Inhalt
Einleitung 2
1 Die Bedeutung der Feste. 5
1.1 Geschichtliche Entwicklung der Festtheorie 5
1.2 Kategorisierungsversuche. 13
1.3 Folgerungen für die Festkultur in der Grundschule. 16
2 Das Osterfest 19
2.1 Die Zeitstruktur des Osterfestes 19
2.1.1 Ostern als Erfindung der Kirche? 20
2.1.2 Passionsgeschichte und Auferstehung als Kern des Osterfestes 26
2.2 Die Symbolik des Osterfestes 31
2.2.1 Was ist ein Symbol? 32
2.2.2 Symbole des Osterfestes 33
2.3 Theologische Dimension des Osterfestes 42
2.3.1 Auferstehung als Kernaussage des christlichen Glaubens 43
3 Ostern als Thema des Religionsunterrichts in der Grundschule. 47
3.1 Curriculare Rahmenbedingungen. 48
3.2 Die Bedeutung des Osterfestes im Alltag der Schülerinnen und Schüler 51
3.2.1 Symbole, Riten, Bräuche und biblische Hintergründe des Osterfestes im
Erfahrungshorizont der Schülerinnen und Schüler. 52
3.2.2 Chancen und Probleme der Auferstehungsthematik 59
3.3 Der Religionsunterricht als Vor- und Nachbereitung des Osterfestes 64
3.4 Medien und Methoden 66
4 Literatur 69
1
Einleitung
Neben Weihnachten ist Ostern das christliche Fest, das in der Lebenswelt der Grundschüler am meisten verankert ist. Da sich das Osterfest im christlich geprägten Deutschland nicht nur als privates Fest, sondern auch im öffentlichen Bereich vollzieht, betrifft es auch Kinder aus nicht christlichen Familien. Das Osterfest lässt sich also als ein alle Grundschüler betreffendes Fest verstehen und ist somit von besonderer Bedeutung für den Unterricht. Auch wenn sich diese Arbeit vornehmlich mit der Bedeutung des Osterfestes für den Religionsunterricht in der Grundschule beschäftigen wird, gilt es diese Voraussetzung zu bedenken. Bevor ich mich explizit dem Osterfest zuwende, werde ich zunächst grundlegend auf die Bedeutung des Festes im Allgemeinen eingehen und verschiedene Festtheorien kurz vorstellen. In einer zusammenfassenden Kategorisierung sollen wiederkehrende und charakteristische Pole in der Entwicklung der Festtheorien aufgeführt und letztlich die Bedeutung der Festlichkeit im Allgemeinen in der Grundschule geklärt werden. Im zweiten Abschnitt werde ich mich dann direkt dem Osterfest und seiner Festpraxis zuwenden und dieses zunächst relativ unabhängig von seiner Bedeutung für den Religionsunterricht auf seine Zeitstruktur, seine Symbole sowie die theologische Bedeutung untersuchen. Bei der Betrachtung der Zeitstruktur wird es zuerst um die geschichtliche Entwicklung des Osterfestes und damit die Frage, in wie weit dieses Fest von der Kirche inszeniert und geschaffen wurde, gehen. Ein zweiter Schwerpunkt liegt dann auf der Betrachtung der Passionsgeschichte und der Auferstehung als Kern des Osterfestes sowie die damit verbundene Bedeutung der einzelnen Osterfeiertage von Gründonnerstag bis Ostermontag.
Nach einer kurzen Begriffsklärung, in der auch die Bedeutung der Symbole für die Grundschule erörtert werden wird, soll sich die Betrachtung der Symbolik des Osterfestes auf die bekanntesten Symbole und die mit ihnen verbundenen Riten des Osterfestes richten. Dabei soll sich der Schwerpunkt besonders bei nicht biblisch begründeten Symbolen, ihrer Herkunft, ihrer Geschichte und ihrer Bedeutung für das christliche Osterfest liegen.
2
In der theologischen Betrachtung des Osterfestes steht die Frage nach der Entwicklung und der Bedeutung seiner zentralen Botschaft von der Auferstehung für den christlichen Glauben im Mittelpunkt. Das dritte Kapitel wird sich dann direkt mit der Bedeutung des Osterfestes als Thema des Religionsunterrichts der Grundschule beschäftigen und reflexiv auf die zuvor erörterten theoretischen Grundlagen eingehen. Als weitere Grundlage soll hier zunächst der Lehrplan für die Grundschule in NRW in den Blick genommen werden und aufgezeigt werden, welche Inhalte im Bezug auf das Osterfest für den Grundschulunterricht explizit vorgesehen sind und welche nicht.
