Inhaltsverzeichnis
Vorwort 1
Teil 1: Begriffsbestimmung 2
1. Überblick 2
2. Kategorialer Status des Kopulativkompositums in der Fachliteratur 3
3. ´Klassische´ Definitionskriterien im Überblick 4
4. Diskussion 5
4.1 Morphosyntaktische Koordination und Wortakzent 5
4.1.1 Wortart 5
4.1.2 Anzahl der Konstituenten Binarität 8
4.1.3 Fugenelemente 8
4.1.4 Graphie 9
4.1.5 Wortakzent 9
4.1.6 Zusammenfassung 10
4.2 Semantische Koordination 10
4.2.1 Zugehörigkeit der Konstituenten zum selben
lexikalischen Paradigma 10
4.2.2 Reihenfolge und Vertauschbarkeit der Konstituenten 12
4.2.3 Überprüfung der semantische Gewichtung der
Konstituenten 13
A) Empirie: Experimente und Kontext 14
B) Theorie: Syntagmatische Auflösung Paraphrasen 17
4.2.4 Zusammenfassung 20
II
Teil 2: Bildungsregularitäten und Bildungsmuster 21
1. Kopulativ-verdächtige Komposita / Streitfälle 21
Typ (A): Hosenrock, Radiouhr, Schaf-Ziege 21
2. Kopulativkomposita 22
Typ (a): Nordost, Chlorwasserstoff 22
Typ (b): Dichter-Komponist 23
Typ (c): Baden-Württemberg 24
Typ (d): adjektivische Kopulativkomposita: süßsauer, spitzgelb 25
3. Zusammenfassung 25
Fazit 26
Quellenverzeichnis 28
Vorwort
Die vorliegende Arbeit über das Kopulativkompositum widmet sich einem Phänomen der Komposition, dessen Status - zumal gegenüber den Determinativkomposita - nicht gesichert ist. Als Kopulativkomposita werden solche Verbindungen bezeichnet, deren Konstituenten in einem parataktischen Verhältnis stehen.
Diese Problematik ist im Verlauf der Wissenschaftsgeschichte hin und wieder erwähnt worden; aber erst seit der intensiveren Beschäftigung mit dem Altindischen, aus dem hierfür die Bezeichnung ´dvandva´ übernommen wurde, auch wieder stärker für die deutsche Sprache analysiert worden. Insgesamt gibt es verhältnismäßig wenige wissenschaftliche Abhandlungen zu diesem Thema. Diese sind zudem häufig sehr kontrovers.
Zu Beginn dieser Arbeit soll ein kurzer Überblick über den Diskussionsgegenstand gegeben sowie die Ansichten einiger Autoren zusammengefaßt werden.
Nachfolgend wird im ersten Teil versucht, das Phänomen ´Kopulativkompositum´ mittels der traditionellen und auch weiterer Kriterien zur Begriffsbestimmung auf seinen Status hin zu überprüfen. Dazu sollen sowohl formale als auch semantische Aspekte herangezogen werden. Schwerpunktmäßig wird die besonders strittige Gruppe der nominalen Kopulativkomposita und auch die Gruppe der Adjektivkopulativa diskutiert, marginal werden verbale Verbindungen berührt, da hier das kopulative Verhältnis äußerst fraglich ist.
Alle der in diesem Rahmen gesichteten wissenschaftlichen Abhandlungen zu den sog. Kopulativkomposita stützen ihre Untersuchungen auf die ´klassischen´ Bestimmungskriterien. Dies hat jedoch bisher zu keiner Definition des Begriffs geführt, die im Kern allgemein akzeptiert ist. Im zweiten Teil dieser Arbeit soll deswegen versuchsweise ein alternativer Ansatz zur weiteren Klärung des Phänomens der Kopulativa vorgenommen werden, der nach Bildungsmustern und -regularitäten fragt und v.a. auch auf Annahmen der kognitiven Grammatik beruht.
