Inhaltsverzeichnis
Einleitung S. 5
1. Begriffsbestimmungen 6
1.1 Internationle Migration - Flucht 6
1.2 Flüchtling 8
2. „Invasion der Armen“ oder „Sturm auf die Festung Europa“ - angstverzerrte
Fehlwahrnehmung oder Realität im internationalen Migrationsgeschehen ?
2.1 Migration und Flucht im Wandel der Zeit
2.1.1 Wanderungsbewegungen bis zum 2. Weltkrieg 10
2.1.2 Das Jahrhundert der Flüchtlinge 12
2.2 Fluchtursachen 14
2.3 Zahlen und Fakten 18
2.4 Woher - wohin ? Überblick über Richtungstendenzen in aktuellen
Wanderungsbewegungen S. 20
3. Wirkungszusammenhänge zwischen Globalisierung und internationaler
Migration
3.1 Die 2 Seiten der Globalisierung
3.1.1 Was versteht man unter Globalisierung ? 25
2
3.1.2 Das Janusgesicht der Globalisierung 27
3.2 Auswirkungen der Globalisierung auf das Migrationsgeschehen 30
3.3 Verlagerung und Ausdifferenzierung von Migrationsformen im Zuge der
Globalisierung S. 32
3.3.1 Irreguläre Migration als neues Kernproblem 34
3.3.2 Umweltflucht 36
3.3.3 Feminisierung der Migration 38
4. Ansätze und wegweisende Strategien im Umgang mit internationaler
Migration S. 40
4.1 „Vorbeugen ist besser als helfen“ - Friedens- und entwicklungspolitische
Pr äventivkonzepte
4.1.1 Präventive Interventionsmaßnahmen bezüglich Konfliktlösung und
Menschenrechtspolitik S. 41
4.1.2 Globale Strukturpolitik - neue Aufgaben für die Entwicklungspolitik im
Zeitalter der Globalisierung 44
4.2 Internationale Migration erfordert internationales Agieren
4.2.1 Internationales Migrationsregime als Baustein der Global Governance 46
4.2.2 „Festung Europa“ oder neue Wege - die Rolle der EU 48
4.3 Einmal die Blickrichtung geändert - Migration als Chance ? 50
3
5. Schlussbetrachtungen 52
Literaturverzeichnis S. 55
4
Einleitung
„Internationale Migration gibt es solange wie die Menschheit selbst“ heißt es in einem Kapitel der vorliegenden Arbeit. Seit sich die Menschen in bestimmten Strukturen organisieren, gibt es immer wieder Missverhältnisse zwischen den vorhandenen Ressourcen und der Anzahl der Bewohner einer bestimmten Region, was Menschen dazu bewegen kann, aufzubrechen, um das eigene Überleben (bzw. das der Familie oder der gesamten Sippe) zu sichern. In den letzten Jahren gewinnt man verstärkt den Eindruck, es seien noch nie so viele Menschen unterwegs gewesen. Doch kann man wirklich schon von einem „historischen Ausnahmefall“ sprechen ? Sicher ist, dass im Zuge des Globalisierungsprozesses sich nicht nur althergebrachte Strukturen, sondern auch die weltweiten Wanderungsbewegungen verändern und immer weiter ausdifferenzieren. Gleichzeitig verändern sich auch die Anforderungen an die internationale Staatengemeinschaft.
Insbesondere stellt sich dabei die Frage, inwieweit sich die fortschreitende Globalisierung auf die weltweiten Wanderungsbewegungen auswirkt.