In einem zweiten Abschnitt soll dann versucht werden, die Frage nach dem Lebensweltbezug und damit nach der Bedeutung des Osterfestes für die Schüler beantwortet werden. Neben den Erfahrungen mit der Feier und den darin entfalteten Symbolen des Osterfestes, soll hier auch das oftmals ausgeblendete Thema der Auferstehung als zentrales theologisches Thema in den Blick gerückt werden und die Frage nach Problemen und Möglichkeiten der Behandlung dieses Themas in der Grundschule gestellt werden.
Da sich die Erfahrungen der Schüler und Schülerinnen je nach sozialen, regionalen, kulturellen, religiösen, aber auch rein persönlichen Hintergründen stark unterscheiden, ist es nahezu unmöglich in diesem Zusammenhang eine universelle Antwort zu geben. Daher werden in diesem Abschnitt neben einigen theoretischen Überlegungen vor allem zahlreiche eigene Erfahrungen mit Kindern und Jugendlichen im eigenen Umfeld herangezogen, um mögliche Ausgangssituationen bei Kindern im Grundschulalter aufzuzeigen.
Ausgehend davon werden die Möglichkeiten des Religionsunterrichts betrachtet, die sich auf Grund der Tatsache, dass das Osterfest selbst nie innerhalb der Schulzeit stattfindet, weitgehend auf die Vor- und Nachbereitung des Festes beschränkt. Die Probleme, aber auch Chancen, die sich daraus ergeben sollen hier betrachtet werden. Abschließend sollen schlussendlich die Möglichkeiten der Medien im Bezug auf eine unterrichtliche Behandlung des Osterfestes in den Blick genommen und ihre Vor- und Nachteile erörtert werden.
3
Da das Planen von konkreten Unterrichtsstunden oder gar ganzen Unterrichtsreihen wirklich sinnvoll nur im direkten Bezug auf die jeweilige Schulsituation möglich ist, werden in diesem Kapitel immer wieder beispielhaft mögliche Unterrichtsbausteine zu den jeweiligen Kontexten einfließen. Diese können jedoch nie universellen Charakter haben, sondern nur Möglichkeiten zur Behandlung der Osterthematik aufzeigen, die in der konkreten Unterrichtssituation immer an die jeweilige Situation angepasst werden müssen.
4
1 Die Bedeutung der Feste
Da das Fest sich dadurch kennzeichnet, dass es in irgendeiner Weise anders als das Gewohnte, als der Alltag ist, war es schon immer Grundlage für philosophische und theologische Gedanken. Ein kurzer geschichtlicher Abriss in Anlehnung an Andreas Leipholds
festtheoretische Betrachtungen 1 über einige Festtheorien, soll zunächst die Entwicklung, aber auch die Vielschichtigkeit des Festverständnisses stellvertretend verdeutlichen. Anschließend sollen dann
zusammenfassend die Funktionen und der Alltagsbezug des Festes in den verschiedenen Festtheologien herausgestellt werden, um schließlich die Bedeutung der Feste im Allgemeinen in der Schule zu verdeutlichen.
1.1 Geschichtliche Entwicklung der Festtheorie
Schon bei Platon findet sich eine erste Festtheorie, nach der die Götter die Feste als bewusste Zäsuren im Leben der Menschen setzen, die diesen ermöglichen, sich von der Zeit der Arbeit wieder aufzurichten und den festlichen Umgang mit den Göttern zu pflegen. „Der Gottesdienst steht auch im Mittelpunkt der Festetheorie bei Schleiermacher, einem der »Urväter« theologisch begründeter Festtheorie.“ 2
Er definiert Festzeit als Zeit, die vom Alltag abweicht und dadurch zur Selbstfindung des Menschen dient. Da das Selbstbewusstsein für Schleiermacher nur im religiösen Kontext vollkommen zur Geltung kommen kann, ist der christliche Gottesdienst als Zeit der religiösen Selbstfindung als das Hauptfest anzusehen. Weiterhin entsprechen alle anderen Feste nur ihrem „natürlichen Charakter“, wenn das Fest nicht mit Nebenabsichten verbunden ist. „Ein „wirkliches“ Fest entspringt vielmehr dem Geist einer Allgemeinheit, und es besitzt eine »geschichtliche Ursache«.“ 3 Staatlich inszenierte Feste (z.B. der „Tag der deutschen Einheit“) mit erzieherischer Wirkung hingegen verlieren den „wahren“
