. VIII.
Erzählungen, Fiorenza, Dichtungen. Oldenburg 1960, S. 77 - 105. Im Nachfolgenden wird aus der Erzählung im
fortlaufenden Text unter Nennung von (HF, Seitenzahl) zitiert.
2 Ders.: Tonio Kröger. In: Ders.: Tonio Kröger und Mario und der Zauberer. Ein tragisches Reiseerlebnis.
Frankfurt a. M. 2003, S. 7 - 73. Im Nachfolgenden wird aus der Erzählung im fortlaufenden Text unter Nennung
von (TK, Seitenzahl) zitiert.
3 Ders.: Tristan. In: Ders.: Der Tod in Venedig und andere Erzählungen. Frankfurt a. M. 2000, S. 89 - 135. Im
Nachfolgenden wird aus der Erzählung im fortlaufenden Text unter Nennung von (T, Seitenzahl) zitiert.
4 Kimmich, Dorothee: Gender Studies. Einleitung. In: Texte zur Literaturtheorie der Gegenwart. Herausgegeben
und kommentiert von Dorothee Kimmich, Rolf Günter Renner und Bernd Stiegler. Stuttgart 2003, S. 397.
1
diese eigentlich nicht vorkommen bzw. sogar gerade in Frage gestellt werden.“ 5 Durch eine genaue Untersuchung der sprachlichen Mittel, des Erzählkonzepts 6 und der zeichenhaften Konstruktion der literarischen Figuren 7 soll das vorschnelle Auffinden von weiblichen Stereotypen und damit die Reproduktion weiblicher Klischees verhindert werden, sowie der spezifisch literarische Kontext, in dem Mythen von Weiblichkeit verhandelt werden, in den Mittelpunkt gerückt werden. Einem gendertheoretischen Ansatz folgend wird die Konstruktion literarischen Frauenfiguren in ihrem ästhetisch-literarischen Kontext deshalb daraufhin untersucht, inwiefern Mythen von Weiblichkeit in den Erzählungen reproduziert oder subvertiert werden und inwiefern Literatur das Potential zur Umkehrung, Überwindung und zum Aufbrechen der binären hierarchischen Oppositionsstruktur von Männlichkeit und Weiblichkeit, Körper und Geist, Kunst und Leben in sich birgt. Die Wahl eines textimmanenten, zeichentheoretischen Interpretationsansatzes sowie die damit einhergehende bewusste Ablehnung eines biographischen Bezuges für die Interpretation des literarischen Werkes von Thomas Mann, bei dem Leben und Werk wie bei kaum einem anderen Autor aufs Engste verknüpft sind, mag befremden und unangemessen erscheinen. Und doch ist es gerade hier nötig, alte, viel begangene Wege zu verlassen und den Text von der Dominanz seines Autors zu befreien, um neue Perspektiven zu eröffnen. Die Arbeit grenzt sich daher klar von biographischen Ansätzen ab, die, wie z. B. Kim Youn-Ock in ihrer Dissertation Das ‚weibliche’ Ich und das Frauenbild als lebens- und werkkonstituierende Elemente bei Thomas Mann, von Thomas Manns Verständnis des Weiblich-Anderen und seiner literarischen Konzeption von Weiblichkeit in den Frauenfiguren Rückschlüsse auf die Konstitution seines realen Ichs und seines realen Frauenbildes ziehen. 8 Gerade für die vermeintlich so bekannten und biographisch ausgedeuteten Texte Thomas Manns lassen sich durch die strukturalistische und semiotische Methode neue Interpretationsmöglichkeiten erschließen. So betont auch Gérard Genette in seinem Aufsatz Strukturalismus und Literaturwissenschaft: „Und bestimmte, offiziell geheiligte Werke, die uns in Wahrheit jedoch weitgehend fremd geworden sind, […] würden womöglich in dieser Sprache der Distanz und der Fremdheit besser zu uns sprechen als in der Sprache falscher Nähe […].“ 9 Die literaturtheoretischen Ansätze der Hermeneutik und des Strukturalismus ermöglichen laut Genette eine Betrachtung des Textes als das Andere, eine künstliche Entfremdung und Distanzierung vom Text, die die Voraussetzung für die Aufdeckung der dem Text zugrunde liegenden Strukturmuster bilden. 10 Erst
