Inhaltsverzeichnis
1/ Einführung 3
2/ Die Zensur als Instrument der Unterstützung der
sozialistischen Ideologie 5
a) Die gesellschaftliche Bedeutung der Literatur 5
b) Offizielle Begründungen der Zensur 7
c) Zensierte Themen 9
d) Die Unterwerfung der Literatur unter die Ideologie 12
3/ Die Kontrolle und Steuerung der Literatur 16
a) Die Einrichtungen des Zensursystems 16
b) Der Einfluss des Ministeriums für Staatssicherheit im Zensursystem 18
c) Erscheinungsformen der Zensur 20
d) Das Druckgenehmigungsverfahren und die Begutachtung 23
Schluss 25
Literatur 27
2
1/ Einführung
Im Mai 1976 berichtete der Generalsekretär der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), Erich Honecker, auf dem 9. Parteitag, dass „Kultur und Kunst sehr viel beizutragen [vermögen], sozialistische Überzeugungen zu festigen und in den Herzen der Menschen das reine Feuer kommunistischer Ideale zu entzünden.“ 1 Fünf Jahre später hieß es, dass Kunst und Literatur vieles hervorgebracht haben, „was Teil unserer sich ständig verändernden sozialistischen Wirklichkeit ist und diese Veränderung zugleich bewirkt.“ 2 Da der Staat der Literatur die Fähigkeit anerkannt hatte, Veränderungen zu initiieren, galt es, abweichende Positionen zu unterbinden und die Literatur zu verhindern, die ihm nicht opportun erschien. Die Wichtigkeit, die die Deutsche Demokratische Republik (DDR) der Literatur beimaß, zeigte sich vor allem durch die Ausübung der literarischen Zensur.
Die Soziologin Ulla Otto definiert Literaturzensur als „die autoritäre Kontrolle aller menschlichen Äuβerungen, die innerhalb eines bestehenden gesellschaftlichen Systems mit der Bemühung um sprachliche Form geschrieben werden“. 3 Die Regulierung der literarischen Übermittlung von Ideen wird in praktisch allen Gesellschaften betrieben: Kein Gesellschaftssystem gestattet die absolute Freiheit literarischen Ausdrucks. 4 In der DDR war aber die Literaturzensur allgegenwärtig. Kommunistische Länder im Allgemeinen haben von der Zensur gerne und oft Gebrauch gemacht. Eine systematische Vorzensur der heimischen literarischen Werke wurde dadurch möglich, dass das gesamte Verlagswesen weitgehend zentralisiert und kontrolliert war. Ferner wurden Maβnahmen literarischer Zensur auf bereits erschienene Werke angewandt, besonders auf Werke aus dem Ausland. Bei nicht konformen Autoren wurde auβerdem versucht, meist mit harten Sanktionen, politische Demonstrationseffekte zu erzielen. 5
1
Vgl.
Walther, Joachim
(1996): Sicherungsbereich Literatur, S.49.
2 Vgl. Petersell, Andreas (1996): Zwischen Selbstsicherheit und Selbstzweifel. Findung und Wahrung der Identität in einer repressiven Gesellschaft. Im Internet unter: http://www.petersell.de/ddr/2-ueberblick.htm (Stand: 05/08/05, 14.20 Uhr).