1 Leiphold Andreas. Die Feier der Kirchenfeste. Göttingen. 2005.
2 A.a.O. 21.
3 A.a.O. 30.
5
Festcharakter, der dadurch, dass Schleiermacher jedem Menschen Religiosität zuschreibt, immer auch religiös bedingt ist. Charakteristisch für ein Fest ist in der Festtheologie Schleiermachers außerdem die Bedeutung der Kunst bei den Festlichkeiten. Die Kunstelemente, aus denen sich jedes Fest zusammensetzt, dürfen jedoch nie dem Selbstzweck dienen, sondern müssen dem religiösen Bewusstsein Möglichkeit zur Darstellung und zum Hervortreten geben. „An die Schleiermachersche Definition der Festzeit als »Unterbrechung vom übrigen Leben« knüpft 1951 auch Karl Barth in seinen Überlegungen zum Feiertag im Zusammenhang seiner Lehre von der Schöpfung im vierten Teil seiner Kirchlichen Dogmatik an.“ 4 Neben humanitären Argumenten, die Barth beachtet, indem er die Festzeiten als nötiges Ausruhen von der Arbeit des Alltags charakterisiert, geht es auch ihm vor allem um die religiöse Dimension des Festes, das in seiner Theologie immer zur Ehre Gottes stattfinden und ein Gefühl von Freiheit vermittelt muss, den Menschen jedoch nicht von der Verantwortung vor seinem Schöpfer entbindet. Vielmehr sorgt die Begrenzung des menschlichen Handelns dafür, dass sich dieser an die eigene Begrenztheit und seinen Ursprung in Gott erinnert. Auch bei Barth nimmt der christliche Gottesdienst einen besonderen Rang ein. „Der »wahre Feiertag« kann »nur« in der Versammlung der Christenheit als Gemeinde und also in der Teilnahme an ihrem Gottesdienst in rechtem Sinne gefeiert werden.“ 5 Damit charakterisiert er, anders als Schleiermacher, nicht jedes Fest als religiös in irgendeinem Sinne, sondern definiert nur das christlich begründete Fest als „wahren Feiertag“. Aus diesem von Gott gegebenen und schöpfungstheologisch vom Feiertagsgebot im Alten Testament her begründeten Sonderstatus des Feiertages, bezeichnet Barth die Festzeit als „eigentliche Zeit“, „da gerade das »Nicht-tun« des Feiertags den Ursprung alles sonstigen Tuns bildet“. 6 Zwölf Jahre nach Barth entwickelt der katholische Philosoph Josef Pieper seine Festtheorie, die das Fest als „Zustimmung zur Welt“ charakterisiert. Jedes Fest gründet sich in der Bejahung der Welt und der Freude am Geschaffenen. Dies gilt bei Pieper jedoch sowohl für den christlichen
