Wir schleusen uns durch ein Gewirr von Hütten und Häusern, Fußgängern und kleinen Marktständen, die scheinbar ungeordnet durcheinander wimmeln. Dann taucht plötzlich das Gebäude des UN-Tribunals auf - hier in der ruandischen Hauptstadt Kigali ist ein Teil der Staatsanwaltschaft des Gerichts untergebracht. Der neben der blauen Flagge der Weltorganisation postierte Security-Officer begrüsst uns freudestrahlend und verkündet breit grinsend: „Welcome to Kigali, it’s not a bad place to stay“... Nach kurzem Geldwechsel auf dem Schwarzmarkt besteige ich im Innenhof des ICTR auch schon einen der zwei grossen starken weißen Jeeps, die mit den drei Übersetzern sowie zwei weiteren Praktikanten und den Staatsanwältinnen aus Nigeria und Sierra Leone voll besetzt sind. Ziel der Fahrt ist die im Süden des Landes gelegene Stadt Butare 1 , der zweitgrößten Stadt des Landes. Je weiter wir uns vom Zentrum der Hauptstadt entfernen, desto ländlicher wird die Gegend. Auf allen Seiten erheben sich kleine und grössere Hügel, die meist mit einfachen, roten, strohgedeckten Lehmhütten vollgestopft sind. Am Rande der Strasse sehen wir viele Leute mit schweren Gewichten auf dem Kopf unterwegs. Oft überholen wir auch Radfahrer, die einen Kleiderschrank oder sonstige Lasten herumschleppen. Die vielen Behausungen, Märkte und Menschengruppen, die hier und da gemeinsam des Weges ziehen, rufen in Erinnerung, dass Ruanda eine der höchsten Bevölkerungsdichten im Reigen der afrikanischen Länder aufweist... Ca. 12.000 km Strassen gibt es in diesem Land - davon sind ca. 1000 km asphaltiert, wovon wir heute vielleicht 200 befahren werden. Die Hänge stehen voll mit grossen Bananenstauden, ab und zu mischt sich auch eine niedrigere Kaffeeplantage dazwischen. Wir überqueren einen Fluß, an dem gerade einige Frauen Wasser in Kanister schöpfen, um sie dann vermutlich in ihr nahegelegenes Dorf hinter dem nächsten Berg zu schleppen. Unser Fahrer hupt mal wieder einen Fahrradfahrer von der Fahrbahn und weicht fast zu spät einem mit Bananen überbeladenen Toyota-Pickup aus. Wir gelangen nach Bishenyi und Musambira, wo das rostige Schild am Straßenrand auf eine UNHCR-Station aufmerksam macht. Eine Gruppe von Jugendlichen sitzt lachend in einem von großkalibrigen Schüssen durchlöcherten und ausgebrannten VW-Bulli. Etwa auf der Höhe von Karengera steigt Rauch aus dem Tal, der von einer Kochstelle stammt. Ich erspähe tief dort unten eine größere Anzahl von Lehmhütten, die jeweils um einen kleinen Brunnen stehen. Am Rande des Dorfes führt ein kleiner Bach vorbei... vielleicht wurden auch in diesen einige zerstückelte Tutsis geworfen... vom grossen „Lake Kivu“ im Westen des Landes wird erzählt, dass er drohte, biologisch umzukippen, da die etwa 40.000 Leichen, die in diesen geworfen oder durch Flüsse herangeschwemmt wurden, ein unerwartetes Nahrungsüberangebot für Tier- und Pflanzenwelt verursacht habe... Die unglaubliche Idylle, dieses saftige Grün, die hübsche Flora passen wohl in die Hochglanzkataloge von Reisebüros über Kenia und Tansania, aber nicht zu dem, was hier nur einige hundert Meilen westlich davon geschehen ist.
