Inhalt
1 Einleitung 1
2 Meeresfrau und Erdenmann 3
2.1 Die Räume des Hans 3
2.1.1 Der öffentliche, institutionelle Raum 3
2.1.2 Der verborgene Liebesraum 4
2.2 Undines Element 5
3 Im Dazwischen: Der Erzählraum 7
4 Im Zirkel der Räume: Das Raumkonzept 8
5 Schlussbemerkung 11
6 Bibliographische Angaben 12
1 Einleitung
In der folgenden Abhandlung über die 1961 von Ingeborg Bachmann geschriebene Erzählung Undine geht werden vor allem die in der Erzählung dargestellten Raumkategorien eine Analyse und Deutung erfahren. Der Untersuchung der Kategorie Raum liegen hierbei die Definitionen zur Raumanalyse nach der Erzähltextanalyse Kahrmann/Reiss/Schluchters zugrunde. 1
Bei der Argumentation wird der Aspekt der Ablesbarkeit der Rollen- und Geschlechterproblematik an der Kategorie Raum im Mittelpunkt des Erkenntnisinteresses liegen. Die Tatsache, dass es sich bei den Adressaten der Rede sowohl um Männer als auch um Menschen handelt, mag einen feministischkritischen Interpretationsansatz als inadäquat und als Reduktion der Vielschichtigkeit und Bedeutungsvielfalt der Erzählung auf den Liebes- und Beziehungsaspekt erscheinen lassen. Es muss hingegen beachtet werden, dass sich ein solcher Ansatz schon allein dadurch rechtfertigt, dass Undine in der Erzählung ihre Beziehung zu dem Mann Hans und dessen Beziehung zu seiner Ehefrau beschreibt. Jedoch soll der Text durch die Anwendung des feministisch-kritischen Interpretationsansatzes keineswegs auf eine mögliche Deutung reduziert werden, vielmehr muss dieser als eine Annäherung an den Text verstanden werden, der die Erzählung zwar, wie jede andere Deutung auch, niemals vollkommen entschlüsseln kann, von dem aus jedoch ungeklärte und unberücksichtigte Fragen gestellt werden können, die zu einer weiteren Erhellung der Interpretation beitragen.
Im folgenden soll zunächst durch eine werkimmanente Annäherung an den Text eine Charakterisierung der unterschiedlichen in der Abschiedsrede erzählten Räume und der in ihnen befindlichen Personen erfolgen, dann der Erzählraum der Erzählerin während ihrer Rede näher betrachtet werden und abschließend durch die Vernetzung beider Raumkategorien das der Erzählung zugrundeliegende Raumkonzept und dessen Übertragung auf die Figurenebene erläutert werden. Hierbei wird sich zeigen, dass Undine der Raum des Institutionellen kategorisch verwehrt bleibt und dass die Gegensätzlichkeit des privaten Liebesraumes und des Elements des Meeres durch Undines
1 Kahrmann, Cordula/ Reiss, Gunter/ Schluchter, Manfred: Erzähltextanalyse. 3. Aufl. Bodenheim 1993, S.79f. Zunächst muss dabei zwischen den textinternen Begrifflichkeiten erzählter Raum, Erzählraum und Raumkonzept
differenziert werden. Beim erzählten Raum handelt es sich um die Gesamtheit der in einem literarischen Werk durch
Figurenrede oder Erzählerrede dargestellten Räume, in denen das Geschehen des Textes situiert ist. Der Begriff des
Erzählraums bezeichnet die räumliche Verortung des fiktiven Erzählers während seiner Redesituation. Das Raumkonzept
schließlich stellt den dem literarischen Werk zugrunde liegenden Gestaltungsplan der gesamten Darstellung von Raum und
Raumverhältnissen dar, ermöglicht somit Rückschlüsse auf die grundlegende Konzeption eines Textes und bildet den
Ausgangspunkt einer begründeten Interpretation. Des Weiteren finden auch textexterne Raumkategorien wie der Raum des
Autors als Produzent eines Textes und als historischer Person mit seiner Einbindung in bestimmte geschichtliche Ereignisse
einerseits und die räumliche Wahrnehmung des Rezipienten anderseits ihre Beachtung.