3 Otto, Ulla (1968): Die literarische Zensur als Problem der Soziologie der Politik, S.6. 4 Vgl. Ebd. S.6.
5 Vgl. Ebd. S.46.
3
Literarische Werke können aus religiösen, moralischen oder politischen Gründen zensiert werden. Wir werden uns hier auf die politische Zensur beschränken, bei der es um „die reale politische Machtverteilung und Machtorganisation im Staate, und deren Erhaltung, Verteidigung und Verstärkung im Gegeneinander der einzelnen gesellschaftlichen Gruppen“ geht. 6 Das erklärte Ziel aller Maßnahmen literarischer Zensur in demokratischen Gesellschaften ist eigentlich die Bewahrung einzelner Gesellschaftsgruppen (z.B. der Jugend) vor schädlichen Einflüssen. 7 In der DDR war das verfolgte Ziel allerdings ein anderes: Vielmehr ging es darum, durch die Ausübung der literarischen Zensur die Schriftsteller als ideologische Erzieher des Volkes zu instrumentalisieren, und, damit verbunden, die Stabilität des Systems zu gewährleisten. Der Staat wollte die Produktion von Literatur zu einem Gegenstand kulturpolitischer Planwirtschaft machen, um so auch die Gedanken der Leser zu steuern. Unter dem Vorwand eines schutzbedürftigen Interesses der Allgemeinheit hat also die herrschende Klasse bei der literarischen Zensur ihre Maßnahmen unter den Aspekt der Staatsräson gestellt. 8
Es wird also versucht, die Frage zu beantworten, wie die literarische Zensur in der DDR als Instrument des ideologischen Kampfes und des Machterhalts benutzt wurde. Im ersten Teil soll gezeigt werden, inwiefern das Zensursystem den Zweck hatte, die ideologische Dominanz der DDR-Machthaber zu erhalten, und im zweiten Teil, wie und wodurch dieses Ziel erreicht werden sollte.
6
Otto, Ulla
(1968): Die literarische Zensur als Problem der Soziologie der Politik, S.78.
7
Vgl. Ebd. S.89-90.
8 Vgl. Ebd. S.140.
4
2/ Die Zensur als Instrument der Unterstützung der
sozialistischen Ideologie.
a) Die gesellschaftliche Bedeutung der Literatur
Besonders in einer Diktatur wird der Literatur eine besondere Rolle zugewiesen, und dies aus verschiedenen Gründen. Ulla Otto hat gezeigt, dass die Literatur ein revolutionäres Element beinhaltet: „Wenn die Gesellschaft sich sieht und vor allem sich gesehen sieht, dann bedeutet das zumeist ein Anzweifeln feststehender Werte, verbunden mit einem Infragestellen des bestehenden Regimes.“ Die Aktivität des Schriftstellers kann also insofern als revolutionär betrachtet werden, als dass er versucht, das Gleichgewicht der Gesellschaft mit Hilfe seiner persönlichen Vorstellungen vom Idealzustand zu erschüttern. Aus diesem Grund kann die Literatur zur öffentlichen Macht werden, und vermag in diesem Sinne die Geschichte eines Landes entscheidend mitzubestimmen.
9
Ferner kann die Literatur als potentieller Einflussfaktor der öffentlichen Meinung wirken, was letztendlich eine Auswirkung auf die politische Herrschaft hat. Die Literatur vermag nämlich auf nachhaltige Weise Meinungen auszurichten, zu prägen und zu verbreiten. Als Reaktion auf den Einfluss literarischer Tendenzen bringen die Regierten ihre Zustimmung, aber auch ihre Änderungswünsche oder ihre Ablehnung gegenüber dem bestehenden System zum Ausdruck. Dadurch wird der Bestand der Herrschaft in Frage gestellt, so dass es für die Regierenden notwendig wird, die Entwicklung der öffentlichen Meinung zu überwachen. Dafür muss die Literatur vom Augenblick ihres Erscheinens zur systemkonformen Waffe ausgebildet, und, wenn nötig, unterbunden werden. Dazu bieten sich zwei Möglichkeiten: Die Unterstützung einer bestimmten Literatur auf der einen Seite, und Kontrolle und Überwachung auf den anderen Seite, um die Verbreitung unerwünschter Ideen und Vorstellungen zu verhindern. 10
9
Vgl.
Otto, Ulla
(1968): Die literarische Zensur als Problem der Soziologie der Politik, S.10.
10
Vgl. Ebd. S.12-13.
5
Dies wurde am Beispiel der DDR sichtbar: Neben der Ermunterung und Unterstützung bestimmter Kunstrichtungen („sozialistischer Realismus“) standen Methoden der Unterdrückung, darunter die Zensur, die als Instrument zur Einschränkung freier Meinungsbildung benutzt wurde.
