1 Einleitung
Im Seminar „Weiblich - männlich - menschlich. Soziologische Aspekte von Geschlechtsidentität“ interessierte mich vor allem die Frage, warum junge Frauen überwiegend einen Frauenberuf ergreifen. Ich selbst habe fast 15 Jahre als Fachkrankenschwester für Anästhesie und Intensivmedizin auf Intensivstationen mit bis zu 16 Betten gearbeitet und zuvor den typischen Frauenberuf „Krankenschwester“ erlernt. Seit einem Jahr arbeite ich als Lehrerin für Pflegeberufe an einem Bildungszentrum; auch diese Tätigkeit gehört zu den typischen Frauenberufen. Da die Beweggründe vielfältig sein können, konkretisierte ich meine Frage, welche sich aus zwei soziologischen Theorien bildet:
Inwieweit entspricht die Motivation von jungen Frauen zur Berufswahl den Inhalten der Sozialisations- und Humankapitaltheorie?
Werden Frauen weiblich erzogen? Und ergreifen sie deshalb einen Frauenberuf? Planen junge Frauen häufig Familie und Arbeit zu kombinieren? Zunächst möchte ich in meiner Hausarbeit die theoretischen Grundlagen zur Sozialisations- und Humankapitaltheorie beschreiben und anschließend einige Begriffe definieren. Als empirische Grundlage stelle ich eigene Ergebnisse einer Datenerhebung aus dem Bereich der Krankenpflege vor.
Diese korrelieren gerade bei der Humankapitaltheorie mit den Daten einer Schweizer Studie zum Berufsbildungsverhalten junger Frauen, welche ich außerdem kurz vorstelle. Im anschließenden Fazit fasse ich Theorien und Ergebnisse zusammen und beschreibe mögliche Konsequenzen.
2 Theoretische Grundlage
Die Sortierung der Menschen in Gruppen ist eine wesentliche Voraussetzung für Ungleichheit. Ein Beispiel hierfür ist die Unterscheidung von Männer- und Frauenberufen, die dazu dient, die Geschlechter separat zu halten, sowohl physisch als auch sozial (vgl. Heintz, Nadai, Fischer, Ummel 1997: Seite 10ff.). Hervorzuheben ist, dass die Aufspaltung des Arbeitsmarktes in Männer- und Frauenberufe ein sehr stabiles Merkmal in industrialisierten Ländern, wie Deutschland ist (vgl. Heintz, Nadai, Fischer, Ummel 1997: Seite 17). Es macht den Anschein, dass diese Segregation der Berufe auf individuelle Entscheidungen der Menschen beruht; sie ist aber eher die Prägung durch die Gesellschaft. Obwohl es zu einer Angleichung der Bildungschancen gekommen ist, zeigt sich heute noch, dass nur wenige Frauen in
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hochqualifizierten Berufen arbeiten (vgl. Heintz, Nadai, Fischer, Ummel 1997: Seite 18; vgl. Beck-Gernsheim 1990: Seite 14f und Seite 41). 70 Prozent der jungen Frauen machen eine Berufslehre in den Bereichen Büro, Gastronomie, Hauswirtschaft und Gesundheit (vgl. Statistik 2001 im Anhang). Viele Frauen arbeiten Teilzeit und in Berufen, die wenig Aufstiegschancen bieten und vergleichsweise schlecht bezahlt werden (vgl. Heintz, Nadai, Fischer, Ummel 1997: Seite 19). Ein Grund der schlechteren Bezahlung liegt in der gesellschaftlichen Wertung; „(...) Kraft zählt mehr als Fingerfertigkeit, technische Kompetenz mehr als soziale“ (Heintz, Nadai, Fischer, Ummel 1997: Seite 23). Wie schon erwähnt ist der Beruf der Krankenschwester ein typischer Frauenberuf; er gilt als personenorientiert, empathisch und fürsorglich.
Die geschlechtsspezifische Segregation 1 der Arbeitswelt wurde durch eine Reihe von Theorien erklärt. Eine dieser Erklärungen lässt sich in akteur- und strukturtheoretische Ansätze unterteilen, wobei die erste Theorie die geschlechtsspezifische Segregation auf individuelle Merkmale und vorberufliche Konstellationen zurückführt und die zweite Theorie rückt die Arbeitswelt selbst in den Mittelpunkt. In den akteurorientierten Ansätzen unterscheidet man die Humankapital- und Sozialisationstheorie. Beide Theorien führen die berufliche Segregation auf individuelle Merkmale sowie auf Konstellationen zurück, die außerhalb der Arbeitswelt selbst liegen bzw. der beruflichen Laufbahn zeitlich vorgeschaltet sind (vgl. Heintz, Nadai, Fischer, Ummel 1997: Seite 24).
