Gliederung
Gliederung. 2
1 Einleitung 3
2 Historische Einordnung. 4
3 Vergleich der Aussagen beider Sekundärliteraten 5
3.1 Arnolf Niethammer 5
3.2 Alfred. K. Treml. 17
4 Zusammenfassung und Fazit. 24
5 Literaturverzeichnis. 28
2
1 Einleitung
In der folgenden Arbeit strebe ich eine historische Einordnung, einen Vergleich sowie eine Zusammenfassung und persönliche Bewertung der konträren, inhaltlichen Aussagen anschließender Sekundärliteraten an. Gegenstand der Analyse soll Kants Vorlesung „Über Pädagogik“ sein.
Arnolf Niethammer, mittlerweile emeritiert, unterrichtete im Lehrgebiet Allgemeine Pädagogik an der Universität in Münster. Hinsichtlich der vorgestellten Themenstellung konnte nur eine seiner Publikationen, namentlich „Kants Vorlesung über Pädagogik: Freiheit und Notwendigkeit in Erziehung und Entwicklung“ 1 , zum Vergleich herangezogen werden. Alfred K. Treml lehrt Allgemeine Pädagogik an der Universität der Bundeswehr in Hamburg. Aufgrund der Vielfältigkeit an Publikationen seinerseits werde ich primär sein Buch „Klassiker: Die Evolution einflussreicher Semantik“ 2 , zur Analyse nutzen. Die Hauptthesen beider Sekundärliteraten lassen sich wie folgt formulieren: A. K. Treml analysiert primär, ob eine evolutionstheoretische Reformulierung der kantischen Ethik möglich und zukunftsbeständig zu interpretieren sei. Dabei untersucht er in weiteren Publikationen, welchen Stellenwert die Pädagogik in Kants Gedankenwelt hierbei einnimmt. A. Niethammers Thesen sind wesentlich weiter und weniger zentriert formuliert, im Vergleich zu denen des Hamburger Professors. Originär artikuliert Niethammer, den empirisch pädagogischen Anteil in Kants Sittenlehre begründen und in Zusammenhang zu seinen vermittelten Erziehungsstufen stellen zu wollen.
Die Themenstellung und Sekundärliteratur wurde aufgrund ihrer aktuellen und auch in Zukunft fortbestehenden Bedeutung für die unterrichtende Pädagogik gewählt. Viele Interpreten und ihre Versuche der Verdolmetschung von Kants ursprünglicher, durch Rink 1803 herausgegebenen, Literatur eröffnen auch heute noch immer neue und bisher unbekannte philosophische Ansätze.
1 Niethammer, A.: Kants Vorlesung über Pädagogik. Freiheit und Notwendigkeit in Erziehung und Entwicklung,
Frankfurt am Main 1980, (Europäische Hochschulschriften; Reihe XI).
2 Treml. A. K.: Klassiker. Die Evolution einflussreicher Semantik. Band 2: Einzelstudien, Sankt Augustin 1999.
3
2 Historische Einordnung
Immanuel Kant wurde am 22. April 1724 in Königsberg geboren. Zwischen 1740 und 1746 studierte er an der dortigen Universität Mathematik, Physik, Naturwissenschaften und Philosophie und habilitierte ebendort schließlich 1755 im Fach Philosophie. Danach, zunächst als Privatdozent an der dortigen Universität lehrend, wechselte Kant von 1766 bis 1772 zur königlichen Schlossbibliothek in der Tätigkeit als Unterbibliothekar, seiner ersten wirklich festen Anstellung. Eng verbunden mit den Wurzeln seiner kognitiven Aduleszenswerdung folgte er 1770 schließlich dem Ruf einer Professur für Logik und Metaphysik der Universität zu Königsberg. In den Jahren 1786 und 1788 wurde er zum Rektor der genannten Einrichtung designiert. Nach Publizierung seiner Schrift „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ im Jahre 1793 verhängte der preußische König Friedrich Wilhelm II. über ihn ein Lehr- und Publikationsverbot, was allerdings nur hinsichtlich religiöser Themen Geltung hatte. Dennoch war diese Einschränkung für Kant bis zum Tod des Königs 1797 absolut bindend. Er selbst beendete seine Lehrtätigkeit 1796 und starb am 12. Februar 1804 in Königsberg. 3
Kant zählt zu den bedeutendsten Denkern der Aufklärung in Deutschland, analog freilich zu den prägnantesten Denkern der Neuzeit - kurzum: einer der größten Philosophen mit einem unüberschaubaren Maß an Einfußnahme über die gesamte ihm nachfolgende Philosophiegeschichte hinweg. Zeitnahe Schriftsteller und Künstler wie Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller und Heinrich von Kleist aber auch Dichter und Denker der Romantik beschäftigten sich zuhauf mit seinen Werken. Seine zahlreichen Dissertationen, beispielhaft „Die ersten Grundsätze der methaphysichen Erkenntnis“, erschienen 1755, und „Formen und Gründe der Sinnes- und Verstandeswelt“, veröffentlicht 1770, verhalfen Kant bereits als Privatdozent zu dem erstklassigen Ruf eines brillanten Philosophen. Darüber hinaus zog er gerade in seiner späteren Funktion als Rektor pilgerscharenähnliche Studentenmassen an die Universität in Königsberg.