1
zirkuläre Bewegung zwischen diesen Räumen ihre innere Gespaltenheit ausdrückt. Die Untersuchung wird unter Berücksichtigung des soziologischen Begriffs der Rolle 2 bzw. der Rollenzuschreibung, dem im folgenden eine wichtige Bedeutung zukommen wird, in der Frage gipfeln, inwiefern eine freie Raum- und Rollenwahl für Undine überhaupt möglich ist und inwiefern sich ihre Problematik auf gesellschaftlich vorhandene Rollenzuschreibungen übertragen lässt.
2 Wörterbuch der Soziologie. Bd. 3. Hg. v. Wilhelm Bernsdorf. Frankfurt 1973, S. 673. Mit dem Begriff der Rolle wird in der Soziologie das Gebundensein des Einzelnen in bestimmte soziale Positionen bezeichnet, in denen das menschliche Verhalten
durch rollenspezifische soziale Normen geregelt ist. Dabei sind mit jeder Rolle bestimmte Erwartungen an das Verhalten des
Individuums und bestimmte gesellschaftliche Handlungsanweisungen verbunden, die einerseits Sicherheit und
Verlässlichkeit in seiner sozialen Umwelt erzeugen. Jedoch besteht andererseits dadurch auch die Gefahr, das Individuum auf
bestimmte Rollenzuschreibungen festzulegen und somit sein gesamtes Handeln nur in Hinblick auf diese Rolle zu deuten.
2
2 Meeresfrau und Erdenmann
Die Erzählung Undine geht konstituiert sich aus der Abschiedsrede des Meereswesens Undine, die die menschliche Welt aufgrund der dort erfahrenen Enttäuschungen verlässt und in ihr Element, das Wasser, zurückkehrt. Obwohl die Rede grundlegend eine Anklage an die Männer- und Menschenwelt 3 , auf deren Funktion später noch näher darstellt, lässt sich in ihr auch eine lobende Passage erkennen eingegangen wird.
Die erzählten Räume werden sowohl durch Figurenrede, als auch durch Erzählerrede erzeugt, da Undine sowohl die Protagonistin der Erzählung als auch ihre Icherzählerin darstellt. Grundlegend muss bei den erzählten Räumen eine Unterteilung in zwei verschiedene Raumkategorien erfolgen: in den Raum der Erde und in den des Meeres. Bei beiden erzählten Räumen handelt es sie um offene, unkonkretisierte Räume, die durch ihre unterschiedlichen Charakteristika mit bestimmten Werten und Idealen verbunden sind. Der Erdenraum muss hingegen strukturell in zwei Unterräume unterteilt werden, nämlich in den öffentlichen, institutionellen Raum und in den verborgenen Liebesraum.
2.1 Die Räume des Hans
Hans bewegt sich in zwei ambivalenten erzählten Unterräumen der Erdenwelt, deren Differenz im Folgenden näher bestimmt werden soll: im öffentlichen, institutionellen Raum und im verborgenen Liebesraum.
2.1.1 Der öffentliche, institutionelle Raum
Der öffentliche, institutionelle Raum ist der erzählte Unterraum der Erdenwelt, in dem sich Hans und seine Ehefrau aufhalten. In diesem haben gesellschaftliche Instanzen wie „Grenzen und Politik und Zeitungen und Banken und Börse und Handel“ (257) ihren Platz, in die der Mann eingebunden ist. Die Rolle des Mannes ist in diesem Raum definiert als öffentliche Person des Arbeitnehmers, Ehemannes und Familienvaters. Die Männer „[f]ahren ihren Frauen, ihren Kindern treulich übers Haar, schlagen die Zeitung auf, sehen die Rechnungen durch oder drehen das Radio laut auf“ (255), vollführen also männliche, routinierte Handlungen in einer gesellschaftlich gesicherten Position. Ihre Selbstdefinition ist klar umrissen und unabhängig von der Existenz der Frau. Der Mann kann an sich selbst existieren. Die Beschreibung der Beziehung zu seiner Frau macht jedoch klar, dass diese Unabhängigkeit vom anderen keineswegs beiderseitig gegeben ist. Indem Hans behauptet, seine „Frau [...] brauch[e] [ihn], wüßte nicht, wie ohne [ihn] leben“ (255), äußert er offen die Sicht seiner Ehefrau als hilfloses, von
3 Bachmann, Ingeborg: Undine geht. In: dies.: Werke. Bd. 2, Erzählungen. Hg. v. Christine Koschel, Inge von Weidenbaum und Clemens Münster. München und Zürich 1978, S.260ff. Im Nachfolgenden wird aus diesem Text nur noch unter Nennung
der Seitenzahl zitiert.