1
Teil 1: Begriffsbestimmung
1. Überblick
Für das Phänomen ´Kopulativkompositum´ existiert in der Literatur eine Vielzahl von Bezeichnungen. So belegen Namen wie
appositive, appositionelle Komposita, Dvandva, koordinierte, koordinative, Koordinativkomposita, konjunktive Komposita, attributive Komposita, Additiva, additive, appositionelle Komposita, Anreih-Komposita, Reihenwörter, Zwillingsformen, Verbindungszusammensetzungen, kopulativ-verdächtige Komposita,
daß die Ansichten verschiedener Autoren darüber stark variieren, was / was nicht als Kopulativkompositum gilt, bzw. welche Kriterien zu dessen Bestimmung angesetzt werden können. Die Benennungsvielfalt impliziert aber auch, daß es sich hierbei um eine heterogene und z.T. schwer greifbare Gruppe von Komposita handelt, was besonders in bezug auf die Semantik sichtbar wird.
Im Gegensatz zu den Determinativkomposita gelten als Kopulativkomposita solche Zusammensetzungen, deren Konstituenten in einem parataktischen Verhältnis stehen (Strumpfhose, Dichter-Sänger, taubstumm, deutsch-polnische (Begegnung) ...) und also addiert erscheinen. Eine determinative Relation ist somit ausgeschlossen. Geschuldet der Prämisse der Parataxe zwischen den Konstituenten, handelt es sich um eine eingeschränkte, relativ überschaubare Menge an Komposita dieses Verbindungstyps. Die verhältnismäßig geringe Häufigkeit - zumal bei den kopulativen Substantiv- und Verbkomposita - hat auch die Frage immer wieder neu belebt, ob den sog. Kopulativkomposita ein eigenes Bildungsmuster zugrunde liegt oder ob sie in die Nähe der Determinativkomposita gestellt bzw. diesen sogar angeschlossen werden sollten. Zu recht verweist NEUSS in diesem Zusammenhang darauf, daß „[d]as Kriterium der Vorkommenshäufigkeit [...] aber für die Ebene des Sprachsystems nicht relevant sein“ 1 kann.
Im folgenden sollen kurz die Auffassungen einiger Autoren über die Existenz des Kompositionsmodells ´Kopulativkompositum´ zusammengefaßt werden.
1 Neuß, S. 46.
2
2. Kategorialer Status des Kopulativkompositums in der Fachliteratur
Für einen eigenständigen Typ „Kopulativkompositum“ argumentiert beispielsweise SIMMLER: bei der Bildung von Kopulativkomposita handle es sich um eine „systematische Möglichkeit [...], mehr als zwei Konstituenten zu einer neuen Worteinheit“ 2 zu verbinden und
somit nicht um eine Subklasse. Ähnlicher Ansicht ist ERBEN; allerdings schließt er die Nomina propria (Baden-Württemberg, Österreich-Ungarn etc.) aus, die er lediglich als „logische Summe“ 3 betrachtet.
Eine Abgrenzung zu den Determinativkomposita nimmt auch NEUSS vor, jedoch dahin gehend, daß „eine regelhafte Einschränkung einer allgemeineren Regel“ 4 vorläge und Kopulativa als „neutralisierte Determinativa“ 5 zu beschreiben seien.
Daß sich der öfter postulierte Dualismus ´Determinativkompositum vs. Kopulativkompositum´ insbesondere bei den Substantivkomposita als durchaus problematisch erweist, deutet sich bei FLEISCHER / BARZ mit ihrem ´Übergangsbereich´ 6 zwischen den
beiden Kategorien an (Bruderland, Herstellerfirma, Gastdozent, Ministerfreund, , Flugzeugfackel, Hochhaushotel, Blitzlicht ...), wird aber von ORTNER noch deutlicher angesprochen: „Die Grenze zwischen Determinativ- und Kopulativkomposita ist dann unscharf, wenn sich der Informationsschwerpunkt zu Gunsten einer Konstituente verschiebt; es besteht ein breites Übergangsfeld“ 7 . Hier zeichnet sich außerdem ab, daß der Unterschied
primär auf der Ebene der Semantik zu suchen ist.