Kurz erinnere ich mich der historischen Daten und Fakten: Hutus und Tutsis sprechen dieselbe Sprache, Kinyrwanda. Sie hängen den gleichen Religionen an, heiraten des öfteren untereinander und leben gemischt in den Dorfgemeinschaften - seit langem - schon lange bevor die ersten deutschen und dann belgischen Kolonialherren nach Zentral-Ostafrika kamen. Hutus waren wie die meisten Bantus seit jeher Bauern gewesen, Tutsis demgegenüber Hirten, ein wenig vergleichbar mit den heute vor allem in Tansania und Kenia lebenden Massai. Dies war die alte Ungleichheit, da in der afrikanischen Tradition Tiere als ein wertvolleres Gut als die Früchte des Ackerbaus angesehen werden. Nach und nach wurde das Wort „Tutsi“ dann synonym mit der politischen und wirtschaftlichen Elite des Landes. Seit historischen Zeiten gab es bisweilen kriegerisch ausgetragenen Streit zwischen den beiden Gruppen, teils mit ethno-sozialem Hintergrund, teils mit politischem - dem des Ringens um die Macht. 1959, drei Jahre bevor am 1.Juli 1962 auf Drängen der UNO die Verwaltung
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Sämtliche Angaben über Orte, Geschehnisse oder Personen wurden, sofern aus Datenschutzgründen erforderlich, geändert. Die Zulässigkeit der Nennung von Zeugenaussagen oder Informationen wurde mit Mitarbeitern des UN-Kriegsverbrechertribunals für Ruanda, Arusha, Tansania, abgesprochen.
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Ruandas durch die ehemalige Kolonialmacht Belgien als UN-Treuhandgebiet endete und das Land in die Unabhängigkeit entlassen wurde, gelangte die Mehrheit der Hutus an die Herrschaft, nachdem bislang die etwa 14 % ausmachende Tutsi-Minorität die herrschende „Kaste“ dargestellt hatte.
Unter anderem deshalb, weil sich die von den ehemaligen Kolonialherren unterstützen „reicheren“ Tutsis zuvor die Machtpositionen des Landes für längere Zeit mit oft brutalen Mitteln gesichert hatten, war nun der Wille der Hutus, ihre nun erlangte Position mit allen Mitteln zu konsolidieren, erbitterter denn je. Während der nächsten Jahre wurden im Zuge des sich nun in mehreren Gewaltwellen tragisch entladenden, aufgestauten Hasses zwischen den ethnischen Gruppen bereits etwa 200.000 Tutsis getötet and geschätzte weitere 150.000 ins Exil getrieben. Deren Kinder sollten später vor allem in Uganda und dem Osten des Kongos (ehemaliges Zaire) die berühmte sog. „Rwandan Patriotic Front“ (RPF), die weithin gefürchtete, extrem disziplinierte Exilarmee der Tutsis, gründen. Zur gleichen Zeit suchten riesige Trecks von Hutugruppen, die in unmittelbarer Nähe des benachbarten und eng mit Ruanda verknüpften Burundi wegen ihrer ethnischen Zugehörigkeit erbittert von Tutsis verfolgt und in bis in die ungezählten Tausende gehende Zahl getötet wurden, in Ruanda Zuflucht. Besonders gebeutelt und verfolgt wurden gerade die Angehörigen der Hutu-Schicht, die sich einen gewissen Bildungsstandard sowie eine relative Prosperität erarbeitetet hatten. In von Historikern bisweilen „Eliticide“ genannten „Säuberungsaktionen“ wurden in Burundi seit etwa 1960 die sog. „Schlipsträger“ sowie Absolventen des Abiturs unter den Hutus seitens der Tutsis auf sog. schwarzen Listen geführt und zahllos liquidiert. Die (ethnischen) Wirren, die das Land immer wieder verursacht durch beide ethnischen Protagonisten erschütterten, mündeten 1990 schließlich in einen spätestens jetzt stetig zu nennenden Bürgerkrieg, während dessen die Hutu-Regierung und andere Kräfte der Bevölkerungsmehrheit durch politische und soziale Propaganda eine immer Tutsi-feindlichere Haltung der Bevölkerungsmajorität forcierten. Zur „etwaigen Verteidigung gegen den gemeinsamen Feind“ wurden nach und nach u.a. Sportvereine sowie Jugendgruppen mit Macheten oder Knüppeln ausgestattet und mit einer Art Kampfausbildung versehen. Diese späteren Killertruppen, welche mit der euphemistischen Terminologie „Interahamwe“ belegt wurden, was auf Kinyarwanda „die, die zusammen arbeiten“ bedeutet, sollten dann 1994 mit besonders gewissenhafter Gründlichkeit den Genozid ausführen.
