Neurosen
von Stephan Holm
Inhaltsverzeichnis
1. Was ist eine Neurose?
2. Die Aktualneurosen
3. Die Abwehrneurosen
3.1 Hysterie
3.2 Phobie5
3.3 Zwangsneurose
4. Die Neurosen des Kindes
5. Fallbeispiele
5.1 Waschzwang
5.2 Entscheidungsschwierigkeiten
Literaturverzeichnis
1. Was ist eine Neurose?
Jeder Mensch ist im Alltag Konflikten ausgesetzt, die er durch eine klare Entscheidung oder durch Zufall lösen kann. Bei einem normalen Konflikt geht es also darum, eine Wahl zwischen mehreren Möglichkeiten zu treffen. Ist ein Neurotiker in einen Konflikt verwickelt, hat er jedoch keine freie Wahl. Eine Entscheidung im herkömmlichen Sinne ist für ihn nicht möglich. Seine Situation scheint dem Neurotiker aussichtslos. Aufgrund solcher inneren ungelösten Konflikte entstehen seine Neurosen als Störungen des seelischen Gleichgewichts. Diese äußern sich in Angstzuständen, Depressionen, Teilnahmslosigkeit oder völliger Absonderung . Die destruktiven und konstruktiven Kräfte eines Neurotikers stehen dabei in einem Spannungsverhältnis. Seine Wünsche streben in Form von zwingenden, gleich starken Kräften in entgegengesetzte Richtungen. Er spürt z.B. Begehren und Furcht zugleich und wird somit innerlich gespalten. Eine sinnvolle Therapie wäre, den Patienten dazuzubringen, beide Tendenzen zu akzeptieren und auszuleben, da eine einseitige Tendenz sogar Gefahren birgt. Eine neurotische Spaltung kann in Einzelfällen auch mit "Dr. Jekyll und Mr. Hyde" verglichen werden . Oft verleugnet ein Neurotiker seine Konflikte und Ängste. Er konstruiert einen Schutzwall aus Lügen um sich herum, der oft sehr zerbrechlich ist, was meist nur neue Ängste zur Folge hat, da der Neurotiker befürchtet, der Schutzwall könnte plötzlich in sich zusammenbrechen .
Neurosenentstehungen werden nicht nur, wie früher angenommen, durch sexuellen Missbrauch in der Kindheit, sondern auch durch verwöhnende oder einengende Erziehung gefördert. Durch genannte Umstände kann die Selbstentfaltung gestört werden. Unter Umständen ist ein Neurotiker Zeit seines Lebens auf der Suche nach Kompensation, um sich eines Tages innerlich wieder frei und unbeschwert zu fühlen .
Jeder gute Arzt sollte sich instinktiv so gut wie möglich mit den Klagen seines Patienten auseinandersetzen - seien die Beschwerden physisch belegbar oder psychisch bedingt. Die Neurose ist eine dieser Beschwerden, die physische Ausmaße hat aber psychisch bedingt ist. "Neurose" ist ein Sammelbegriff für viele psychische Störungen. Diese haben unterschiedliche Erscheinungsformen und auch die Ursachen sind sehr weitläufig. Eine Neurose ist eine länger anhaltende psychische Störung des Verhaltens und der Einstellungen des Betroffenen. Ausgelöst wird die Neurose durch bestimmte Erlebnisse oder Konflikte. Der Neurotiker kann sein neurotisches Verhalten nicht kontrollieren ist sich dessen aber bewusst.
Ein geschichtlicher Überblick weist im 19. Jahrhundert ein negatives Verständnis der Neurose auf. Nach Charcot wird die Neurose beschrieben als "ein Krankheitszustand, der sich augenscheinlich im Nervensystem abspielt und an der Leiche keine feststellbaren Spuren hinterlässt" . Dies bedeutet, dass die Neurose als eine Krankheit ohne Auffindbarkeit von physischen Schädigungen angesehen wurde. Krankheiten, die darum auch zu den Neurosen gezählt wurden, sind Taubheit, Tetanus, Doppeltsehen, Blindheit, Erbrechen, Heimweh, Wasserscheue u.s.w.. Nach 1894 zählte man auch die Parkinsonsche und die Basedowsche Krankheit dazu . Mit der Entwicklung der Medizin und der medizinischen Psychologie änderte sich auch das Verständnis der Neurosen. So verließen die Neurosen den somatischen (physisch kranken) Bereich, und Definitionen wurden psychologisch umfassender. So zählten jetzt auch Symptome wie Zwangsvorstellungen, Phobien, Hysterien und Charakteränderungen zu den Neurosen, während somatische Krankheiten wie Parkinson nicht mehr dazuzählten .
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Stephan Holm, 2001, Neurosen, Munich, GRIN Publishing GmbH
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