4 A.a.O. 31.
5 A.a.O. 36.
6 A.a.O. 36.
6
Feiertag - dessen Grundgestalt auch er im Sonntag als Fortführung des alttestamentlichen Sabbats sieht - als auch für die weltlichen Feiertage. Auch bei ihm kommt dem Gottesdienst eine besondere Bedeutung zu, da das Gotteslob für ihn die größtmögliche Zustimmung zur Welt darstellt. Die humanitäre Komponente des Festes sieht Pieper vor allem in seiner Funktion als „Atempause“ von den täglichen Pflichten, aber auch darin, dass es durch das Sichtbarmachen einer tieferen Wirklichkeit das tägliche Dasein und die Arbeitswelt relativiert. Wie Barth bedenkt auch Pieper die Künste im Zusammenhang mit den Festen. Allerdings charakterisiert er sie als Schmuck, der sich bei fast allen Festen finden lässt und die Bejahung zur Welt unterstreicht, jedoch keinesfalls die Substanz des Festes an sich bestimmt. Wiederum auf Pieper bezieht sich der amerikanische Theologe Harvey Cox, der in seinem Werk „Das Fest der Narren“ 1970 das Fest ebenfalls als Bejahung des Alltags versteht. Anders als Pieper sieht Cox jedoch noch zwei weitere entscheidende konstitutive Elemente des Festes. Neben der festlichen Bejahung sind für ihn auch der bewusste Exzess sowie die Gegenüberstellung zum Alltag für ein Fest charakteristisch. „Unter Exzess versteht Cox die »außergewöhnlichen« Handlungsweisen zur Vorbereitung und während eines Festes“ 7 , in denen die Feiernden sozial anerkannt die Normen des normalen Lebens durchbrechen. Im Exzess bietet das Fest also die Möglichkeit zu einer legitimen Sozialkritik, aber auch zum Ausdruck der Gefühle, die normalerweise im Alltag unterdrückt werden. Weiterhin darf ein wirkliches Fest niemanden auf Grund seiner sozialen oder kulturellen Herkunft ausschließen. Die Gegenüberstellung zum Alltag wiederum verhindert, dass das Fest auf dieses Ungewöhnliche reduziert wird. Nur im Bezug zum Alltäglichen wirkt das Ungewöhnliche ungewöhnlich und wird als Exzess gedeutet. Anders als Barth und Pieper begründet Cox seine Festtheorie jedoch nicht theologisch, sondern kulturgeschichtlich im universalen Charakter der Feste, der sich darin zeigt, dass keine Kultur ohne Feste auskommt. Dennoch spielt auch die religiöse Dimension des Festes bei Cox eine entscheidende Rolle. Ihre Aufgabe sieht er vor allem in der „Gestaltung
7 A.a.O. 48.
7
der menschlichen Beziehung zur Ewigkeit und zum Gottesglauben“ 8 . Die festliche Bejahung ist dann das Ja zur Schöpfung, die Gegenüberstellung zum Alltag das Leben in der Gegenwart und der bewusste Exzess der Ausdruck der Hoffnung auf eine Zukunft in Gottes Gegenwart. Cox geht sogar soweit „Christus als »Inkarnation von Festlichkeit und Phantasie«“ 9 zu charakterisieren. Hierfür führt er biblische Überlieferungen an, die er als Symbole des Clowns deutet. „Gleich einem Hofnarren spotte Christus jeder Sitte und verachte gekrönte Häupter. »Gleich einem Troubadour hat er keinen Ort, sein Haupt hinzulegen. Gleich dem Clown in der Zirkusparade verhöhnt er die gegebene Autorität, indem er in der Stadt einreitet, umgeben von königlichem Prunk“ 10 . Diese Facetten des Christusbildes, die sich auch in Bildern der frühen Christenheit zeigen, wenn sie Christus zum Beispiel als gekreuzigten Mensch mit Eselskopf darstellen, seien jedoch im Laufe der Zeit verschwunden und fänden sich heute nur noch unterschwellig in der Karnevalsfeier. Diese Interpretation Cox` geriet später immer wieder in die Kritik, da in ihr die Heilsbedeutung des Kreuzes in den Hintergrund trete.
So positiv Cox in seiner Theorie das Fest einstuft, so kritisch sieht er jedoch auch die Entwicklung der Feste und konstatiert einen Niedergang der Festlichkeit in der westlichen Welt. Eine wesentliche Begründung hierfür findet er in der Geschichtslastigkeit des Christentums. Da der christliche Glaube historischen Ereignissen entspringt und sich daran auch in seinen Festen orientiert, überfordert er die Geschichte gleichzeitig. „Nachdem uns unsere Religion die Bedeutung der Geschichte gezeigt hat, haben wir die Religion verloren und bleiben mit der Geschichte allein [...] und zerstören deshalb die Geschichte, weil wir sie durch zuviel Aufmerksamkeit und Erwartung überfordern.“ 11
Der daraus resultierende Niedergang der Festlichkeit „bedroht wesentliche »Zutaten« des menschlichen Lebens, in dem er die Verwurzelung des Menschen in seiner Vergangenheit löst und den »Vorgriff auf die Zukunft« empfindlich stört.“ 12 Um diesen Niedergang zu stoppen, muss sich nach
8 A.a.O. 51.
9 A.a.O. 53.
10 A.a.O. 53.
11 Cox, Harvey. Das Fest des Narren. Das Gelächter ist der Hoffnung letzte Waffe. Stuttgart.
1972 4 . (1.Aufl. 1969). 45.