Ist die beispielsweise vielfach durch die Medien angekündigte „Invasion der Armen“ oder auch „Sturm auf die Festung Europa“, wie wir sie in diesen Monaten quasi „hautnah“ (bezogen auf das bemerkenswerte Foto 1 ankommender westafrikanischer Flüchtlinge an einem Touristenstrand) auf den kanarischen Inseln erleben eine logische Konsequenz aus der Umgestaltung der Weltgesellschaft und der zunehmenden Schere zwischen Arm und Reich ? Ist der „globale Marsch“ tatsächlich ein historischen Ausnahmefall oder handelt es sich dabei um mehr oder weniger dramatisierte und verzerrte Fehlwahrnehmungen, bezüglich des Ausmaßes, die vielmehr die Ängste der westlichen Industrienationen wiederspiegeln als der Realität gerecht zu werden?
Neben Formen, Ursachen und Dimensionen von internationaler Migration soll auf den folgenden Seiten der Bezug zur Globalisierung hergestellt werden sowie die daraus resultierenden Folgen auf das weltweite Migrationsgeschehen. Schliesslich werden mögliche Strategien und Handlungsmöglichkeiten präsentiert, die die globale Dimension dieser Herausforderung aufzeigen sollen.
1 EL PAÌS - Ausgabe vom 31. 07.2006
5
1. Begriffsbestimmungn
1.1 Internationale Migration - Flucht
Da unter dem Begriff „Migration“, „...als befristete oder dauerhafte Verlagerung des Lebensmittelpunktes in eine andere Umgebung...“ 2 , eher die verschiedenen Formen einer mehr oder weniger freiwilligen Wanderung verstanden werden, Flucht dagegen eine erzwungene Wanderung darstellt, werden die beiden Begriffe häufig nebeneinander benutzt, wie auch im Titel dieser Arbeit. Dennoch ist diese Unterscheidung nicht ganz richtig: denn schliesslich kann Migration auch mit Zwang verbunden sein, nämlich dann, wenn sich Menschen, z.B. aus wirtschaftlicher Not dazu gezwungen sehen, ihre Heimat zu verlassen. 3 Im Gegensatz dazu verweist SIMON 4 auf einen Fluchttypus, innerhalb derer die Personen ihre Entscheidung nicht aufgrund von direktem oder persönlichem Zwang treffen (also vorwiegend passiv), sondern in Erwartung einer Gefahr, der sie sich daraufhin aktiv durch Flucht entziehen. Dies bringt sie in der Wahrnehmung natürlich leicht in die Nähe der „freiwilligen“ Migranten. Die Differenz liegt nach Simon in den Motiven: Während es bei den „freien“ Migranten überwiegend der Wunsch nach einer besseren Existenz ist, der die Migrationsentscheidung vorantreibt, so spielt im Falle der vorausplanenden Flüchtlinge das Wissen oder die Vermutung über eine herannahende Krise die entscheidende Rolle. Bei der Beschäftigung mit der Thematik wird schnell deutlich, dass hier die Grenzen fliessend sind, eine begriffliche Abgrenzung schwierig ist und oft willkürlich vorgenommen wird, zumal sich objektive Tatbestände (z.B. Krieg) mit subjektiven Wahrnehmungen (z.B. Einschätzung der eigenen Lebensperspektive) vermengen und „Der Grad der eigenen Leidensfähigkeit [...] unterschiedlich hoch...“ ist, wie der Politikwissenschaftler Franz NUSCHELER zurecht bemerkt. 5
Annette TREIBEL weist dagegen auf eine neue Praxis hin, die Migration als Oberbegriff setzt, unter dem Arbeits- und Fluchtmigration als 2 verschiedene Ausrichtungen von
2 Angenendt, Dr. Steffen (Hrsg.). Migration und Flucht. Aufgaben und Strategien für Deutschland, Europa und
die internationale Gemeinschaft. Bonn 1997. S. 9
3 vgl. Angenendt, Dr. Steffen: Flucht und Vertreibung.