Während seiner Lehrtätigkeit lebte Kant überaus abstinent. Sein Hang zu apodiktischer Fleißarbeit, absoluter Pünktlichkeit und sein Junggesellendasein beschreiben ihn ebenso gut,
3 Vgl. Treml: Klassiker, S. 98.
4
wie die berühmten, zu Ehren seiner Philosophiefreunde abgehaltenen Essen, bei denen über alles gesprochen werden durfte, außer Philosophie.
Sein Hauptwerk „Kritik der reinen Vernunft“, welches er im Jahre 1781 publizierte, stellt die Perfektibilität seiner gesamten Denkansätze dar. Beeinflusst von den Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz, Jean-Jacques Rousseau sowie dem Theologen Martin Luther und sich kritisch differenzierend mit anderen wie John Locke, David Hume, René Descartes oder Johann Friedrich Herbart auseinandersetzend, schuf Kant eine philosophiegeschichtliche Wirkung, die auch heute kaum überschätzt werden kann.
3 Vergleich der Aussagen beider Sekundärliteraten
3.1 Arnolf Niethammer
Alfred Niethammer beschäftigt sich zu Anfang seines Werkes mit der Frage, in welcher Weise Immanuel Kants Vorlesung über Pädagogik der vorkritischen oder kritischen Periode der Aufklärung zugeschrieben werden kann. Seiner Ansicht nach lassen sich die kantischen Interpreten in drei gedankliche Lager einordnen. 4
Faktum ist, dass Kants Buch über Pädagogik nur Auszüge, Bemerkungen und Notizen hinsichtlich seiner abgehaltenen Pädagogik - Seminare beinhaltet, die zu einem großen Anteil der Interpretation seines Herausgebers Friedrich Rink und natürlich deren Deutung durch andere Leser obliegt. Niethammer sieht hauptsächlich hier die Widersprüchlichkeit einer empirischen und rationalistischen Zuordnung von Kants Vorlesung über Pädagogik begründet. Weiterhin gewinnen die dort aufgeführten Fachtermini und Deutungen nur im Zusammenhang mit verschiedenen anderen seiner Werke wirklich Sinn. Seine Vorlesung darf deshalb nicht unter eigenständigen Gesichtspunkten betrachtet werden. Hier beschäftigt sich der ehemals an der Universität in Münster lehrende Professor mit der These, ob Fremderziehung in Kants Gedankenwelt überhaupt möglich ist. Dabei bezieht er sich wieder auf Herbart, der der Philosophie des gebürtigen Königsbergers eine lediglich idealistische aber keine realistische Sichtweise von Pädagogik vorwirft. 5 „Nach Kant ist die
4 Einerseits existieren Interpreten, die seine anthropologischen Ansätze, geprägt von Rousseau, einer komplett
empirischen Pädagogik zuordnen, die in einem krassen Widerspruch zu seiner Transzendentalphilosophie steht.
Anderseits bestehen interpretatorische Meinungen wie die des Philosophen und Pädagogen Johann Friedrich
Herbart, die I. Kant den Vorwurf einer zur empiristikfremden Transzendentalphilosophie und des schlichten
Vergessenes einer empirischen Pädagogik machen. Weiterhin existieren Vertreter beider Ansichten, die hier eine
Synthese in Kants Ansichten zu sehen vermögen.
5 Vgl. Niethammer: Kants Vorlesung, S. 84.
5
Erziehung ausschließlich als Selbsterziehung zu verstehen (…).“ 6 Wie ist demnach also Fremderziehung bei einer Trennung im kantschen Sinne in ein empirisches und intelligibles Subjekt überhaupt möglich?
Moralisches Handeln findet der Mensch nicht in seinen natürlichen Anlagen vor, sondern es obliegt einzig und allein den freien Operationen seines intelligiblen Ichs. Erziehung muss aber, so J. F. Herbarts Verständnis, an etwas Natürlichem des Menschen anknüpfen können, um wirksam zu werden. Folglich gerät Kant gerade hier mit seiner Vorstellung einer sittlichen „Erziehung“ in starken Konflikt mit seiner Philosophie. Nach hinreichender Analyse der oben geschilderten Vermutungen kommt Niethammer zu dem Schluss, dass Erziehung nach I. Kant immer beides zugleich, nämlich Fremd- und Selbsterziehung, ist. Der Königsberger Universitätsprofessor wehrt sich gegen eine empirische Pädagogik, die besessen von einem „Umformungsgedanken“ ist. Die empirische Fremderziehung folgt „(…) gewissen Naturkausalitäten in den erzieherischen Abläufen (…)“ 7 und unterliegt daher pädagogischen Beschränkungen, die ihre Grenzen beim intelligiblen Subjekt erreichen. Dieses ist nur durch Selbsterziehung und eigene „Gesetzgebung“ im Stande, den letzten Zweck von Erziehung, die Moralerziehung, von „innen heraus“ herzustellen.
