Nach der Auslösung des Panzeralarms dürfte es spätestens vom folgenden Montag an keinen Schulunterricht mehr in Brehna gegeben haben.
Vom Dachreiter (der „Laterne“) auf dem alten Rathaus, dem heutigen Bürgerhaus, waren in der weiteren Umgebung in südwestlicher, westlicher und nordwestlicher Richtung zahlreiche Brände zu sehen, also mussten dort Kampfhandlungen stattgefunden haben. An diesem Sonntag fuhren mehrere Brehnaer nach Niemberg, wo sich in der ehemaligen Malzfabrik ein Versorgungslager der deutschen Kriegsmarine voller Lebensmittel befand. Es wurde jedoch noch bewacht, die davor wartenden Menschen sollten abgeschreckt werden und wurden daher mit Feuerwehrschläuchen bespritzt. Die Bewacher schossen aber auch in die Menge. Eine etwa 30 bis 40 Jahre alte Frau wurde blutüberströmt vorbei getragen, sie war in den Hals getroffen worden. Noch am selben Tage konnten die Wartenden dann in das Lager und sich mit Reis und Zucker, aber auch mit Kaffeepresslingen und Kartons voller Dropsrollen (säuerliche Fruchtbonbons) versorgen. Während die Menschen am folgenden Tage wieder im und vor dem Lager waren, erschienen amerikanische Soldaten und besetzten die Anlage, die „Plünderer“ zogen ab.
Es handelte sich um die 104. US-Infantriedivision „Timberwolves“. Ihr 414. Regiment hatte sich am Montag, dem 16. April, nach der Besetzung von Halle in nördlicher, nordöstlicher und östlicher Richtung vorwärts bewegt, sein 1. Bataillon hatte Wallwitz, Seeben, das Gebiet um Könnern besetzt und war bis Dammendorf und Schwerz vorangekommen. Das 2. Bataillon hatte verschiedene Dörfer um Petersberg und diesen Ort selbst besetzt, eine große Funkstation in seine Hand gebracht und war bis Zörbig gelangt, seine Kompanie F an der rechten Flanke bis Rieda und Spören. Das 3. Bataillon nahm Oppin, Brachstedt und seine Kompanie I Niemberg ein, das also waren jene Soldaten, die das Lebensmittellager in der Malzfabrik besetzten. Patrouillen des 3. Bataillons waren auch bis Hohenthurm gelangt. Das Regiment hatte an diesem Tage 303 deutsche Soldaten gefangen genommen, zwei amerikanische GIs waren - durch Bordwaffenbeschuss eines US-Jagdflugzeugs, also durch Soldaten der eigenen Armee - getötet worden, drei wurden als verwundet und zwei als vermisst gemeldet.
An diesem 16. April 1945 wurde Bitterfeld zum ersten Mal im deutschen „Wehrmachtbericht“ erwähnt: „Wiederholte Angriffe auf Bitterfeld wurden abgewiesen.“ Am Dienstag, dem 17. April, setzte sich das 1. Bataillon der 104. US-Infanteriedivision „Timberwolves“ morgens um 6.00 Uhr von Dammendorf-Schwerz aus in Richtung Roitzsch in Bewegung, seine Kompanien A und C erreichten diesen Ort nach anderthalb Stunden. Auf dem Marsch hatten sie Beyersdorf und Glebitzsch passiert. Das 3. Bataillon rückte gleichzeitig von Hohenthurm aus auf der Straße Halle-Bitterfeld (heute B 100) bis nach Brehna vor und besetzte es mit seinen Ortsteilen Thiemendorf, Wiesewitz und Kitzendorf, wie das der Regimentsbericht ausdrücklich vermerkt. Dabei stießen die Amerikaner nicht auf Widerstand, sie legten diesen Marsch in einer Stunde zurück. In der Schulchronik steht: „Am 17. April (1945, es war ein Dienstag - A.F.) morgens rücken amerikanische Truppen in der Stadt ein. Kampfhandlungen gab es nicht.