Der Mythos Mafia hat in der Vergangenheit viele Menschen, vor allem Regisseure und Autoren in ihren Bann gezogen. Dabei hat sicher jeder eine andere, ganz eigene Vorstellung, welche Eigenschaften und Vorkommnisse er mit dem Begriff “Mafia” in Verbindung setzt.
Gegenstand dieses Aufsatzes ist das 1970 erschienene Buch von Henner Hess, dass den Namen “Mafia” trägt.
Der Zeitraum der Untersuchung die Hess anstellte und deren Ergebnisse sich zum größten Teil aus archivierten Akten und vergangenen Geschehen zusammensetzen, sind die Jahre zwischen 1880 und 1890 und die Provinzen, auf die seine Ausführungen bezogen sind, liegen im westlichen Siziliens. Der Jahre zw. 1880 und 1890 können als die “klassischen Jahre” der Mafiosi angesehen werden. Zunächst ist es dem Auto sehr wichtig, nur von Mafiosi bzw. mafiosem Verhalten zu sprechen, nicht etwa von einer Organisation, wie man es eher aus journalistischen oder juristischen Kreisen kennt.
Der Name “Mafia” stammt wohl aus dem arabischen und bedeutet soviel wie Prahlhans oder dreister Kerl; Im Volksmund werden aber zunehmend Attribute wie herausragend, männlich oder schön mit diesem Begriff in Verbindung gebracht. Um den Begriff Mafia bzw. mafioses Verhalten annähernd verstehen zu können, ist eine Unterscheidung von anderen kriminellen Individuen des damaligen Italiens anzustellen. Der sog. “Brigantaggio” bspw. befindet sich ständig auf der Flucht vor dem staatl. Zwangsapparat. Er bekämpft die Feinde, operiert aus dem Heimatdorf, tötet lediglich in der Verteidigung und wird oftmals von vereinzelten Elementen des Staates gedeckt. Die “Brigantaggio” treten meist in einer Gruppe von 3 - 10 Leuten auf, wobei die Gruppe dem Kommando eines charismatischen Führers unterliegt. Die Mitglieder dieser Bande sind meist blutsverwandt und finanzieren ihren Unterhalt z.B. durch Viehraub, Überfälle, Diebstähle, Straßenraub, Schutzgelderpressung Entführungen etc.
Ein andere Typ des Verbrechers ist der “ladrismo“, dessen Rede aber kaum Wert ist. Es handelt sich dabei z.T. um kleine Betrüger, Einbrecher oder Zuhälter.
-1-Für Henner Hess bedeutet die Mafia nichts dergleichen, obwohl sich die Methoden und verbrecherischen Handlungen oftmals überschneiden.
Bei dem Begriff Mafia handelt es sich viel mehr um eine Art psychische Attitüde. Es geht um das stolze Bewusstsein der eigenen Person, um die Verteidigung der Würde und die Bewahrung von Geheimnissen. Der Stolz soll offen zur Schau getragen werden. Unter den Mafiosi herrscht eine hohe Loyalität und jeder strebt danach, sich Respekt zu verschaffen (meist mit physischer Gewalt). Hess begreift Mafia also nicht als Organisation, sondern als einen klaren moralischen Code, den sich die Mitglieder zur Lebensphilosophie gemacht haben. Nun fragen sich viele Menschen, wie es zu einer solchen Gewaltverschiebung, die auch heute noch in vielen Teilen Italiens bzw. Siziliens zu finden ist, in einer zivilisierten Gesellschaft kommen konnte. Dazu ist ein Blick auf die Merkmale der sizilianischen Sozialstruktur zu werfen, die letztendlich erst die Grundlagen zur Entstehung des Typus “Mafioso” bot.
