Das Besondere bei Hayden White ist, dass er seine Theorie um die Frage der Historiographie zentriert. Unruhe erzeugte er damit, dass er der Geschichtswissenschaft den Status einer Wissenschaft absprach, die Geschichtsschreibung mit der (schönen) Literatur gleich setzte und in den Augen seiner Kritiker damit den historischen Referenten, also die objektive Realität der Vergangenheit leugnete. Zu diesen Vorwürfen muss man sich nun positionieren. Der Autor gedenkt sie, wenn auch nicht vollständig zu entkräften, so doch zumindest abzuschwächen.
Denn die Abrede eines wissenschaftlichen Status’ für die Geschichtswissenschaft lässt sich
aus der Kuhn’schen Definition einer Wissenschaft ableiten. 5 Dort formuliert Kuhn, dass jede (normale) Wissenschaft ein Paradigma benötigt. Dieses „ist die Gesamtheit der theoretischen Überzeugungen, welche die scientific community der jeweiligen Disziplin teilt, und auf dem ein Konsens darüber aufgebaut ist, welche Probleme für das Fach als grundlegend angesehen
werden und was für Lösungswege möglich sind.“ 6 Das Paradigma ist also die wissenschaftliche Matrix der Wissenschaft selbst und definiert Grundlagen und Inhalte. White spricht der Geschichtswissenschaft nun eine solche Matrix ab, da sich noch kein Paradigma entwickelt hat und die Geschichtswissenschaft im Status einer Protowissenschaft verharrt. Deutlich wird das für ihn daran, dass in wesentlichen Fragen der Disziplin noch keine Einigkeit erzielt wurde. Stattdessen müssen sich Historiker immer wieder damit auseinandersetzen, was »Geschichte« eigentlich sei und wie man sie schreiben könne. Dies ist wahrhaftig eine richtige Beobachtung und die Diskussion um Hayden White zeugt hinlänglich
vom Unvermögen der Disziplin, sich über den grundlegenden Gegenstand klar zu werden. 7 An diesem Punkt ist White also zuzustimmen. Dennoch wird diese Arbeit, obwohl zum Teil apologetisch, nicht frei von Angriffen sein. Die Feststellung eines fehlenden Paradigmas wird der Autor als Ausgangspunkt nehmen, anhand der Überlegungen Hayden Whites ein solches
Denken bezüglich der White’schen Position. Auch für ihn macht White die Erzeugnisse der Historiker – hier speziell der Mediävisten – zu „verbal fictions“, zu Fiktionen und damit zu schöner Literatur. Auch ist es immer wieder bezeichnend, was in einem solchem Fall zitiert wird, vor allem die große apologetisch-polemische Schrift von Richard Evans (Evans, Richard J.: Fakten und Fiktionen. Über die Grundlagen historischer Erkenntnis, Frankfurt am Main/New York 1998.), sowie der lakonische Kommentar von Otto Gerhard Oexle (Oexle 2000). Zum anderen erscheint es spannend, dass Hans-Werner Goetz im Jahr 2003, dem Erscheinungsjahr des Bandes, die Probleme um Hayden White und seine Theorie für erledigt hält. Das zeigt sich einmal darin, dass er sehr schnell über ihn hinweggeht und in der Vergangenheit spricht.
5 Zuerst veröffentlich 1962 als DIE STRUKTUR WISSENSCHAFTLICHER REVOLUTIONEN.
6 Derschka, Harald R., Hayden Whites „Metahistory“ und Thomas S. Kuhns „Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“. Die Wissenschaftlichkeit der Geschichtswissenschaft zwischen postmoderner Dekonstruktion und wissenschaftstheoretischer Rekonstruktion, in: Bär, Katja (Hrsg.), Text und Wahrheit: Ergebnisse der interdisziplinären Tagung Fakten und Fiktionen der Philosophischen Fakultät der Universität Mannheim, 28.-30. November 2002, Frankfurt am Main 2004, S. 17-26, hier: S. 21.
7 Mit dem Satz „Die Geschichtswissenschaft ist unsicher geworden“ eröffnet dann auch Hans-Jürgen Goertz seine Abhandlung über die modernen Probleme der Disziplin. Goertz, Hans-Jürgen, Unsichere Geschichte. Zur Theorie historischer Referentialität, Stuttgart 2001, S. 7.
