Hauptseminar Literaturwissenschaft: Jüdisch-deutsche Nachkriegsliteratur Sommersemester 2000 Seminar für Deutsche Philologie der Georg-August-Universität Göttingen
:$6/b70(16&+(16&+8/',*:(5'(1"
‚Täterprofile‘ in Erich Hackls Erzählung $EVFKLHGYRQ6LGRQLH und Jurek Beckers Roman %URQVWHLQV.LQGHU
Inhaltsverzeichnis
, (LQOHLWXQJ
1
,, EVFKLHGYRQ6LGRQLH 2
1. Perversität des Weltbildes, in das Sidonie nicht paßt 2
2. Bestialität des Anstandes 4
3. „Siehst du, jetzt bin ich auch weiß“ -
Sidonies Strategie der Anpassung 6
,,, URQVWHLQV.LQGHU
1. Assimilationsversuch 7
2. Vom Opfer zum Täter 9
,9 XVDPPHQIDVVXQJ
11
9 /LWHUDWXUYHU HLFKQLV
13
I. Einleitung
$EVFKLHGYRQ6LGRQLH und %URQVWHLQV.LQGHU sind Bücher, die auf den ersten Blick gesehen,
keinen Vergleichsansatz bieten. Allein der Zeitunterschied zwischen dem Erzählten läßt zunächst vermuten, daß die Inhalte nicht viele Ähnlichkeiten aufweisen. Hackls Werk handelt von einem Mädchen, das durch den in Deutschland herrschenden Rassismus und dessen Auswirkungen auf die Menschen ums Leben gekommen ist. Sidonie ist das Opfer, das sich nicht wehren kann und deshalb sterben muß. Die Täter sind ‚ganz normale Menschen‘, deren Opportunismus und Feigheit sie schuldig werden läßt.
In Jurek Beckers Roman ist es Arno Bronstein, ein anerkanntes Opfer des Faschismus, das zum Mittel der Selbstjustiz greift, um sich von den Ereignissen der Vergangenheit zu befreien. Er scheitert jedoch an diesem Versuch und stirbt. Indem Arno Bronstein selbst Gewalt ausübt, wird er vom Opfer zum Täter.
In den Büchern werden also zwei unterschiedliche ‚Täterprofile‘ gezeichnet. Ziel dieser Arbeit ist es, Gründe aufzuzeigen, warum einige handelnde Personen zum Täter und damit schuldig geworden sind. Ich gehe von der These aus, daß die Schuldigen in $EVFKLHG YRQ 6LGRQLH eine gewisse ‚Wahl‘ gehabt haben. Der Einsatz von Zivilcourage und gesundem
Menschenverstand hätte Sidonie eine Überlebenschance gegeben.
Arno Bronstein wird schuldig, weil er unter einem gewissen Zwang handelt. Seine Psyche hat die Zeit im Lager nicht verarbeitet, so daß ihm ein normales Leben unmöglich ist. Sein Weg der Vergangenheitsbewältigung wäre nicht der Assimilations-versuch, der am Ende zur Katastrophe führt, sondern eine psychologische Betreuung, die auch auf eine verbesserte Beziehung zu seinem Sohn Hans gezielt hätte, gewesen. Doch auch Jahre nach dem Holocaust „verwüstet Hitler noch sein Leben“ 1 , so daß ihm eine seelische Gesundung verwehrt bleiben muß.
Im folgenden stelle ich die Personen jeweils vor den Hintergrund der gesellschaftlichen und politischen Umstände, um dann die Bedeutung der Zeit für Opfer als auch Täter deutlich zu machen. In einem abschließenden Kapitel fasse ich die Erkenntnisse über die Täterprofile zusammen.
1 vgl. Wedemeier, K.: Mut zum Erinnern - Gegen das Vergessen. Reden und Texte zum Umgang mit deutscher Schuld und Verantwortung. Mit einem Geleitwort von Ignatz Bubis. Bremen 1994, S. 51.
1
II. $EVFKLHGYRQ6LGRQLH
1. Perversität des Weltbildes, in das Sidonie nicht paßt
„Die Rassenideologie des Nationalsozialismus fußte auf langer Tradition, die ins 19. Jahrhundert zurückreicht.“ (Schenk, S. 37). Bereits in dieser Zeit sind „sozialdarwinistische Selektionsvorstellungen [...]“, die die „‘unleugbare Inferiorität der unteren Volksklassen‘ behauptete und sie als ‚anthropologisch ausgesprochen minderwertig‘ brandmarkte“, entwickelt worden. Der Klassengegensatz leitet sich nach Meinung der damals herrschenden Klassen von einem „erbbiologischen Unterschied“ ab. Später ist der spezifisch ideologische „Terminus ‚Rasse‘ eingeführt und unter dem Stichwort der „Rasenhygiene“ [...] „auf bestimmte Rassen oder Völker bezogen worden“ 2 (Röhr, S. 28ff). Die Diskriminierungen und Terrormaßnahmen, denen die Juden, Sinti und Roma im Dritten Reich ausgesetzt gewesen sind, haben ihre Basis auf den pseudo-wissenschaftlichen Einstufungs- und Charakterisierungsverfahren der national-sozialistischen Politiker, Anthropologen und Mediziner. So ist beispielsweise von der These ausgegangen worden, daß die „Zigeuner in ihrer Gesamtheit,“ „[s]ozial und staatspolitisch gesehen, [...] keine „Bausteine eines geordneten Gemeinschaftswesens“ (Schenk, S. 100) seien. Diese konkrete Ausgrenzung der Sinti und Roma durch den „NS-Rassenantisemitismus“ (Röhr, S. 53) hat sich im Bewußtsein der Menschen festgesetzt. In Verbindung mit dem Neid, mit der Unzufriedenheit und den Minderwertigkeitskomplexen, die die Menschen „durch die unglückliche Geschichte“ 3 erworben haben, haben Rassismus und Antisemitismus ihre Wirkung entfalten können.
