Helmut-Schmidt-Universität Hamburg
Seminar: Typen ethischer Argumentation
Februar 2006, 5. Trimester, Studienjahrgang 2004
Verlorengegangene Ethik?
Betrug und Fälschung in der Wissenschaft
von: Marcel Bohnert
INHALTSVERZEICHNIS
1 Einleitung 5
2 Definitionen 7
2.1 Verortung der Wissenschaft 7
2.1.1 Schulwissenschaft 7
2.1.2 Populärwissenschaft 8
2.1.3 Parawissenschaft 8
2.1.4 Pseudowissenschaft 8
2.2 Arten wissenschaftlichen Fehlverhaltens 9
2.2.1 Täuschung 9
2.2.2 Betrug 10
2.2.3 Fälschung 10
2.2.4 Plagiat 10
2.2.5 Wissenschaftlicher Witz 11
3 Fälle wissenschaftlichen Fehlverhaltens 12
3.1 Herrmann/Brach/Mertelsmann 12
3.2 Ausnahmefall oder Regel? 14
4 Gründe für wissenschaftliches Fehlverhalten 17
4.1 Freiheit von Forschung und Lehre 17
4.2 Publish or Perish 17
4.3 Zitations-Kartelle 19
4.4 Forschungsgelder 19
4.5 Unübersichtlichkeit 21
5 Maßnahmen gegen wissenschaftliches Fehlverhalten 22
5.1 Whistle Blowers 22
5.2 Peer Review-Verfahren 23
5.3 Ehrenkodex deutscher Wissenschaftsorganisationen 25
5.4 Maßnahmen zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten 26
5.5 Blick ins Ausland 28
5.5.1 USA: National Science Foundation/National Institutes of Health 28
5.5.2 Dänemark: Danish Committee on Scientific Dishonesty 29
6 Fazit 31
Literaturverzeichnis 34
Internetquellenverzeichnis 37
„Traue keiner Statistik, die du nicht selber
gefälscht hast.“
Sir Winston Churchill zugeschriebenes
Zitat, das möglicherweise von der Nazi-
Propaganda erfunden wurde, um ihn in
der Öffentlichkeit als Lügner und
Fälscher von Kriegsstatistiken
darzustellen.
1. Einleitung
Im November des Jahres 2005 stockt der »scientific community« der Atem: Ersten Presseberichten zufolge gibt es Unstimmigkeiten in den Arbeiten des weltweit anerkannten Genforschers Hwang Woo-Suk. Der Südkoreaner kann auf zwei Bahnbrechende Veröffentlichungen zurückblicken, die ihm weltweite Anerkennung und den Status eines Nationalhelden eingebracht haben: 1999, zwei Jahre, nachdem der Weltöffentlichkeit das Klonschaf »Dolly« präsentiert wurde, macht der einstige Tierarzt mit der Präsentation geklonter Rinder von sich reden. Der weltweite Durchbruch gelingt ihm 2004, als das Wissenschaftsmagazin »Science« eine Studie publiziert, in der beschrieben wird, wie er aus Körperzellen des Menschen Embryonen klont, aus denen sich Stammzellen entwickeln. Diese Sensation macht den Koreaner weltberühmt und weckt neue Hoffnung in der Bekämpfung schwerer Krankheiten. Zudem publiziert er im Jahre 2005 elf embryonale Stammzelllinien mit dem Erbgut kranker Menschen und stellt der Öffentlichkeit »Snuppy« vor, den Klon eines Afghanischen Windhundes.
Der »Paukenschlag« folgt nur ein knappes Jahr nach der Stammzell-Publikation in »Science«: Im November 2005 erhebt der amerikanische Wissenschaftler Gerald Schatten schwere Vorwürfe gegen Hwang. Er soll gegen fundamentale bioethische Grundregeln verstoßen haben, indem er Frauen zur Eizellenspende gezwungen hat.1 Zu dieser Zeit ist der Glaube der Koreaner an ihren Hoffnungsträger auf den Nobelpreis jedoch noch lange nicht gedämpft: Zahlreiche Frauen bieten sich demonstrativ zur Eizellenspende an und demonstrieren vor Hwangs Institut an der Seoul National University. Dabei gilt die klinische Prozedur der Eizellenspende als äußerst unangenehm und nicht risikolos. Nur wenig später teilt Roh Sung Il, ein Mitautor des in »Science« veröffentlichten Forschungsberichtes, der Öffentlichkeit mit, dass neun der elf publizierten Stammlinien erfunden sind und löst damit einen der größten wissenschaftlichen Fälschungsskandale unserer Zeit aus. In der Folgezeit bricht Hwangs Klon-Imperium in sich zusammen: Eine umgehend gebildete Expertenkommission der Seoul National University bestätigt Ende 2005, dass Hwang in erheblichem Umfange gefälscht hat.
Zuvor waren ihm bereits sein offizieller koreanischer Titel »Oberster Forscher« aberkannt, Fördergelder gestoppt und die Verleihung des ihm zugedachten Titels »Research Leader of the Year 2005« der amerikanischen Fachzeitschrift »Scientific American« aufgehoben worden.2 Anfang Januar 2006 wird auch seine erste Veröffentlichung in »Science« als Fälschung enttarnt.
