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Kunstwerk, sondern gleichzeitig auch ein Geschichtswerk. Durch die Alterssicht hat er retrospektives geschichtliches Verstehen und eine größere Urteilskraft. Bei der Rückerinnerung an Vergangenes wirkt allerdings die Einbildungskraft mit, dies ist die dichterische Komponente. Goethe bedient sich des Wahren zu seinem Zweck und erhebt eigene Erlebnisse und Entwicklungen zu Symbolen des Menschenlebens. Sie sollten eine „höhere“ Wahrheit bestätigen. Zwar müsse eine Biografie den Menschen in seinen Zeitverhältnissen zeigen, was ihm widerstrebt und was ihn begünstigt hat, doch Goethe war sich auch dessen bewusst, dass nicht alles von ihm wahrheitsgetreu wiedergegeben worden war, sondern perspektivische Verkürzungen einerseits und Auseinanderfaltungen andererseits unvermeidbar gewesen waren. Auch seine jugendlichen Krisen, Konflikte, Gefährdungen (er kam ja als etwa 15-Jähriger sogar mit dem Gesetz in Konflikt), seine religiösen Wandlungen, seine hypochondrischen und neurotischen Anwandlungen wurden oftmals bewusst oder unbewusst verschoben, beschönigt, gedämpft oder verdeckt. Obwohl Goethe sein Leben rückblickend als unter einem glücklichen Stern stehend betrachtete, nannte er es in einem Entwurf „ein einzig Abenteuer“ mit vielen wahren und falschen Tendenzen und es sei deshalb eine ewige Marter ohne eigentlichen Genuss gewesen. Im Zusammenhang mit „Egmont“ erörtert Goethe auch den Begriff des Dämonischen, der an ihm selbst seine produktive Seite erwiesen hat.
2. Inhaltsangabe:
Im ersten Teil beschreibt Goethe seine Kindheit in der Geborgenheit seines Elternhauses und seines Freundeskreises. Seine ersten Lebensjahre sind eng mit seiner Geburtsstadt Frankfurt verbunden. Sein Großvater ist sein geliebtes Vorbild. Der Unterricht beginnt, der kleine Goethe wird in die Welt des Geistes und des Glaubens eingeführt. Das Erdbeben von Lissabon am 1. Nov. 1755, bei dem etwa 60000 Menschen starben, lässt in dem Kind erste Zweifel an der Güte Gottes aufkeimen. Der ehrgeizige Vater lässt dem Knaben eine humanistische Bildung und streng religiöse Erziehung angedeihen. Der kirchliche Protestantismus war jedoch für den jungen Goethe „nur eine Art von trockner Moral“, deshalb versucht er auch, sich Gott auf andere Art zu nähern, und dieses Gottesbild blieb für sein Leben bis ins Greisenalter bestimmend, nämlich das Bild des Gottes, „der mit der Natur in unmittelbarer Verbindung [stand], sie als sein Werk [liebte] und [anerkannte].“ In diese Zeit fallen auch bereits die ersten poetischen Versuche, Gedichte, die im Freundeskreis vorgetragen wurden.
Dann erschüttert der Siebenjährige Krieg die Welt. Durch die damit verbundene Parteinahme wird die Familie entzweit. Zu dieser Zeit schenken die Großeltern dem kleinen Goethe zufällig ein Puppentheater und das Kind flüchtet sich in die Welt der Märchen und Fantasie. Dann beginnt er sich mit den Versen Klopstocks zu befassen. Auch bemerkt er an sich selbst die Fähigkeit, mit seinen Geschichten Zuhörer fesseln zu können. Seine Geschichten stießen jedoch auch bei seinen Freunden manchmal auf Unglauben, da diese ja sehr wohl wussten, dass er für derlei abenteuerliche Unternehmungen gar nicht genügend Zeit hatte. Doch als Dichter fordert Goethe von einem jeden, „dasjenige für wirklich zu erkennen, was ihm, dem Erfinder, auf irgend eine Weise als wahr erscheinen konnte.“
Um die tatsächlichen Folgen des Krieges für Goethe so richtig verstehen zu können, muss ich erwähnen, dass der Vater Anhänger des Preußenkönigs war, der französische König jedoch Graf Thoranc, seinen Statthalter bei den Goethes am Hirschgraben einquartiert hatte. Diesem Umstand verdankt allerdings Goethe seinen Zugang zum französischen Theater, da sich dadurch in seiner Wohngegend eine französische Bühne etabliert hatte. Nun begann sich