Eine heftige Bodenwelle aus Staub ruft mich zurück in die Gegenwart. Die nächste Kette von Serpentinen führt uns kurvenreich nach Gitarama, wo am Ortseingang das von Schüssen durchlöcherte Schild auf die ehemalige Existenz einer Station des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz erinnert. Am Straßenrand liegen einige Männer im Gras, die den Klängen eines Radios lauschen. Ich frage mich, wo diese wohl etwa 35jährigen vor ca. acht Jahren waren... Wo waren sie, nachdem am 6. April 1994 mit dem Absturz eines Flugzeuges mit den Präsidenten von Ruanda und Burundi (Juvénal Habyarimana und Cyprien Ntaryamira) an Bord in der Nähe des Flughafens von Kigali - angeblich ein nie bewiesenes Attentat - der Startschuss für die dreimonatige „Säuberung des Landes von den Feinden“ erfolgte? Gehörten auch sie zu einem Anteil der etwa 85 % ausmachenden Hutu-Bevölkerung, die der Propaganda des Radiosenders „Radio Télévision des Milles Collines“ (RTML) sowie Politikern, Militär und teilweise sogar Geistlichen lauschte, dann zu den Macheten griff und ihre Nachbarn, Klienten, Patienten oder teilweise sogar die eigenen Tutsi-Familienmitglieder und moderate Hutus ermordeten, bis die u.a. von westlichen Ländern mit modernen Waffen ausgerüstete Tutsi-Rebellenarmee RPF das Land schließlich nach drei Monaten unter ihre Kontrolle brachte? Damals wurden zuvor sorgfältig angefertigte Listen über die Anzahl der jeweiligen Tutsis im Dorf benutzt, nach der vorgegangen wurde. So konnte man einfacher und effizienter vorgehen. Morden war Tagesordnung. Die Devise lautete: „Pas de témoins“ keine Zeugen dürfen überleben !
Ich versuche mir einzureden, dass ich die Dinge gerade überspitzt darstelle, in Wirklichkeit war es leider aber wohl eher noch schlimmer... In dem Buch des amerikanischen Journalisten
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Philip Gourevitch mit dem bezeichnenden Titel: „We wish to inform you that tomorrow we will be killed with our families“ las ich vor einigen Tagen, was dieser mutige Mann kurz nach Ende des Genozids bei seinen Recherchen in der Zeit von Mai 1995 bis April 1998 notierte, Zeilen die ich nun nochmals nachschlage: „Take the best estimate: eight hundred thousand killed in a hundred days. That’s three hundred and thiry-three and a third murders an hour -or five and a half lives terminated every minute. Consider also that most of these killings actually occurred in the first three or four weeks, and add to the death toll the uncouted legions who were maimed but did not die of their wounds, and the systematic and serial rape of Tutsi women...”. (...) (S.133f.) “A UNICEF study later posited that five out of six children who had been in Rwanda during the slaughter had, at the very least, witnessed bloodshed, and you may assume that adults had not been better sheltered. (…) Nobody in Rwanda escaped direct physical or psychic damage” (S. 224). Die “Solution finale” des “Narcisme tropical” - oder ausgedrückt in der juristischen Sprache des Tribunals - „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ und „Genozid“ fanden übrigens in einem Land etwa so groß wie Brandenburg statt; man kann sich die Ausmaße der Schlachterei wohl nicht vorstellen... In
dieser Zeit trauerte die westliche Welt über die Opfer der ebenfalls blutigen Balkan-Kriege und des Kosovo-Konflikts, welche dort in fast vier Jahren zu beklagen waren... In Ruanda starben innerhalb von drei Monaten nach Schätzungen mehr als 20 mal so viele Menschen. Eine genaue Buchfürhung über die Opfer gibt es allerdings nicht, es gibt nur sog. „sichere Zahlen“ und „sichere Berücksichtigungen von Opferdaten“, wobei die heutige ruandische Regierung, die UN sowie „Non Governmental Organisations“ (NGOs) und unabhängige Beobachter nicht immer die gleiche Rechnung aufstellen.