Der NS-Rassenantisemitismus wirkte auf vielfältige Weise, sei es anspornend, fanatisierend, sei es lähmend, einschüchternd oder betäubend. Er kanalisierte Unmut und Aggressivität und enthemmte Gewalt und Bestialität. Für alles Ungemach und Unrecht wie für alle Probleme bot er einen Universalgrund und einen Universalschuldigen an, den ‚Juden‘. Jegliche Differenzierung und jegliche Erklärung wurde überflüssig. [...] Aber die Einschüchterung war in dieser Wirkungsdimension oft nur der erste Schritt. Denn die Ausgrenzung von ganzen Opfergruppen führte auf ihrer Grundlage als nächste Stufen zu Korrumpierung und Bestialisierung großer Teile der deutschen Bevölkerung 4 . In der
2 Röhr, W.: Faschismus und Rassismus. Zur Stellung des Rassenantisemitismus in der nationalsozialistischen Ideologie und Politik. In: Röhr, W. (Hg.): Faschismus und Rassismus. Kontroversen um Ideologie und Opfer / Arbeitsgruppe Faschismusforschung. Berlin 1992, S. 28ff.
3 König, H.: Heinrich Mann. Dichter und Moralist. Tübingen 1972, S. 118. Der Autor bezieht sich auf die 1918 erlittene Niederlage. Heinrich Mann schreibt 1935 hierzu: „ Jetzt werden alle historischen Enttäuschungen zu schnaubender Rache, und Minderwertigkeitsgefühle, erworben durch die unglückliche Geschichte, entladen sich in einer nationalen Bösartigkeit.“
4 Der Bezug auf die deutsche Bevölkerung soll auch auf die Österreichs gelten, da ich annehme, daß in Österreich ähnliche Wirkungen auf die Menschen zu spüren gewesen sind.
2
Arbeit zitieren:
Manuela Freese, 2000, Was läßt Menschen schuldig werden? 'Täterprofile' in Erich Hackls Erzählung Abschied von Sidonie und Jurek Beckers Roman Bronsteins Kinder, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Die histrionische Persönlichkeitsstörung
Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie
Hausarbeit (Hauptseminar), 16 Seiten
Kriterien der Phantastischen Literatur dargestellt an E.T.A. Hoffmanns...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 13 Seiten
Vergleich der Vater-Sohn-Beziehung in Jurek Beckers Romanen Der Boxer ...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 18 Seiten
Die phonologische Beschreibung des Vokalismus im Hildebrandslied
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit (Hauptseminar), 30 Seiten
Siegfried Lenz "Das Feuerschiff" - Praktikumsbericht Deutsch
Praktikumsbericht / -arbeit, 37 Seiten
Jüdische Identität in der DDR und ihre Darstellung in Jurek Beckers Br...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 19 Seiten
Analyse von Übergewicht von Volksschulkinder unter besonderer Berücksi...
Diplomarbeit, 102 Seiten
Adipositas und Sport - Möglichkeiten zur Prävention und Therapie von A...
Sport - Sportmedizin, Therapie, Prävention, Ernährung
Examensarbeit, 119 Seiten
Adipositas im Kindes- und Jugendalter - Ursachen, Folgen und mögliche ...
Sport - Sportmedizin, Therapie, Prävention, Ernährung
Examensarbeit, 146 Seiten
Adipositas bei Kindern und Jugendlichen - Therapeutische Ansätze und ...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit (Hauptseminar), 42 Seiten
Auroras Anlaß von Erich Hackl, Verlag Diogenes
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Unterrichtsentwurf, 10 Seiten
The British Empire & the Roman Empire analogue in Kipling's sh...
Seminararbeit, 30 Seiten
Manuela Freese-Wagner hat den Text Was läßt Menschen schuldig werden? 'Täterprofile' in Erich Hackls Erzählung Abschied von Sidonie und Jurek Beckers Roman Bronsteins Kinder veröffentlicht
Manuela Freese-Wagner hat einen neuen Text hochgeladen
Abschied von Sidonie. Materialien zu einem Buch und seiner Geschichte
Erich Hackl, Ursula Baumhauer
Ich schmeiß alles hin und werd Prinzessin
Die schrägsten Gruppen aus Fac...
Nilz Bokelberg, Silke Bolms
Was darf dem erkrankten oder verunfallten Menschen zugemutet werden? (...
Die Zumutbarkeit als Schlüssel...
Erwin Murer
Taschenatlas der Schnittbildanatomie 2. Thorax, Abdomen, Becken
Computertomographie und Kernsp...
Torsten Bert Möller, Emil Reif
0 Kommentare