12 Leiphold Andreas. Die Feier der Kirchenfeste. Göttingen. 2005. 54.
8
Cox auch die Kirche entscheidend ändern. Seine Forderung hier ist die einer flexiblen Institution, die nicht um ihrer Selbst willen existiert, sondern den Menschen wieder das Feiern und Phantasieren lehrt. Drei Jahre nach Cox fordert Gerhard M. Martin dann „eine »messianische Festtheorie«, die die festliche Durchdringung des Alltags zum Ziel hat“ 13 . Ausgehend von der Unzufriedenheit des Menschen über die Unfreiheit, die den Alltag im Gegensatz zum Fest kennzeichnet, fordert er, dass die positiven Aspekte des Festes den Alltag bereichern und Freiheit in ihn bringen sollen. Auch er sieht in dem Fest zunächst eine Bejahung des Lebens und der Welt, die im Urvertrauen des Menschen gründet, die dann aber auch dazu bemächtigen kann und soll, die Realität kritisch zu reflektieren. Das Fest steht also immer in einem direkten Zusammenhang mit dem Alltag und soll auch ihn zum Fest machen. Ziel seiner „messianischen Festtheorie“ ist es den Alltag zum Sonntag zu machen und so die bewusste Gegenwart Gottes, die am Sonntag wahrgenommen wird, auch im Alltag spürbar zu machen. In diesem Aufsprengen des Alltags sieht Martin auch die Aufgabe der Kirche, die ihren Einfluss auf die Gesellschaft nicht durch Bestätigung der bürgerlichen Religion, sondern im messianischen Handeln an denen, die sonst nicht integriert sind, ausüben soll.
Schließlich grenzt Martin das Fest, das die angeführten Eigenschaften aufweist und von Leichtigkeit und Fröhlichkeit gekennzeichnet ist, von der Feier ab, die meist biographisch oder historisch begründet ist und von daher eher formal und steif anmutet. Anders als die Feier kann ein Fest auch ohne äußeren Anlass Fröhlichkeit ausdrücken. Allerdings kommt es Martin weniger auf die Unterscheidung an sich an, sondern mehr auf die Tatsache, dass es diesen Unterschied gibt. Dass diese Unterscheidung keineswegs eindeutig ist, zeigen die Überlegungen von Werner Jetter, der wiederum drei Jahre nach Martin seine gottesdiensttheologischen Überlegungen zur „Feier“ des christlichen Gottesdienstes veröffentlichte. Auch wenn es ihm vorrangig um die Gestaltung des Gottesdienstes an sich geht, finden sich auch bei ihm einige allgemeine festtheoretische Überlegungen. Eine gelungene Feier muss für ihn zunächst einmal zwei Vorraussetzungen erfüllen. Zum einen
13 A.a.O. 55.
9
muss sie ein Thema mit öffentlicher Bedeutung aufweisen und zum anderen eine Gemeinschaft ansprechen, die dieses Thema als wichtig empfindet. Weiterhin unterscheidet Jetter bei einer Feier, die dies erfüllt zwei Aspekte. Während sich der soziale Aspekt auf die Gemeinschaft der Feiernden bezieht, in der sich alle Teilnehmer gerne bewegen und sich wohl fühlen sollen, richtet sich das Augenmerk beim emotionalen Aspekt auf das Ausleben der Wünsche und Träume, das sich in einer Feier vollzieht, jedoch nie den völligen Bezug zur Realität verlieren soll. Eine gelungene Feier muss beide Aspekte ansprechen und alle Beteiligten in einer unbefangenen Art und Weise begeistern und einbeziehen. Um dies zu erreichen spielen Rituale eine wichtige Rolle, die, wenn sie allen Teilnehmenden bekannt sind, den Ablauf der Feierlichkeiten erleichtern und beim Verständnis helfen.