2
zu suchen. Denn nichts anderes stellt das Werk Whites dar, als den Versuch, der Geschichtswissenschaft eine verbindliche wissenschaftliche Matrix zu verleihen. Jedoch wird dem Autor die Theorie der Tropen, der wesentliche Kern der Überlegungen Whites, als nicht geeignet erscheinen, ein solches zu begründen. Aus diesem Grund soll im letzten Teil der Arbeit versucht werden, die Gedanken Whites mit denen von Hans Michael Baumgartner bezüglich einer transzendentalen Historik zu verknüpfen.
Zur Forschungsdiskussion hier Stellung nehmen zu wollen, würde bedeuten eine weitere Arbeit zu verfassen. Ein Blick in das beigefügte Literaturverzeichnis, welches eine Auswahl darstellt, mag verdeutlichen, wie präsent und umkämpft die Thematik in der Geschichtswissenschaft ist. In der Arbeit wird deswegen auch immer wieder auf miteinander konkurrierende Meinungen der Disziplin einzugehen sein. Beschränkungen konnten jedoch nicht ausbleiben. So werden die Positionen von Franklin R. Ankersmit und Paul Ricœur, die
wichtige Stellungnahmen zu der Problematik verfasst haben, nicht berücksichtigt. 8 Die Gedanken des Autors selbst, werden in der Form eines wissenschaftlichen Aufsatzes ohne feste Gliederung entwickelt. Aufgrund dessen, dass der Verfasser sich sowohl dem Angriff als auch der Apologie verpflichtet fühlt, ist dieser Aufsatz mit vielen Zitaten aus der primären Literatur, also von Hayden White selbst, und ebenso Nachweisen aus der sekundären Literatur versehen worden. Dies soll der Entwicklung einer Position dienen und die folgende Argumentation zusätzlich absichern.
I.
Im Jahr 1973 entwarf Hayden White mit der Veröffentlichung seines Werkes METAHISTORY.
THE HISTORICAL IMAGINATION IN NINETEENTH-CENTURY EUROPE 9 ein Modell dessen, was
der Historiker tut, wenn er »Geschichte« schreibt. Die dort entwickelte Theorie, welche von vielen eher als Typologie betrachtet wird, sorgte für große Aufregung in der Zunft der Geschichtswissenschaft, stellte sie doch existentielle Fragen an diese. In den folgenden Jahren erweiterte Hayden White sein Modell immer wieder durch die Publikation neuer Aufsätze. Als maßgebend betrachtet der Autor dabei DER HISTORISCHE TEXT ALS LITERARISCHES
8 Vgl. Ricœur, Paul, Gedächtnis, Geschichte, Vergessen (Übergänge 50), München 2004 und Ankersmit,
Franklin R., History and Tropology: The Rise and Fall of Metaphor, Berkeley u.a. 1994, sowie das beigegebene
Literaturverzeichnis.
9 White, Hayden, Metahistory: The Historical Imagination in Nineteenth-Century Europe, Baltimore u.a., 1973;
dt.: Ders., Metahistory: die historische Einbildungskraft im 19. Jahrhundert in Europa, Frankfurt am Main 1991a.
3
KUNSTWERK, LITERATURTHEORIE UND GESCHICHTSSCHREIBUNG, sowie den vieldiskutierten
Aufsatz HISTORISCHE MODELLIERUNG (EMPLOTMENT) UND DAS PROBLEM DER WAHRHEIT. 10 Was war das Ziel von Hayden White? Der von ihm geprägte und in die Diskussion eingeführte Begriff »Metahistory« gibt darauf eine Antwort. Eine Translation in das Deutsche erscheint schwer, denn es ist fragwürdig, ob der Begriff »Metahistorie« sich in der Diskussion jemals so etablieren würde wie das englische Original. Aus diesem Grund soll hier künftig von »Metahistory« gesprochen werden.