Damals versuchten beispielsweise der damalige Kommandant Dallaire der lächerlich kleinen UN-Soldaten-Truppe, die kurz vor Beginn des Völkermordes fatalerweise verringert worden war, sowie die wenigen Journalisten und Mitglieder humanitärer Hilfsorganisationen unaufhörlich, jedoch vergeblich, die Sicherheitsabteilung der UNO durch Berichterstattung und Appelle zum Einschreiten zu bewegen. Vor allem die USA unter der Clinton-Regierung vertraten - u.a. wegen der bitteren in Somalia in Mogadischu und anderswo gemachten Erfahrungen - eine rigoros ablehnende Haltung. „No dead“ - keine eigenen Verluste lautete das Gebot der Stunde. Die diversen Resolutionen des UN-Sicherheitsrates sowie der damalige Generalsekretär der Vereinten Nationen, Boutros Boutros-Ghali, benutzten erst fast am Ende des dreimonatigen Massakrierens der Tutsis den Terminus des „Genocide“, der in Ruanda vor sich gehe. Niemand schien es damals zu wagen, ganz gleich ob auf Seite der Vereinten Nationen selbst oder aber auf der der Mitgliedstaaten (auch keiner der afrikanischen Staaten), diesen Begriff des „Völkermordes“ zu gebrauchen. Man wollte sich, so hört man zumeist als Begründung, politisch nicht dem Druck aussetzen, ein (militärisches) Dazwischentreten befürworten und unterstützen zu müssen. Denn das öffentlich zugegebene Vorliegen eines derartigen Kapitalverbrechens an der Menschlichkeit hätte wohl nach der weltumspannenden „opinio iuris“ als Rechtfertigungsgrund sowie politisch-moralische Verpflichtung für eine sog. „humanitäre Intervention“ gewertet werden müssen. Die Verringerung der Anzahl der UN-Truppen war nicht nur schicksalhaft für die späteren schutzlosen Opfer. Auch einige der zurückgebliebenen Soldaten bezahlten diese Entscheidung teuer. Eigenartigerweise liest man nur selten über die zehn belgischen Fallschirmjäger, die getötet wurden, als sie versuchten, den Premierminister Ruandas zu schützen. Zuerst schnitt man ihnen die Achillessehne durch, damit sie nicht fliehen konnten, anschließend kastrierte man sie und schob ihnen die abgeschnittenen Genitalien in den Mund.
Nach Ende des Genozids im Juni 1994 flohen aus Angst vor Rache der nun wieder regierenden Tutsi geschätzte 2 Millionen Hutus in die Nachbarländer Burundi, Tansania, Uganda und vor allem in das ehemalige Zaire, die heutige Demokratische Republik Kongo. Bis Anfang August war nach Schätzungen ein Viertel der Vorkriegsbevölkerung von Ruanda entweder ums Leben gekommen oder hatte das Land verlassen. Internationale Hilfsmaßnahmen - besonders durch das UNHCR - wurden ergriffen, um die Versorgung der
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Flüchtlingsmassen zu gewährleisten, aber die zur Verfügung stehenden Vorräte reichten nicht aus, und immer wieder kam es zum Ausbruch von Seuchen und Krankheiten. Aufgrund der katastrophalen hygienischen Zustände in den Flüchtlingslagern, vor allem um die dadurch bekannt gewordene Stadt Goma kurz hinter der Grenze im Ost-Kongo, brach eine Choleraepidemie aus, der nochmals über 20.000 geschätzte Flüchtlinge zum Opfer fielen.
Unser Driver witzelt am Funkgerät mit dem Conducteur des Fahrzeugs hinter uns. Im nun wieder dichter werdenden Wald sieht man abermals die Überreste einer der unzähligen UNHCR-Stationen. Das Flüchtlingswerk der UNO scheint hier an jeder Ecke vertreten gewesen zu sein. Nun, gegen 18 Uhr, ist es bereits fast völlig dunkel. Wir erreichen unser heutiges Ziel Butare und parken vor dem Nachtlager für die nächsten zwei Tage. Wie ich erfahre, wurde dieses Hotel erst nach 1994 erbaut. In den meisten bereits vorher existierenden mussten die Körper entfernt und in eines der Massengräber geworfen, das Blut notdürftig von der Wand gekratzt und dann mit strahlend weißer Farbe übertüncht werden.
Butare, Ruanda, Dienstag, den 23. Juli 2002
Tag zwei. Die Augenzeugin
Gegen 10 Uhr morgens wird die erste Zeugin (mehrerer) vom „Protection Officer“ gebracht, welche heute zu Geschehnissen während des Genozids in der näheren Umgebung der Stadt Butare befragt werden soll. Die zunächst auf Englisch gestellte Frage wird von der Dolmetscherin auf Kinyrwanda übersetzt, die Antwort dann wieder andersherum - ein ziemlich zeitraubendes Unternehmen! Ich mustere die junge Frau von vielleicht 30 Jahren unauffällig. Äußerlich wirkt sie völlig gelassen. Ihre Haare sind recht kurz gehalten, Jeans, Hemd, eine scheinbar normale Person. Auffällig ist lediglich, dass sie direkten Augenkontakt zu vermeiden scheint.
