SCHREIBEN ALS METHODE DES INTERKULTURELLEN LERNENS
Schreiben als Methode des Interkulturellen Lernens 1
1. Einleitung 3
2. Schreiben als Methode des interkulturellen Lernens 4
2.1. (Interkulturelles) Lernen durch Schreiben 5
2.2. Das Schreiben als „Coping“- Strategie gegen den Kulturschock 7
2.3. Schreiben, aber wie ? Typologien des Schreibens 9
2.3.1. Expressives Schreiben - „Etwas persönlich Bedeutsames mitteilen.“ 10
2.3.2. Transaktionales Schreiben. 11
2.3.3. Vom persönlichen zum öffentlichen Schreiben: „Analytical writing“ 12
2.4. Die Form des analytischen Notizbuchs. 13
3. Einbindung des „Kulturtagebuchs“ in ein interkulturelles Training für Studierende 16
4. Zusammenfassung und Ausblick 20
5. Literatur und Internetressourcen 21
6. Anhang 1: Materialien für die Teilnehmer. 22
7. Anhang 2: Liste von Reisetagebüchern im Internet 24
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Das Schreiben als Methode des interkulturellen Lernens ist in vielerlei Hinsicht noch ein weitgehend unerforschtes Feld.
„Writing Across Culture“ von K. Wagner und T. Magistrale ist das erste bekannte Werk, dass sich speziell mit dem Schreibprozess im Zusammenhang mit dem interkulturellen Lernen und der Bewältigung des Kulturschocks befasst. Nichts desto weniger oder vielleicht gerade aus diesem Grund, handelt es sich um ein sehr interessantes Thema, dass ansatzweise bereits in die unterschiedlichsten wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Disziplinen Einzug gefunden hat.
Um dem interdisziplinären Charakter dieser Methode des interkulturellen Lernens gerecht zu werden, wurden auch in dieser Arbeit Ansätze aus unterschiedlichen Disziplinen herangezogen. So wurden Beiträge aus der Linguistik und Germanistik zum Thema Schreibprozessforschung und Textproduktion herangezogen, wie auch Aufsätze zur Psychologie des Tagebuchschreibens und des Journalschreibens. „Expressives Schreiben“ und „Writing Across the Curriculum“ sind Ansätze, auf denen das Buch von Wagner und Magistrale basiert und sollen deshalb nicht vernachlässigt werden. Der Prozess des Kulturschocks und die Theorien zur Erklärung einer fremden Kultur gehören zum Kerngebiet der IKK und bilden an vielen Stellen die Basis der Überlegungen.
Nachdem zu Beginn die wissenschaftlichen Grundlagen für die Anwendung der Methode des Schreibens für das interkulturelle Lernen erörtert werden, wird im zweiten Teil der Arbeit ein praxisorientiertes Konzept entwickelt, wie sich die Methode des Schreibens in einen interkulturellen Workshop integrieren lässt.
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Das Schreiben kann in vielerlei Hinsicht das interkulturelle Lernen erleichtern. Beide der oben genannten Begriffe sollten jedoch gleich zu Beginn eingeschränkt und geklärt werden. Schreiben bezieht sich in dieser Arbeit auf das Schreiben eines „analytischen Notizbuches“, eines Journals oder „Wissenschaftlichen Tagebuchs“. Eine Abgrenzung dieser, in der Literatur verwendeten Begriffe soll im nächsten Punkt geschehen. Dabei werden Theorien des kreativen Schreibens, des „expressive“ und „transactional writing“ integriert. Der Begriff interkulturelles Lernen umfasst ein weites Feld von Ansätzen, Zielgruppen, Methoden und zugrunde liegenden Kulturbegriffen. Im Zusammenhang mit dem Schreiben eines Journals ist das Ziel des interkulturellen Lernens, einem Individuum, dass sich für eine bestimmte Zeit in einer fremden Kultur aufhält (a) das Verständnis der fremden und der eigenen Kultur zu erleichtern und (b) ihm bei der Anpassung an die neue Kultur und der Überwindung des eigenen Kulturschocks zu helfen. Dabei wird im speziellen auf die Zielgruppe der Studenten eingegangen, die einen Teil ihres Studiums im Ausland verbringen. Grundlage für die Überlegungen in dieser Arbeit ist ein kulturdifferenter Ansatz. Es wird davon ausgegangen, dass Menschen aus verschiedenen Kulturen sich unterscheiden. Nur der bewusste und reflektierte Umgang mit diesen Unterschieden kann zu einer erfolgreichen Kommunikation zwischen Angehörigen verschiedener Kulturen führen.