5 Kimmich 2003, S. 397.
6 Zur erzähltheoretischen Analyse wird die Terminologie der Erzähltheorie Petersens verwendet. Petersen,
Jürgen H.: Textinterpretation. Erzählerische Texte. In: Gutzen, Dieter/ Oellers, Norbert/ Petersen, Jürgen M.:
Einführung in die neuere deutsche Literaturwissenschaft. Ein Arbeitsbuch. 4., überarbeitete Aufl. Berlin 1981, S.
11 - 39.
7 Zur Analyse der zeichenhaften Konstruktion der weiblichen Figuren und ihrer Funktion in den Erzählungen
wird der Ansatz Manfred Pfisters in seinem Buch Das Drama zur Analyse von Personal und Figur
herangezogen. Pfister, Manfred: Das Drama. Theorie und Analyse. München 1988.
8 Vgl. Youn-Ock, Kim: Das ‚weibliche’ Ich und das Frauenbild als lebens- und werkkonstituierende Elemente
bei Thomas Mann. Frankfurt a. M. 1997, S. 13.
9 Genette, Gérard: Strukturalismus und Literaturwissenschaft. In: Heinz Blumensath (Hrsg.): Strukturalismus in
der Literaturwissenschaft. Köln 1972, S. 80.
10 Vgl. Genette 1972, S. 81.
2
diese künstliche Entfremdung vom so Vertrauten und vielfach literaturwissenschaftlich Gedeuteten wie den Mannschen Texten kann den Blick für neue Interpretationen und Lesarten weiten. Von diesen Überlegungen ausgehend, werde ich in meiner Arbeit folgendermaßen vorgehen: In einem ersten Schritt werden die wichtigsten Thesen Simone de Beauvoirs zum Mythos der Frau als das Andere formuliert. Beauvoir sieht in der Setzung der Frau als das Fremde und Andere die Vorraussetzung für die Konstitution von männlicher Subjektivität und leitet daraus den Mythos des Weiblichen als Inkarnation der verdrängten männlichen Elemente der Immanenz und Körperlichkeit ab. Anschließend werden die Thesen Beauvoirs zunächst mit der Darstellung und Funktion der (weiblichen) Figuren in den Erzählungen konfrontiert und herausgearbeitet, inwiefern die Erzählungen Manns diese mythischen Konzeptionen von Weiblichkeit und die Geist-Körper-Dichotomie reproduzieren. Danach wird auf der Ebene des Erzählkonzepts untersucht, inwiefern die Erzählungen die binäre hierarchische Oppositionsstruktur von Geist und Körper, Männlichem und Weiblichen umkehren oder aufbrechen und somit als Reflexionen über die Mythisierung von Weiblichkeit diesen Mythos vielmehr variieren und unterlaufen. Abschließend wird gezeigt, dass sich die Konzepte von Weiblichkeit auf der Ebene der Struktur der Texte widerspiegeln.