Der eigentliche Gegenstand literarischer Zensur war also nicht die Literatur als solche, sondern vielmehr deren potentieller oder tatsächlicher Einfluss auf die öffentliche Meinung.
Der Kultur in ihrer Gesamtheit wurde von den Machthabern der DDR eine immer größere Bedeutung zugemessen. Spätestens ab Ende der 60er Jahre war die „Abwehrarbeit auf dem Gebiet von Kunst und Kultur“ ein „Schwerpunktbereich“ des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). In Mielkes Befehl 20/69 vom Juni 1969, der die Bildung der Abteilung XX/7 für Kunst und Literatur beim MfS anwies, wurde die sicherheitspolitische Bedeutung der Kultur unterstrichen: „Die Kultur in ihrer Gesamtheit, in besonderem Maβe die Massenkommunikationsmittel, sind aufgrund ihrer Stellung im gesellschaftlichen Gesamtsystem, vor allem bei der politisch-ideologischen Bildung und Erziehung der Menschen, bedeutende Faktoren im Prozess des Klassenkampfes zwischen Sozialismus und Imperialismus.“ 11
Gegenüber der Literatur waren aber auch eine gewisse Furcht und ein Misstrauen seitens der Machthaber vorhanden. Dies kommt zum einen davon, dass die Literatur sich aufgrund der Benutzung von Allegorien, Metaphern, Fabelformen usw. besonders gut für verdeckte und unterschwellige feindliche Angriffe eignet. 12 Darüber hinaus konnten Schriftsteller insofern gefährlich für den Fortbestand des Regimes werden, als dass sie durch ihr öffentliches Nachdenken als Multiplikatoren wirken können. 13 So beschrieben zwei Kulturoffiziere des MfS Rolf Pönig und Peter Nohl die Befürchtungen der SED in diesem Hinblick: „Zur Verwirklichung seiner feindlichen Pläne konzentriert sich der Gegner vorrangig auf Persönlichkeiten des gesellschaftlichen und kulturellen Bereichs. […] Er versucht, diese Personenkreise […] in Widersprüche zur Partei- und Staatsführung der DDR, zum real existierenden Sozialismus und zur marxistisch- leninistischen Weltanschauung zu bringen.
11
Vgl.
Walther, Joachim
(1996): Sicherungsbereich Literatur, S.29-31.
12 Vgl. Ebd. S.34.
13 Vgl. Petersell, Andreas (1996): Zwischen Selbstsicherheit und Selbstzweifel. Findung und Wahrung der Identität in einer repressiven Gesellschaft. Im Internet unter: http://www.petersell.de/ddr/2- ueberblick.htm (Stand: 05/08/05, 14.20 Uhr).
6
Der Grund für das überaus starke Interesse der Geheimdienste und –zentren an diesem Personenkreis besteht in der Tatsache, dass es sich um Multiplikatoren der Ideologie handelt.“ 14
Systemfeindliche Schriftsteller seien „populäre, öffentlichkeitswirksame Verbreiter ideologischer Auffassungen und Anschauungen“ und haben eine hohe „Wirkung unter allen Klassen und Schichten der Bevölkerung“. Gelingt es ihnen, Personen „irrezuleiten“, so besteht die Gefahr der Herausbildung einer inneren Opposition in der DDR. 15
b) Offizielle Begründungen der Zensur
Ulla Otto nach finden kommunistische Staaten in ihrer eigenen Ideologie die Rechtfertigung, die Verbreitung literarischer Werke zu verhindern, die dem etablierten System zuwider sind oder zu sein scheinen.
16
Aber eigentlich haben die Machthaber der DDR immer bestritten, dass überhaupt eine Zensur existierte. 1990 behauptete Honecker: „Wir hatten ja keine Zensur… Wir waren das einzige sozialistische Land, das die Dinge laufen ließ.“
17
Die DDR wurde sogar von SED-Propagandisten idyllisierend „Literaturgesellschaft“ genannt.
18
Es gab generell eine Abneigung gegen das Wort „Zensur“, dem bürokratische Floskeln wie „Lenkung“ oder „Planung des Literaturprozesses“ vorgezogen wurden.
