St.L.Nr. 300/44
Frau Edith S t o f f r e g e n W i t t e n b e r g e Hohenzollernstrasse 19
Das gegen den Leutnant d.R. Otto Stoffregen wegen der von ihm begangenen Straftat am 11.9.1944 vom Kriegsgericht auf Todesstrafe erkannte Urteil ist durch Bestätigung durch den zuständigen Gerichtsherrn am 10.11.1944, 06.40 Uhr, vollstreckt worden. Die Bestattung erfolgte auf dem Friedhof in Schröttersburg. Todesanzeigen oder Nachrufe in Zeitungen, Zeitschriften u.dgl. sind verboten.
Nachrichtlich:
Die Feldpostnummer 16840 bezieht sich auf die 5. Jägerdivision, deren Gericht das Urteil sprach. 2 Die Erwartung, vom Bundesarchiv - Militärarchiv eine Kopie der Kriegsgerichtsverhandlung gegen Otto Stoffregen mit der Begründung des Todesurteils erlangen zu können, erfüllte sich nicht. Die Auskunft dazu lautete, „dass in den hier verwahrten wehrmachtgerichtlichen Unterlagen KEINE eigenständige Verfahrensakte zu Otto Stoffregen, sondern lediglich eine Strafverfahrensliste, in der Erwähnung findet.“ [Hier fehlt entweder „er“ oder „das Todesurteil“ - A.F.] Folgende Informationen konnten zu Otto Stoffregen ermittelt werden: Stoffregen, Otto Geb.: 12. Juni 1922 Leutnant der Reserve II./A.R. [Artillerieregiment] 47 Nov. 1944 Todesurteil wegen fortgesetzter Feigheit vollstreckt am 10.11.1944
Weitere Informationen sind in den wehrmachtsgerichtlichen Unterlagen ... nicht zu erwarten.“ 3 Nur „eine Kopie aus der Karteikartensammlung der Kriegsreserve-Offiziere, welche bestätigt, dass Herr Klaus Otto Jürgen Stoffregen zum Tode verurteilt wurde und am 10.11.1944 hingerichtet wurde“, 4 konnte vom gleichen Bundesarchiv - Militärarchiv zur Verfügung gestellt werden (13.04.2006). Sie stammt vom Wehrbezirkskommando Perleberg und enthält Namen, Vornamen, Geburtsdatum, Truppenteil, Dienstgrad, Rangdienstalter und Datum der Aufnahme in das Offizierskorps sowie den Bleistiftvermerk „Nicht befördern!“. Dazu ist diese Karteikarte im DIN-A 6-Format ebenfalls mit Bleistift diagonal von links unten nach rechts oben durchgestrichen, über dem Strich steht „Am 10.11.44 verstorben“. Verstorben, nicht erschossen oder hingerichtet, vermerkte der Mitarbeiter im „W. Bez. Kdo. Perleberg“!
Der Beisetzungsort hatte seinen Namen 1941 erhalten, die polnische Kreisstadt Płock wurde in Schröttersburg umbenannt, nachdem der Landkreis gleichen Namens im Oktober 1939 von Deutschland annektiert, der preußischen Provinz Ostpreußen und dem neu gebildeten Regierungsbezirk Zichenau (polnisch bis dahin Ciechanow) angegliedert worden war. Er liegt an der Weichsel etwa in der Mitte zwischen Thorn (Toruń) und Warschau. Schröttersburg war nach dem preußischen Minister Friedrich Leopold Reichsfreiherr von Schrötter (1743-1815) benannt, der zu den preußischen Reformern um den Freiherrn vom und zum Stein gehörte; der Ort hatte bereits von 1793 („Zweite Polnische Teilung“) bis 1806 zum Königreich Preußen gehört. Ein evangelischer Pfarrer hatte Klaus-Otto Stoffregen in der Zeit zwischen der Verurteilung und der Hinrichtung begleitet. Er hatte Post von Frau Stoffregen erhalten und antwortete darauf mit einem handschriftlichen Brief des folgenden Inhalts [Unterstreichungen im Original - A.F.]:
2 Information des Bundesarchivs - Militärarchivs Freiburg vom 09.12.2005.
3 Information vom 11.05.2006.
4 Information vom 13.04.2006.
2
“Kriegpfarrer Willy Biesold 13. Jan. 45. Feldpost-Nr. 27 309
Hochverehrte Frau!