In einem zweiten Schritt werden das Verhältnis von Weiblichkeit und Kunst sowie die Konzepte weiblicher Künstlerschaft in den Erzählungen beleuchtet. Dabei findet der Mythos der Frau als Muse und schöne Leiche in der ‚mörderischen’ Kunstproduktion besondere Beachtung. Der traditionellen Vorstellung einer männlich dominierten Kunstproduktion, die die Einverleibung und Tötung des Weiblichen im künstlerischen Produktionsprozess voraussetzt, soll das alternative Androgynitätskonzept Virginia Woolfs gegenübergestellt werden, das die Produktion von Kunst als gleichberechtigte Vereinigung der Gegensätze von Männlichem und Weiblichem, Körperlichkeit und Geist beschreibt. In der darauf folgenden Analyse der weiblichen Künstlerfiguren und der Rolle von Frauenfiguren im Kunstprozess wird in den drei Erzählungen zu untersuchen sein, inwiefern die Frauen- und weiblichen Künstlerfiguren die Möglichkeit oder Unmöglichkeit einer Synthese von Leben und Kunst aufzeigen und inwiefern die Erzählungen als Kritik an einer lebensfeindlichen Kunst gelesen werden können, die die Formulierung eines neuen, androgynen und humanen Künstlertums ermöglicht.
3
2 Verhandlung von Weiblichkeitsmythen in den Erzählungen
2.1 Der Mythos der Frau als das Andere bei Simone de Beauvoir
Der dritte Teil des philosophischen Hauptwerks Simone de Beauvoirs Das andere Geschlecht 11 ist der Rekonstruktion und Aufdeckung des Mythos des Weiblichen gewidmet. Anhand des Rekurses auf Literatur, Religion, antike Philosophie, Geschichte sowie Schöpfungsmythen und -legenden aus verschiedenen Kulturen zeigt die Autorin die Entstehungsbedingungen, Konstitution und Verfestigung von weiblichen Mythen und Frauenbildern auf. Diese Weiblichkeitsmythen dürften zwar nicht, auf kulturellen und sozialen Konstruktionen beruhend, mit der ‚realen’ Existenz und den Seinsmöglichkeiten der Frau verwechselt werden, jedoch sieht Beauvoir sie als so tief im kulturellen Gedächtnis verankert an, dass Weiblichkeit nur schwer außerhalb dieser mythischen Konstruktionen gedacht werden könne.
Als Grundlage des männlich definierten Mythos des Weiblichen stellt Beauvoir die Vorstellung der Frau als das Andere heraus. Die Frau werde zwar mit Bezug auf den Mann bestimmt, dieser aber nicht mit Bezug auf sie: „Sie ist das Unwesentliche gegenüber dem Wesentlichen. Er ist das Subjekt, er ist das Absolute: sie ist das Andere.“ 12 Die Existenz eines Anderen bildet für die Autorin die Voraussetzung dafür, sich selbst als Subjekt setzen zu können: „Das ‚Andere’ ist für Beauvoir eine Grundkategorie des menschlichen Denkens. Sie geht davon aus, daß der Mensch nichts als ‚Eines’ bestimmen kann, ohne ihm ein ‚Anderes’ entgegenzusetzen; daß Bedeutungszuschreibungen nur mittels binärer, hierarchischer Gegensätze erfolgen können.“ 13 Und so ist die Aufstellung eines Mythos des Weiblichen als das Andere für die Konstitution des männlichen Subjekts unerlässlich. Dieses muss sich dem Weiblichen entgegensetzen, muss das Weibliche als das Andere, als das Unwesentliche, Sekundäre und Objekthafte verneinen, um sich selbst als das Primäre und Wesentliche bejahen zu können.
Innerhalb der binären hierarchischen Oppositionsstruktur werden der Frau also Merkmale zugeschrieben bzw. auf sie projiziert, die vom Mann als minderwertig, Angst einflößend, fremd und verstörend empfunden werden und die er daher von sich selbst absondern möchte, indem er sie allein dem Weiblichen zuschreibt: „Die weiblich konnotierte Verknüpfung ‚Gebären - Körper - Passivität -Tod - Vergänglichkeit - Immanenz - Dunkelheit - Schmutz’ wird der männlich konnotierten Reihung
11 Beauvoir, Simone de: Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau. Aus dem Französischen von Uli
Aumüller und Grete Osterwald. 2. Aufl. Reinbek bei Hamburg 2002. Ich wähle dabei Simone de Beauvoirs
Werk zur Erläuterung der Konstruktion des weiblichen Mythos, da die gesamte feministische Literaturtheorie
und die Genderstudies auf ihren Gedankengängen aufbauen, auch wenn sie sich in einigen Punkten wie der
Notwendigkeit der Unterdrückung des Körperlichen zur geistigen Tätigkeit später von ihr distanzieren.