Der Autor begründet dies folgendermaßen, wobei eine andere Erklärung auch kaum vorstellbar ist:
Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass Sizilien ständig kolonial beherrschtes Gebiet war und sich dadurch ein andauerndes Misstrauen der ländlichen Bevölkerung gegenüber formellen Herrschaftsträgern aufbaute. Eine Durchsetzung der modernen legal-bürokratischen Herrschaftsordnung schlug fehl, da es kaum Loyalität der Bürger gegenüber den staatlichen Rechtsorganen gab. Diese Umstände hatten schließlich einen Rückzug auf informelle Organe zur Folge. Die Polizei und die Gerichte waren oft machtlos, weil die “omertà” (ital.), eine Art informeller Schweige-Codex, den staatlichen Organen keine bereitwilligen Zeugen lieferte. Henner Hess spricht von einer sich entwickelten “doppelten Moral”, also ein Dualsystem von Staatsmoral auf der einen und Volksmoral auf der anderen Seite, welche dazu führte, dass die formellen Institutionen des Staates nach dem Jahre 1860 gänzlich abgelehnt wurden.
Im folgenden geht es um den Versuch, den Typus Mafioso zu hinterfragen. Zunächst wird dieser in der Bevölkerung als “uomo di respetto”, also als ehrbarer Bürger seines Dorfes bezeichnet. Eine Person, die anders als der Bandit, nicht in
einer ständigen Ausnahmesituation lebt und versucht, seine Illegalität zu verschleiern.
Der typische Mafioso, wenn man das überhaupt so sagen kann, stammt aus der Unterschicht und benötigt verschieden Eigenschaften und Fähigkeiten, um erfolgreich zu werden. Er muss fähig sein, Gewalt anzuwenden und somit Furcht einzuflößen. Außerdem benötigt er die Anerkennung anderer informeller Machtträger, die er meist durch die Ausführung eines besonderen Gewaltaktes bekommt. Dieser öffnet dem Mann nämlich erst den Weg zur Macht, was in diesem Zusammenhang soviel bedeutet, wie die Durchsetzung bzw. das Aufzwingen des eigenen Willens und die Verschaffung von Respekt und Anerkennung. Nun geht es dem Mafioso darum, seine illegalen Machenschaften zu verschleiern. Dies gelingt ihm einerseits durch die Schaffung einer “cosca”, einer Gruppe von Klientel, die den Mafioso von persönlicher Gewaltanwendung und Verbrechen entlastet (“er macht sich nicht mehr selbst die Hände schmutzig“). Es kommt also zu einer Entwicklung vom Exekutor zum Auftraggeber im Leben des Mafioso. Außerdem schafft er sich ein “partito”, ein Netz von Beziehungen mit sozial und wirtschaftlich hohen Persönlichkeiten wie Polizisten, Bürgermeistern, Richtern, Politikern, Verwaltungsangestellten etc. um seine Macht auszubauen und seine illegalen Vorhaben problemlos durchsetzen zu können. Nun geht Hess auf die genauere Strukturierung mafioser Gruppierungen ein. Diesen Bereich werde ich nicht in seiner gesamten Breite ausführen, sondern nur einen Einblick in die wichtigsten Verzweigungen der mafiosen Gebilde geben. Als erstes wende ich mich der bereits genannten “cosca” zu. Es sollte im Vorfeld nicht der falsche Eindruck entstehen, es handle sich dabei um eine einzige Gruppe. Es handelt sich um eine Vielzahl von dyadischen Beziehungen eines Mafioso. Bei diesen Beziehungen handelt es sich teils um einzelne Personen, teils um ganze Banden. Oft werden auch verschieden, unabhängige Personen durch den Mafioso zum gemeinsamen Handeln beauftragt. Das einzige Zusammengehörigkeitsgefühl entsteht in der Tatsache, dass alle dieselben Feinde bzw. das gleiche Ziel vor Augen haben. Zwischen dem Mafioso und den voneinander unabhängigen Personen (sog. “bassi mafiosi”) entsteht ein Tauschverhältnis von Waren aber auch von
Arbeit zitieren:
Daniel Valente, 2006, Essay zum Thema 'Mafia', München, GRIN Verlag GmbH
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