Von besonderem Interesse für die Staatsanwältin sind die Geschehnisse, bei denen die lokalen Obrigkeitspersonen eine Rolle gespielt haben, da diese vor dem UN-Tribunal angeklagt werden. Die junge Frau erzählt, dass zunächst eine große Gruppe von flüchtenden Familien auf den Hof vor der „Préfecture“ gekommen sei, da man sich Schutz vom Bürgermeister erhoffte. Auch sie habe sich in dieser Schar befunden. Nach und nach sei die Menschenansammlung immer größer geworden. „Die Leute wurden zumeist von irgendwo her mit dem Bus angefahren“, führt sie aus. Man habe sich daher sicher gefühlt, denn „man war irgendwie nicht allein“. Der Bürgermeister habe auch viele Soldaten gerufen - und man sei davon ausgegangen, dass sie zum Schutz der Flüchtlinge dasein sollten. Irgendwann sei die gesamte Truppe auf dem Hof dann jedoch von den Soldaten umstellt und plötzlich klar geworden, dass dies nichts Gutes verheiße. „Sie haben dann kleine Gruppen von uns abgetrennt und hinter das Gebäude geführt. Wir haben nicht sehen können, was mit diesen Gruppen geschah, aber wir haben eine Zeit lang Schreie gehört. Dann nicht mehr“. Ihre flache Hand gleitet langsam senkrecht durch den Raum. Die wenigen Personen unter ihnen, die wie sie in der beginnenden Dunkelheit hätten fliehen können und auch hinter dem Gebäude waren, erzählten ihr, dass die Opfer, die hinter dem Haus umgebracht werden sollten, oft um das Erschießen gefleht hätten, „aber die wenigen Soldaten, die Schusswaffen dabei hatten, haben ihre Munition sparen wollen und daher doch die Machete genommen... und danach hat man sie in ein grosses Loch geworfen“, fährt sie fort, „gleich hinter der Préfecture“. Sie habe es später geschafft - nach drei Tagen ohne Nahrung - irgendwie in den Wald hinter einer Grundschule ganz hier in der Nähe zu fliehen. „Wir haben dann Blätter von den Bäumen gegessen“, meint sie nachdenklich. „Der kleine Wald beginnt gleich hinter dem Weg dort“ erklärt sie und deutet mit dem Zeigefinger in die Richtung, wo man schon einen
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Steinwurf vom Fenster unseres Raumes aus die Wipfel der Bäume erkennt. Vielleicht sind hier einige der Bäume und Pflanzen so schön grün, weil ein Tutsi-Körper für biologischen Dünger sorgte, geht es mir durch den Kopf... Die Gruppe, die von der Préfecture fliehen konnte sei recht klein gewesen und man habe erneut gehofft, nicht entdeckt zu werden. Da ein paar junge Mütter jedoch mit ihren Babys dabei gewesen seien und diese geschrieen hätten, sei ein Trupp von Soldaten auf sie aufmerksam geworden. „Wir sind wieder alle um unser Leben gerannt. Ein paar von den schwächeren haben sie bekommen... ein paar Frauen wurden vergewaltigt... und sie hatten auch Macheten“, meint sie mit Blick in die Leere und fügt dann hinzu: „Wenn ich hier heute vorbeilaufe, dann kommt es mir immer so vor, als seien die Schreie kaum verstummt, das Blut kaum vom Boden aufgesogen“. Ich sitze am Laptop und schreibe, so schnell es geht, alles wörtlich mit. Die Befragung dauert statt der geplanten zwei fast vier Stunden... Auch dieser Umstand führt mir nochmals vor Augen, warum die Prozesse vor dem Kriegsverbrechertribunal so lange dauern. Kurz versetze ich mich in das Gespräch mit dem sympathischen „Chief of the Witness Protection Program“ des UN-Gerichts, Saleem Vahidy, einem Geiselnahme-Experten aus dem pakistanischen Karatschi zurück. Er erzählte mir vor ca. zwei Wochen auf einem Gang im Tribunal in Tansania, welches Procedere sich oftmals allein hinter den Befragungen der wichtigeren Zeugen vor dem Gericht verbirgt. Habe man den Namen eines möglicherweise bedeutsamen Zeugen herausgefunden, beginne zunächst die Suche nach dessen