Inhaltsverzeichnis
1. Einführung in die Thematik und den Kontext vor der zweiten Schlacht 3
2. Die Kriegsziele der Heiden 4
3. Historische und literarische Hintergründe von Terramers Anspruch 5
3.1 Änderungen gegenüber der Vorlage 5
3.2 Die historische Gestalt des Pompeius 6
3.3 Der Kampf Orient - Okzident in der Literatur 7
3.3.1 Darstellungen des Kampfes in der Antike
3.3.2 Darstellungen des Kampfes in mittelalterlichen Dichtungen
4. Interpretation der Konfrontation im Willehalm 11
4.1 Fortsetzung des Rolandsliedes und der Geschichte der Kämpfe Ost - West 11
4.2 Überlegenheit des Orients und des Heidentums im Willehalm 12
4.3 Die Bedeutung von Terramers Eroberungszielen 13
5. Legitimierung des Kreuzzugs 14
5.1 Kreuzzugslegitimität und Schonungsgebot: differenzierte Heidendarstellung 14
5.2 Die Enterbungsproblematik 15
5.3 Die Entwicklung des Konflikts 16
6. Schlussbetrachtung 17
7. Anhang: Mitteleuropa zur Zeit Karls des Großen 18
8. Literaturverzeichnis 19
8.1 Textausgaben und Kommentare / Primärliteratur
8.2 Sekundärliteratur
2
1. Einführung in die Thematik und den Kontext vor der zweiten Schlacht
„Das Mittelalter war eine finstere Zeit, in der sich alles nur um Religion und Kampf drehte, ohne jede Spur von aufgeklärtem Denken.“ So oder so ähnlich würden die Antworten wohl lauten, würde man eine Umfrage über das Mittelalter durchführen. In der Tat spielte die Religion für die Menschen eine so große Rolle wie in keinem anderen Zeitalter, und der Kampf stand im Mittelpunkt des Ritterlebens. Große religiös motivierte kriegerische Auseinandersetzungen fanden statt: Zwischen 1096 und 1270 kam es zu insgesamt sieben Kreuzzügen. Die heiligen Stätten in Palästina sollten von der Herrschaft der Moslems, der „Ungläubigen“ befreit werden. Bei diesen Unterfangen, die letztlich keine dauerhafte christliche Präsenz im Heiligen Land sichern konnten, wurde für beide Seiten großes Leid angerichtet. Intoleranz gegenüber den Ungetauften, den „Kindern des Teufels“, herrschte gewöhnlich vor. Doch trotz dieses „finsteren“ Eindrucks wurden im Mittelalter zahlreiche Grundlagen der neuzeitlichen Kultur gelegt: So entstand die deutschsprachige Literatur während dieser Zeit und gelangte um 1200 in der mittelhochdeutschen Klassik zu ihrer ersten Blüte. Autoren wie Hartmann von Aue, Gottfried von Straßburg oder Wolfram von Eschenbach verfassten ihre Werke häufig auf Basis altfranzösischer Vorlagen. Ein bedeutendes Thema im Chanson-degeste-Stoff ist der Kampf Karls des Großen und seiner Gefolgsleute bzw. Nachfolger gegen die Moslems in Spanien und Südfrankreich. Diese historischen Ereignisse werden im Nachhinein von den Dichtern als Kreuzzüge gedeutet und bilden das Thema der Kreuzzugsepik. So verhält es sich auch im Willehalm, dem neben Parzival bedeutendsten Werk Wolframs von Eschenbach. Es steht der religiös motivierte Konflikt zwischen Heiden und Christen im Mittelpunkt. Der Heidenkönig Terramer rückt in das christliche Reich ein (9,1 - 4 1 ), um sich dafür zu rächen, dass seine Tochter Arabel - ihr christlicher Name lautet Gyburc - ihren Mann Tybalt und ihre Kinder verlassen hat, zum Christentum übergetreten ist, den Markgrafen Willehalm geheiratet hat und dieser Tybalts Land weggenommen hat (7,27 -8,7 und 9,13 - 20). In einer ersten Schlacht auf Alischanz unterliegen die Christen dem Heidenheer, nur Willehalm bleibt am Leben (13,2 - 57,28). Nachdem Willehalm unterdessen beim Hoftag in Munleun das Reichsheer zu Hilfe geholt hat (126,8 - 202,18), laufen die Ereignisse auf eine erneute Schlacht auf Alischanz zu, in der dann die Christen den Sieg erringen (360,29 - 445,13). Die Situation vor diesem Kampf wird im siebten Buch aufgezeigt: Die Reichsfürsten haben das Kreuz genommen (340,12 - 30), der Krieg gegen die
1 WOLFRAM VON ESCHENBACH, Willehalm. Text der Ausgabe von WERNER SCHRÖDER. Völlig neubearbeitete Übersetzung, Vorwort und Register von DIETER KARTSCHOKE. Berlin 1989 [ebenso alle nachfolgenden Versangaben im Text, soweit nicht ausdrücklich anders vermerkt].
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Heiden in Frankreich ist damit ein Kreuzzug. Den Verrat der christlichen Fürsten rächt der Heide Rennewart am Petit Pont (319,5 - 328,5). Das christliche und das heidnische Heer formieren sich (328,6 - 360,28). Währenddessen erkundet ein heidnischer Späher die Lage und kehrt nach einem ersten Gefecht mit den Christen zu Terramer zurück, berichtet von der Aufstellung des christlichen Heeres und ruft zum Handeln auf (331,16 - 335,20). Darauf äußert sich der Heidenkönig zur bevorstehenden Schlacht mit den Christen.