Haben Sie für Ihren so lieben Br. vom 10. Jan. herzlich Dank! Ich will Ihnen nur gleich sagen, daß Klaus seinen Brief schon geschrieben hatte. Er hatte ganz nüchtern mit diesem Ausgang seiner Affäre gerechnet. Vorher hatte er es ver..., mich als Seelsorger im Gespräch zu erkennen. Ich komme ja regelmäßig ins Haus - . Desto froher war ich, daß er die Frage des Oberfeldrichters, ob er für die letzten Stunden einen Beistand erbitte, glatt bejahte. Er hat seine Entscheidung nicht bereut, sondern mich immer wieder seiner Dankbarkeit versichert. Klaus hatte einen Gottesglauben, der stark vom Idealismus und von der Jugendbewegung geprägt war. Er hatte in diesen Fragen keine Phrasen. Daher bin ich ihm taktvoll entgegengekommen, - so haben wir uns gut verstanden. Über Klaus‘ Lippen ist kein böses Wort gekommen. Obwohl er wußte, daß der Führer den Gnadenerweis abgelehnt hatte, beugte er sich gehorsamst unter diese Entscheidung ... Klaus hat das innere „Muß“, eine einmal nun begangene Feigheitstat zu sühnen, voll eingesehen. Er ging ohne Bitternis aus der Welt. Sein letzter Gedanke sind Sie gewesen. Nun, vielleicht kann ich Ihnen später mal berichten. [Es folgt seine Anschrift]. -Indem ich Ihnen Gottes Hilfe und Kraft erbitte,
1950 verfasste derselbe bei der Erschießung anwesende Pfarrer Biesold eine „Bestätigung“, deren vorliegende Kopie nicht adressiert ist, so dass ihre Zuordnung Schwierigkeiten bereitet. Es könnte sich
- dem vierten Absatz zufolge - um eine Stellungnahme für einen eventuellen Kriegsrentenantrag der Mutter gehandelt haben (sie ist im Dezember 1954 im Krankenhaus Perleberger Straße verstorben). Die Bestätigung lautet wie folgt (und wird in der originalen Form widergegeben):
„Richard Willy Biesold Limmersdorf, den 30. Oktober 1950. Pfarrer Mitglied des S.D.S. Limmersdorf / Post Thurnau Ofr.
BESTÄTIGUNG
Ich bestätige hiermit, daß der Leutnant
auf Befehl Hitlers durch die Wehrmacht erschossen wurde. Ich
war bei seiner Hinrichtung, die entweder im Dez.44 oder im
Januar 45 gewesen sein muß, als sein Seelsorger persönlich
anwesend und habe ihn anschließend beerdigt.
Nach meiner festen Überzeugung ist Klaus Stoffregen völlig unschuldig gewesen. Er mußte für seinen feigen Kommandeur den Sündenbock machen. Die Gnadengesuche für ihn verwarf Hitler persönlich und ordnete in seinem damaligen Blutrausch
5 Erhalten von einem Alt-Wittenberger aus dem Nachlass der Frau Stoffregen.
3
die Erschießung Stoffregens persönlich an. Stoffregen ist ein einwandfreies Opfer des hitlerschen Cäsarenwahnsinns.
Klaus Stoffregen war m.Ws. der einzige Sohn seiner Mutter, der Frau Edith Stoffregen in Wittenberge/P. - Ich für meinen Teil hätte keinen größeren Wunsch als den, zu wissen, daß eine gerechtere Zeit als die von damals der armen Mutter Gerechtigkeit widerfahren lasse und ihr unter die Arme greift.