“ Am Ortseingang von Brehna, wo die heutige Goethestraße auf die B 100 mündet, und in der Halleschen Straße waren am Wochenende durch den Volkssturm Panzergräben vorbereitet worden, was unter Aufsicht einer SS-Fahnenjunkereinheit (Offiziersbewerber) geschehen war. Ein beteiligter Handwerksmeister hatte den Volkssturmkommandeur gefragt, ob er denn wolle, dass Brehna unmittelbar vor Kriegsende noch zerstört werden solle. „Das ist Wehrkraftzersetzung“, hatte der kommandierende SS-Offizier geschimpft, den „Zersetzer“ aber nicht weiter belangt. Nachdem die SS-Truppe Richtung Delitzsch abgezogen war, wurden die Panzergräben dann wieder zugeschippt. Die Schulchronik berichtet weiter: „In den folgenden Tagen ziehen amerikanische Truppen in Richtung Delitzsch durch Brehna. Am 8. Mai 1945 ist der Krieg zu Ende.“ Einwohner, die dort am Ortseingang wohnten, berichteten später, dass die Amerikaner die quer über die Straße verlaufenden Sandstreifensie hatten nicht wieder gepflastert werden können - sehr sorgfältig untersuchten, ehe ihre Panzer darüber hinweg fuhren. Im Lazarett Carlsfeld fanden sie 600 deutsche Verwundete. Von Brehna aus wurden amerikanische Abteilungen nach Serbitz und Gördenitz, also Pohritzsch vorgeschoben. Die „Chronik gesellschaftlicher Ereignisse 1945 im Kreis Bitterfeld“, herausgegeben von der SED-Kreisleitung 1983, enthält unrichtige Angaben, wenn sie schreibt, dass Mitte April „Einheiten der faschistischen Wehrmacht und des Volkssturmes ... in Brehna (u. a. Orten) einen sinnlosen Widerstand“ leisteten. „Dabei fielen 215 Soldaten; größte Verluste (habe es) im Raum ... Brehna - Heideloh - Sandersdorf - Bitterfeld“ mit 68 Gefallenen gegeben. Für Brehna stimmt das
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nicht, hier hat es - wie der amerikanische Regimentsbericht und die Brehnaer Schulchronik richtig angeben - keine Kampfhandlungen gegeben.
Das 2. Amerikanische Bataillon, das am Vortage bis Zörbig und Spören gelangt war und auf der linken Flanke des 414. US-Regiments stand, erhielt den Befehl auf Bitterfeld vorzugehen, seine 3. Gepanzerte Abteilung auf Greppin. Sie setzten sich um 1.30 Uhr in Marsch. Die Kompanie F auf der rechten Seite stieß bei dem Vormarsch durch Ramsien und Zscherndorf nur auf geringen Widerstand, während die Kompanien E und G beim Vorrücken auf Sandersdorf über flaches, ungeschütztes Gelände auf entschiedene Gegenwehr trafen. Kompanie E wurde aus dem Hinterhalt von deutschen Maschinengewehren beschossen, deren Soldaten durch amerikanische Handgranaten „ausgeschaltet wurden“. Danach gerieten die Kompanien E und G unter Feuer aus Flakgeschützen und von Panzerfäusten, von denen - so der amerikanische Bericht - die Deutschen „anscheinend unerschöpfliche Vorräte aus den nahegelegenen Fabriken“ hatten und diese auch für Steilfeuer über Gebäude hinweg einsetzten. Das ist allerdings mit Panterfäusten kaum vorstellbar. Bis 13.00 Uhr waren beide Kompanien tief nach Bitterfeld eingedrungen. Die Kämpfe konzentrierten sich um die Industrieanlagen. Aus einem Waldgebiet bei Heideloh erfolgte ein Angriff von mehreren deutschen Panzern mit Infanterieunterstützung, gegen den amerikanische Artillerie eingesetzt wurde. Einen weiteren deutschen Angriff gab es östlich von Sandersdorf, einen dritten um 17.45 Uhr durch drei Selbstfahrlafetten mit 50 Mann Infanterie aus östlicher Richtung und einen vierten, ebenfalls mit Selbstfahrlafetten und etwa 150 Infanteristen, aus Osten und Norden, wobei sich die deutschen Kräfte festsetzen konnten und Bitterfeld während der einsetzenden Dämmerung mit Artillerie beschossen. Dabei ging eine Granate nahe dem Kommandostab