3
Arbeit zitieren:
Anne-Christin Sievers, 2002, Undine im Raum des Hans - Analyse der Rollen- und Geschlechterproblematik in der Erzählung "Undine geht" von Ingeborg Bachmann unter besonderer Berücksichtigung der Kategorie Raum, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Heterotopia. Foucaults Andere Räume
Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)
Hausarbeit (Hauptseminar), 23 Seiten
Die ambivalente Konstruktion der Weiblichkeit in Friedrich de la Motte...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 20 Seiten
"La femme poisson": Zwischen Übermacht und Ohnmacht - Vom Le...
Literaturwissenschaft - Allgemeines
Hausarbeit (Hauptseminar), 31 Seiten
Geschlechteridentitäten in Ingeborg Bachmanns „Undine geht“
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 13 Seiten
Formale und inhaltliche Grenzüberschreitungen als literarisches Gestal...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 23 Seiten
Entwicklung und Veränderung der Fußball-Fankulturen aufgrund von Überk...
Diplomarbeit, 159 Seiten
Die Thematik der Grenzüberschreitung im Roman 'La frontera de cris...
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Hausarbeit (Hauptseminar), 28 Seiten
Fußballfans in Deutschland - Eine Subkultur im Wandel
Neue Herausforderungen für die...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Diplomarbeit, 102 Seiten
Ingeborg Bachmanns "Undine geht" - Versuch einer neuen Sprac...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 22 Seiten
Ingeborg Bachmann: Geht Undine wirklich?
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 17 Seiten
Raum und Geschlecht als dichotome Konstruktionen
Frauenstudien / Gender-Forschung
Zwischenprüfungsarbeit, 41 Seiten
Das subjektive Gesundheitsempfinden im Lebensverlauf
Forschungsarbeit, 24 Seiten
Ritter Blaubart - Wasserfrau Undine - Zwei erotische Mythen im Verglei...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 46 Seiten
„Im Widerspiel des Unmöglichen mit dem Möglichen“: Liebe, Utopie und G...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 30 Seiten
Zum Verhältnis von Natur und Zivilisation in Friedrich de la Motte Fou...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 18 Seiten
Die doppelsinnige Welt in E.T.A. Hoffmanns Märchen „Der goldene Topf“
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 16 Seiten
Anne-Christin Sievers hat den Text Undine im Raum des Hans - Analyse der Rollen- und Geschlechterproblematik in der Erzählung "Undine geht" von Ingeborg Bachmann unter besonderer Berücksichtigung der Kategorie Raum veröffentlicht
Anne-Christin Sievers hat einen neuen Text hochgeladen
Lehrerin - Lehrer: Welche Rolle spielt das Geschlecht im Lehrberuf?
Eine Gruppendiskussionsstudie
Nicola Düro
Geschlecht als interdependente Kategorie
Intersektionalität, Interdepen...
Gabriele Dietze, Antje Hornscheidt, Daniela Hrzán, Kerstin Palm, Katharina Walgenbach
Zur Aktualität der Gender-Pers...
Margherita Zander, Luise Hartwig, Irma Jansen
Hat Strafrecht ein Geschlecht?
Zur Deutung und Bedeutung der ...
Gaby Temme, Christine Künzel
0 Kommentare