Abstract
Der Begriff des symbolischen Interaktionismus geht auf den Soziologen Herbert Blumer (1900 - 1987) zurück, der diesen erstmals im Jahr 1937 in einem Aufsatz verwendete (Münch 2002: 259). Dass auch George Herbert Mead (1863 - 1931) als "Gründungsvater des Symbolischen Interaktionismus" (Arbeitsgruppe Bielefelder Soziologen 1973: 25) bezeichnet wird, liegt am starken Einfluss, den Mead auf Blumer ausübte. Blumer sass als Student bei Mead an der Chicago University in der Vorlesung. Mead ist sehr präsent in Blumers Werk. Worin unterscheiden sich Blumer und Mead? Mead erstellte eine sozialphilosophische Theorie mit evolutionären Zügen: "Sein Grenzgängertum zwischen den Disziplinen der Philosophie, Psychologie, Soziologie und Naturwissenschaften fiel noch in eine Zeit geringer, allerdings gerade einsetzender Spezialisierung und Professionalisierung dieser Disziplinen" (Joas 1989: 10). Jene Spezialisierung und Professionalisierung hat dann Herbert Blumer vollzogen. Er hat aus einem der zahlreichen Themen im Werk von Mead - der symbolvermittelten Kommunikation - die symbolische Interaktion abgeleitet und daraus seinen symbolischen Interaktionismus entwickelt.
Blumer verfolgt andere Ziele als Mead. Während Mead sozialphilosophisch der Frage nachgeht, "wie aus dem Gesellschaftsprozess das individuelle Selbstbewusstsein hervorgehen kann" (Arbeitsgruppe Bielefelder Soziologen 1973: 18), so liefert Herbert Blumer eine mikrosoziologische Methode. Dieser Methode unterliegt - im Vergleich zu jener von Robert E. Parks - aber auch eine Theorie. Nämlich die drei philosophischen Kernprämissen des symbolischen Interaktionismus, die besagen, dass (1) Menschen gegenüber Dingen aufgrund der Bedeutungen, handeln die diese Dinge besitzen. Dass (2) die Bedeutung dieser Dinge aus der sozialen Interaktion abgeleitet wird. Und dass (3) die Bedeutungen in einem interpretativen Prozess gehandhabt und abgeändert werden (Blumer 1973: 81). Diese Prämissen beruhen auf der symbolvermittelten Kommunikation von George Herbert Mead.
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Inhaltsverzeichnis
1 Einführung. 04
2 George Herbert Mead und der amerikanische Pragmatismus. 05
2.1 Gesten und Symbole. 05
2.2 Der generalisierte Andere. 07
2.3 'I' und 'Me' 09
3 Herbert Blumer und der symbolische Interaktionismus. 10
3.1 Die drei Kernprämissen des symbolischen Interaktionismus. 10
3.2 (Nicht-)symbolische Kommunikation. 11
4 Mead und Blumer - ein Vergleich. 13
4.1 Von der Sozialphilosophie zur Forschungsmethodologie. 13
4.2 Vom Objektivismus zum radikalen Subjektivismus. 14
5 Fazit. 16
6 Literaturverzeichnis. 17
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1 Einführung
George Herbert Mead wird gelegentlich als "Gründungsvater des symbolischen Interaktionismus" (Arbeitsgruppe Bielefelder Soziologen 1973: 25) bezeichnet - obwohl Herbert Blumer den Begriff des symbolischen Interaktionismus erstmals im Jahr 1937 in einem Aufsatz verwendete, zu einem Zeitpunkt also, zu dem George Herbert Mead bereits sechs Jahre tot war. Ich möchte in dieser Arbeit der Frage nachgehen, worauf sich der symbolische Interaktionismus von Herbert Blumer genau bezieht im Werk von George Herbert Mead.
