Der polnische Aufstand von 1863 (auch Januaraufstand genannt) spielt wie die anderen Unabhängigkeitsversuche Polens im 19. Jahrhundert noch heute eine wichtige Rolle im polnischen Nationalbewusstsein; der Hergang der Ereignisse ist somit derzeitig gründlich recherchierte und ausgiebig beschrieben. Die Analyse der Gründe des Aufstandes bleibt jedoch komplex: einerseits die nachteilig außenpolitische Lage, die Übermacht Russlands, der Alvensleben’schen Konvention (durch die sich Preußen und Russland im Kampf gegen die polnische Unabhängigkeit verbünden 1 ), der Enthaltung anderer europäischen Großmächte aus machtpolitischen Gründen. Vor allem die Passivität Frankreichs und Italiens traf den Aufstand schwer, so schienen diese Länder doch zuvor aktiv für das Selbstbestimmungsrecht der Völker einzustehen und ließen somit vermuten sich in einem polnisch-russischen Krieg auf Polens Seite zu schlagen. Auf der anderen Seite gab es aber auch eine große Zahl innerer gesellschaftlicher Probleme, die zwar den Aufstand programmierten ihn jedoch zugleich zum Scheitern verurteilten. Um den Aufstand nun effektiv zu beschreiben und sein Scheitern zu verstehen, ist ein tieferes Verständnis der polnischen Gesellschaft notwendig. Die Organische Arbeit, die dabei eine wichtige Rolle spielte ist leider nur sehr begrenzt zu analysieren, da die Archive größtenteils zerstört wurden 2 , so werden wir uns zunächst mit der generellen Lage des Adels beschäftigen und dann mit der der landwirtschaftlichen Bevölkerung.
I. Der polnische Adel
Obwohl die Polen lange Zeit unter russischer Herrschaft lebten, entwickelten sie ein außergewöhnlich starkes Nationalbewusstsein (A), was vor allem die Beziehung zu Russland äußerst schwierig gestaltete (B).
A) Das adlige Nationalbewusstsein
Bereits im 16. Jahrhundert wurde das Königreich Polen zu einer Wahlmonarchie 3 . Der Adel wählte den König und sicherte sich somit eine politisch äußerst einflussreiche Stellung, weswegen man bald von einer „démocratie nobiliaire“ 4 sprach. Doch der polnische Adel unterschied sich nicht nur durch diese politischen Rechte vom Adel in anderen europäischen Ländern, sondern stellte auch einen wesentlich größeren Anteil innerhalb der polnischen Gesellschaft. Während in Frankreich der Anteil des Adels an der Bevölkerung bei nur 0,3% lag, nahm er in Polen immerhin 8% der
1 Alvensleben’sche Konvention, veröffentlicht in : Karl-Ernst Jeisman und Lech Trzeciakowski, Polen im
europäischen Mächtesystem des 19. Jahrhunderts: die „Konvention Alvensleben“ 1863, Braunschweig 1994, S.
35.
2 Christian Pletzing, Vom Völkerfrühling zum nationalen Konflikt: Deutscher und polnischer Nationalismus in
Ost- und Westpreußen 1830-1871, Wiesbaden 2003, S. 15.
3 Encarta Enzyklopädie 2004: Polen, Geschichte, Wahlkönigtum
4 Daniel Beauvois, Histoire de la Pologne, 1995, Hatier, S. 77.
2
Gesamtbevölkerung ein 5 . Trotz großer Besitzunterschiede hatten alle Adeligen dieselbe Rechtsstellung und entwickelten mit der Zeit ein ausgeprägtes „Bewusstsein der Verantwortung für den Staat“ 6 . Manfred Alexander beschreibt sie sogar als „das Rückgrat des Staates“ 7 . Doch genau dieses politische Bewusstsein ließ den polnischen Adligen die russische Fremdherrschaft so unerträglich erscheinen. Sie widersprach zutiefst ihrer weit zurückreichenden Tradition von Demokratie und Selbstverwaltung. In der Hoffnung einen polnischen Staat zurückzuerlangen, kämpften polnische Soldaten unter dem Motto „Pour notre liberté et pour la vôtre!“ 8 im Rahmen verschiedener europäischer Freiheitsbewegungen, vor allem in Frankreich, Italien und Ungarn. Viele hatten sich bereits an den napoleonischen Kriegen gegen Russland beteiligt. Der Patriotismus der Adligen war also tief verwurzelt in ihrer Geschichte und wurde generationenübergreifend weitergegeben. Vor allem emigrierte Polen exaltierten den Nationalkult in Malerei 9 und Literatur 10 , die als Schatzkammer des nationalen Gedächtnisses 11 gelten, und trugen somit zum allgemeinen Gemütszustand bei, der schließlich den Aufstand ausbrechen ließ.