»Metahistory« bezeichnet ein Verfahren. Dabei geht es um die Untersuchung der Geschichte der Geschichtswissenschaft selbst. Dies ist eine Möglichkeit für eine Forschungsdisziplin,
sich über sich selbst Rechenschaft abzulegen. 11 Im Jahr 1970 publizierte der deutsche Philosoph und Soziologe Hans Albert einen Aufsatz mit dem Titel THEORIE, VERSTEHEN UND GESCHICHTE. ZUR KRITIK DES METHODOLOGISCHEN AUTONOMIEANSPRUCHS IN DEN
SOGENANNTEN GEISTESWISSENSCHAFTEN. 12 Darin erhob er den Vorwurf des Theoriedefizits
für die Geschichtswissenschaft: „Relativ selten aber findet man bei ihnen [d.h. den Historikern – E.F.] ein Interesse an Problemen, die in der allgemeinen Methodologie der Wissenschaften analysiert werden, etwas an Problemen der Theoriebildung, der Erklärung,
der Prüfung von Theorien und ihrer Bewährung […].“ 13 Die Arbeiten von Hayden White sind ein Versuch, dieses Theoriedefizit zu beheben und ein Paradigma für die Geschichtswissenschaft zu kreieren. Die »Metahistory« soll dazu der Schlüssel sein, sie soll die theoretischen Grundlagen der Geschichtswissenschaft erschließen. Nach White muss das Ziel dabei sein, Fragen an die Disziplin zu stellen, die sich nicht in ihrer praktischen Arbeit ergeben. Man muss versuchen, die Grundlagen der Disziplin zu erfassen und damit herausfinden, warum sie zur Lösung bestimmter Probleme in einer konkreten Art und Weise
entwickelt worden ist. 14 White entwirft aus diesem Grund einen Katalog von Fragestellungen: „Welcher Art ist die Struktur eines spezifisch historischen Bewusstseins? Welcher Art ist der erkenntnistheoretische Status historischer Erklärungen im Vergleich zu anderen Arten von Erklärungen, die für das historische Material, mit dem sich Historiker für gewöhnlich
10 White, Hayden, Der historische Text als literarisches Kunstwerk, in: Ders., Auch Klio dichtet oder Die Fiktion des Faktischen. Studien zur Tropologie des historischen Diskurses (Sprache und Geschichte 10), Stuttgart 1991b,
S. 101-122. Ders., Literaturtheorie und Geschichtsschreibung, in: Nagl-Docekal, Herta (Hrsg.), Der Sinn des
Historischen. Geschichtsphilosophische Debatten, Frankfurt am Main 1996, S. 67-106. Ders., Historische
Modellierung (emplotment) und das Problem der Wahrheit, in: Kiesow, Rainer Maria/Simon, Dieter (Hrsgg.),
Auf der Suche nach der verlorenen Wahrheit. Zum Grundlagenstreit in der Geschichtswissenschaft, Frankfurt am
Main 2000, S. 142-167.
11 Vgl. White 1991b, S. 101.
12 Albert, Hans, Theorie, Verstehen und Geschichte. Zur Kritik des methodologischen Autonomieanspruchs in den sog. Geisteswissenschaften, in: Zeitschrift für allgemeine Wissenschaftstheorie 1 (1970), S. 3–23.
13 Ebd., S. 17.
14 Vgl. White 1991b, S. 101. Das Programm erinnert bereits hier sehr stark Thomas S. Kuhn und seine Überlegungen. Der Autor möchte die Parallelen später noch deutlicher machen.