4 Simon, Friedheim: Soziale Arbeit mit Asylbewerbern. Heidelberg 2000. S. 70 f
5 Nuscheler, Franz: Internationale Migration. Flucht und Asyl (2. Auflage). Wiesbaden 2004. S. 52
6
Migration subsumiert werden. 6 Auf diesem Wege wird man dem Anspruch gerecht, Migration als Gesamtphänomen zu betrachten, wie vermehrt gefordert wird. Diese Unterteilung bedient auch Nuscheler, wie an seiner detaillierten Definition 7 von „internationaler Migration“ deutlich wird: So bezeichnet er den Begriff als Umfassung aller grenzüberschreitenden Wanderungen, wobei er neben der freiwilligen Auswanderung (Emigration), der Familienzusammenführung, der „Irregulären Migration“ 8 , dem zeitlich begrenzten Auslandsaufenthalt (z.B. von Studierenden) eben auch „die durch Kriege, politische Verfolgung, existenzielle Notlagen oder Umweltkatastrophen erzwungene Flucht, sofern sie Staatsgrenzen überschreitet,...“ mit dazuzählt.
Migrationsprozesse sind durch eine hohe Komplexität gekennzeichnet: So weist Annette Treibel 9 darauf hin, dass Wanderung schliesslich nicht nur die wandernden Personen betrifft, sondern genauso die Gesellschaften und Regionen, zwischen denen sich die Menschen bewegen, so dass auch eine systemische Betrachtungsweise von großem Interesse sein kann. In der Migrationsforschung hat sich daher der Begriff des Migrationssystems durchgesetzt: hierzu zählen neben Herkunfts- und Zielregion auch alle Institutionen, die an dem Prozess beteiligt sind, also Regierungen und sonstige Akteure, sowie auf internationaler Ebene das UNHCR, die Vereinten Nationen etc.... 10 Um dieser hohen Komplexität gerecht zu werden wurden in der Soziologie mehrere Typologien entwickelt, um den Migrationsbegriff differenzieren zu können:
1. Unter räumlichen Aspekten wird zwischen Binnenwanderung (meist vom Land in die Stadt) und internationaler Wanderung (kontinental und interkontinental) unterschieden 2. Unter zeitlichen Aspekten wird zwischen temporärer (z.B. Saisonarbeit) und permanenter Wanderung (der Aus- bzw. Einwanderung bzw. Niederlassung) unterschieden 3. Bezüglich der Wanderungsentscheidung oder Wanderungsursache unterscheidet man freiwillige Wanderung (Arbeitsmigration) und erzwungene Wanderung (Fluchtmigration, Vertreibung)
Um zur Ausgangsdifferenzierung zurückzukehren lässt sich festhalten, dass Flucht immer durch einen gewissen Zwang gekennzeichnet ist, die verschiedenen Formen von Migration man sich dagegen auf einem Strahl zwischen den Polen Freiwilligkeit und Unfreiwilligkeit bzw. Zwang vorstellen muß. Um diesem nicht unwesentlichen Unterschied gerecht zu
6 vgl. Treibel, Annette: Migration in modernen Gesellschaften. Soziale Folgen von Einwanderung, Gastarbeit
und Flucht. Karlsruhe 1998 (überarbeitete Auflage). S. 157
7 vgl. Nuscheler (2004) ebd.
8 hierbei handelt es sich um eine Sprachregelung der Vereinten Nationen, wahrscheinlich, um den Begriff der
„Illegalität“ zu umgehen, und meint damit Zuwanderer, die ohne gültige Papiere einreisen
9 vg. Treibel, Annette. O.o.A. S. 20
10 ebd. S. 169
7
werden, wird im Folgenden „internationale Migration“ (oder auch „nur“ 11 Migration) und „Flucht“ dann gesondert aufgeführt, wenn genau diese Unterscheidung hinsichtlich der Freiwilligkeit eine spezielle Bedeutung im Kontext erhalten soll, ansonsten schliesse ich mich Treibel und Nuscheler an und benutze den Begriff der Migration als Oberbegriff für jede Form weltweiter Wanderungsbewegung.
