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diesem Sinne muss man auch die Figur des Tristan verstehen. Er ist kein Mensch aus Fleisch und Blut. Er ist eine Allegorie und erfüllt eine bestimmte Funktion. Er ist ein Held, ein mythischer Heilbringer einer mittelalterlichen kollektivistischen Gesellschaft und als solcher entzieht er sich jeglicher Beurteilung aus einer neuzeitlich individualistischen Perspektive. Dementsprechend muss man auch die Bedeutung der Emotionen in Gottfrieds Tristan in ihrem Kommunikations- und Handlungscharakter erfassen. Ebenso ist die Andersartigkeit der mittelalterlichen Gefühlsausdrücke zu berücksichtigen. Einen großen Anteil haben nämlich nonverbale Formen der Gefühlsvermittlung, wie Gestik, Mimik und Bewegung. 3 Unter diesem Gesichtspunkt muss man wohl auch Tristan als Träger der Minne betrachten. Ursprünglich meinte das Wort „Minne“ nicht nur die Liebesbeziehung zwischen Geschlechtern, sonder bezeichnete auch allgemein freundschaftlich emotionale Bindungen, sowie ein „freundliches Gedenken“ gegenüber Gott. Erst im Spätmittelalter erfolgte dann die Begriffseinschränkung auf die sexuelle, erotische Liebe. Durch die zunehmende Emotionalisierung und Individualisierung der Beziehung des Menschen zu Gott, haben sich analog dazu auch die zwischenmenschlichen Beziehungen verändert. Ein ausgeprägtes Ich- Bewusstsein hingegen und eine Hinwendung zu einem nicht austauschbaren Du, Selbstreflexion und Selbstanalyse sind dem mittelalterlichen Helden und somit auch der Figur des Tristan fremd. In dem Roman geht es vielmehr um die gesellschaftliche Auffassung von Liebe. Tristans Liebe ist gleichzeitig vollkommen und korrupt, sie ist rein und schuldig zur selben Zeit. Genauso zwiespältig ist die Haltung des Helden der Gesellschaft gegenüber. Einerseits stellt er sich ins Abseits und verstößt gegen ihre Regeln, andererseits ist sie ihm ein unabdingbares Gut. 4
Gottfrieds Tristan trägt Züge des Götterboten Hermes in sich. Dieser ist der Gott der Diebe, der Kaufleute und der Reisenden, ein Meister der List, aber auch der Musik und der gewandten Rede. Diese Anklänge an Hermes sind leicht zu erkennen. Auch Tristan ist listenreich und wortgewandt, er gibt sich als Kaufmann aus, er ist Musiker und die Reise ist sein Zuhause. 5 In seiner Dissertation versucht Ulrich Schönwald mittels einer eigens für dieses Projekt entwickelten Software die einzelnen Erzählabschnitte des Tristanromans auf signifikante Strukturen und Zahlen zu untersuchen. Zu diesem Zweck wurde sogar die Heidelberger Handschrift hinzugezogen. Dabei stellte man fest, dass der Umfang der beiden
3 Kasten, Ingrid: Seminar über die „Codierung von Emotionen im ‚Tristan’ Gottrieds von Straßburg“
4 Beifuß, Elke: „Über die Minne im Tristan Gottfrieds von Straßburg und das Verständnis von Liebe und Ehe in der Gesellschaft um 1200“ 5 Vgl.: Schönwald, Ulrich: „Hermes’ Spuren: Geist und Struktur in Gottfrieds Tristan", Dissertation, Göttingen 2005. (siehe auch: Capella, Martianus: „Die Hochzeit von Philologia und Merkur“, 5. Jh.)
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Teile des Romans exakt auf den beiden Zahlen des Martianus basiert. Martianus Capella hatte nämlich im 5. Jh. das Werk „Die Hochzeit von Philologia und Merkur (= Hermes)“ verfasst, in dessen Rahmenhandlung er den Brautleuten Zahlen zuordnet, um mit deren Hilfe zu demonstrieren, wie gut die beiden einander ergänzen. Somit glaubt der Verfasser der Dissertation die Annahme berechtigt, dass der Tristanroman kein Fragment, sondern ein in sich abgeschlossenes Werk darstellt. 5
Ein anderer Autor namens Böschenstein 6 schreibt in seinem Text „Der Sänger Tristan“:
Beim Studium früher Kulturen bin ich drauf gestoßen, dass offenbar bis in die jüngste Vergangenheit, das heißt bis etwa vor 5-6000 Jahren keine vertikalen Strukturen in menschlichen Gesellschaften zu entdecken sind. Es gibt keine Oberen und keine Unteren. Bei Carl Friedrich von Weizsäcker fand ich wichtige Gedanken zum Phänomen Macht. Seit es in menschlichen Gesellschaften institutionalisierte Machtausübung gibt, hat sich Grundlegendes verändert. Wenn ich Ihnen von den Sängern und Musikern erzähle, tue ich dies, weil mir das Studium dieser Menschengruppe ermöglicht, das Phänomen Macht besser zu verstehen. Und weil die Artusepik, die Literatur der Ritter, eine Literatur der Herrschaft ist, helfen Überlegungen zur Problematik der Macht auch zum Verständnis der Artus- Geschichten.