4
befassen, gegeben werden könnten? Welches sind die möglichen Formen historischer Darstellung und welches ihre Grundlagen? Welche Geltung können historische Darstellungen als Beitrag zu einem gesicherten Wissen von Realität überhaupt und zu den Humanwissenschaften im Besonderen für sich behaupten?“ 15
Hayden White betrachtet also seine Arbeit als Beitrag zu einer Theorie historischer Erklärung,
Darstellung und letztendlich Erkenntnis. 16 Durch die Untersuchung von Historikern und Geschichtsphilosophen des 19. Jahrhunderts will er zeigen, was eine historische Erklärung ist und wie sie zustande kommt. Es geht ihm dabei um eine neue Perspektive bei der Betrachtung
des Problems, die vor allem durch den linguistic turn 17 und die Vorarbeiten von Arthur C. Danto 18 geprägt ist. White erschließt „das Geschichtswerk in seinem offensichtlichsten Aspekt […], nämlich als sprachliches Gebilde in der Form alltäglicher Rede, welches ein Modell oder Abbild vergangener Strukturen und Prozesse zu sein und auf dem Weg ihrer
Darstellung das ‚wirkliche Geschehen’ zu erklären beansprucht.“ 19 Deutlich wird hier also die Fixierung auf die Sprache und ihre strukturierenden Fähigkeiten. 20 Sie ist in der Lage ein Modell vergangener Prozesse und Strukturen zu entwerfen, das dann durch eine narrative Modellierung die Darstellung und auch Erklärung eben dieser Prozesse und Strukturen ermöglicht. Hayden White reflektiert damit auf eine Grundeinsicht der Geschichtswissenschaft: »Geschichte« ist nur über die Sprache zugänglich. „Unsere Erfahrung von Geschichte lässt sich nicht von dem Diskurs über sie trennen. Der Diskurs aber
muss geschrieben werden, bevor er als Geschichte verarbeitet werden kann […].“ 21 Eine wichtige begriffliche Unterscheidung ist bereits hier zu treffen, denn sie führte oft zu Missverständnissen im Bezug auf die Überlegungen Hayden Whites. »Geschichte« und »Vergangenheit« sind zwei voneinander zu trennende Sinnbereiche. Die Vergangenheit besteht aus der Summe von Strukturen, Prozessen und Ereignissen, die für die Gegenwart
15 Ebd. Vgl. auch Baberowski 2004, S. 204-205.
16 Vgl. White 1991a, S. 15: „Dieses Buch (gemeint ist METAHISTORY) ist eine Geschichte des europäischen Geschichtsdenkens im 19. Jahrhundert, doch zugleich ist es auch ein Beitrag zur gegenwärtigen Diskussion über
das Problem der historischen Erkenntnis.“
17 Vgl. Rorty, Richard (Hrsg.), The Linguistic Turn. Recent Essays in Philosophical Method, Chicago 1967.
18 Danto, Arthur C., Analytische Philosophie der Geschichte, Frankfurt am Main 1979 (zuerst erschienen auf Englisch 1965). Vgl. zu Danto: Baumgartner, Hans Michael, Kontinuität und Geschichte. Zur Kritik und
Metakritik der historischen Vernunft, Frankfurt am Main 1997, S. 269-294.
19 White 1991a, S. 16.
20 Vgl. Daniel, Ute, Kompendium Kulturgeschichte. Theorien, Praxis, Schlüsselwörter, Frankfurt am Main
4 2004, S. 430-443.
21 White 1996, S. 67. Hayden White führt den Satz noch weiter aus. Den Schluss, den er aus dieser Einsicht zieht, wird an späterer Stelle relevant. Vgl. dazu Angehrn, Emil, Vom Lesen und Schreiben der Geschichte.
Dekonstruktion und historischer Sinn, in: Selbstorganisation. Jahrbuch für Komplexität in den Natur-, Sozial-
und Geisteswissenschaften 10 (1999), S. 217-236, bes. S. 217-218.
5
nicht mehr erfahrbar sind. Die Vergangenheit ist vergangen. 22 Hier liegt der Unterschied zur
»Geschichte«, die stets eine Konstruktionsleistung der Gegenwart ist, genauer eine
retrospektive Sinnkonstruktion.
„Die Ereignisse der Vergangenheit bilden zunächst nur ein Geschehen; Geschichte
hingegen ereignet sich oder geschieht nicht eigentlich, sondern stellt eine spezifische
Kohärenzstruktur dar, die einem Geschehen und dessen Ereignis erst retrospektiv
zugeschrieben wird. Sie ist daher – anders als das historische Geschehen – ein Produkt der
mit ihr beschäftigten Texte: ‚Sie kommt in einem Schreiben zustande, das den Gegenstand
konstituiert, indem es über ihn spricht.’“ 23
Die Frage ist nun also, was »Geschichte« konstituiert. Bei der Beantwortung dieser Probleme
rücken zunächst die Texte in den Vordergrund, die der Historiker produziert. Der Textbegriff
ist hierbei ein doppelter. Einmal ist das was auf uns gekommen ist, was aus der Vergangenheit
in die Gegenwart hineinragt – die Quellen – zum größten Teil Texte, oder textlich verfügbar
gemachte Entitäten. Sie gehören einer vergangenen, uns nicht mehr zugänglichen Zeit an und
sind aus diesem Grund unserem Verstehen entrückt.