1.2 Zum Flüchtlingsbegriff
Der Begriff „Flüchtling“ ist in der Genfer Flüchtlingskonvention (GFK) von 1951 völkerrechtlich definiert, der bislang 137 Staaten beigetreten sind. „Danach ist jemand Flüchtling, der sich außerhalb seines Herkunftslandes befindet und infolge begründeter Furcht vor Verfolgung wegen seiner Rasse, Religion, Nationalität, politischen Überzeugung oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe nicht dorthin zurückkehren kann.“ 12 Ein zentraler Bestandteil der GFK ist das Prinzip des sogenannten „non-refoulement“ (Artikel 33), d.h. dass Flüchtlinge nicht in Länder zurückgeschickt oder abgeschoben werden dürfen, in denen ihre Sicherheit gefährdet sein könnte. Dieser Artikel verpflichtet die Unterzeichnerstaaten jedoch nicht dazu, einem Flüchtling Asyl zu gewähren, sondern lediglich, ihn nicht zurückzuweisen, d.h. ein Staat kann Asyl gewähren, muß es aber nicht. 13 Ein Flüchtling gemäß der Konvention (Konventionsflüchtling) ist also jemand, der eine individuelle politische Verfolgung durch staatliche Stellen nachweisen kann, was ein äußerst schwieriges Unterfangen darstellt und einen weiten Ermessensspielraum eröffnet, denn was ist z.B. „begründete Furcht“ ? Hier vermischen sich erneut objektive mit subjektiven Tatbeständen.
Da sich das internationale Fluchtgeschehen nach Treibel aber dramatisch verändert hat, wird mit dieser Definition - quasi dem Idealtypus des Flüchtlings - der überwiegende Teil der weltweiten Flüchtlinge nicht mehr abgedeckt bzw. wird diese der aktuellen Situation nicht mehr gerecht. 14
Es entsteht, wie Angenendt bemerkt, eine Schutzlücke. 15
11 mein Zusatz „international“ meint das Migrationsgeschehen weltweit, damit ist auch die Binnenflucht gemeint
(aber sowohl z.B. in Afrika als auch in Lateinamerika)
12 UNHCR: Zur Lage der Flüchtlinge in der Welt. 50 Jahre humanitärer Einsatz. Bonn 2000/2001. S. 2
13 vgl. Angenendt, Dr. Steffen. O.o.A. S. 1
14 vgl. Treibel, Anette. O.o.A. S. 161
15 Angenendt, Dr. Steffen. Ebd. S. 3
8
Mit der herkömmlichen Definition der GFK, die ursprünglich den Flüchtling vor der Nazi-Diktatur oder vor dem stalinistischen Terror im Blickfeld hatte 16 , sind Binnenflucht, displacement (Verschleppung, Vertreibung), Flucht vor Krieg und Umweltflucht bzw. Flucht vor Naturkatastrophen ausgeschlossen. Die zuletzt genannten Flüchtlingsgruppen stellen jedoch heute die Mehrheit dar. 17 So verkündete auch das UNHCR in seinem Bericht von 1997 / 1998, die Zahl der Flüchtlinge, im strengen Sinne der GFK, hätte sich verringert - wobei gleichzeitig die Binnenvertreibung zugenommen hätte. 18