Aufenthaltsort. Meist könne man zunächst nur in Erfahrung bringen, in welcher Stadt bzw. Region eine Person lebe. Sie dann jedoch genau zu lokalisieren, gestalte sich meist - nicht nur weil dies sehr oft aus Sicherheitsgründen geheim geschehen müsse - mehr als schwierig. Straßennamen gibt es in Ruanda außer in den wenigen Städten nicht. Auch Telefone, welche in sonstigen Regionen der Welt eine Selbstverständlichkeit sind, wo man ein Gesprächstermin direkt am Telefon vereinbaren kann, sind eben für den allgemeinen Ruander nicht Teil des Hausrats. „Für die meisten Zeugen ist es ohnehin eine einzige Tortur, wenn sie nach Tansania vor das Gericht gekarrt werden“, meinte damals Saleem zu mir. „Man stelle sich vor, dass eine gewöhnliche Bauersfrau aus irgendeinem Dorf in Ruanda aussagen soll... die Frau war doch oft nicht viel weiter von ihrer Hütte entfernt, als sie ihre Füße tragen können ! Die war natürlich noch nie im Ausland - warum auch, da kennt sie ja keinen und spricht auch nicht die fremden Stammessprachen !“ Zudem, so Saleem, hätten natürlich die allermeisten Zeugen noch nie ein Flugzeug - mit dem sie nach Tansania gebracht werden - von innen gesehen. Im Verhandlungssaal des Tribunals träfen sie dann auf genau die Obrigkeitspersonen, welche für sie mit den schrecklichsten ihnen je widerfahrenen Dingen verknüpft seien. „Die sind dann zum ersten Mal in einem klimatisierten Raum, sprechen zum ersten Mal in ein Mikrofon, kennen dort niemand und müssen dann von der Ermordung und Vergewaltigung ihrer Familie sprechen... ich weiß nicht, wie viele Zeugen ich bei all diesen Überforderungen schon habe zusammenklappen sehen... und dann kommen auch noch die zeitraubenden Übersetzungen von Kinyarwanda ins Englische oder Französische dazu... das alles macht u.a. die Prozesse so langsam.“ Ich kehre mit meinen Gedanken in die ruandische Gegenwart in Butare zurück. Während der fortdauernden Befragung der Zeugin blicke ich ab und zu auf und verfolge die Bewegungen der Lippen dieser Frau. Gesicht, Augen, Mund - nichts an ihr scheint verraten zu wollen, was sich vor diesem Antlitz spiegelte. Würde sich in der Physiognomie die Psyche widerspiegeln, würde man wohl in eine einzige Narbe blicken. Kurz vor dem Ende des Gesprächs sagt sie dann noch mit einem seltsamen Lächeln: „Eine Freundin von mir hier in der Stadt hat Glück gehabt. Wir gehören beide der kleinen Gruppe von Überlebenden Tutsis an. Na ja, aber sie wurde der letzten Aprilwoche 1994 eine Woche lang jeden Tag mehrmals von einer Gruppe Soldaten vergewaltigt. Sie hat ihr Kind schon längst geboren... es starb schnell nach der Geburt... wie seine Mutter hatte es Aids“. Im Zuge der Massenvergewaltigungen von Tutsi-Frauen wurde die HIV/AIDS-Rate des Landes ca. um den Faktor 10 nach oben katapultiert. Auch dies trägt dazu bei, dass die statistische Lebenserwartung eines Ruanders heute bei etwa 39.34 Jahren liegt.
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Butare, Ruanda, Mittwoch, den 24. Juli 2002 Tag drei.
„The Auswitz of Butare“ und das Plateau von Ntarama
Am Morgen trete ich vor das Hotel und spaziere ein wenig die Strasse entlang. Von einer kleinen Anhöhe aus blicke ich über die Grundschule und den kleinen Wald, Schauplätze, die in der Zeugenaussage von gestern vorkamen. Das leise Rauschen des Waldes und das sanfte Schattenspiel der Wipfel scheint nicht verraten zu wollen, dass auch hier Mord und Vergewaltigung stattfanden. Auf einem weiteren nahegelegenen Hügel erblicke ich eine Gruppe Jugendlicher und schlendere auf sie zu. Leider scheint ihr Englisch und Französisch ebenso gut zu sein wie mein Kinyrwanda oder Kisuaheli, sodass sich unsere Konversation nicht vertiefen lässt.