12 Beauvoir 2002, S. 11f.
13 Lindhoff, Lena: Einführung in die feministische Literaturtheorie. Stuttgart 1995, S. 2.
4
‚Töten - Geist - Aktivität - Leben - Ewigkeit - Transzendenz - Licht - Reinheit’ untergeordnet.“ 14 Die Frau wird also im Mythos als Immanenz, als Fleisch, als Körperlichkeit und als Verbindung zur Natur gedacht. Nur als Ding zwischen Bewusstsein und Natur kann sie das männliche Bewusstsein als Subjekt bestätigen. Während ein anderes Bewusstsein selbst als Subjekt anerkannt werden will und daher dem männlichen Bewusstsein zu viel Widerstand entgegensetzt und während die Natur als bewusstseinsloses Objekt nicht ausreicht, um das männliche Bewusstsein seiner selbst zu vergewissern, sehnt sich der Mann zu seiner Bestätigung nach einem Bewusstsein, dass per se dem seinen untergeordnet ist und sein männliches Bewusstsein als anderes Bewusstsein bestätigt, ohne selbst in seiner eigenen Subjektivität anerkannt werden zu wollen. Die Frau bzw. die mythische Vorstellung von ihr „ist der ersehnte Mittelweg zwischen der dem Mann fremden Natur und dem Gleichen, der zu identisch mit ihm ist. […] Die Frau setzt dem Mann weder das feindselige Schweigen der Natur noch den rigorosen Anspruch einer wechselseitigen Anerkennung entgegen.“ 15 Durch den Mythos der Frau als Verbindung des Mannes zur Natur wird ihr das Prinzip der Immanenz zugeordnet, das „als naturhaftes, in sich ruhendes Sein, als ganz in der Gegenwart und im Realen aufgehende Körperlichkeit“ 16 definiert wird. Aus der Vorstellung der Frau als Immanenz und als Vermittlerin zur Natur erklärt sich auch die Interpretation der empfangenden, passiven und aufnehmenden Naturelemente Erde und Wasser als Symbole für Weiblichkeit und Mutterschaft in vielen Kulturen. Im Gegensatz dazu will der Mann dem Prinzip der Transzendenz angehören. Auf der einen Seite ist der Mann in seiner Transzendenz in einen „unendlichen, ruhelosen Kampf um die Verwirklichung des eigenen Seins“ 17 eingebunden, da dieses Sein nicht an sich von ihm beansprucht werden kann, sondern erst durch die Auseinandersetzung mit einem Anderen immer wieder neu bestätigt werden muss. Auf der anderen Seite aber bedeutet das Prinzip der Transzendenz für ihn „Individuation und Freiheit, eine - wenn auch nur phantasmatische - Überwindung der Abhängigkeit von Natur und Körper, Vergänglichkeit und Tod“ 18 . Um sich jedoch seiner Transzendenz und Freiheit vollständig vergewissern zu können, muss der Mann seine Verbindung zum und seine Abhängigkeit vom Körperlichen, Naturhaften und Vergänglichen, also seine Immanenz, verleugnen: „Aber noch verbreiteter ist beim Mann die Auflehnung gegen seine Fleischlichkeit. […] Er möchte notwendig sein wie eine reine Idee, wie das Eine, das Ganze, der absolute Geist, und findet sich in einen begrenzten Körper eingeschlossen […]. Diese gallertige Masse, die sich in der Gebärmutter herausbildet (die verborgen und verschlossen ist wie ein Grab), erinnert zu sehr an die wabbelige Viskosität von Kadavern, als daß er sich nicht schaudernd abwendete. Überall wo das Leben im Entstehen ist, im Keimen und Gären, erregt es Ekel, weil es nur entsteht, indem es vergeht: der schleimige Embryo
14 Rinnert, Andrea: Körper, Weiblichkeit, Autorschaft. Eine Inspektion feministischer Literaturtheorien.
Königstein/Taunus 2001, S. 50.