Zum anderen sind Texte das Medium, in dem der Historiker seine Erkenntnisse formuliert,
präsentiert und damit vollzieht. „Das Wissen, das [der Text] repräsentiert, ist daher nirgends
außerhalb dieses Textes zu finden, jedenfalls nicht in derselben Ausprägung.“ 24 Und so
entsteht auch die Geschichtswissenschaft als ein „kollektives Unternehmen“ 25 erst im
Austausch der Texte der Historiker untereinander. Daniel Fulda stellt somit fest: „Der
Historiker arbeitet also auf Grundlage von Texten, und er produziert Texte.“ 26
22 Vgl. Droysen, Johann Gustav, Historik. Band 1: Rekonstruktion der ersten vollständigen Fassung der Vorlesung (1857). Grundriss der Historik in der ersten handschriftlichen (1857/58) und der letzten gedruckten
Fassung (1882), hrsg. von Peter Leyh, Stuttgart 1977, S. 421-422. In aller Schärfe auch Goertz 2001, S. 7.
23 Fulda, Daniel, Strukturanalytische Hermeneutik: Eine Methode zur Korrelation von Geschichte und Textverfahren, in: Ders./Tschopp, Silvia Serena (Hrsgg.), Literatur und Geschichte. Ein Kompendium zu ihrem
Verhältnis von der Aufklärung bis zur Gegenwart, Berlin 2002, S. 39-59, hier: S. 40. Daniel Fulda nimmt hier
eine Korrektur an dem missverstandenen strukturalistischen Diktum „Geschichte ist ein Text“ vor. Dieses kann
sich natürlich nur auf die Geschichtsdarstellung und die Geschichte als Objektbegriff beziehen. Eine radikale
textualistische Position, wie die von Jacques Derrida, wird somit für die Geschichtswissenschaft abgelehnt. Die
vergangenen Ereignisse, welche wir nachträglich als »Geschichte« begreifen, werden in ihrer Faktizität dadurch
nicht in Frage gestellt. Ebenso wenig bedeutet dieses Diktum, dass Texten und Diskursen ein Primat in der
menschlichen Praxis zukommt – diese Überstrapazierung des linguistic turn wird nur von radikalen
Postmodernisten vertreten, wie z.B. Jacques Derrida. „Was in der Geschichte geschieht, ist nicht Gegenstand
[einer] textualistischen Geschichtstheorie; sie ist keine materiale Theorie der ‚objektiven Geschichte’.“ (40)
Damit entlastet Daniel Fulda auch Hayden White.
24 Fulda, Daniel, Die Texte der Geschichte. Zur Poetik modernen historischen Denkens, in: Poetica 31 (1999), S. 27-60, zitiert nach: http://www.goethezeitportal.de/fileadmin/PDF/db/wiss/epoche/fulda_texte.pdf, 23. Mai
2006, S. 5.