Um dieser Definitionsproblematik (die auch dazu verleiten kann, sie für politische Zwecke zu benutzen, „wie es eben gerade passt“) entgegenzukommen, hat sich der Begriff der „De-Facto-Flüchtlinge“ etabliert, denn wer vor Krieg und Elend flieht, egal ob er dabei die Landesgrenze überschreitet oder politisch verfolgt wird, ist eben de facto ein Flüchtling. 19 In einigen Staaten bzw. Zusammenschlüssen von Staaten ist durch mehrere Initiativen der enge Flüchtlingsbegriff der GFK erweitert worden. Als Beispiele sind hierzu die „Konvention über die spezifischen Aspekte von Flüchtlingsproblemen in Afrika“ (verabschiedet 1969 durch die Organisation für Afrikanische Einheit in Addis Abeba) zu nennen sowie 1984 die Einigung der mittelamerikanischen Staaten über die „Flüchtlingsdeklaration von Cartagena“, die beide „schwerwiegende Störungen der öffentlichen Ordnung“, die Leben, Sicherheit oder Freiheit der Menschen bedrohen in ihre Grundsatzformulierungen mit aufgenommen haben. 20 Ein größerer Konsens über die Genfer Konvention von 1951 kam bisher jedoch offiziell nicht zustande - das UNHCR, als Hüterin der Konvention, unterscheidet daher Konventionsflüchtlinge und Personen in fluchtähnlichen Situationen. Festzuhalten ist, dass es einen engen (im juristischen Sinne der GFK) und einen weiten Flüchtlingsbegriff, im Ermessen der jeweiligen Staaten und Gruppierungen, gibt. Letzterer ist ein Sammelbegriff für diverse Typen von Flüchtlingen mit jeweils spezifischen Fluchtmotiven (s.o.). Im Folgenden wird der weite Flüchtlingsbegriff benutzt, um der Ausdifferenzierung im weltweiten Fluchtgeschehen gerecht zu werden.
16 vgl. Nuscheler, Franz. Internationale Migration. Flucht und Asyl. Wiesbaden 2004 (2. Auflage). S. 107
17 vgl. Treibel, Anette. Ebd und Nuscheler, Franz. Ebd
18 UNHCR. Zur Lage der Flüchtlinge in der Welt 1997/1998. S. 59
19 Nuscheler, Franz. Entwicklungspolitik. Bonn 2004. S. 299
20 UNHCR 1994. S. 187-189 nach: Treibel, Anette. O.o.A. S. 161
9
2. „Invasion der Armen“ oder „Sturm auf die Festung Europa“ - angstverzerrte Fehlwahrnehmungen oder Realität im internationalen Migrationsgeschehen ?
2.1 Migration und Flucht im Wandel der Zeit
2.1.1 Wanderungsbewegungen bis zum 2. Weltkrieg
Zu Beginn dieses Punktes sei ein Zitat des US-amerikanischen Soziologen und Bevölkerungswissenschaftlers William PETERSEN genannt, der die vorherrschende Grundannahme, der Mensch sei quasi ‚von Natur aus’ sesshaft, auf den Kopf stellt: „Manchmal ist das grundlegende Problem nicht, warum Völker wandern, sondern eher, warum sie es nicht tun.“ 21
Diese These zeigt eine Alternative zur allgemeinen problemzentrierten Sicht von Migrationsphänomenen auf und unterstreicht in erster Linie die Normalität und die Verbreitung von Wanderungsbewegungen, welche insbesondere in der historischen Betrachtung deutlich werden.