19
In der Verfassung der DDR war auch keine rechtliche Grundlage für die literarische Zensur zu finden. In Artikel 27 Abschnitt 1 hieβ es nämlich: „Jeder Bürger der DDR hat das Recht, den Grundsätzen dieser Verfassung gemäß, seine Meinung frei und öffentlich zu äußern. [...]“ und in Abschnitt 2: „ Die Freiheit der Presse, des Rundfunks und des Fernsehens ist gewährleistet.“
20
14
Vgl.
Walther, Joachim
(1996): Sicherungsbereich Literatur, S.33.
15 Vgl. Ebd. S.33.
16 Vgl. Otto, Ulla (1968): Die literarische Zensur als Problem der Soziologie der Politik, S.47-48. 17 Vgl. Jäger, Manfred (1993): Das Wechselspiel von Selbstzensur und Literatur in der DDR In: Wichner, Ernest und Wiesner, Herbert: « Literaturentwicklungsprozesse », S. 19-21. 18 Vgl. Walther, Joachim (1996): Sicherungsbereich Literatur, S.15.
19 Vgl. Jäger, Manfred (1993): Das Wechselspiel von Selbstzensur und Literatur in der DDR In: Wichner, Ernest und Wiesner, Herbert: « Literaturentwicklungsprozesse », S. 21.
20 Vgl. Gradhand, Ulrike (1997): Literaturzensur in der DDR. Im Internet unter: http://www.mda.de/homes/ug/contents.html (Stand: 05/08/05, 14.15 Uhr).
7
Arbeit zitieren:
Adeline Defer, 2005, Literaturzensur in der DDR, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft
Hausarbeit, 19 Seiten
Punk in der DDR. Wahre Rebellion oder Spaßnische
Politik - Politische Systeme - Historisches
Hausarbeit, 26 Seiten
Sprachkritik (Anglizismen, Fachsprache) - Konzept für die Unterrichtse...
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Hauptseminararbeit, 33 Seiten
Akzente Waltherscher Minnekonzeption
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Seminararbeit, 32 Seiten
Überlebensstrategien - Vom Umgang der DDR-Schriftsteller mit der Zensu...
Hausarbeit, 20 Seiten
Die Profilierung des Besitz- und Bildungsbürgertums in Frau Jenny Trei...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 22 Seiten
Angewandte Diskursforschung - Verkaufsgespräche
Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)
Bachelorarbeit, 47 Seiten
Kaufvertrag - Eigentumsvorbehalt, die Sonderformen des Kaufvertrags ...
Hausarbeit, 24 Seiten
Hohe und Niedere Minne im Vergleich
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Zwischenprüfungsarbeit, 15 Seiten
Zu: "Die Wand" von Marlen Haushofer
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hauptseminararbeit, 21 Seiten
Rock in der DDR - Jugendkultur zwischen offizieller Staatsdoktrin und ...
Politik - Politische Systeme - Historisches
Hauptseminararbeit, 42 Seiten
Die Rolle der Frau in der Reinmar-Walther-Fehde
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit, 19 Seiten
Louis Althussers Verständnis von Ideologie in seinem Aufsatz 'Ideo...
Kulturwissenschaften - Allgemeines und Begriffe
Seminararbeit, 22 Seiten
Adeline Defer hat den Text Literaturzensur in der DDR veröffentlicht
Adeline Defer hat einen neuen Text hochgeladen
Wiedervereinigung Deutschlands
Festschrift zum 20jährigen Bes...
Karl Eckart, Jens Hacker, Siegfried Mampel
Wohin treibt die DDR-Erinnerung?
Dokumentation einer Debatte
Irmgard Zündorf, Sebastian Richter, Kai Gregor
Freigespielt: Frauenfußball im geteilten Deutschland
Frauenfußbal im geteilten Deut...
Carina Sophia Linne
Die sowjetischen Geheimdienstmitarbeiter in Deutschland
Der leitende Personalbestand d...
Vera Ammer, Nikita Vasilevicc Petrov
0 Kommentare