Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung und Gang der Untersuchung 2
2 Nautische Metaphorik - eine erste Annäherung 3
2.1 In der Antike. 3
2.2 In der Moderne 4
2.3 Was hat das mit Kontingenz zu tun? 4
3 Kontingenz und Zufall 5
3.1 Zufall und Koinzidenz. 5
3.2 Kontingenz 6
3.2.1 Handeln und Entscheiden. 7
3.2.2 Strukturelle Kontingenz 7
3.3 Verhältnis von Zufall und struktureller Kontingenz 8
4 Beziehung von Ereignis, Strukturen und Handlungen 9
4.1 Der Mauerfall 1989 10
4.2 Internationale Strukturen. 10
5 Multiple-Streams-Ansatz 11
5.1 Problem-, Options- und Politics-Strom. 12
5.1.1 Zeitfenster. 13
5.1.2 Politische Unternehmer 14
5.2 Kontingenz im Multiple-Streams-Ansatz. 14
6 Schlussbetrachtung. 15
Literaturverzeichnis. 17
1
Einleitung und Gang der Untersuchung
Der Zufall ist das, womit man nicht rechnen kann. Er geschieht, ohne dass sich bestimmen lässt, warum. Die launische Göttin Fortuna gehört deshalb noch immer zum festen Bestand menschlicher Wirklichkeitszuschreibung. Auch für die politische Theorie bleibt der Zufall dunkel, weil sie offenbar jeglichen Ansatz zur Bestimmung dessen entbehrt, was beliebig eintritt und sich keiner Rationalisierung beugt.
Nichtsdestotrotz und gerade weil der Zufall sämtliche Geschicke des Menschengeschlechts mitbestimmt, versuchen seit geraumer Zeit berufene Geister den Zufall - der einem Gutteil der Lehrmeinungen zufolge Teilmenge der Kontingenz ist 1 - theoretisch auch innerhalb politischer Entscheidungsprozesse dingfest zu machen.
Einen der jüngsten Versuche, die bisherigen Erkenntnisse - aus verschiedensten Jahrhunderten und Wissenschaftszweigen - über Kontingenzen für systematische Policy-Analysen in einem umfassenden Politikmodell zu vereinen, stellt Friedbert Rübs Multiple-Streams-Ansatz dar. 2
Um jedoch nachvollziehen zu können unter welchen Bedingungen sich Zufälligkeiten in Wandlungsprozessen auswirken, wird zunächst die Kategorie des Zufalls als ein Ereigniselement und die Kategorie der Kontingenz als Strukturen zugrunde liegendes Element von Wirklichkeit näher bestimmt.
Im Anschluss daran werden die Wechselwirkungen von Zufall und Kontingenz anhand einiger Ereignisse um den Berliner Mauerfall 1989 beispielhaft verdeutlicht und ansatzweise die strukturellen Bedingungen untersucht, die den damaligen Ereignissen zugrunde lagen. Anschließend werden die systemischen Bedingungen, die politischen Entscheidungsprozessen zugrunde liegen unter Zuhilfenahme des bereits erwähnten Multiple-Streams-Ansatz dargestellt.
Die Schlussbetrachtung ist einigen Überlegungen zum Erkenntnishorizont dieses Ansatzes gewidmet.
Am Beginn dieser Arbeit steht eine bildhafte Annäherung an die Begrifflichkeit der Kontingenz.
1 Makropoulos (1998), S. 24.
2 Siehe Kap. 5.
2
1 Nautische Metaphorik - eine erste Annäherung
Das Repertoire nautischer Metaphorik für die Politik ist reichhaltig.
Es gibt den scharfen Wind des Wahlkampfes und die stürmische See des Parteienwettbewerbs. Es gilt hart am medialen Wind zu segeln, verfassungsrechtliche Klippen zu umschiffen und nicht auf Grund zu gehen. Man hört von Ebbe in der Staatskasse und von Konjunkturflaute. Man träumt von voller Fahrt des Staatsschiffs, während sich die Oppositionspolitiker in geschützten Buchten tummeln. Der Staatspräsident steht als Steuermann weise am Politikruder, während die Lotsen - seine Minister - dann und wann baden gehen, meist dann, wenn der Kahn in politische Untiefen gerät und leck schlägt. Gelegentlich müssen Parteivorsitzende von Bord, weil sie sich im parteiinternen Haifischbecken nicht freischwimmen konnten, obwohl von zuständiger Stelle versichert ist, dass alle in einem Boot säßen. Aber der Eisberg namens Parteikultur liegt zu 80 Prozent verborgen und tückisch unter der Wasseroberfläche. Wer das unterschätzt, wird Schiffbruch erleiden. Man hat schon von Politikern gehört, die sich im Fahrwasser einer Strömung befinden, es sei denn, sie schwimmen strategisch gegen den Strom. In beiden Fällen werden die Segel gehisst und später dann (und wann) gestrichen. Immer wieder muss die Politik ihre Schlagzahl erhöhen und zu neuen Ufern aufbrechen, denn im sicheren Hafen vor sich hindümpeln gilt nicht.