Wie ich später erfahre, stellt der Schutthaufen ein paar Meter weiter die Überreste des Hauses einer der Hauptangeklagten des sog. „Butare-Cases“, Pauline Nyiramasuhuko dar, ein Fall für dessen weitere Aufklärung unsere Mission beitragen soll... der ehemaligen „Minister of Family and Social Welfare“ des Landes werden Beteiligung am Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen... Noch nie ist einer Frau eine solche Anklage gemacht worden. Unter anderem wird sie beschuldigt, zur Massenvergewaltigung von Tutsi-Frauen aufgerufen zu haben. Zu ihrem ebenfalls in Arusha angeklagten Sohn Shalom soll sie gesagt haben: "Bevor ihr die Kakerlaken-Mädchen umbringt, vergewaltigt sie."
Bereits ein paar Minuten später sitze ich mit einer der Staatsanwältinnen und der ruandischen Dolmetscherin im UN-Fahrzeug. Die Anklagebeamtin möchte sich nochmals die in der Aussage der Zeugin vorkommenden Örtlichkeiten in Erinnerung rufen. Wir fahren die einzige hier existierende Straße entlang. „An dieser Kreuzung hier wurde eine der vielen Straßensperren errichtet, an der identifizierte Tutsis getötet wurden“, meint die Staatsanwältin. Die hübschen von den Belgiern eingeführten „ID-Cards“ wiesen den Träger als „Hutu“ oder „Tutsi“ aus und waren damit das offizielle, fälschungssichere Todesdokument letzterer. An der Tankstelle ein paar Meter weiter erblicke ich einen gelangweilt dreinblickenden wohl kaum 16jährigen mit einem riesigen Gewehr über der Schulter. Nicht unbedingt sehr vertrauenerweckend. Überall sieht man Straßenkinder, die bei den Passanten um etwas Essbares betteln - die meisten von ihnen sind Waisenkinder, deren Eltern getötet worden sind. Ich schenke zwei Jungen die restlichen Kekse meiner angebrochenen Packung. Voller Gier wird sie mir aus der Hand gerissen und dann per körperlicher Auseinandersetzung unter sich aufgeteilt. Survival of the fittest.
Wir kommen ins lebendige Zentrum von Butare und fahren auf das Gelände der „Préfecture“. Bereits durch die Eingangstür kann man die große Abbildung des derzeitigen Präsidenten, Paul Kagame, bewundern, der hier in jedem öffentlichen Gebäude oder grösseren Verkaufsshop weise und wohlwollend von der Wand lächelt. Wir steigen aus dem Fahrzeug aus und begeben uns hinter das langgezogene Gebäude mit der ruandischen Flagge auf dem Dach. Die Staatsanwältin erklärt, dass dies die Stelle sei, wo die Flüchtlinge Schutz bei der Obrigkeit gesucht hätten. Wir folgen dem Weg der kleinen Gruppen, die abgetrennt und hinter das Gebäude geführt wurden. Taken away and never to be seen again. Die Staatsanwältin erklärt: „Wie ich auch aus anderen Zeugenaussagen weiss, wurden dort die meisten Frauen sowie einige Männer - oft mehrmals hintereinander - vergewaltigt, mit Machetenhieben getötet und in das Massengrab geworfen, vor dem wir nun stehen. Gruppe für Gruppe. Jeden Tag. Mehr als eine Woche lang“.
Die Hunderte von Leichen aus diesem Grab wurden später exhumiert und an einem anderen Ort bestattet. Der Erdboden hier weißt jedoch immer noch keine Vegetation auf - die Exhumierung scheint noch nicht sehr lange her zu sein. Ich betrete vorsichtig dieses Stückchen Erde. Von genau so einem Massengrab las ich vor einiger Zeit die Worte von Keith B. Richburg, einem US-amerikanischen Journalisten, („Jenseits von Amerika“, S.129): „... es gibt noch viel viel mehr. Wie die drei kleinen Mädchen zwischen sechs und acht, deren
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Köpfe und Augen geschwollen sind, weil sie bis zum Hals in einem Massengrab neben den verstümmelten Leichen ihrer Eltern lebendig begraben wurden. Ich fand sie in Byumba [eine Stadt im Norden des Landes], noch immer benommen, unfähig zu sprechen oder richtig zu gehen und noch immer Erde erbrechend.“
Am Rand erblicke ich halb unter ein paar Dornen versteckt eine kleine Hacke. Ob diese bei den Exhumierungsarbeiten oder bei den Geschehnissen von 1994 dort vergessen wurde, ist eigentlich ja auch egal. An einer anderen Stelle dieser Quadratmeter aufgewühlter Erde, in denen einst ein paar Hundert Menschen nach ihrem qualvollen Tod verscharrt wurden, liegt ein doppelseitiges Notenblatt mit der Überschrift „Gloria“. Bei jedem kleinen Stock, den ich erblicke, schaue ich genauer hin, um mich zu vergewissern, dass es sich nicht doch um einen Knochen handelt. „This is the Ausschwitz of Butare“, meint die Staatsanwältin und lacht leise seltsam vor sich hin.