Die Festtheorie von Peter Cornehl, der 1981 eine „integrale Festzeitpraxis als volkskirchliche Gottesdienststrategie forderte“ 14 sorgte für viel Kritik. Anders als Barth und Pieper steht der sonntägliche Gottesdienst bei Cornehl völlig im Hintergrund, wenn er nur die großen christlichen Jahresfeste als Feste im eigentlichen Sinn bezeichnet. Mit dieser Definition möchte er nicht nur die Beteiligten der Gottesdienste vor zu großen Erwartungen schützen, sondern sich auch auf die Gestaltung der Hauptfeste durch eine integrale Festpraxis konzentrieren. Als Basis seiner Überlegungen stellt Cornehl heraus, dass die christlichen Feste an die jüdische Festpraxis anknüpfen und sich im Laufe der Zeit erst entwickelt haben. Begründet aus der Angst um die eigene soziale Existenz entstehen Feste um diese zu festigen und zu begründen. Auch der Oster- und der Weihnachtsfestkreis entstanden aus diesem Bedürfnis heraus. Im Laufe der Zeit wurden dann immer kleine Einteilungen vorgenommen um der Frömmigkeit weitere Anlässe zum Feiern zu bieten. Die Popularität der beiden Hauptfeste beruht jedoch nicht nur auf dieser Ursprünglichkeit, sondern auch darin, dass in ihnen unbewusst Naturfest, Geschichtsfest und Christusfest gleichzeitig gefeiert werden. Zusätzlich bieten sie durch ihren zyklischen Charakter eine Orientierung im Leben und ermöglichen die Strukturierung des individuellen Lebens.
14 A.a.O. 72.
10
Die lange Tradition der Hauptfeste, ihre Riten und ihre lange
Überlieferungsgeschichte sorgen weiterhin dafür, dass der Ablauf und der
Inhalt der Feiern in so weit verfestigt sind, dass sie sich nicht einfach
manipulieren oder verändern lassen.
Ein Grundcharakter der so verwurzelten Feste ist nach Cornehl außerdem,
dass sie die existenziellen Fragen der Menschen betreffen und durch das
Aktualisieren von Geschichten, die auf diese Fragen eingehen, eine
Vergewisserung der eigenen Identität ermöglichen. Durch diese wichtige
Aufgabe sieht er dann auch die Forderung nach einer integralen
Festpraxis in der protestantischen Kirchen begründet, die so in der Lage
sein soll auf das Grundbedürfnis der Menschen nach Identitätsfindung
einzugehen. Inhalt dieser integralen Festpraxis ist neben der
gemeinsamen und nicht vorgegebenen Planung der Feierlichkeiten, auch
die bessere Durchgestaltung der Inhalte und Abläufe der Feiern im Bezug
auf dieses Ziel.
Einen besonderen Beitrag in dieser Festpraxis soll nach Cornehl die Musik
leisten , die Gefühle und Verstand gleichzeitig anspricht und so die Vielfalt
des Glaubens zum Ausdruck bringen kann.
W ährend sich bis dahin vor allem die Systematische Theologie dem
Thema angenommen hatte, widmete sich in den 90er Jahren mit J.
Assmann auch die Praktische Theologie dem Fest. Für ihn steht das Fest
in entscheidendem Zusammenhang zum Alltag und dient seiner
Transzendierung.
Grundlegend stellt Assmann daher zunächst drei Merkmalen des Alltags je
ein Merkmal des Festes gegenüber. Der Kontingenz steht hier die
Inszenierung, der Knappheit die Fülle und der Routine die Besinnung
sowie das Aufwallen der Gefühle gegenüber. Die Begrenzungen des
Alltags werden somit im Fest intensiviert.
Somit ist das Fest bei Assmann „der Ort des „Anderen“ des Alltags“ 15 Das
„Andere“ als zweite Seite des Alltags ist dabei für Assmann das Heilige,
das jedoch zwei Gesichter aufweist. „Es kann in der Schönheit der
Formung , wie im Schrecken der Ent-formung, in der kosmischen Ordnung
15 Biehl Peter. Festsymbole Zum Beispiel Ostern - Kreative Wahrnehmung als Ort der
Symboldidaktik. Neukirchen. 1999. 142.
11
wie im Urchaos erscheinen“ 16 . Entscheidende Merkmale eines Festes in diesem Sinne sind die ästhetischen Elemente der Ordnung, Fülle und Ergriffenheit.
