Inhaltsverzeichnis Seite
1. Einleitung
3
2. Merkmale einer sozialen Bewegung
4
3. Die Bürgerbewegung in der DDR 1989 1990
8
3.1 Unzufriedenheit 8
3.2 Mobilisierung 9
3.2.1 Massenflucht 9
3.2.2 Massendemonstrationen 11
3.2.3 Evangelische Kirche 13
3.2.4 Oppositionsgruppen 14
3.3 Kollektiver Akteur 16
3.4 Ziele 17
4. Schlußbemerkung
19
Literaturverzeichnis
22
2
1. Einleitung
"Wir sind das Volk!" 1 riefen hunderttausende von Demonstranten auf den Stra- ßen der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) 1989. Dieser schlichte Satz faßte unterschiedliche Interessen zu einem gemeinsamen Aufbegehren zusammen und ist in die Weltgeschichte eingegangen. Er steht stellvertretend für die Ereignisse in der DDR 1989, die den zentralen Punkt meiner Zwischen- prüfungsarbeit darstellen. Es soll jedoch nicht der zeitgeschichtliche A blauf vom Zerfall des sozialistischen Systems oder der Formierung einer politisch organisierten Opposition im Jahre 1989 beschrieben werden. 2 Im Vordergrund stehen vielmehr die Bürger der DDR, die sich 1989 spontan und unorganisiert zu einer Bewegung formiert haben und durch ihre Forderungen entscheidend zum Sturz des sozialistischen Systems beigetragen haben. Die Fragestellung meiner Arbeit lautet somit, ob die vom Volk ausgehende Bürgerbewegung in der DDR eine soziale Bewegung war. Zur Beantwortung soll die Bürgerbewe- gung in der DDR anhand bestimmter Merkmale einer sozialen Bewegung un- tersucht werden.
Einig war sich ‚das Volk‘ in der Ablehnung der alten Verhältnisse, in denen eine Führung ihren Herrschaftsanspruch mit gefälschten Wahlen sicherte und behauptete, ganz im Sinne des Volkes zu handeln. Mit den Forderungen nach Reformen und mehr Demokratie verlangte ‚das Volk‘, endlich selbst entschei- den zu können. Es ging dabei nicht mehr nur um den Wechsel von Figuren an der Spitze des Staates, sondern um eine grundlegende Neugestaltung der politi- schen Verhältnisse. Ohne den Mut des Einzelnen, öffentlich und mit großem persönlichen Risiko für Veränderungen einzutreten, hätten sich die Bürger der
DDR wahrscheinlich nie zu einer Bewegung formiert, um sich der Herrschaft
einer Diktatur zu entledigen.
Dabei stellen sich folgende Unterfragen: welche Ursachen haben diese Be- wegung überhaupt ausgelöst? Welche Ziele verfolgten die Bürger, die an ihr teilnahmen? Und wie ist es zu erklären, daß sich der einzelne Bürger, der allei-
1 Die Herkunft dieser Losung ist unklar. Gerufen wurde sie erstmals auf der Leipziger Mon-
tagsdemonstration am 2. Oktober 1989. Vgl.: Bernd Lindner: Die demokratische Revolution in
der DDR 1989/90, Bonn 1998 (Bundeszentrale für politische Bildung), S. 79.
2 Diese zeitgeschichtlich orientierte Vorgehensweise wird in der Literatur zu diesem Themen-
kreis überwiegend angewandt.
ne sicherlich nicht den Lauf der Geschichte beeinflussen kann, an den Demonstrationen beteiligte, obwohl er damit ein persönliches Risiko auf sich nahm? Welche Rolle spielten die evangelische Kirche und die Oppositions- gruppen für die Mobilisierung der Bewegung?