Eine restriktivere Meinung vertritt DONALIES, die eine Berechtigung des Bildungsmusters lediglich einigen Adjektivkomposita einräumt (deutsch-französische Beziehungen, schwarzrot-gold...). Alle additiven Nomen- und Verbkomposita, sowie viele der Adjektiv-Zusammensetzungen hätten auch eine determinative Lesart und sollten folglich als Determinativkomposita analysiert werden. Hier drängt sich allerdings die Frage auf, inwieweit es überhaupt gerechtfertigt ist, ein Kompositum mit kopulativer und determinativer Lesart automatisch den Determinativkomposita zuzuordnen.
Auch BREINDL / THURMAIR räumen ein, daß es „durchaus der Fall sein [mag], daß für die Wortbildung [von Adjektiv-, Abverb- und Eigennamenkomposita] ein kopulatives Kompositionsmuster existiert“ 8 . Für nominale Kopulativa gäbe es jedoch „keine
nachweisbaren Kriterien [...], die die Existenz zweier eindeutig distinktiver Kategorien ´Kopulativkompositum´ und ´Determinativkompositum` [...] rechtfertigen“ 9 , weswegen sie
sich „problemlos unter die (ohnehin weite und heterogene) Klasse der Kopulativkomposita subsummieren“ 10 ließen. Gestützt durch ihre empirischen Untersuchungen, kommen sie
außerdem zu dem Schluß, daß sich die Kategorie ´nominale Kopulativkomposita´ „in der Sprachkompetenz von Sprechern des Deutschen nicht nachweisen“ 11 ließe. Infolge dessen
sprechen die Autoren nicht mehr von Kopulativkomposita, sondern von ´kopulativverdächtigen Komposita´.
2 Simmler, S. 382.
3 Erben, S. 40.
4 Neuß, S. 46.
5 Ebd., S. 54.
6 Vgl. Fleischer / Barz, S. 129/130.
7 Ortner, S. 115.
8 Breindl/ Thurmair, S. 33.
9 Ebd., S. 32.
10 Ebd., S. 60.
11 Ebd.
3
Gänzlich gegen ein eigenständiges Erklärungsmodell spricht sich EISENBERG aus, für den die kopulativen Bildungen einen „Grenzfall des Determinativkompositums [darstellen] und diesem nicht als eigener Kompositionstyp gegenübergestellt werden“ 12 müssen.
3. ´Klassische´ Definitionskriterien im Überblick
Kurz im Überblick sollen hier die ´klassischen´ Definitionskriterien für Kopulativkomposita angeführt werden, also jene, die in den meisten Abhandlungen zur Eingrenzung des Begriffs herangezogen werden. Darauffolgend werden sie in einer ausführlicheren Behandlung neben anderen Aspekten wieder aufgegriffen und diskutiert.
Mit der Gleichordnung der Konstituenten in einem Kompositum gehen Restriktionsregeln für das Zusammensetzen von Morphemen einher. Diese können unter ´kategorialer Zugehörigkeit´ zusammengefaßt werden und betreffen auf formaler Seite die Zugehörigkeit der Konstituenten zur gleichen Wortart (Adj.-Adj.: dummdreist, fünfzehn etc.; N-N: Uhrenradio, Flugzeugfackel etc.; V-V: spritzgießen, lobtadeln etc.), auf semantischer Seite zum selben lexikalischen Feld (Kleidung: Hemdbluse, Himmelsrichtung: Süd-West etc.). Des weiteren wird häufig auf das Kriterium der Konstituentenanzahl verwiesen, welchebedingt durch die parataktische Relation - ≥2 sein müßte. In engem Zusammenhang steht die Frage nach der Gültigkeit der für die Determinativa charakteristischen binären Struktur der Komposita. Die Nebenordnung aus semantischer Perspektive zieht die Diskussion um die Vertauschbarkeit der Konstituenten nach sich und wird versucht, mittels Paraphrasen, wobei die ´und-Paraphrase´ (AB ist A und B) als die prototypische gilt, greifbar zu machen.