15 Beauvoir 2002, S. 191f.
16 Lindhoff 1995, S. 6.
17 Ebd., S. 6.
18 Ebd., S. 6.
5
eröffnet den Zyklus, der sich in der Verwesung des Todes vollendet.“ 19 Der Mythos des Weiblichen fungiert für den Mann somit als Erinnerung an die eigene Fleischlichkeit und Kontingenz. Indem er von einer Frau geboren wurde, ist er in den immanenten, natürlichen Kreislauf aus Geburt und Tod unentrinnbar eingebunden. Die Frau als Gebärende steht für den Mann in enger Verbindung zum Leben, erinnert ihn an die Körperlichkeit seiner Existenz und repräsentiert so das Schicksal seines Todes, das er verdrängen will: „Was der Mann also in erster Linie in der Frau sowohl als Geliebter wie als Mutter liebt und haßt, ist das feste Bild seines animalischen Schicksals, ist das für seine Existenz notwendige Leben, das diese Existenz aber zur Endlichkeit und zum Tod verurteilt. Vom Tag seiner Geburt an beginnt der Mensch zu sterben: das ist die Wahrheit, die seine Mutter verkörpert.“ 20 Aus diesem Grund stellt die Gebärfähigkeit der Frau für den Mann etwas Unheimliches, etwas Ekelerregendes und Unreines dar, das auf diese zurückfällt. Im Rahmen dieses Mythos lädt die Frau durch die Fähigkeit zur Geburt die Schuld auf sich, den Mann aus seiner Transzendenz in die Immanenz zu reißen und ihn somit zum Tode zu verurteilen. Doch auch durch seine eigene Sexualität und deren körperliche Repräsentation in Gestalt seines Genitales wird er an seine Einbindung in das Leben und die Natur erinnert: „Wenn er sich […] als Körper, als etwas Geschlechtliches erfaßt, ist er nicht mehr autonomes Bewußtsein, transparente Freiheit: er ist in die Welt engagiert, ist ein begrenztes, vergängliches Objekt.“ 21 Gleichzeitig verkörpert der Mythos der Immanenz des Weiblichen auch die Sehnsüchte des Mannes nach Verschmelzung mit dem Naturganzen, nach Entindividuation, nach Rückkehr zum Ursprung und Regression in den Mutterleib. Der Tod, auf den die Fruchtbarkeit der Frau verweist, wird nun als Erlösung und Wiedergeburt interpretiert, als Möglichkeit, „die Schranken des Ichs [zu] durchbrechen“. 22
Die vorangegangenen Ausführungen machen deutlich, dass sich der Mythos des Weiblichen laut Beauvoir vor allem durch seine Widersprüchlichkeit, durch die Vereinigung von Gegensätzen auszeichnet: „Er ist so schillernd, so widersprüchlich, daß man seine Einheitlichkeit zuerst einmal gar nicht bemerkt: […] die Frau [ist] zugleich Eva und die Jungfrau Maria. Sie ist Idol und Dienerin, Quelle des Lebens und Macht der Finsternis; sie ist das elementare Schweigen der Wahrheit und ist Arglist, Geschwätz und Lüge; sie ist Heilerin und Hexe; sie ist die Beute des Mannes und sein Verderben, sie ist alles, was er nicht ist und was er haben will, seine Negation und sein Seinsgrund.“ 23 Die Frau im Mythos vereint somit zwei extreme Pole in sich. Diese in ein dualistisches Schema klassifizierten weiblichen Stereotypen, die in der Literatur häufig zitiert werden, „spalten das Weibliche in eine idealisierte und eine dämonische Gestalt“ 24 . Dem Mythos der Frau kommt daher für den Mann nach Rohde-Dachser eine ‚Containerfunktion’ zu: Sie ist das leere Gefäß, das er füllen kann, der Spiegel, in dem er sich selbst bespiegeln kann, Projektionsfläche seiner Hoffnungen und