Da aus tief einschneidenden interkulturellen Erfahrungen im Idealfall auch neue interkulturelle Fähigkeiten und interkulturelles Verständnis entstehen, sind diese beiden Faktoren (das Verständnis der fremden Kultur auf einer kognitiven, so wie die Auseinandersetzung mit dem eigenen Kulturschock auf einer emotionalen Ebene) eng miteinander verwoben. Das interkulturelle Lernen durch das Schreiben eines Journals soll dem Lernenden sowohl auf der kognitiven als auch auf der emotionalen Ebene in seinen interkulturellen Fähigkeiten voranbringen. Die Wichtigkeit, auch den emotionalen Aspekt gerade beim interkulturellen Lernen nicht zu vernachlässigen ergibt sich daraus, dass beim interkulturellen Lernen nicht nur kognitiv Wissen hinzugewonnen wird, sondern dass das Hinterfragen der eigenen Werte, eine Person bis in die Grundzüge ihrer Persönlichkeit verändern kann. Aus diesem Grund darf die Auseinandersetzung mit dem eigenen Kulturschock über den Weg des Schreibens nicht vernachlässigt werden, wenn interkulturelles Lernen fokussiert wird.
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2.1. (Interkulturelles) Lernen durch Schreiben
Um das Konzept des (interkulturellen) Lernens durch die Methode des Schreibens zu verdeutlichen, werden in einem kurzen Umriss die Grundlagen der Schreibprozessforschung dargestellt.
Das Schreiben im universitären und schulischen Kontext wird heute noch immer primär als Reproduktion von Wissen verstanden. Seit den 80er Jahren setzten sich aber vornehmlich in den USA zunehmend prozessorientierte Theorien zur Schreibforschung durch, die die Wissensaneignung und -erweiterung als wichtigen Bestandteil des Schreibprozesses sehen. 1 Wenn in der früheren Schreibforschung das „Endprodukt“, also der geschriebene Text im Mittelpunkt stand, war im neuen Ansatz der Schreibprozessforschung 2 besonderes Augenmerk auf den Prozess des Lernens während des Schreibens und auf das „Subjekt der Schreibhandlung“, also auf den Schreibenden gerichtet. 3 In der Literatur einhellig als das am meisten beachtete Modell der prozessorientierten Schreibdidaktik beschrieben, ist das Modell von Linda Flower und J.R. Hayes 4 . In einem sequenziellen Modell (setzt sich aus verschieden Sequenzen zusammen) differenzieren sie verschiedene Prozesse im Schreibverlauf: „Prozess des Planens (planning), Prozess des Formulierens (translating) und Prozess des Überarbeitens (reviewing). Der Schreibprozess wird durch eine ‚Kontroll- und Steuerungsinstanz“ - dem sogenannten ‚Monitor’ reguliert.“ 5 Eine Weiterentwicklung dieses Modells stellt die
Untersuchung von Janet Emig da. Sie stellt den Schreibverlauf als einen zirkulären anstatt eines linearen Verlaufes da, auf dem die Phasen auf verschiedenen Ebenen (Gedanklichkeit, Gefühl, Mündlichkeit und Schriftlichkeit) durchlaufen werden und sich wiederholen. 6 In Ihrem Modell sind folgende Phasen, Bestandteile des Schreibprozesses: Planen, Zweifeln, Entwerfen, Inspirieren, Überdenken, Überarbeiten, Verwerfen, Planen etc..
Was machen diese Erkenntnisse aus der Schreib- und Schreibprozessforschung nun so wichtig für die interkulturelle Lernsituation ? Nur wenn das Schreiben als Prozess erkannt wird und
1 vgl. Bischoff, Christian. 2001. Schreibprozess und Unterricht. Seite2.
2 An dieser Stelle soll angemerkt sein, dass im deutschen Sprachgebrauch die Begriffe Schreibprozess und Textproduktionsprozess synonym verwendet werden, obwohl erster eine stärkere Betonung auf den Prozess und zweiter eine stärkere Betonung auf das Endprodukt impliziert. vgl. Bischoff Christian 2001. Seite 5
3 vgl. Jenfu , Ni. 2001. Prozess- oder Produktorientiert. Seiten 150-151.