Mein kath. Kollege, Herr Josef Stehböck in Münschen=Sendling, Meindlerstr.5, wird meine Angaben belegen können.
Ich selbst bin politisch Verfolgter seit 1935, bei der Wehrmacht wegen meines Eintretens für unterdrückte Soldaten 1942 strafversetzt und 1944/45 noch wiederholt wegen meiner Gnadengesuche für zum Tode Verurteilte verwarnt worden.
In der Ansprache anlässlich des Klassentreffens zum 50. Jahrestag ihres Abiturs im Mai 1990 in Bad Schwartau charakterisierte ein Mitschüler den Erschossenen so: „Und ich denke an Klaus-Otto Stoffregen, einen der Intelligentesten und Klassenbesten von uns, den wohl das schlimmste Kriegsschicksal traf, das sich denken läßt, wurde er doch - kurz vor der Kapitulation noch, bei Posenwegen sog. ‚Feigheit vor dem Feind‘ hingerichtet. Was mag da vorgefallen sein? Keiner von uns, der nicht in Stoffregens Situation stand, kann das beurteilen und mag da richten wollen. ... Und als ich jüngst Bertold Brechts nachgelassenes Gedicht ‚Lied der Mutter über den Heldentod des Feiglings Wessowtschikow‘ las, da standen mir ganz deutlich unser Klassenkamerad und seine Mutter vor Augen: denn in diesem Gedicht wird ein sog. ‚Feigling‘ an seiner Hinrichtungsstätte unverhofft noch zum Märtyrer, ja zum ‚Helden‘ (wie Brecht sagt), weil und indem er sich innerlich abtötet vor seinem Tod.“ 7
Nun, nach dem Brief des Pfarrers hatte sich Stoffregen nicht innerlich abgetötet. Und dass er die Notwendigkeit der „Sühne“ seiner „Feigheitstat“ voll eingesehen hat, ist doch wohl zu bezweifeln. Eine andere ehemalige Wittenbergerin beurteilte ihn im Dezember 2005 so: „Dass er Offizier war, kann ich mir nicht vorstellen. Er war ein ganz weicher Typ, hat nie mit den anderen Jungen auf den Baustellen in der Straße herumgetobt. [Vermutlich bezieht sich das auf das Wohnen in der Krausestraße, wo die Betreffende selbst wohnte - A.F.] Sicher hat er auch Angst gehabt. Es fehlte ihm wohl auch ein männliches Vorbild.“ 8 Damit bezog sie sich auf den früh verstorbenen Vater. Und ein weiterer Wittenberger, Abitur ein Jahr nach Stoffregen, kommentierte das Kriegsgerichtsurteil „wegen Feigheit vor dem Feind“, von dem er auf einem Fronturlaub erfuhr, mit den Worten: „Das passt zu ihm!“ 9 So war Stoffregen anscheinend in eine Rolle als Offizier und damit Vorgesetzter und Kommandeur geraten, der er seiner Persönlichkeit nach nicht entsprechen konnte. Das zweite Todesurteil gehört in das erste Jahr des DDR-Bestehens.
„Erschossen in Moskau ...“ ist der Titel eines im Oktober 2005 erschienenen Buches 10 , in dem über das Schicksal von fast 1.000 Deutschen informiert wird. Sie wurden zwischen 1950 und 1953
6 Wie Fußnote 5.
7 Maschinen-Manuskript.
8 Briefliche Auskunft.
9 Wie FN 8.
10 „Erschossen in Moskau ...“. Die deutschen Opfer des Stalinismus auf dem Moskauer Friedhof Donskoje 1950-1953. Herausgegeben von Arsenij Roginskij, Jörg Rudolph, Frank Drauschke und Anne Kaminsky im Auftrag von Memorial Moskau, Facts and Files - Historisches Forschungsinstitut Berlin und der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Metropol-Verlag Berlin 2005.
4
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Dipl.-Lehrer Armin Feldmann, 2006, Todesurteile gegen Abiturienten aus Wittenberge, München, GRIN Verlag GmbH
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