Wanderungen sind kein neues Phänomen, sondern so alt, wie die Menschheitsgeschichte selbst. 22 Schon das Alte Testament beginnt mit einer Vertreibung: die Vertreibung aus dem Paradies. Auch im 1. Buch Moses, Kap. 45 überredet Joseph seine Brüder zur Flucht aus dem verdörrten Kanaan. Mit seinen Argumenten: „Denn dies sind zwei Jahre, dass es teuer im Lande ist, und es sind noch fünf Jahre, dass kein Pflügen noch Ernten sein wird.“ wäre er jedoch als Wirtschaftsflüchtling vom UNHCR nicht als Flüchtling anerkannt worden. Seit sich Menschen in Gesellschaften und Herrschaftssystemen organisieren gibt es Flucht, Vertreibung und Völkerwanderungen. Die Weltgeschichte war eine gewalttätige Geschichte von „einander schiebenden und drängenden Völkern.“ 23 Zunächst wurde um Jagd- und Weidegründe, später um Kolonialgebiete konkurriert - die Motive waren dabei immer ähnlich: es ging um ein Missverhältnis zwischen vorhandenen Ressourcen und dem wachsendem Bedarf aufgrund des Bevölkerungswachstums, sowie politischer Unterdrückung und religiöser Intoleranz. (Motive und Ursachen werden in Punkt 2.6 intensiver behandelt)
21 Petersen, William (1972) in: Treibel, Annette. Migrationen in modernen Gesellschaften. A.a.O., S. 164
22 vgl. Segbers, Klaus. Entstehungsursachen und Entwicklungstrends von Wanderungsbewegungen. In:
Butterwegge, Christoph / Jäger, Siegfried (Hrsg.). Europa gegen den Rest der Welt ? Köln 1993. S. 17
23 Kulischer 1932. S. 27, in: Nuscheler, Franz. Internationale Migration. Flucht und Asyl. Wiesbaden 2004. S. 29
10
Angetrieben durch einen enormen Bevölkerungswachstum 24 kurz vor und während der Industrialisierung, entwickelte sich Europa zum Auswanderungskontinent: zwischen 1815 und 1930 emigrierten mehr als 50 Millionen Europäer aus ökonomischen, sozialen und politischen Gründen nach Nordamerika. 25 Europa lagerte somit seine soziale Frage aus und entlastete so die Arbeitsmärkte. Im Unterschied zu heute gab es damals aber genügend Raum, um derartige Fluchtwellen aus dem übervölkerten Europa aufzunehmen. Wobei in diesem Zusammenhang die Vertreibung der autochthonen Bevölkerungen in Nord- und Südamerika, die bis zum Massenmord getrieben wurde, und die damit einhergehende kulturelle Zerstörung in den Siedlungsgebieten der Europäer oft vergessen wird und Nuscheler zurecht auf den Mythos vom „leeren Raum“ hinweist. 26
Die geplante Ansiedelung und Anwerbung von Arbeitskräften ist keine neumodische Erfindung, wie das Beispiel des kolonialen Weltmarktes für Arbeit im Zuge der Kolonialisierung (außerhalb des Sklavenhandels) zeigte. Treibel behauptet sogar, dass ohne die Wanderung von Arbeitskräften innerhalb und zwischen Gesellschaften die Industrialisierungsprozesse nie richtig in Gang gekommen wären 27 (genauso wie ohne die Anwerbung der „Gastarbeiter“ in den 60-er Jahren der Aufbau des Wohlstandes in der Bundesrepublik nicht in dem Maße möglich gewesen wäre).
Internationale Migration war also immer eine Begleiterscheinung innergesellschaftlicher und weltwirtschaftlicher Strukturveränderungen. In diesem geschichtlichen Zusammenhang bekommt auch das eingangs aufgeführte Zitat Petersens´ einen verständlicheren Sinn. Mit der Errichtung von neuen Nationalstaaten wurden auch die Ansprüche auf ethnische und kulturelle Homogenität gesteigert. 28 Mit der Schaffung einer Vielzahl neuer ethnischer Minderheiten, sowie ein- und ausgrenzenden Nationalitäten wurde das sogenannte „Jahrhundert der Flüchtlinge“ eingeleitet.
24 auch in der Vergangenheit hatte es schon 2 große Bevölkerungskrisen in Europa gegeben: zur Zeit des
Hochmittelalters ( Pest) und des 30-jährigen Krieges, bei denen massenhaft Menschen ums Leben kamen -
als logische Antwort auf die Bevölkerungsdichte
25 vgl. Münz, Rainer. Phasen und Formen der europäischen Migration, in: Angenendt, Steffen (Hrsg.). Migration
und Flucht. O.o.A. S. 35
26 Nuscheler, Franz. O.o.A. S. 30
27 Treibel, Annette. O.o.A. S. 13
28 vgl. Nuscheler, Franz. O.o.A. S. 31
11
Arbeit zitieren:
Esther Bückmann, 2006, Internationale Migration als globale Herausforderung?, München, GRIN Verlag GmbH
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