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Goethe mit Racine auseinander zu setzen, lernte auch noch Französisch, neben all den anderen antiken und lebenden Sprachen, die er bereits lernen hatte müssen, las Moliere und Corneilles „Abhandlung über die drei Einheiten“, womit gemeint ist: die Einheit der Zeit, des Raumes und des Ortes. Dabei wird ihm bewusst, dass ein guter Praktiker nicht auch ein ebenso guter Theoretiker sein müsse. Neben dem Sprachunterricht erhält Goethe Musik- und Zeichenunterricht. Doch was dem Knaben vorschwebt, ist „etwas Außerordentliches hervorzubringen; worin es aber bestehen könne, wollte [ihm] nicht deutlich werden. Wie man jedoch eher an den Lohn denkt, den man erhalten möchte, als an das Verdienst, das man sich erwerben sollte; so [leugnete er] nicht, dass wenn [er] an ein wünschenswertes Glück dachte, dieses [ihm] am reizendsten in der Gestalt des Lorbeerkranzes erschien, der den Dichter zu zieren geflochten ist.“
Der 1. Teil endet mit Goethes erster Liebesbeziehung zu Gretchen, die ein abruptes Ende findet, als sich der damals etwa 15-Jährige in eine Dokumentenfälschungsaffäre verwickelt sieht, die sogar gerichtliche Untersuchungen zur Folge haben sollte. Die Kindheit endet mit dem Erlebnis von Schuld und in Verzweiflung und Krankheit. Der Jugendliche wird in Gewissenskonflikte gestürzt, weil er gegen Freunde aussagen muss. Die Sache geht jedoch aufgrund der Privilegien, die seine Familie genießt, noch einmal relativ glimpflich aus. Mit diesem seelisch tief gehenden Ereignis ist das Weltereignis der Kaiserkrönung Josephs II. in Frankfurt verbunden.
Im 2. Teil steht die Universitätsstadt Leipzig am Beginn eines neuen Lebensabschnittes. Bald jedoch macht sich Enttäuschung breit, denn statt des positiven Einflusses der Gelehrtenatmosphäre auf den jungen Jusstudenten, beginnt eine äußere und innere Wandlung, die - beeinflusst durch die Leichtlebigkeit einer Weltstadt - sich nicht nur in der Kleidung und im literarischen Geschmack niederschlägt, sondern auch auf die Haltung des jungen Goethe Autoritäten gegenüber. Dies ist die Zeit, zu der Goethe sich vorwiegend in Ärztekreisen aufhält, dies ist die Zeit, zu der er mit Gottsched abrechnet und sich zu Wieland hinwendet. Doch seine Geschmacks- und Urteilsungewissheit verleitet ihn schließlich gar dazu, all seine Prosa und Gedichte auf dem Küchenherd zu verbrennen.
Das siebente Buch steht im Zeichen des Exkurses über die deutsche Literatur um die Jahrhundertmitte, wobei aber der Ansatz dominant ist: „Was ich gegenwärtig stück- und sprungweise davon zu sagen gedenke, ist nicht sowohl wie sie [die Literatur] an und für sich beschaffen sein mochte, als vielmehr wie sie sich zu mir verhielt.“ Parallel dazu wird die Beziehung zu Käthchen (Annette) Schönkopf geschildert, die ihn zu neuen Dichtungen inspiriert. In diese Phase fällt auch die Freundschaft zu Behrisch, die für Goethe lehrreich und sittlich ganz heilsam war, wie er selbst behauptete: „Und so begann diejenige Richtung, von der ich mein ganzes Leben über nicht abweichen konnte, nämlich dasjenige was mich erfreute oder quälte, oder sonst beschäftigte, in ein Bild, ein Gedicht zu verwandeln und darüber mit mir selbst abzuschließen, um sowohl meine Begriffe von den äußeren Dingen zu berichtigen, als mich im Innern deshalb zu beruhigen. Die Gabe hierzu war wohl niemand nötiger als mir, den seine Natur immerfort aus einem Extrem in das andere warf. Alles was daher von mir bekannt geworden, sind nur Bruchstücke einer großen Konfession, welche vollständig zu machen dieses Büchlein ein gewagter Versuch ist.“ Und über den Verlust von Käthchen sagt er ein wenig später: „…; ja ich wäre vielleicht an diesem Verlust völlig zu Grunde gegangen, hätte sich nicht hier das poetische Talent mit seinen Heilkräften besonders hülfreich erwiesen.“ Aus dieser Seelenpein entsteht die älteste seiner überbliebenen dramatischen Arbeiten „Die Laune des Verliebten“, sowie das Werk „Die Mitschuldigen“, welche beide gleichsam unter dem Motto stehen: „Wer sich ohne Sünde fühlt, der werfe den ersten Stein.“