12 Eisenberg, S. 223.
4
4. Diskussion
4.1 Morphosyntaktische Koordination und Wortakzent
4.1.1 Wortart
Eine Grundvoraussetzung für eine koordinative Beziehung ist, daß die Konstituenten eines Kompositums derselben Wortart angehören. Dies ist prinzipiell auch bei Determinativkomposita möglich (Fensterbrett, schwerkrank etc.), jedoch können bei kopulativen Verbindungen Paraphrasen zur Verdeutlichung der grammatischen Gleichrangigkeit der Kompositionsglieder eingesetzt werden:
Kompositum: die Sauce hat einen süßsauren Geschmack Syntagma: die Sauce hat einen süßen und (und auch / und gleichzeitig) sauren Geschmack.
Das in der Literatur häufig erwähnte Kriterium der Paraphrasierbarkeit des Kompositums impliziert jedoch oftmals eine Parallelität zwischen syntaktischem und semantischem Wert des ´und´. So ist beispielsweise für ERBEN „[w]irkliche Nebenordnung [...] nur zwischen grammatisch gleichrangigen Einheiten möglich, die durch und verbindbar“ 13 sind. Von einer solchen Parallelität darf allerdings keinesfalls ausgegangen werden; das ´und´ in formaler Hinsicht signalisiert lediglich, daß eine Verbindung auf gleicher syntaktischer Stufe stattfindet.
Es ist wichtig, die Richtung der kausalen Folgerung von der Paraphrase auf die syntaktische Nebenordnung der Konstituenten zu beachten, denn ob eine syntagmatische Auflösung zulässig ist, ist in erster Linie ein semantisches Problem.
Dies sei am Bsp. von ´die Sauce hat einen süßsauren Geschmack´ expliziert: Weil eine Paraphrase ´die Sauce hat einen süßen und (und auch / und gleichzeitig) sauren Geschmack´ möglich ist, sind die Konstituenten auch grammatisch gleichrangig, d.h., sie müssen beide Adjektive sein. Eine umgekehrte Begründung, also: weil die Konstituenten des Kompositums ´süßsauer´ im Bsp. ´die Sauce hat einen süßsauren Geschmack´ beide Adjektive und damit gleichrangig sind, muß eine Paraphrase ´die Sauce hat einen süßen und (und auch / und gleichzeitig) sauren Geschmack´ möglich sein, kann nicht statthaft sein, denn Semantik kann nicht grammatisch motiviert sein.
Die Diskrepanz zwischen syntaktischer Figur und semantischer Funktion des ´und´ der Paraphrase läßt sich auch gut an Determinativkomposita demonstrieren, deren Konstituenten der gleichen Wortart angehören. So provoziert bei der Überführung des Satzes ´Er stellte die Pflanzen auf das Fensterbrett´. in die Paraphrase ´Er stellte die Pflanzen auf das Fenster und (und auch / und gleichzeitig) das Brett.´ das ´und´ keinen Verstoß aus grammatischer Perspektive; die Unzulässigkeit ist semantisch bedingt. Von daher sollten - bezogen auf die formale Seite - ´und-Paraphrasen´ nicht zur Unterscheidung Kopulativkompositum vs. Determinativkompositum herangezogen werden.
Daß sich die grammatische Gleichrangigkeit der Konstituenten im Kompositum allenfalls auf das Kriterium derselben Wortart beziehen kann und nicht auf das flexivische Verhalten, soll anhand der einzelnen, für Kopulativkomposita nachgewiesenen Wortarten gezeigt werden.
N-N
Unter allen nominalen Komposita stellen die Kopulativa einen relativ geringen Teil, den ORTNER et al. für ihr Korpus mit ca. 0,4% beziffern. 14 Dennoch
13 Erben, S. 39.
14 Vgl. Pümpel-Mader, S. 115.
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Dorothea Bräutigam, 2005, Kopulativkomposita, München, GRIN Verlag GmbH
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