25 Ebd., S. 6.
26 Ebd. Ebenso auch Emil Angehrn: „Zu historischen Entitäten werden vergangene Ereignisse und Konstellationen ‚allein dadurch, dass sie Gegenstände einer spezifisch historischen Art des Schreibens aufgefasst
werden.’ Geschichte wird uns zugänglich im historiographischen Text. Sie ist Gegenstand des Schreibens und
Lesen: Sie kommt in einem Schreiben zustande, das den Gegenstand konstituiert, indem es über ihn spricht; und
sie wird in einer Lektüre angeeignet, welche Berichte, Dokumente und Spuren entziffert und auslegt.“ (Angehrn
1999, S. 217-218) Und Erich Kleinschmidt: „Die Artikulation von Geschichte als einer Wahrnehmungsgröße
6
Die Faktizität der Vergangenheit wird damit jedoch mitnichten negiert, denn sie stellt die
objektive Realität und somit den Referenten dar, welcher für die Geschichtsschreibung
unabdingbar ist. Denn der historische Diskurs ist nur unter „der Annahme denkbar, dass »die
Vergangenheit« als etwas existiert, worüber sich sinnvoll reden lässt.“ 27 Ohne die
Vorraussetzung einer Vergangenheit „wäre der historische Diskurs kein tatsachengebundenes
Artefakt, sondern ein Artefakt, das Imaginäres produziert, nicht aber Vergangenes zur
Erkenntnis bringt. Ontologisch wird durchaus eine Realität vorausgesetzt,
erkenntnistheoretisch erscheint sie in sprachlicher Gestalt.“ 28 Die Kritik an einer möglichen
Preisgabe der historischen Referentialität geht somit ins Leere, sie trifft nicht zu. Der
historische Diskurs interpretiert lediglich, was einmal war, indem er das Gewesene in der
Interpretation für unser sprachlich bestimmtes Erkenntnisvermögen zuallererst entstehen
lässt. 29
Geschichtswissenschaft befindet sich also in einer paradoxen Situation; sie erforscht die
Vergangenheit in der Gegenwart über das Medium der Sprache, welches eben diese
Vergangenheit in der Gegenwart erst entstehen lässt. Johannes Fried formuliert dies pointiert:
„Der Historiker, der forscht, wird zum sprachlichen Schöpfer der Welten, die er erforscht.“ 30
setzt die Abfassung von Texten voraus, die sprachlichen Gegebenheiten und den daran geknüpften Apperzeptionsweisen notwendigerweise verpflichtet sind.“ (Kleinschmidt, Erich, Der ästhetische Gewinn der Geschichte. Zur Poetik historischen Erzählens in der Moderne, in: Zeitschrift für Germanistik 3 (1993), S. 120- 133, hier: S. 120) Vgl. auch Maier, Franz G., Der Historiker und die Texte, in: HZ 238 (1984), S. 83-94.
27 White 1996, S. 67-68. „Aus diesem Grund beschäftigen sich Historiker für gewöhnlich nicht mit der metaphysischen Frage, ob die Vergangenheit wirklich existiere, und ob, sollte dies wirklich der Fall sein, wir sie wirklich erkennen können. Die Existenz der Vergangenheit ist eine notwendige Vorraussetzung des historischen Diskurses, und die Tatsache, dass wir Arbeiten über die Geschichte schreiben, beweist hinlänglich, dass diese für uns erkennbar ist.“ (68) Allerdings macht diese Zitat auch eine der gefährlichen begrifflichen Unschärfen in der Geschichtswissenschaft deutlich. Anstatt „Geschichte“ müsste im letzten Satz „Vergangenheit“ stehen, um den Sinn zu bewahren.
28 Goertz 2001, S. 17. Hervorhebung E.F.
29 Hier irrt Flaig, wenn er Hayden White unterstellt, dieser beziehe sich nicht auf eine objektive Realität. Vgl. Flaig, Egon, Kinderkrankheiten der Neueren Kulturgeschichte, in: Kiesow, Rainer Maria/Simon, Dieter (Hrsgg.), Auf der Suche nach der verlorenen Wahrheit. Zum Grundlagenstreit in der Geschichtswissenschaft, Frankfurt am Main 2000, S. 26-47, bes. S. 34. Hans Magnus Enzensberger umschrieb diesen Sachverhalt mit dem Satz: „Die Geschichte ist eine Erfindung, zu der die Wirklichkeit ihre Materialien liefert.“ (Enzensberger, Hans Magnus, Der kurze Sommer der Anarchie. Buenaventura Durrutis Leben und Tod, Frankfurt am Main 1972, S. 13. [aus der „Ersten Glosse. Über die Geschichte als kollektive Fiktion“])
30 Fried, Johannes, Wissenschaft und Phantasie. Das Beispiel der Geschichte, in: HZ 263 (1996), S. 291-316, hier: S. 300. Dieses Paradox ist auch Gegenstand des Diskurses des Radikalen Konstruktivismus. Vgl. hierzu Rusch, Gebhard, Geschichte als Wirklichkeit: erkenntnistheoretische Überlegungen zur Geschichte und zur Geschichtswissenschaft (LUMIS-Schriften 28), Siegen 1991 und Ders., Talking History. Eine Mikro- Zeitgeschichte zum Verhältnis von Kognition, Sprache und Geschichte, in: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 10 (1999), 4, S. 539-562, bes. S. 544: „Die Geschichtsschreibung ist – obwohl der Vergangenheit zugewandt – immer ein Geschehen in einer Gegenwart, und als solches abhängig von deren ‚historischen’ Bedingungen. Für die Bestimmung der Ereignisse, die Geschichtsschreibung als historische Ereignisse zu ihrem Gegenstand macht, genügt es nicht, nur deren Vergangenheit zu reklamieren. Die Geschichtsschreibung muss diese Ereignisse vielmehr als Elemente vergangener Gegenwarten auszeichnen, damit sie ihr Ziel plausibel machen kann, Vergangenheit als Geschichte darzustellen. Schließlich ist die Bewährungsinstanz der Geschichtsschreibung nicht die Vergangenheit, sondern die wiederum gegenwärtige, kognitiv-soziale konstruierte Wirklichkeit.“
7
II.