Nach Kant kennt die Erziehung, die nach Wichtigkeit geordneten Schritte der Disziplinierung, Kultivierung, Zivilisierung und der Moralisierung. Moralisierung ist deshalb die höchste Stufe, da sich das intelligible Subjekt, wie im obigen Absatz bereits erwähnt, die Gesetze seines Handelns selbst auferlegt und damit unabhängig von Fremderziehung wird. 8
Dabei stellt Niethammer Kants „Kategorischen Imperativ“ dem kontrovers hypothetischen Imperativ von J. J. Rousseau gegenüber. 9 Letztgenannter stützt das Sittengesetz menschlichen Handelns auf die Selbstliebe, das Einfühlungsvermögen in andere und damit einhergehender „natürlicher“ Gerechtigkeit. Immanuel Kant lehnt diesbezüglich
6 A. a. O., S. 85.
7 A. a. O., S. 93.
8 Diese eigenen Gesetze sind stark dem inneren Gewissen untergeordnet und kommen in differenzierter Form
des „Kategorischen Imperativ“ zum Ausdruck.
9 Vgl. a. a. O., S. 98.
6
Selbstliebe als Antrieb sittlichen Handelns ab und bezieht sich auf den, bereits schon weiter oben erwähnten Begriff der Pflicht. 10
Folglich stellt Niethammer fest, dass weder der Theologe Luther noch der Philosoph Kant im „Naturgesetz“ die Begründung für die Freiwilligkeit menschlichen Handelns sehen. Daher ist bei ihnen auch die Natur, anders als bei J. J. Rousseau, nicht zur Begründung der Moralität geeignet.
Im Folgenden versucht Niethammer, den Begriff der Moralität näher zu definieren. Ein moralisches Handeln ist ein solches, was noch von Ehre und Ansehen geprägt ist, da hier Egoismus und nicht Freiwilligkeit die auslösende Kraft darstellen würde. Weiterhin spielt das Prinzip klassischer Belohnung und Strafe in der kindlichen Erziehung eine wichtige Rolle, da sie das Kind dazu verleiten, später als Erwachsener genau aus diesen Gründen und nicht entsprechend auf Basis von Freiwilligkeit zu handeln. Genau dieses Prinzip lässt sich auch auf die jenseitige Belohnung oder Strafe übertragen. Daran angelehnt treiben äußere Umstände den Menschen zu positiven oder negativen Handlungen und nur derjenige, dessen Antrieb konträr dazu die innere Freiwilligkeit darstellt, handelt auch wirklich moralisch. 11 Am Beispiel des Mitleids und der Gewohnheit ist dies ebenfalls zu erkennen, da die Handlungen auf Basis der Natur und nicht der Freiwilligkeit stattfinden. Der Antrieb muss hier der „freie Gehorsam“ und damit die Vernunft gegenüber dem moralethischen Anspruch sein, da wir ohne Vernunft zu keinem Bewusstsein und somit zu keiner moralisch guten und freien Handlungsweise kommen.
Hieraus stellt Niethammer deduzierend fest, dass es auf die innere Gesinnung, quasi den „guten Willen“ des Menschen, und nicht auf seine empirisch getätigten Werke ankommt, ob ein Mensch gut oder böse ist. Folglich können auch nur „positive“ und „negative“ Werke aus einer rechtschaffenen oder bösen inneren Gesinnung herrühren und nicht umgekehrt. Erziehung wird hierbei die Aufgabe zu Teil, Menschen „hervor- zubringen, die der inneren Gesinnung nach als gut zu bezeichnen, kurz: die moralisch zu nennen sind.“ 12
10 I. Kant steht diesbezüglich M. Luther wesentlich näher als Jean-Jacques Rousseau, da Luther Selbstliebe aus
egoistischen Gründen ablehnt und an ihre Stelle die Nächstenliebe aufgrund ihres hohen altruistischen
Charakters setzt.
11 Vgl. a. a. O., S. 102.
12 A. a. O., S. 104.
7
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Thomas Grimme, 2006, Kants Werke - Band XI: "Über Pädagogik" - Ein Vergleich anhand ausgewählter Sekundärliteratur, München, GRIN Verlag GmbH
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