19 Beauvoir 2002, S. 197.
20 Ebd., S. 221.
21 Ebd., S. 218.
22 Ebd., S. 200.
23 Ebd., S. 194.
24 Lindhoff 1995, S. 17.
6
Ängste: „ ‚In einem imaginären, als weiblich deklarierten und damit gleichzeitig scharf von der Welt des Mannes geschiedenen Raum deponiert der Mann seine Ängste, Wünsche, Sehnsüchte und Begierden - sein Nichtgelebtes, […] um es auf diese Weise erhalten und immer wieder aufsuchen zu können.’“ 25 Dem Weiblichkeitsmythos kommt somit als Zeichen eine Verweisfunktion auf das Verdrängte und Unbewusste des Mannes zu.
Die Vorstellung der Frau als Heilige und Ideal wurde laut Beauvoir vor allem durch die Konstruktion weiblicher Heiliger im Christentum wie der Mutter Gottes konserviert und vorangetrieben. Die Idee der jungfräulichen Empfängnis dient ihr zufolge einer Verklärung und Verdrängung der Sexualität und Körperlichkeit dieser idealisierten Frauengestalten und lässt die Frau als „ätherisches Wesen“ 26 in ihrer Reinheit und Transparenz erscheinen. 27 Der Mythos der Frau als Immanenz und Verbindung zur Natur zeigt sich bei gleichzeitiger Negation ihrer Leiblichkeit in neuem Licht. Nun repräsentiert sie für den Mann nicht mehr die Bedrohlichkeit des körperlichen Verfalls und des Todes, sondern übernimmt vielmehr die Rolle der überlegenen, aber liebevoll-mütterlich heilenden Naturweisheit, voll Erbarmen und Sanftheit: „Ihre Weisheit ist die stille Weisheit des Lebens, sie verstehen ohne Worte. Bei ihnen vergißt der Mann allen Stolz, er erfährt, wie süß es ist, sich hinzugeben und wieder ein Kind zu werden, da es zwischen ihm und ihnen keinen Machtkampf gibt: er könnte der Natur ihre übermenschlichen Kräfte nicht neiden, und die eingeweihten weisen Frauen, die ihn pflegen, bekennen sich in ihrer Ergebenheit als seine Dienerinnen. Er unterwirft sich ihrer wohltuenden Macht, weil er weiß, daß er in dieser Unterwerfung ihr Herr bleibt.“ 28 Diese mütterliche Überlegenheit lässt sie für den Mann die Funktion des „Maßstab[s] der Werte [und der] bevorzugte[n] Richter[in]“ 29 übernehmen. Ihr vertraut er sich an, sie übernimmt für ihn eine pädagogische Funktion und die Repräsentation einer anderen, außenstehenden Perspektive auf sich selbst; „ihre gesamte Situation bestimmt sie dazu, die Rolle des Blicks zu spielen“ 30 . Das Wissen um die Kontingenz des Mannes trotz seines Strebens nach Transzendenz „bewirkt die geheimnisvolle Ironie auf ihren Lippen und ihre nachgiebige Großzügigkeit“ 31 .