Wie vollzieht sich dieser Akt der sprachlichen Schöpfung nun? Hayden White unterscheidet
zwischen der „Chronik“ 31 , bzw. dem „historischen Feld“ 32 und der „Fabel“. 33 Die Strukturen
der Vergangenheit stellen sich dem Historiker in Form einer Chronik dar. Sie haben noch
keinen Zusammenhang und bezeichnen lediglich ein Ereignis. 34 Die Chronik ist somit der
Ausgangspunkt jeglicher historischen Arbeit. Der Historiker nimmt nun aus dem historischen
Feld, in dem sich die Chronik platziert, eine Auswahl unter dem Gesichtspunkt der Relevanz
für das zu erarbeitende Thema vor. Diese Auswahl wird im folgenden durch weitere
Aufbereitung in die Art eines Schauspiels gebracht. Es entsteht ein
„Geschehniszusammenhang“, 35 der eindeutig einen Anfang, eine Mitte und einen Schluss des
gesamten Prozesses erzeugt. Dies nennt White die „Transformation der Chronik in eine
Fabel“. 36 Die Ereignisse, welche in der Chronik noch keinen Zusammenhang hatten, wurden
nun also in einen solchen transferiert und es entsteht ein nachträglich sinnkonstruierter
Prozess, eine »Geschichte«. Hayden White resümiert:
„Wenn ein Ereigniskomplex motivisch verschlüsselt worden ist, hat es der Leser mit einer
Geschichte zu tun. Die Chronik der Ereignisse ist in einen vollendeten diachronischen
Prozess umgewandelt worden, an den sich dann Fragen richten lassen, als gehe es darin um
eine synchronische Struktur von Beziehungen.“ 37
31 White 1991a, S. 19.
32 Ebd., S. 17.
33 Ebd., S. 19.
34 Als Beispiel, um sich dieses unorganisierte historische Feld vorzustellen, führt Hayden White immer wieder die Annalen des Mittelalters an, die in ähnlicher Weise aufgebaut sind. Vgl. White, Hayden, Die Bedeutung von
Narrativität in der Darstellung der Wirklichkeit, in: Ders., Die Bedeutung der Form. Erzählstrukturen in der
Geschichtsschreibung, Frankfurt am Main 1990, S. 11-39, bes. S. 17-18.
35 White 1991a, S. 19.
36 Ebd.
37 Ebd., S. 20. Wichtig erscheint es dem Autor bereits hier der Form der völligen Fiktionalisierung der Vergangenheit vorzubeugen. Auch Hayden White bekennt: „Die Unterscheidung zwischen Chronik, Fabel und
Handlung […] hat für die Analyse von Geschichtswerken u.U. eine noch größere Bedeutung als für die
Untersuchung fiktionaler Literatur. Anders als beispielsweise der Roman sprechen Geschichtswerke von
Ereignissen, die außerhalb des Bewusstseins des Verfassers existieren. Die in einem Roman berichteten
Ereignisse können auf eine Weise eingeführt werden, die im Fall einer geschichtlichen Darstellung nicht möglich
(oder ausgeschlossen) ist. Dies macht es schwierig zwischen der Chronik der Ereignisse und der im Roman
erzählten Fabel zu differenzieren. In einem Sinne ist die ‚Geschichte’, die ein Roman wie Thomas Manns
Buddenbrooks erzählt, von der ‚Chronik’ der in dem Buch berichteten Ereignisse unterscheidbar, obschon wir
zwischen der ‚Fabelchronik’ (‚chronicle-story’) und der Handlung (‚plot’) […] trennen können. Anders als der
Schriftsteller steht der Historiker einem realen Chaos von bereits feststehenden Ereignissen gegenüber, aus
denen er die Elemente für die Geschichte, die er erzählen will, auswählen muss. Er formiert seine Geschichte,
indem er einige Ereignisse bündelt und andere ausschließt, einige hervorhebt und andere unterordnet. Diese
Arbeit der Ausschließung, der Akzentuierung und der Unterordnung geschieht in der Absicht, eine bestimmte Art
von Historie hervorzubringen, kurz, sie entwickelt und ordnet die Fabel zur Handlung.“ (Ebd., S. 569,
Hervorhebung E.F.)