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Goethe wendet sich nun mehr den bildenden Künsten, wie etwa dem Kupferstich zu. Schließlich aber erfolgt ein körperlicher Zusammenbruch, der den Studienabbruch bedingt. In dieser Phase, wieder in seine Heimatstadt zurückgekehrt, steht der junge Dichter erneut an einer entscheidenden Lebenswende, die auch eine Vertiefung seines religiösen Verständnisses bewirkt. Die Beziehung zu seiner Schwester, die ein schlechtes Verhältnis zum Vater hat, wird vertieft. Durch seine Krankheit wird er auch wieder allem Ärztlichen näher gebracht. Er beschäftigt sich mit den Schriften Boerhaaves, aber auch die „Kirchen- und Ketzergeschichte“ von Arnold fällt ihm in die Hände. „Ich mochte mir eine Gottheit vorstellen, die sich von Ewigkeit her selbst produziert; …“ Vom Produktionstrieb getrieben, produziert nun diese Gottheit die Dreifaltigkeit und als Viertes „Lucifer“, „welchem von nun an die ganze Schöpfungskraft übertragen war, und von dem alles übrige Sein ausgehen sollte. [Als dieser aber die Engel erschaffen hatte,] vergaß er seines höhern Ursprungs und glaubte ihn in sich selbst zu finden, und aus diesem ersten Undank entsprang alles was uns nicht mit dem Sinne und den Absichten der Gottheit übereinzustimmen scheint.“ Schließlich jedoch kommt es zur eigentlichen Schöpfung, nämlich der des Menschen, der dazu auserkoren ist, die ursprüngliche Verbindung mit der Gottheit wiederherzustellen, indem sich aber in ihm selbst der grundsätzliche Widerspruch allen Daseins manifestiert. Und somit sei der Mensch zugleich das vollkommenste und unvollkommenste, das glücklichste und das unglücklichste Geschöpf, und er stelle sich gegen „Lucifer“. Die Schöpfung muss daher als ständiges Abfallen und Zurückkehren zum Ursprünglichen gesehen werden. „Die Absonderung vom Wohltäter ist der eigentliche Undank.“ Es sei unsere Pflicht, „uns zu erheben und die Absichten der Gottheit dadurch zu erfüllen, dass wir, indem wir von einer Seite uns zu verselbsten genötiget sind, von der anderen in regelmäßigen Pulsen uns zu entselbstigen nicht versäumen.“
Aufgrund einer Auseinandersetzung mit dem Vater verlässt Goethe nun wieder sein Elternhaus und geht zum Studium nach Straßburg, wo er sich einer Studentengruppe anschließt, die ihn mit der Eigenart des Bürgerlebens bekannt macht. Beeindruckt ist Goethe vom Straßburger Münster, dem er viele Betrachtungen widmet.
Im zehnten Buch befasst sich Goethe wieder mit der zeitgenössischen Literatur, er betont die Bedeutung Klopstocks und Herders. Besonders die Widersprüchlichkeit Herders fasziniert den jungen Goethe. „…; von Herdern aber konnte man niemals eine Billigung erwarten, man mochte sich anstellen wie man wollte. Indem nun also auf der einen Seite meine große Neigung und Verehrung für ihn, und auf der andern das Missbehagen, das er in mir erweckte, beständig miteinander im Streit lagen; so entstand ein Zwiespalt in mir, …“ Diese Situation ist jedoch der Hintergrund für das neue eigene dichterische Schaffen. „Goetz von Berlichingen“ entsteht zu dieser Zeit. Weyland tritt in Goethes Leben und führt ihn in gar manche Familie ein. Schließlich führen ihn seine Streifzüge durch das Elsass in das Pfarrhaus nach Sesenheim, das durch Friederike Brion für ihn schicksalhaft wird.
Der 3. Teil, beginnend mit dem elften Buch, welches das eigentliche Friederikebuch ist, befasst sich mit den Höhepunkten der Beziehung, aber auch mit der Distanzierung und dem schmerzlichen Ende der Idylle. Parallel dazu der Abschluss seines Studiums und die Auseinandersetzung mit der französischen Literatur, der Philosophie und Shakespeare, dessen Werke sich zu dieser Zeit in den Übersetzungen Wielands großer Beliebtheit im deutschen Sprachraum erfreuen. Neue Kreise in Frankfurt, Darmstadt und Wetzlar öffnen sich für Goethe nun. Er lernt Merck kennen, für welchen er Rezensionen zu schreiben beginnt, und zwar für die „Frankfurter Gelehrtenanzeigen“, die Sprachrohr für die Sturm und Drang Dichter werden. In Wetzlar unterhält Goethe eine aussichtslose Beziehung zu Charlotte Buff, die aber bereits anderwärtig verlobt ist. Merck rät Goethe zur Abreise. Dann erhält Goethe die
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Dr. phil. Daria Hagemeister, 2006, Aus meinem Leben Dichtung und Wahrheit von Goethe, Munich, GRIN Publishing GmbH
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