Zuerst will ich in dieser Arbeit das Werk von Mead jeweils nach dem Kriterium betrachten, welchen Einfluss es auf den symbolischen Interaktionismus hatte. Ich werde den Fokus auf die Interaktion und die symbolvermittelte Kommunikation richten. Da Meads Werk viel zu breit angelegt ist, um es in einer Proseminar-Arbeit abzuhandeln, werde ich auf seine Theorien über Ethik und Demokratie nicht eingehen, ebenso wenig wie auf den Sozialbehaviourismus.
In einem weiteren Kapitel möchte ich klären, was der symbolische Interaktionismus ist und wie die zentralen Prämissen von Herbert Blumer lauten - dabei soll auch deutlich werden, wie sich der symbolische Interaktionismus gegenüber einer struktur-funktionalistischen Soziologie, vor allem aber gegenüber dem Pragmatismus von Mead, abgrenzt. An dieser Stelle soll daran erinnert werden, dass Herbert Blumer 1928 an der University of Chicago bei promovierte. "Seine [Blumers] intellektuelle Entwicklung wurde von der Chicagoer Schule, insbesondere von George Herbert Mead geprägt" (Münch 2002: 259). Ob dies allerdings ausreicht, um Mead wirklich als Gründungsvater des symbolischen Interaktionismus zu bezeichnen, ist eine der Fragen, die ich mit dieser Arbeit klären will, möglicherweise sogar die Kernfrage.
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2 George Herbert Mead und der amerikanische Pragmatismus
2.1 Gesten und Symbole
George Herbert Mead ist aus heutiger Sicht nicht eindeutig einer wissenschaftlichen Disziplin zuzuordnen. "Sein Grenzgängertum zwischen den Disziplinen der Philosophie, Psychologie, Soziologie und Naturwissenschaften fiel noch in eine Zeit geringer, allerdings gerade einsetzender Spezialisierung und Professionalisierung dieser Disziplinen" (Joas 1989: 10). Wenn man seine Kernprämisse zusammenfasst, dann ist sie sozialphilosophischer Natur und lautet, dass der Mensch grundsätzlich sozial ist - und dass die menschliche Identität ohne Sozialität nicht denkbar ist. Mead beobachtet nicht das Verhalten des Individuums, sondern jenes "einer kooperierender Gruppe spezifisch menschlicher Organismen" (Joas 2003: 172). Er hat den Ansatz überwunden, dass es einen eigentlichen Menschen jenseits der sozialen Welt gibt, "er denkt nicht Gesellschaft als lediglich historisches und kulturelles Phänomen, das die von Natur aus vereinzelten Individuen von aussen zusammenschliesst, sondern er denkt die menschliche Natur selbst als wesentlich gesellschaftlich" (Joas 2003: 112).
Im Grunde genommen kann man Meads Werk auch als anthropologischen oder sozialpsychologischen Erklärungsversuch verstehen, wie sich Bewusstsein und menschliche Identität im Laufe des Evolutionsprozesses konstituiert haben. Mead vertritt einen evolutionistischen Ansatz und grenzt sich deutlich vom deutschen Idealismus ab, den er als "solipsistischen Spuk" (Wikipedia.org) bezeichnete. Bewusstsein und Individualität sind nicht einfach gegeben, sie formieren sich. Doch wie?
Die Antwort lautet: Durch die soziale Welt. "Mead erklärt das Verhalten der Individuen durch den sozialen Kommunikationszusammenhang und nicht umgekehrt den sozialen Kommunikationszusammenhang aus den individuellen Beiträgen" (Schützeichel 2004: 91). Die beiden Schlüsselbegriffe in diesem Kommunikationszusammenhang lauten: Gesten und Symbole. Ihre Gemeinsamkeit besteht darin, dass sie beide eine Bedeutung haben, die sich kommuniziert lässt. Ihre Differenz besteht im Bewusstsein dieser Bedeutung. "Gebärden haben eine kommunikative Bedeutung, die einem Bewusstsein von dieser Bedeutung vorausgeht" (Schützeichel 2004: 93).
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Arbeit zitieren:
Francis Müller, 2005, Mead, Blumer und der symbolische Interaktionismus, München, GRIN Verlag GmbH
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