Diese Zwischenprüfungsarbeit versucht, Antworten auf diese Unterfragen zu geben, um somit die Prozesse, die zur deutschen Vereinigung beigetragen ha- ben unter dem Gesichtspunkt der sozialen Bewegung und somit im Hinblick auf die Fragestellung zu untersuchen. Im folgenden werde ich kurz die Gliede- rung meiner Arbeit darstellen: Der Hauptteil beginnt mit einer Bestimmung des Begriffs der sozialen Bewegung. Dies geschieht, um ein Grundverständnis her- zustellen, das für die weiteren Ausführungen nötig ist und um eine Definition zu liefern, anhand derer ich meine Untersuchung durchführen werde. Der fol- gende Abschnitt befaßt sich konkret mit der Untersuchung der Bürgerbewe- gung unter dem Aspekt der sozialen Bewegung. Eingegangen wird dabei so- wohl auf die Situation in der DDR 1989, als auch auf die Massenflucht und die Massendemonstrationen. Zudem werden die Rolle der evangelischen Kirche und der Oppositionsgruppen sowie die Ziele der Bürgerbewegung erörtert. Eine abschließende Beantwortung der Fragestellung in der Schlußbemerkung beendet meine Arbeit.
2. Merkmale einer sozialen Bewegung
Der Begriff der sozialen Bewegung wurde bereits von den französischen Früh- sozialisten durch die Übertragung des physikalischen Bewegungsbegriffs auf die Gesellschaft eingeführt. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts diente er als Be- zeichnung für einen vom Konflikt zwischen Lohnarbeitern und Kapital gepräg- ten gesellschaftlichen Prozeß. 3 Im Laufe des 20. Jahrhunderts erfuhr der Beg- riff soziale Bewegung jedoch eine starke Erweiterung. Damit verlor er seinen ursprünglichen präzisen Gehalt, so daß im heutigen Sprachgebrauch mehrere (unterschiedliche) Beschreibungen existieren.
3 Michael M. Zwick: Neue soziale Bewegungen als politische Subkultur, Zielsetzung, Anhän-
gerschaft, Mobilisierung – eine empirische Analyse, Frankfurt/Main 1990, S. 20.
Das Verständnis einer sozialer Bewegung als „kollektive[m] Akteur“ 4 ver- weist auf die Individuen, die durch gemeinsames Handeln die Bewegung (ak- tiv unterstützen bzw.) tragen. Dieses kollektive Handeln wird durch eine vor- herrschende Unzufriedenheit ausgelöst und ist darauf gerichtet, soziale und politische Verhältnisse zu verändern, „die von größeren gesellschaftlichen Gruppen als krisenhafte Belastung, als unzumutbar und ungerecht erfahren werden“. 5 Somit kann eine soziale Bewegung als „ein Prozeß des Protestes gegen bestehende soziale Verhältnisse verstanden werden“. 6 Die konkreten Ziele und Veränderungsabsichten müssen dabei nicht von Anfang an festste- hen, sondern können sich auch erst im Entwicklungsprozeß der Bewegung her- ausbilden.
Da immer mehr Teilnehmer gewonnen und immer mehr Individuen bereit sein müssen, das Ziel bzw. die Ziele der Bewegung zum Motiv ihres Handelns zu machen, wird die Mobilisierung zur Existenzbedingung der sozialen Bewe- gung. So beziehen sich Protestinitiatoren z.B. auf Werte und Normen der um- gebenden Gesellschaft wie Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit, um Sympathi- santen zur Teilnahme an der Bewegung zu animieren. Nur indem die Öffent- lichkeit davon überzeugt wird, daß die Bewegung diese gemeinsamen Werte schützt, wohingegen der Staat/die Regierung sie mißachtet, kann die Bevölke- rung auf die Seite der ‚Opposition‘ gebracht werden. Auch müssen die poten- tiellen Teilnehmer die Erfolgsaussichten für das kollektive Ziel hoch genug bewerten, um die Risiken der Beteiligung in Kauf zu nehmen. Letztendlich wird nur durch eine stetige Erhöhung der Partizipationsbereitschaft ein gewis- ser Grad an Kontinuität erreicht, der den Fortgang und die eventuelle Auswei- tung zum gesamtgesellschaftlichen Prozeß sichert. 7 Im Verlauf einer sozialen Bewegung entwickelt sich unter den Anhängern durch gemeinsame Erlebnisse und Aktionen ein Bewußtsein der Zusammenge- hörigkeit (‚Wir-Gefühl‘), das der Bewegung Stabilität und Dauerhaftigkeit verleiht und die an ihr Beteiligten zu einem kollektiven Akteur eint. Diese „ho-
4 Joachim Raschke: Soziale Bewegungen. Ein historisch–systematischer Grundriß, Frank-
furt/Main 1985, S. 77.