8
Diese »Geschichte« tritt uns nun also in der Form einer »Erzählung« entgegen. Das
Besondere an dieser Konstruktion ist, dass die Erzählung selbst erklärende Kraft besitzt. 38 Dieser Umstand wird apriorisch vorrausgesetzt, jedoch von Hayden White in seinen
Überlegungen durch drei zusammenhängend zu denkende Erklärungsweisen dargelegt: 39 1.) ‚Explanation by emplotment’ – Die Erklärung durch narrative Modellierung: Jede Erzählung ist durch eine besondere Erzählstruktur gekennzeichnet. Diese bestimmt, mit welcher Art von „Geschichte“ es der Leser letztendlich zu tun hat, indem sie den Ereignissen in ihrer Abfolge eine Handlungsstruktur aufprägt. Eben diese schreibt damit der »Geschichte« eine Erklärung ein. Die Formen inszenieren also die »Geschichte«. Hayden White bestimmt im Anschluss an die Theorie von Herman Northrop Frye vier solcher Formen: die Romanze, die Tragödie, die Komödie und die
Satire. Diese bilden somit das Grundgerüst eines jeden historiographischen Textes. 40 2.) ‚Explanation by formal argument’ – Erklärung durch formale Schlussfolgerung: Historische Erzählungen erhalten zusätzlich durch die formale, explizite oder diskursive Argumentation des Historikers Bedeutung. Nach White gibt es verschiedene Arten, wie man die Erklärung der Vergangenheit begründen kann und jede davon korrespondiert mit einem anderen Bild der historischen Wirklichkeit. Er unterscheidet dabei zwischen formativistischen, organizistischen, mechanistischen
und kontextualistischen Argumenten. 41 3.) ‚Explanation by ideological implication’ – Erklärung durch ideologische Implikation: Die politische und ethische Dimensionierung der Geschichtsschreibung von Seiten des Historikers wird hier angesprochen, denn „jede historische Darstellung habe ideologische Implikationen, da die Gegenwart, sofern sie mit der Vergangenheit zusammenhänge, als an diese anknüpfend und in Analogie mit ihr dargestellt
werde.“ 42 Vier ideologische Positionen arbeitet White heraus: Anarchismus, Konservativismus, Radikalismus und Liberalismus. Dabei nimmt jede dieser Ideologien für sich in Anspruch, rational und wissenschaftlich, sowie realistisch zu sein.
38 Vgl. Lorenz, Chris, Konstruktion der Vergangenheit. Eine Einführung in die Geschichtstheorie (Beiträge zur Geschichtskultur 13), Köln/Weimar/Wien 1997, S. 127.
39 Vgl. White 1991b, S. 103.
40 Vgl. Lorenz 1997, S. 172. Ebenso: Unruh, Rainer, Traurige Tropen. Die Grenzen des poetischen Konstruktivismus - Anmerkungen zu Hayden Whites Theorie der Geschichtsschreibung, in: Hering, Rainer (Hrsg.), Lebendige Sozialgeschichte, Wiesbaden 2003, S. 121-143, hier: S. 124.
41 Vgl. Lorenz 1997, S. 173.
42 Ebd., S. 174.
9
Quote paper:
Erik Fischer, 2006, Angriff und Apologie - Die Geschichtswissenschaft im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Kunst: Mit Hayden White auf der Suche nach einem neuen Paradigma, Munich, GRIN Publishing GmbH
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