4 vgl. Winter, Alexander. 1992. Metakognition beim Textproduzieren. Seite 19./ Jenfu, Ni. 2001. Seite 152 / Rau, Cornelia. 1994. Revision beim Schreiben - Zur Bedeutung von Veränderungen in Textproduktionsprozessen. Seite 22 / Borgmann, Jutta. 1994. Kreatives Schreiben - Neue Zugänge zu einer alten Kulturtechnik. Seite 57.
5 vgl. Jenfu, Ni. 2001. Seite 152.
6 vgl. Bräuer, Gerd. 1998. Schreibend lernen: Grundlagen einer theoretischen und praktischen Schreibpädagogik. Seite 20.
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dieser Prozess und nicht das Produkt in den Mittelpunkt gerückt wird, kann nachvollzogen werden, dass während des Schreibens über eine fremde Kultur auch ein Prozess des Verstehens und des „Sich- Erklärens“ der fremden Kultur in Gang gesetzt wird. Während der Phasen des Planens, Entwerfens, Überdenkens, Überarbeitens etc., die die Textproduktion begleiten, entstehen neue gedankliche Verknüpfungen, verfestigen oder revidieren sich Meinungen, Gegensätze werden gegenübergestellt und übergreifende Strukturen werden erkannt. Während des Prozess des Schreibens (siehe Phasen oben) generiert der Schreibende also neues Wissen und verändert seine Perspektive.
Welche für das Lernen förderliche Prozesse werden nun im einzelnen während des Schreibprozesses freigesetzt ? K. Wagner und T. Magistrale geben in Ihrem Buch „Writing Across Culture“ im zweiten Kapitel („Writing as a Mode to learning culture“) einen Überblick über die positiven Effekte des Schreibens über eine fremde Kultur. Im Folgenden wird unter anderem auf diese Aspekte Bezug genommen. 7
Beim Schreiben wird kognitives Wissen über eine Kultur mit den eigenen Erfahrungen in dieser Kultur verknüpft. Kulturelle Regeln und Normen werden in der Literatur oft als „ungeschriebenen Gesetze“ dargestellt. Damit soll gezeigt werden, dass kulturelle Normen unbewusst von den Mitgliedern einer Kultur praktiziert und in der Subjektivität der eigenen kulturellen Prägung als selbstverständlich empfunden werden. Das Aufschreiben der eigenen und der fremden kulturellen Regeln, die einem ja erst bei der interkulturellen Überschneidungssituation bewusst werden, stellt eine Möglichkeit da, diese bewusst zu machen und zu objektivieren. Das Schreiben stellt allgemein den Versuch da, Gedankliches auf ein Objekt (Papier, Datenträger etc.) zu übertragen, also zu objektivieren. 8 Im Zusammenhang mit dem Bewusstmachen von Unbewusstem erhält diese Bezeichnung eine ganz neue Dimension. Die Idee, dass das Schreiben die eigenen Gedanken ordnet, kann wohl jeder nachvollziehen. Der Amerikaner Toby Fulwiler sowie der „Mainstream der amerikanischen Schreibpädagogik“ 9 plädieren für das Aufschreiben der Gedanken in einem bereits frühen Stadium des Schreibprozesses (think on paper). Durch das „Übersetzen“ der Gedanken in Sprache, werden diese greifbar gemacht, kategorisiert und geordnet. Da die Erfahrungen in einer fremden Kultur oft widersprüchlich und verwirrend sind, stellt das Ordnen der eigenen Gedanken eine wichtige Funktion des Schreibens in Zusammenhang mit dem Verstehen einer fremden Kultur da.
7 Wagner, Kenneth / Magistrale, Tony. 2003. Writing Across Culture. Seite 23 ff.
8 Vgl. Winter, Alexander. 1992. Seite 5.
9 Vgl. Bräuer, Gerd. 1998. Seite 21. / Wagner, Kenneth / Magistrale, Tony. 2003. Seite 25.
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Arbeit zitieren:
Susanne Dietrich, 2005, Schreiben als Methode des interkulturellen Lernens, München, GRIN Verlag GmbH
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