Die kulturelle Begründung des Festes sucht Assmann dann in der Zweidimensionalität des Menschen und der Wirklichkeit. Der Mensch ist demnach in der Lage eine eigene Lebensordnung zu erfinden und sie kulturell zu reproduzieren. Das versetzt ihn in die Lage, dass er in zwei Zeiten - dem Fest und dem Alltag - lebt. Um dies überhaupt zu können muss der Mensch über zwei Arten des Gedächtnisses verfügen. Neben dem „kommunikativen Gedächtnis“ dient das „kulturelle Gedächtnis“ der Bestärkung und Fortführung der Gruppenidentität, in der sich der Mensch befindet und ist auf symbolische Formen wie Riten und Mythen angewiesen, die denen sich die Identität der Gruppe ausdrückt. „Das Fest, Inbegriff zeremonieller Kommunikation wird „als Urform des kulturellen Gedächtnisses bestimmt“ 17 . Assmann vermutet, dass das Verlieren des Bewusstseins für die Zweidimensionalität der Wirklichkeit in der heutigen Zeit mit der Verschriftlichung des kulturellen Gedächtnisses in engem Zusammenhang steht. Wird das kulturelle Gedächtnis verschriftlicht führt dies zu einer Bedeutungsminderung der Feste als Inszenierungen der Tatsache, dass die Wirklichkeit auch anders sein kann, als sie scheint. Die kulturelle Dimension der Wirklichkeit wird somit unbedeutender und verblasst. Übereinstimmend mit Assmann kommt auch C.H. Ratschow zu der Überzeugung, dass sich Festzeiten von der Alltagszeit zwar unterscheiden, aber einen entscheidenden Zusammenhang aufweisen, da die Qualität des Alltags von den Festen bestimmt wird. Auch die Repräsentation des Heiligen durch die Feste nimmt er auf und kommt zu der Theorie, dass im Fest die Urzeit durch Symbole zur Gegenwart wird. Über Assmann hinaus geht Ratschow, wenn er außerdem den Aspekt des Opfers in seine Theorie einfügt, der sich in der Selbstentäußerung und Selbsthingabe wieder findet, die für viele Feste charakteristisch ist und durch die Vergegenwärtigung des Todes das Leben bereichert.
16 Ebd.
17 A.a.O. 143.
12
Auch die gliedernde Funktion des Festes im Bezug auf die menschliche Biographie fügt Ratschow als neues Strukturelement in seiner Theorie hinzu. Alle Feste schließen demnach einen Lebensabschnitt oder einen Handlungsvollzug im Leben ab und geben ihm dadurch eine besondere Bedeutung als Einheit im Leben. Auch hier hat das Fest also eine vollendende Wirkung auf den Alltag.
Eine Erweiterung dieser Theorie um einen sozialpsychologischen Aspekt liefert 1997 dann T. Walther-Sollich, der das Fest außerdem als ein Gegenüber des Alltags charakterisiert. Er unterscheidet hierzu das „sinnbestätigende refugiale Fest“, das sich in seinem Gegensatz zum Alltag konfliktmindernd auswirkt, und das „sinnstiftende religiöse Fest“, das eine inhaltlich qualifizierte Überschreitung von Alltagsgrenzen mit dem Ziel der Wertschätzung des Alltags ermöglicht. „Das Fest stellt eine zeitlich und räumlich begrenzte öffentliche Schwellenphase dar, die zugleich Stabilisierung und Dynamisierung menschlicher Lebenswirklichkeit ermöglicht.“ 18 Die symbolischen Handlungen der Feste dienen somit sowohl der Bearbeitung als auch der Reduktion von Konflikten des Alltags.
Auch wenn die hier aufgeführten festtheoretischen Ansätze nur einen Auszug aus den vielfältigen Ansätzen darstellen können, die sich in der Theologiegeschichte entwickelt haben, wird schon hier deutlich, dass es keinen eindeutigen Konsens im Bezug auf die Bedeutung, den Inhalt und die Ziele von Festen gibt. Um trotzdem eine gewisse Struktur in die vorhandenen Ansätze zu bringen, wird der nächste Abschnitt sich mit einer möglichen Kategorisierung der Inhalte beschäftigen. Auch wenn ein solcher Versuch nie allen Ansätzen gerecht wird, kann er doch ein wenig zur grundsätzlichen Orientierung und Einordnung der einzelnen Ansätze im ganzen Geflecht der Festtheorien sorgen.
1.2 Kategorisierungsversuche
Die Überlegungen Schleiermachers und Barths lassen sich zunächst einmal als grundlegend und in gewissem Maße als Grundlage für die
18 A.a.O. 144.
13
Arbeit zitieren:
Maja Lengert, 2006, Ostern im Religionsunterricht der Grundschule, München, GRIN Verlag GmbH
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