1. Einleitung
Wenn man Steinmars Lied „ Ein Kneht, der lag verborgen“ als Tagesliedparodie analysieren und interpretieren will, so stellt man beim ersten Lesen des Textes nicht augenblicklich fest, daß es sich um eine Parodie handelt. Steinmar hat es geschafft an starker Anlehnung an die typischen Elemente des höfischen Tageliedes eine Parodie zu erschaffen. Er arbeitet in Form und Redewendungen oberflächlich weniger mit parodistischen Mittel, dennoch gelingt es ihm eine eindeutige zu schaffen.
Wie und mit welchen Mitteln Steinmar dies gelungen ist, dies gilt es in meiner Hausarbeit heraus zu arbeiten. Dazu werde ich auf die Merkmale der Gattung Tagelieder und ihrem Abkömmling, die Parodie, eingehen. Auch Meinungen anderer Autoren werden einfließen. Im meinem letzten Kapitel werde ich das Lied anhand der parodistischen Mittel interpretieren und aufzeigen, wo es sich vom Taglied unterscheidet.
Nach der Interpretation gilt es dann, die Frage zu beantworten, wie Steinmars Tageliedparodie zu bewerten ist. Dabei geht es mir darum zu zeigen, daß die Parodie zwar eine Art des „Gegengesangs“ zum Tagelied darstellt, durchaus aber auch eine positive Erweiterung deren Gattung sein kann. Steinmars Lied ist gerade für diese Aussage eine sehr anschauliches Beispiel, wie aber im Verlauf dieser Arbeit noch ersichtlich wird. In meinem Schlußwort möchte ich erklären, warum diese gegensätzlichen Bereiche, Tagelied und Tageliedparodie, sich einander ergänzen.
2. Analyse und Textdeutung 2.1 Zur Geschichte des Tageliedes
Möchte man Steinmars Tageliedparodie interpretieren, so ist es sinnvoll vorweg kurz die Entstehung dieser Gattung zu klären. Rein von der Form her ist Steinmars Werk nicht direkt als Tagelied erkennbar und könnte vorschnell mit dem Minnelied verwechselt werden.
Beim Tagelied handelt es sich um eine besondere Art des Minnesangs. Der Minnesang im herkömmlichen Sinne entstand auf der Grundlage einer veredelten Kunst, die eine Vielfalt an musikalischen und rhetorischen Mitteln beinhaltet, aber im Prinzip immer das eine Thema hat: die Liebe zu einer Frau. Diese Frau wird von dem Liebenden durch seinen Gesang verehrt. Dabei ist die Geschichte immer wieder anders, d. h. die Rahmenbedingungen, das Personal und der Ort variieren. Des weiteren ist der Minnesang eine Kunst, die nicht für jedes Publikum gedacht ist, sondern nur für ein kleines, fachkundiges , was in der Regel den Adel betraf. Der Minnesang ist ein hochartifizielles literarisches und musikalisches Produkt. Es wurde von Könnern für die Adelsgesellschaft geschaffen wurde, wobei die historische Wirklichkeit meist anders aussah, als die Lyrik den heutigen Hörer vermuten läßt.
Genau diese Voraussetzungen treffen bei der Untergattung, dem Tagelied zu, jedoch wird gegen einige Regeln des „Hohen Minnesang“ verstoßen.
Die Ausgangslage, die heimliche und gegen die Konventionen der Gesellschaft verstoßende Liebe zweier Menschen, die Personen, die Dame, zumeist verheiratet, sind gleich denen des Minnesangs, jedoch wird diese typische Situation im Moment der erotischen Darstellung durchbrochen. Hier wird die Künstlichkeit und Kunstfertigkeit des „Hohen Minnesangs“ zerstört und macht gerade das Tagelied für ein sozial breiter gefächertes Publikum interessant.
Mit dem Tagelied wird nicht mehr nur der elitäre Adels- und Kunstkennerkreis angesprochen, wie es der hohen Minne vorbehalten war.