2.1 Theorien der geschlechtsspezifischen Segregation
2.1.1 Sozialisationstheorie
Diese Theorie legt die Ursachen der beruflichen Segregation in die Primärsozialisation, die aus ursprünglich gleichen Individuen solche mit deutlich differenten Präferenzen 2 und Verhaltensstilen macht. Sozialisationstheorien bilden kein einheitliches Theoriegebäude, sondern gliedern sich in theoretisch divergente 3 Ansätze, die von psychoanalytischen über lerntheoretischen bis hin zu kognitiven Entwicklungstheorien reichen. Die Erklärungskraft von Sozialisationstheorien variiert zudem nach Berufsbildungssystemen. In Ländern wie Deutschland, in denen die Berufswahl früh
1 Trennung bestimmter gesellschaftlicher Gruppen (z. B. nach Rassen, Sprache , Religion) von einer größeren sozialen Einheit (Wahrig-Burfeind 2000: Seite 848).
2 Vorrang, Vorzug (Wahrig-Burfeind 2000: Seite 748).
3 Auseinander strebend, in entgegengesetzter Richtung verlaufend (Wahrig-Burfeind 2000: Seite 218)
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erfolgt, wirkt sich das in der Primärsozialisation verinnerlichte Rollenmodell stärker aus als in Ländern, in denen der Beruf später gewählt wird (vgl. Heintz, Nadai, Fischer, Ummel 1997: Seite 25ff.).
Sozialisation erfolgt durch Anleitung und Anforderung, sowie Information und Belehrung. Die Familie, die Schule, der Beruf, die Gruppe der Freunde, die Medien sind an diesem Prozess beteiligt. Die psychologischen Theorien des Lehrens, des Lernens, des Wissenserwerbs, der Identifikation, der Einstellungsbildung und -änderung, der Selbstkonzept- und der Weltbildentwicklung, des sozialen Wandels usw. machen Aussagen über Sozialisationsergebnisse. Der Sozialisationsprozess selbst ist ein Phänomen, welches sich über die gesamte Lebensspanne erstreckt. (vgl. Oerter, Montada 1998: Seite 57f.; vgl. Heintz, Nadai, Fischer, Ummel 1997: Seite 26) Eine bedeutende Komponente der Persönlichkeit bildet die Identifikation mit dem eigenen Geschlecht. Schon im zweiten Lebensjahr gibt es deutliche und immer wieder nachweisbare Tendenzen, dass Jungen sich mehr für Autos usw. interessieren, während Mädchen sich lieber mit Puppen, Kochen und Anziehen beschäftigen (vgl. Oerter, Montada 1998: Seite 268f.).
Im Jugendalter prägen sich mehr und mehr Geschlechtsunterschiede aus. Jungen unterstützen häufiger durch konkrete Hilfeleistungen, während Mädchen stärker verbal und durch Zärtlichkeit zu trösten versuchen (vgl. Oerter, Montada 1998: Seite 301). Mädchen und Jungen machen sich im Verlauf von Kindheit und Jugend unterschiedliche Werte und Normen zu eigen und entwickeln mit Nachdruck vorgebrachte Vorstellungen darüber, welche Verhaltensweisen 4 welchem Geschlecht angemessen sind (vgl. Beck-Gernsheim 1990: Seite 14). Die Berufswahl erfolgt konform. Mädchen und Jungen wählen jene Berufe, die mit den gesellschaftlichen Geschlechterprogrammen am besten übereinstimmen. (vgl. Beck-Gernsheim 1990: Seite 21f.)
Schulische Interessen und Berufsinteressen stehen in einem engen Zusammenhang. So kanalisieren sich die Berufsinteressen bei Jungen und Mädchen in Richtung typisch männlicher bzw. weiblicher Berufe analog zu den schulischen Interessen 5 . Darüber hinaus gibt es bei Jungen noch eine generelle Veränderung im Entwicklungsverlauf beruflicher Interessen im Jugendalter, die mit dem Prestige des Berufs zusammenhängt,
4 Mädchen klettern nicht auf Bäume oder Mädchen sind nicht wild und widerspenstig, sondern hübsch, freundlich und fügsam (vgl. Beck-Gernsheim 1990: Seite 14).
5 In meiner Erhebung mochten ca. 62 Prozent der Schülerinnen naturwissenschaftliche Fächer, wie Mathematik, Physik und Chemie nicht. Dagegen favorisierten 83 Prozent das Fach Erziehungslehre und über 73 Prozent das Fach Hauswirtschaft.
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Arbeit zitieren:
Dipl. Sozial. Päd. (FH) Viktoria Lehrer, 2003, Über die Motivation von Mädchen einen Frauenberuf zu ergreifen, München, GRIN Verlag GmbH
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