der amerikanischen Kompanie E nieder und tötete oder verwundete alle sechzehn deutschen Gefangenen, die auf ihren Abtransport aus der Frontlinie heraus nach hinten warteten. Die Amerikaner mussten Truppen Richtung Köckern entsenden und die Kämpfe um Sandersdorf neu organisieren, da der deutsche Widerstand nach wie vor anhielt. An diesem Tage hatten sie fünf Tote und elf Verwundete, die deutschen Todesopfer werden im Bericht nicht genannt; 283 deutsche Soldaten waren gefangen genommen worden. Am Mittwoch, dem 18. April, drangen deutsche Soldaten aus Osten, Süden und Südwesten erneut in Zscherndorf ein, wurden aber zurückgedrängt. Die Amerikaner besetzten Heideloh, von wo sich die Deutschen inzwischen zurückgezogen hatten. Die am Vortage nach Roitzsch gelangte US-Kompanie C rückte nach dem benachbarten Petersroda vor. Der Bericht meldet, dass deutsche Zivilisten und Kriegsgefangene dem 1. Bataillon in der Umgebung die Lage von vier deutschen Maschinengewehren zeigten, „und eine starke Patrouille der Kompanie C schaltete die Stellungen aus.“ Die amerikanischen Verluste dieses Tages werden mit fünf Toten, dreizehn Verwundeten und fünf Vermissten angegeben, das Regiment machte 133 Gefangene. Im deutschen Wehrmachtbericht dieses Tages steht: „Von der Saale-Mündung bis in den Raum beiderseits Bitterfeld hielt der starke Druck des Gegners an. In schweren Kämpfen konnte der Feind in Richtung auf die Elbe und auf Dessau Raum gewinnen, wurde jedoch beim Vordringen gegen die Mulde südlich Dessau in schwungvollen Gegenangriffen zurückgeworfen.“
Am 19. April gingen die vorbereitenden Kämpfe um Bitterfeld weiter. US-Jagdbomber griffen diesen Ort und Greppin an. Dabei traf eine Bombe ein Munitionsdepot, die Explosion wurde mehrere Kilometer im Umkreis verspürt, und eine Rauchwolke stieg über 1500 m hoch in den Himmel. Einen Toten, vier Verwundete und einen Vermissten zählten die Amerikaner; sie hatten 71 Deutsche gefangengenommen. Für diesen Tag steht im Wehrmachtbericht: „Im Kampfabschnitt Dessau-Bitterfeld blieb die Lage bei wechselvollen Kämpfen im wesentlichen unverändert.“ In der Nach des 20. April, gegen 1.30 Uhr, rückte das 2. US-Bataillon vor, um den Angriff auf Bitterfeld aus der Umgebung von Zscherndorf zu beginnen, während das 1. Bataillon von Süden her vorging. Vor Beginn des Angriffs wurde die Stadt mit Artillerie beschossen, was aber wegen des vorhandenen Gaswerks nur beschränkt durchführbar war „und wahlloses Feuer die angreifenden Truppen gefährdet hätte.“ Von Westen her griffen zwei amerikanische Kompanien mit Sturmgeschützen und Panzern an und drangen in das dort befindliche Bitterfelder Wohngebiet ein, ohne auf viel Widerstand zu stoßen. Zwei weitere Kompanien drangen ohne Gegenwehr in Holzweißig ein. Nach der Morgendämmerung nahm das Feuer der deutschen Seite zu, 88-mm-Sturmgeschütze kamen zum Einsatz. Bis zum Abend waren die Amerikaner in das Bitterfelder Industriegelände eingedrungen und hatten den Nordrand von Holzweißig erreicht. Am Nachmittag waren Paupitzsch und Niemegk besetzt worden, die US-Truppen waren aus der Goitzsche gekommen. Dabei hatte ein Deutsch sprechender amerikanischer Panzerleutnant über Lautsprecher 66 deutsche
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Dipl.-Lehrer Armin Feldmann, 2005, Das Ende des Zweiten Weltkriegs in Brehna und dem westlichen Kreis Bitterfeld, München, GRIN Verlag GmbH
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