5 Karl-Werner Brand/Detlef Büsser/Dieter Rucht: Aufbruch in eine andere Gesellschaft. Neue
soziale Bewegungen in der Bundesrepublik, Frankfurt/Main 1986, S. 36.
6 Otthein Rammstedt: Soziale Bewegung, Frankfurt/Main 1978., S. 130.
7 Bill Moyer: Aktionsplan für soziale Bewegungen. Ein strategischer Rahmenplan erfolgreicher
sozialer Bewegungen, Kassel 1989, S. 15 und Raschke, S. 78.
he symbolische Integration“ 8 äußert sich durch Solidaritätsgefühle und durch gemeinschaftliches Handeln innerhalb der Anhängerschaft, also durch eine bewußte Teilhabe an Zielen, Perspektiven etc., die den Einzelnen über seine individuellen Motive und Ziele hinaus an die Bewegung bindet. 9 Kollektives Handeln und ‚Wir-Gefühl‘ sind entscheidende Merkmale sozialer Bewegun- gen, die sie von einer Vielzahl unverbundener Handlungen von Einzelpersonen sowie von einer Massenansammlung, die lediglich durch spontane Solidarität entsteht, unterscheiden.
Soziale Bewegungen werden von einer Bevölkerungsgruppierung getragen, die nicht formal organisiert sein muß. Dies beinhaltet jedoch nicht, daß eine soziale Bewegung generell durch Nicht-Organisation gekennzeichnet ist. Ob- wohl meistens eher auf losen, informellen Strukturen beruhend, können soziale Bewegungen auch formalisierte Organisationen einschließen, die ihr Kontinui- tät, Koordination und Initiative leihen. 10 Doch ist Organisation nicht der ent- scheidende Faktor, denn ohne die spontane und unregelmäßige Aktion der Ak- tiven außerhalb der Organisation ist soziale Bewegung nicht denkbar. So tritt an die Stelle formaler Mitgliedschaft oft eine informelle Zugehörigkeit, d.h. eine unterschiedlich stark ausgeprägte Identifikation mit der Bewegung, die sich durch unterschiedliche Aktionsformen äußern kann. Eine soziale Bewe- gung nimmt also eine Mittelstellung zwischen schwach strukturierten Gruppen einerseits und hochformalisierten Organisationen andererseits ein. 11 Die Herbeiführung grundlegenderen sozialen Wandels kann als charakteris- tisches Ziel sozialer Bewegungen hervorgehoben werden. Sozialer Wandel soll in diesem Zusammenhang als eine grundlegende Veränderung gesellschaftli- cher Ordnung verstanden werden. 12 Die Aufmerksamkeit richtet sich dabei auf bestimmte Mißstände, die Motiv für die Bewegung sein können und öffentlich gemacht werden. Dies geschieht in der Hoffnung, daß das herrschende System reagieren und somit die Ursachen der Unzufriedenheit beseiti-
8 Raschke, S. 78.
9 Norbert F. Schneider: Was kann unter einer „Sozialen Bewegung“ verstanden werden? Ent- wurf eines analytischen Konzepts. In: Ulrike C. Wasmuht (Hg.): Alternativen zur alten Politik. Neue soziale Bewegungen in der Diskussion, Darmstadt 1989, S. 200.
10 Dieter Rucht: Modernisierung und neue soziale Bewegungen. Deutschland, Frankreich und USA im Vergleich, Frankfurt/Main 1994, S. 87.
11 Raschke, S. 80.
12 Ebd.
Arbeit zitieren:
Andrea Becker, 1999, Wir sind das Volk, München, GRIN Verlag GmbH
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Die Leipziger Montagsdemonstration vom 9. Oktober 1989
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