Wir gelangen an der Seite des Anwesens vorbei am lokalen Gefängnis entlang, von dessen Eingang aus mich der gemütliche Wächter müde grüßt, wieder zum Auto. Nun geht es zur nächsten Etappe, dem Krankenhaus der Stadt. Hier wurden die Patienten ab Mitte April 1994 nach Gruppen - Hutus - Tutsis - aufgeteilt. Patienten, die am Vortag noch medizinisch behandelt wurden, entfernte man nun aus den Räumen und brachte sie zunächst ums Leben und dann ins Massengrab ein paar Meter abseits des Geländes. Die Wände wurden doppelt weiß gestrichen. „Teilweise arbeiten hier heute immer noch dieselben Krankenschwestern oder Ärzte wie zur Zeit des Genozids. Einige haben auch schon als Zeugen oder Angeklagte ausgesagt“, höre ich von der Dolmetscherin. Hinter dem Krankenhaus kam ein grosser Flüchtlingstreck an, der ebenfalls dem langen scharfen Eisen oder Knüppeln zum Opfer fiel. Wir schreiten auf das Massengrab zu, in dem etwa fünfzehntausend Menschen in ein riesiges Loch geworfen wurden. Dieses heute fein säuberlich geharkte Stück Land ist weitaus grösser als das hinter der Präfektur befindliche, über das wir vor ein paar Minuten schritten. „Ein paar Menschen haben das Massaker sogar überlebt“, erklärt die Staatsanwältin. „Eine Frau hat wirklich Glück gehabt“, meint sie mit ironischem Lächeln. „Sie lag mit ihrem Baby vier Tage lang unter ein paar toten Körpern versteckt. Da so viele Menschen nicht gleich begraben werden konnten, wurde sie nicht entdeckt; bei Nacht flüchtete sie in einen nahegelegenen Wald... getötet wurde sie dann einige Tage später woanders...“.
Nach dem Mittagessen sitzen wir abermals im weißen Jeep und fahren in Richtung Westen des winzigen Landes. Ziel unseres Weges ist die Stadt Gikongoro, eine der grösseren Städte des Landes, wo sich die sog. „Murambi Genocide-Site“ befindet. Wir erklimmen Hügel für Hügel und durchqueren viele kleine Ortschaften, oftmals nur aus ein paar roten Lehmhütten mit einer Horde von kleinen süßen Kindern davor und einem rege besuchten Brunnen bestehend. Wir kommen an einer langen Kolonne von Männern in lustigen rosa Uniformen vorbei, die je eine Schaufel oder Spitzhacke Schultern. „These are prisonners, you can see them everywhere“, bekomme ich zu hören.
Im idyllischen Tal bahnt sich ein kleiner Flusslauf seinen Weg durchs grüne Bananenstaudenland. Die überwältigende Schönheit der uns umgebenden Landschaft erklärt leicht, warum die Bewohner von Ruanda schon vor sehr langer Zeit davon sprachen, dass ihr Land der tausend Hügel das „Zentrum der Erde“ sei. Zwar wandere Gott tagsüber, so die Legende, über die Erde, jeden Abend kehre er jedoch nach Ruanda zurück, um hier die Nacht zu verbringen.
Wir verlassen nun die geteerte Straße und folgen einem holprigen Pfad aus Staub und Steinen. Zu unserer Rechten geht es ein paar Dutzend Meter abwärts. Als wir über die Kuppe eines spitz zulaufenden Hügels kommen, fällt mein Blick auf eine weitere Erhebung, welche eine Art erhöhtes Plateau bildet. Schon von weitem kann man langgezogene Gebäude erkennen, welche in die Mitte des Geländes gesetzt worden sind und ein wenig den Anschein von
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Master of Arts in Diplomacy, Law and Global Change Gabriel Vockel, 2002, Völkermord im 'Land der tausend Hügel', München, GRIN Verlag GmbH
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