B) Die Beziehung zu Russland
Obwohl alle Teile des ehemaligen polnischen Staates unter der Besatzung litten, wurde sie vor allem im russischen Teil als unerträglich erfunden. Russland, zu dieser Zeit einer der autokratischsten Staaten überhaupt 12 , erkannte den Polen zwar zeitweise eigene Rechte zu, die jedoch jederzeit rückgängig gemacht werden konnten. Genau diese Unsicherheit und die Abhängigkeit von der Gnade des russischen Zaren brachten viele Polen dazu, auszuwandern. Nach dem Zusammenbruch des Novemberaufstandes 1831 kam es zur „Großen Emigration“ 13 . 9000 Polen emigrierten, vor allem nach Frankreich. Paris wurde zu einem Zentrum polnischer Exilkultur, eine Exilregierung, das Hôtel Lambert, versuchte auf die Ereignisse in Polen Einfluss zu nehmen. Fern von der teils harten Realität in der Heimat, wurden jedoch oft abwegige Forderungen gestellt. In Polen selbst bildeten sowohl Studenten als auch Offiziere Geheimgesellschaften, die sich trotz zunehmender russischer Kontrolle nicht einschüchtern ließen. Durch immer neue Repressionen (Verschleppung des polnischen Kulturgutes nach Russland, Schließung der
5 Manfred Alexander, Kleine Geschichte Polens, Stuttgart: Reclam, 2003, S. 89.
6 Alexander, M., Kl. Geschichte Polens, S. 90.
7 Alexander, M., Kl. Geschichte Polens, S. 90.
8 Michał Tymowski, Une histoire de la Pologne, Montricher: Les éditions noir sur blanc, 2003, S. 109.
9 cf. Anhang 1
10 zum Beispiel die Werke von Adam Mickiewicz, wie der Nationalepos « Pan Tadeusz » (Herr Thaddäus oder
die letzte Fehde in Litauen)
11 Jerzy Jarzębski, Die polnische Literatur im 20. Jahrhundert, auf der Internetseite der Botschaft der Republik
Polen in der Bundesrepublik Deutschland, http://www.botschaft-polen.de/literatur/jarzebski.html, 01.04.2006.
12 Tymowski, M., Une histoire de la Pologne, S. 101.
13 Alexander, M. Kl. Geschichte Polens, S. 203.
3
polnischen Universitäten 14 ) festigten die Russen ihre Rolle als verhasste Besatzer. Nur wenige Polen waren bereit, mit ihnen zusammenzuarbeiten. 1855 kam Zar Alexander II. an die Macht. Er versuchte, die angespannte Lage durch eine versöhnlichere Politik zu entschärfen. Nach Antritt seiner Herrschaft hob er den bereits 1831 verhängten Ausnahmezustand auf und erließ eine Amnestie für politische Gefangene. Viele durften aus der sibirischen Verbannung zurückkehren, die Zensur wurde gelockert. Kurzzeitig änderte sich die Stimmung, manche sprachen sogar von einem „tsar libérateur“ 15 . Des Weiteren gestand er den Polen ein gewisses kulturelles Leben zu. So erlaubte er 1856/57 die Einrichtung einer medizinischen Fakultät in Warschau sowie die Gründung einer „Agrarischen Gesellschaft“. Diese sollte unter der Leitung von Alexander Wielopolski Pläne für eine Landreform erarbeiten. Polen wurde somit nicht in die russischen Projekte einbezogen, wodurch sich die Lage weiter stabilisieren sollte 16 . Doch genau diese liberale Politik ließ in den Oberschichten von neuem die Hoffnung auf die Wiedererrichtung eines polnischen Staates keimen. Tocqueville beschrieb ein solches Phänomen sehr treffend als er sagte, dass die Gefahr eines Aufstandes immer in dem Moment am größten ist, in dem eine Diktatur wieder einige Freiheiten zulässt 17 . Somit kann die Versöhnungspolitik Zar Alexanders II. als eine Art Auslöser der darauf folgenden Ereignisse gesehen werden. Für die Adligen war der Schritt zur Revolution, die zur Unabhängigkeit führen sollte, also notwendig und in gewisser Weise vorprogrammiert: die Idee, weiter unter der „Fremdherrschaft“ zu leben erschien ihnen für sich und das Volk unvorstellbar und unerträglich.
II. Die Bauern
Nachdem wir nun die Situation der leitenden Gesellschaftsschicht analysiert haben, müssen wir auch die breite Basis betrachten; schließlich bestand die polnische Gesellschaft noch zu über 90% aus untergeordneten Bauern, die wesentlich zum Scheitern des Aufstandes beitrugen (A) und eine völlig andere Wahrnehmung Polens hatte.
A) Die Schlüsselrolle im Aufstand
Die Rolle der Bauern ist gewissermaßen eine Schlüsselfrage in der Analyse des Aufstands, nicht nur da die Bauern die mit Abstand größte Bevölkerungsgruppe bildeten und somit maßgeblich zum Erfolg oder Scheitern der Bewegung beitragen konnten. Außerdem war die Bauernbefreiung auch eine der zentralen Forderungen der aufständischen Bewegung, die doch insgesamt so gesplittert war und an der Aufstellung
14 Alexander, M., Kl. Geschichte Polens, S. 224.
15 Beauvois, D., Histoire de la Pologne, S. 237.
16 Manfred Görtemaker, Geschichte Europas 1850-1918, Stuttgart: Kohlhammer, 2002, S. 175.
17 Beauvois, D., Histoire de la Pologne, S. 237.
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Helene Nägele, 2006, Januaraufstand - Der polnische Aufstand 1863, München, GRIN Verlag GmbH
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