Dadurch, daß nun die Kunst des Minnesangs in dieser speziellen Gattungsform immer weitere Kreise zog, blieb es nicht aus, daß auch in dieser Untergattung neben den erwünschten Tageliedern auch wieder neue Produktionen entstanden. Damit entstand auch
die „Parodie“. Es scheint dabei aufgrund genauer Untersuchungen erwiesen zu sein, daß die Parodie im Minnesang zum Ende des 12. Jahrhunderts und beginnenden 13. Jahrhunderts das Mittel zum Zweck war, um polemische Auseinandersetzungen und komische Effekte zu erzielen. 1
2.2 Die Parodie
Der Begriff „Parodie“ ist nur schwer genau zu bestimmen, denn: „So selbstverständlich das Wort Parodie verwendet wird, so wenig ist der Begriff im Sinnbereich zwischen Nachahmung und Satire geklärt“. 2
Traditionelle Merkmale, die die bisherige Definition wiedergeben, sind zum einen die formale Nachahmung des Originals, was ich zu Beginn schon über Steinmars Werk „Ein Kneht, der lag verborgen“ äußerte, und was aufgrund der rein äußerlichen Form zunächst zu wenig eindeutige Kriterien für die Gattung hergibt. Zum anderen sind es die verzerrende Darstellung der Geschichte, und als Folge tritt eine komische Wirkung ein. Die Dramatik des „Hohen Minnesangs“ ist der Komik der Tageliedparodie gewichen. Auch Erwin Rotermund 3 versteht die Parodie als ein literarisches Werk, „ das von einem anderen Werk beliebiger Gattung formalstilistische Elemente, vielfach auch den Gegenstand übernimmt, das Entlehnte aber teilweise so verändert, daß eine Disharmonie zwischen den verschiedenen Schichten der Nachahmung entsteht.“ 4
Es wäre ein Fehler, die Parodie auf diese althergebrachten Merkmale bzw. Definitionen zu reduzieren, da sie unbedingt durch die Frage nach der Technik der Parodierung ergänzt werden müssen. Dazu zählen auch die literarisch- handwerklichen Mittel. Dazu zählen, so Rotermund weiter: „Veränderung des wirklichen oder fiktiven Originals (...) durch Übertreibung, Verzerrung (Karikatur), Unterschiebung , Hinzufügung oder
Auslassung.“ 5 Diese Technik und deren Mittel sollen im nachfolgenden Kapitel anhand Steinmars Dreistropher „Ein kneht, der lag verborgen“ aufgezeigt werden. Gerade dieses Werk bietet ein schönes Beispiel für eine Tageliedparodie. Steinmar weicht in diesem Werk formal kaum vom höfischen Tagelied ab, auch inhaltlich ist es zunächst für das Publikum nicht offensichtlich, ob es sich um eine Parodie handelt. Woran man jedoch die Parodie erkennt, geht besonders bei der Interpretation hervor. Dazu komme ich aber erst im Kapitel 3 dieser Arbeit.
Die Tageliedparodie Steinmars fängt mit den traditionellen Motiven des Minnesangs an. Es wird der beginnende Tag nach einer Liebesnacht dargestellt. Der Weckruf eines Hirten beendet jäh das verbotene Glück der Liebenden und der eilige Abschied der beiden steht bevor. Der Knecht versäumt es nicht, seine Liebste noch einmal zu umarmen. In den ersten beiden Strophen ist zunächst die typische Tageliedsituation geschildert. Jedoch ist das Motiv der Trauer und des schweren Abschiedschmerzes, als der Abschied naht, nicht zu erkennen und wird von Steinmar in ein „erlachen“( Strophe 3, Zeile1) umgewandelt. Die Geliebte weint hier nicht Tränen der Trauer, sondern zeigt durch ihre Freude und ihr Lachen, daß sie das „bettespil“( Strophe 3, Zeile 5) genossen hat. Diese Umwandlung der Gefühlssituation schafft Steinmar durch eine Änderung des Personals. Im Tagelied ist üblicherweise von der „frouwe“, dem „riter“ und dem „wahtaer“ die Rede. Bei Steinmar sind es nun die „dirne“, der „kneht“ und der „hirte“. Wobei auch das Publikum noch ein Tagelied erwarten konnte, solange der „hirte“ nicht erwähnt wurde. Während nämlich beim „kneht“ nicht eindeutig ist, welcher sozialen Schicht er angehört ebenso wie die „dirne“. Ein „kneht“ kann sowohl ein Ritter als auch ein Bauernknecht sein und die „dirne“ ein Mädchen oder aber eine Bauernmagd. Der „hirte“ hingegen verrät das soziale Milieu des Personals. Dem „hirten“ kommt nämlich keine zweite Bedeutung bei. Er ist eindeutig eine Person der bäuerlich - dörflichen Schicht.
Arbeit zitieren:
1998, Interpretation und Analyse von Steinmars Tageliedparodie: Ein Kneht, der lag verborgen, München, GRIN Verlag GmbH
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