Neben dem ruinierten Ruf der koreanischen Wissenschaft und dem Schaden für die internationale Stammzellforschung ergeben sich aus diesem Fall auch weitreichende Fragen an das allgemeine System der Wissenschaft. Vielerorts spricht man von einer »verloren gegangenen Wissenschaftsethik«. Wie war es Hwang möglich, seine gefälschten Forschungsergebnisse in renommierten Fachzeitschriften wie »Nature« und »Science« zu publizieren? Wie und warum kommt es überhaupt zu Betrug und Fälschung in der Wissenschaft? Welche Möglichkeiten haben Betroffene und Institutionen, zu reagieren oder Fehlverhalten von vornherein auszuschließen? Die vorliegende Arbeit widmet sich dieser Problematik. Dabei wird die klassische Frage der Wissenschaftsethik nach der Verantwortung des Wissenschaftlers für die außerwissenschaftlichen Folgen seiner Forschung weitgehend ausgeklammert. Stattdessen steht die Frage nach dem Motiv von wissenschaftlichen Betrügereien im Mittelpunkt. Dabei wird zunächst der grundlegenden Frage nachgegangen, wie sich Wissenschaften heute definieren und welche Formen wissenschaftlichen Fehlverhaltens sich voneinander unterscheiden lassen. Anschließend wird ein Fälschungsfall in der deutschen Wissenschaft vorgestellt und der Frage nachgegangen, wie weit wissenschaftliches Fehlverhalten heutzutage verbreitet ist. Zuletzt werden Gründe wissenschaftlichen Fehlverhaltens gesucht und Maßnahmen diskutiert, die zur Qualitätssicherung im heutigen Wissenschaftssystem beitragen.
2 Definitionen
Im Folgenden geht es zunächst darum, wichtige definitorische Abgrenzungen als Grundlage für das weitere Textverständnis zu schaffen. Dabei werden der Wissenschafts-Begriff und die zu unterscheidenden Tatbestände wissenschaftlichen Fehlverhaltens konkretisiert.
2.1 Verortung der Wissenschaft
In der heutigen Zeit stellt sich die Wissenschaft facettenreich dar. Ihre Einteilung kann nach vielen unterschiedlichen Gesichtspunkten erfolgen.3 In diesem Abschnitt werden diejenigen Varianten der Wissenschaft voneinander unterschieden, die Aufschluss über ihren Grad an Seriosität geben.
2.1.1 Schulwissenschaft
Über den Begriff der akademischen Wissenschaft herrscht in der »scientific community« keine Einigkeit. Am besten lässt sie sich durch ihre charakteristischen Methoden und Prinzipien definieren. Zwei Definitionsmöglichkeiten für »Wissenschaft« sind beispielsweise Folgende: Wissenschaft ist der „Prozess der Sammlung, Vertiefung, Ordnung und laufenden Verbesserung des Wissens […] unter Einsatz der jeweils angemessenen Forschungsmethoden“4 oder „intersubjektiv kommunizierbares und nachprüfbares Wissen, das bestimmten wissenschaftlichen Kriterien […] folgt“5. Dabei wird diese »reine« Form der Wissenschaft häufig als Schulwissenschaft bezeichnet, was ausdrückt, dass aus ihr hervorgebrachte, als gesichert geltende Ergebnisse zum Bestandteil von schulisch vermitteltem Wissen werden können. Es geht hier also, wie Eberlein vorschlägt, um in der „universitären Forschergemeinschaft akzeptierte und bewährte Fragestellungen, Theorien, Methoden und Ergebnisse“6.
2.1.2 Populärwissenschaft
Als populärwissenschaftlich lässt sich die fachexterne Vermittlung wissenschaftlichen Wissens bezeichnen.7 Praktisch findet diese Vermittlung vor allem durch einen unkomplizierten und verständlichen Bericht in der Öffentlichkeit statt. Niederhauser spricht in diesem Zusammenhang von den Bestrebungen der „Popularisierung wissenschaftlichen Wissens“8. Hier besteht die Gefahr, dass die für den Laien aufbereiteten Fachinformationen in einem publizistischen und journalistischen, und damit übertreibenden und missverständlichen Sprachstil vermittelt werden. Die Zitierfähigkeit populärwissenschaftlicher Populationen wird deshalb im Allgemeinen bezweifelt. Sie grenzen sich durch ihren Bezug zu Erkenntnissen aus der Schulwissenschaft jedoch von den Para- und Pseudowissenschaften ab.
2.1.3 Parawissenschaft
[...]
1 Vgl. Gottweis 2006, S. 29
2 Vgl. Evers 2005, S. 146
3 Vgl. Brockhaus 1996, S. x
4 Schaub 2004, S. 594
5 Brockhaus 1996, S. x
6 Eberlein 1991, S. 7
7 Vgl. Niederhauser 1999, S. 231
8 Niederhauser 1999, S. 15
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Marcel Bohnert, 2007, Verlorengegangene Ethik? Betrug und Fälschung in der Wissenschaft, Munich, GRIN Publishing GmbH
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