Da es in der Geschichte laut Beauvoir durch die Beschaffenheit der gesellschaftlichen Machtstrukturen bisher nur den Männern möglich war, sich als Subjekte zu setzen, und da die Voraussetzung für die Schaffung eines Mythos ihr zufolge die eigene Setzung als Subjekt ist, konnten Frauen keine eigenen Mythen von Männlichkeit, keine eigene Literatur und damit keine eigene positive Selbstdefinition außerhalb des Anderen entwickeln. 32 Durch die Annahme einer kämpferischen Konstitution von Bewusstsein und durch die Vorstellung, dass das Verhältnis der Geschlechter immer über binäre hierarchische Oppositionen strukturiert ist, geht Beauvoir von einem ewigen Kampf der Geschlechter
25 Rohde-Dachser, zit. nach Lindhoff 1995, S. 18.
26 Beauvoir 2002, S. 237.
27 Vgl. ebd., S. 228f.
28 Ebd., S. 232f.
29 Ebd., S. 241.
30 Ebd., S. 241.
31 Ebd., S. 239.
32 Vgl. ebd., S. 194.
7
um die Vorherrschaft und um die Macht zur Setzung von Subjektivität aus. Sie negiert damit die Möglichkeit einer wechselseitigen Anerkennung der Geschlechter als Subjekte auf gleicher Augenhöhe und die Option einer Aufhebung bzw. einer Aufbrechung der binären, hierarchischen Oppositionsstruktur auf der zeichentheoretischen Ebene. Das mögliche Aufbrechen der binären Oppositionen von Männlichkeit und Weiblichkeit, Geistigem und Körperlichem wird für die weitere Analyse von Bedeutung sein.
2.2 Analyse der Erzählungen
Die Arbeit wird im Folgenden diese Gedankengänge Simone de Beauvoirs zum weiblichen Mythos für die Analyse der Frauenfiguren und der Verarbeitung des Weiblichkeitsmythos in den Mannschen Erzählungen fruchtbar machen.
2.2.1 Ebene der erzählten Figuren: Figurenanalyse
Zunächst soll auf der Ebene der erzählten Figuren die Darstellung von Mütterlichkeit in den drei Erzählungen daraufhin untersucht werden, inwiefern diese zu einer Reproduktion weiblicher Mythen im Sinne Beauvoirs beiträgt. Danach wird das Konzept des immanenten, mit dem körperlichen verbundenen und im Gegensatz zur transzendenten Kunst stehenden Lebens anhand der Figuren Hans und Inge im Tonio Kröger sowie Klöterjahn Junior und Senior im Tristan herausgearbeitet und diese als Reproduktion der Dichotomie von Kunst und Leben, Geist und Körper interpretiert. Im Tristan werden die mütterlichen Figuren als körperlich oder geistig defizitär beschrieben. Mit der Geburt scheint ein Niedergang der physischen und psychischen Gesundheit der Gebärenden einherzugehen. So werden die beschwerlichen Umstände der Niederkunft Frau Klöterjahns vom Text besonders hervorgehoben und damit ein Zusammenhang zwischen ihrer schlechten körperlichen Verfassung und der Geburt suggeriert. Gabriele „hatte [ihrem Mann] vor nun etwa zehn Monaten unter ganz außergewöhnlich schweren und gefährlichen Umständen ein Kind […] beschert. Seit diesen furchtbaren Tagen aber war sie nicht wieder zu Kräften gekommen […]. Sie war kaum vom Wochenbette erstanden, äußerst erschöpft, äußerst verarmt an Lebenskräften, als sie beim Husten ein wenig Blut aufgebracht hatte […].“ (T, 94) Auch der geistig demente Zustand der Pastorin Höhlenrauch wird indirekt mit dem Umstand in Beziehung gesetzt, dass sie neunzehn Kinder zur Welt gebracht hat, so als bedinge die Geburt von Kindern geistige Schwäche und Irrsinn der Frau: „Eine fünfzigjährige Dame, die Pastorin Höhlenrauch, die neunzehn Kinder zur Welt gebracht hat und absolut keines Gedankens mehr fähig ist, gelangt dennoch nicht zum Frieden, sondern irrt, von einer
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Anne-Christin Sievers, 2006, 'Bloß ein dummes malendes Frauenzimmer'? Zur Bedeutung von Weiblichkeit und weiblicher Künstlerschaft in Thomas Manns frühen Erzählungen , München, GRIN Verlag GmbH
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