Die Erinnerung an ein goldenes Zeitalter, ein Zeitalter ohne Macht ist im Mittelalter noch durchaus lebendig. … Die Sänger wussten um diese Zusammenhänge. Sie waren Fahrende. Sie standen außerhalb.
Die Sänger gehörten nicht dazu, sie waren Gäste, Reisende, aus einem anderen Land und hatten nicht dieselben Rechte und Pflichten wie die Sesshaften. Sie waren „elende“ (= Fremde). Auch Tristan gehört zu den „elenden“. Mit 14 Jahren wird er von fahrenden Kaufleuten geraubt, weil sie an seinem Saitenspiel und seiner Schachkunst Gefallen gefunden hatten. Doch dann wird er aus Angst vor Gottes Strafe von ihnen in einem fremden Land einfach ausgesetzt.
Und nun tritt Tristan als Kulturbringer auf. Er bringt den Jägern das Entbasten des Hirsches bei, die Furkie und Curie, Techniken, die offensichtlich in Cornwall nicht bekannt waren. Beim Einzug in die Burg Tintajol lässt er sich ein Horn geben und erstaunt die Menge mit fremdartigen Klängen.
6 Böschenstein, U.: „Der Sänger Tristan“, www.uboeschenstein.ch/texte/boetexte/tristan.html.
4 In dieser Szene wird deutlich, womit man bei Hofe beeindrucken kann: mit Jagdkünsten, Musikalität, Redekunst und natürlich mit dem Aussehen. In dieser Szene könnte man die Rolle und Bedeutung des fremdartigen Hörnerklanges mit einem Terminus aus der Rhetorik als Exordium bezeichnen. Diese Bezeichnung wird dem literarischen Verfahren, nach welchem Gottfried die Ankündigung Tristans durch Musik inszeniert, durchaus gerecht. Die Propositio darf durchaus Überraschungsmomente beinhalten. Diese Überraschung ist durch die Fremdartigkeit der Klänge gelungen. Auch die Forderung, das Publikum aufmerksam und lernbereit zu machen wird erfüllt. Bei der darauf folgenden Insinuatio kann Tristan unter Beweis stellen, dass er auch die höfischen Aptumregeln beherrscht.
Ein anderer interessanter Aspekt in der Figur des Tristan scheint mir seine „Vaterlosigkeit“ zu sein. Als Tristan das Licht der Welt erblickt, ist sein Vater Riwalin bereits tot und selbst seine Mutter Blanscheflur stirbt bei seiner Geburt. Kurz vor seiner Schwertleite, also vor seinem Schritt in die Welt der Erwachsenen, „verliert“ er seinen Ziehvater Rual. Dies scheint ein „Grundmuster epischer Kindheitsgeschichten“ zu sein, dass nämlich mit der Geburt des Helden der Vater häufig „aufhört“. Dies lässt sich „auch so verstehen, dass damit auf einen Einschnitt zwischen zwei Zeitaltern hingedeutet werden soll.“ 7 Symbolisch wird ihm sein Oheim Marke als Vater gegeben. Doch nun bedarf Tristan keines Vaters mehr. Er ist zum Ritter geschlagen. Und im Falle seines Oheims kehrt sich die Vater-Sohn-Rolle geradezu auf skurrile Art und Weise ins Gegenteil um.
Obwohl in den höfischen Romanen Deutschlands und Frankreichs das Verhältnis der Helden zu den Eltern generell eine eher untergeordnete Rolle zu spielen scheint, kann man doch sehen, dass gerade im Falle Tristans die „drei“ Väter, die ihn in verschiedenen Stadien seines Lebens begleiten, einen gewissen Stellenwert haben. „Vater ist die weitaus am häufigsten verwendete Verwandtschaftsbezeichnung im ‚Tristan’ (77-mal, gefolgt von 49-mal muoter und anderen, noch seltener belegten Termini; zum Vergleich: oeheim tritt nur 24-mal auf).“ 7 Was für Tristan eine Beziehung zum Vater bedeutet, also eine Innenperspektive des Helden, wird uns nicht geboten. Hingegen beschränken sich die verwandtschaftlichen Beziehungen auf rein erbrechtliche und erbtechnische Ebenen, beziehungsweise sind sie gesellschaftlich determiniert. Von seinem leiblichen Vater Riwalin erbt Tristan zwei Züge, nämlich die Rolle des hervorragenden Ritters und des vortrefflichen Liebhabers. Riwalin sorgte gut für seine Geliebte, er nahm sie mit sich, ehelichte sie, damit ihre Ehre gewahrt blieb und als er in den
7 Zotz, Nicola „Vaterverlust oder Vatergewinn? Rual zwischen Riwalin und Marke“, ersch. in „Aventiuren“,
Bd.2 „Das Abenteuer der Genealogie: Vater-Sohn-Beziehungen im Mittelalter“, hrsg. v. Baisch, Martin, u. a.
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Dr. phil. Daria Hagemeister, 2006, Gottfrieds Tristan und die Musik, Munich, GRIN Publishing GmbH
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