1.1 In der Antike
Raus aufs Meer?! - das ist nicht immer so gewesen. Den antiken Denkern war das Meer nämlich alles andere als geheuer. Es kam ihnen unheimlich, unberechenbar und unbezähmbar vor: ein Universum für sich, Rand der bewohnten Welt, naturgegebene Grenze menschlicher Unternehmungen. So galt in der frühen Antike bereits das Erbauen von Schiffen als Verletzung des Meeres und die Schifffahrt als Irrfahrt, auf der man den Naturgewalten ausgeliefert, zwangsläufig auf seinen Schiffbruch zusteuert. 3 Mögen auch ein manchmal erreichter Hafen und eine zuweilen heitere Meeresstille trügen: die Hybris, Frivolität und Maßlosigkeit der menschlichen Seefahrt provoziert letztlich immer ihre Konsequenz, den Schiffbruch. Man hätte ja an Land bleiben können - dem Menschen gemäßer Lebens- und Handlungsraum - und sich auf das Unberechenbare gar nicht erst einlassen brauchen. 4
3 Vgl. Makropoulos (1997), S. 10.
4 Vgl. Makropoulos (1997), S. 8f.
3
1.2 In der Moderne
Doch die Überzeugung, dass es besser wäre genügsam an Land zu bleiben, sollte sich mit den Ideen der Aufklärung ändern. Die Aufklärung revolutioniert, wie so vieles, auch die Bedeutung nautischer Metaphern. Die Seefahrt gilt plötzlich als berechtigte Glückssuche, als Ausweis menschlicher Selbstermächtigung, als Zeichen für Unternehmungslust und Rationalität. Getreu dem aufklärerischen Grundsatz, nicht das Neue müsse sich vor dem Überlieferten rechtfertigen, sondern das Alte habe seine Existenzberechtigung vor dem Neuen zu erweisen, bezeichnet die aus Angst vor einem Schiffbruch nicht unternommene Seefahrt nun das Verfehlen der individuellen Lebenschance. Unglücke auf dem Daseinsmeer sind nunmehr der Preis für den treibenden Wind der menschliche Leidenschaften, der an neue Ufer führt.
1.3 Was hat das mit Kontingenz zu tun?
Die Diskussionen um die selbstmächtige Erweiterung des menschlichen Handlungsraumes nehmen nun an Fahrt auf. Was ist das dem Menschen Mögliche und was das ihm Gemäße? Sowohl die philosophische Frage nach dem ontologischen Ort als auch die politische Frage nach dem sozialen Ort des Menschen geraten dabei in den Blick. Doch bereits die Fragestellung impliziert, dass es mehr als einen Ort und mehr als eine Lebensform geben könnte. 5 Der Mensch wird damit als ein disponibles Wesen anerkannt: „Es gab den festen Standort, den definitiven ontologischen und sozialen Ort des Menschen eben nicht mehr und es sollte ihn freilich um der Möglichkeit menschlicher Freiheit und Selbstverwirklichung willens nicht mehr geben“. 6
Damit wird die Seefahrt zur Dauerbefindlichkeit des Lebens (Blumenberg) und das Schiff zum größten Imaginationsarsenal der Neuzeit (Foucault). Der Horizont bildet nicht mehr die unverrückbare Grenze menschlichen Handlungsvermögens, sondern einen bloß situativen und verschiebbaren Gesichtskreis. 7
Damit wird in der Neuzeit der Kontingenzbegriff - der all das bezeichnet, was prinzipiell und stets anders möglich ist - zunehmend brisant und das Wissen um die Kontingenz der Welt konstitutiv für das Selbst- und Weltverständnis moderner Gesellschaften. 8
5 Vgl. Makropoulos (1997), S. 7f.
6 Makropoulos (1997), S. 11.
7 Vgl. Makropoulos (1997), S. 11.
8 Vgl. Makropoulos (1998), S. 23.
4
Arbeit zitieren:
Nils Prinz, 2006, Zufall und Kontingenz im Entstehungsprozess politischen Geschehens, München, GRIN Verlag GmbH
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