2. Die Kriegsziele der Heiden
Da der Späher auch davon berichtet hat, dass er die Reichsfahne gesehen hat („des riches vane haldet dort“, 336,14), erkundigt sich Terramer, ob auch der König unter den Kämpfenden sei: „kumt Loys dar under, | des houbet roemisch krone tregt?“ (337,16f.). Der Gedanke an den römischen König Ludwig und die gefallenden Verwandten steigern Terramers Entschlossenheit, sich zu rächen (337,17 - 338,6). Der Heidenfürst spricht von seinen Kriegszielen, die er im Namen seiner Götter und der Minne erreichen wolle („durh die gote und durh die minne | nach prises gewinne | sul wir noch hiute werben | also daz vor uns sterben Loys Romaere“, 338,15f.). Er sieht sich im größeren Recht als König Ludwig, in Rom die Königsherrschaft auszuüben („da ich billicher waere | künec. [...]“, 338,20f.). 338, 21 ... ir hoert michz lange klagen,
25 uf roemisch krone sprich ich sus:
30 zunreht ist manec künic beliben
Terramer beansprucht hier also die römische Krone (337,25), d. h. die Herrschaft als Kaiser über das Heilige Römische Reich, indem er seine Abstammung auf Pompeius zurückführt, der von der Herrschaft vertrieben worden sei. Dies sei der Grund dafür, dass noch viele sterben würden.
Später wird noch näher erläutert, warum Terramer geschworen hat, „ein hervart uf die kristenheit“ (339,27) zu unternehmen: 339, 28 si wolden rechen herzen leit
30 Oransche und Paris si gar zerstoeren solten. 340
5 besitzen wolde und dannen ze Rome varn,
Es werden also die Motive der Minne („herzen leit“, 339,28) und des Ruhmes der heidnischen Götter („al ir goten vüegen pris“, 339,29) erneut angesprochen: Deretwegen sind die Heiden bereit, einen Kampf gegen die Christen aufzunehmen. Im Verlauf des Kampfes wollen sie zunächst Orange und Paris (339,30), dann den Thron zu Aachen (340,4) einnehmen, schließlich weiter nach Rom ziehen (340,5), um sich an der Christenheit zu rächen („uf die kristenheit durh rache.“, 340,3) und die Christen zu töten (340,7).
Die Bedeutung der einzelnen Kriegsziele soll später erklärt werden, hier sei nur so viel vorangestellt: es handelt sich offenbar um das Ziel der Vernichtung des gesamten Christentums und des christlichen Reiches durch die Eroberung sowohl des Königssitzes Aachen als auch der Krönungsstadt der Kaiser und zugleich Papststadt Rom 2 .
3. Historische und literarische Hintergründe von Terramers Anspruch
3.1 Änderungen gegenüber der Vorlage
Dass der Heidenkönig, den man sich ja als muslimischen Herrscher vorzustellen hat, wenn man an die Kreuzzugsthematik, die Entstehungszeit und auch etwa an den Götternamen „Mahmet“ bzw. „Mahomet“ denkt (z. B. 339,10), sich ausgerechnet auf Pompeius, einen römischen Feldherrn, beruft und seine Abstammung auf diesen zurückführt, mutet auf den ersten Blick seltsam, geradezu kurios an. In der uns überlieferten Aliscans-Vorlage ist davon noch nicht die Rede, wie auch insgesamt die Darstellung der Schlachtordnung im Willehalm stark erweitert ist 3 . Woher Wolfram diese Argumentation genommen hat oder ob er sie selbst kombiniert hat, ist in der Forschung umstritten: So ist in GREENFIELD / MIKLAUTSCH (1998) zu lesen: „Diese Begründung des Terramer hat Wolfram gegenüber seiner Vorlage
2 Vgl. HEINZLE, J. (Hg.): Wolfram von Eschenbach. Willehalm. Nach der Handschrift 857 der Stiftsbibiliothek St. Gallen. Mittelhochdeutscher Text, Übersetzung, Kommentar. Frankfurt am Main 1991, S. 1040.
3 GREENFIELD, J. / MIKLAUTSCH, L.: Der „Willehalm“ Wolframs von Eschenbach. Eine Einführung. Berlin 1998, S. 142.
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hinzugefügt.“ 4 „In ‚Aliscans’ fehlt die Bezugnahme auf das Römische Reich. [...] Das Ziel von Desramés Eroberungsplänen ist der fränkische Königssitz in Aachen.“ 5 HEINZLE hält es auch für möglich, dass der Dichter diesen Bezug aus einer ihm vorliegenden, aber nicht überlieferten Fassung übernommen haben könnte oder sie anderweitig gefunden hat 6 . PALGEN hält eine Inspiration durch das Rolandslied für möglich und glaubt an ein rein deutsches Motiv 7 : In dieser Dichtung wird über Baligan geäußert: „ze Ache will er dingen. | er geweltiget Rôme unt Laterân.“ (Rolandslied, 7302f. 8 )
Er könnte dabei nach BUMKE möglicherweise auch von einer Stelle im Annolied, einer mittelhochdeutschen Geschichtsdichtung aus dem 11. Jahrhundert 9 , angeregt worden sein 10 (vgl. Annolied, 25,15 - 26,12 11 und die Ausführungen unter 3.2). Jedenfalls zeigt sich die Grundrichtung des Gedankens: Der Heidenkönig greift in seiner Argumentation in die Geschichte zurück, um sich in eine historisch begründete Reihe von Herrschern ausgehend von Pompeius einzuordnen. Um diese Argumentation verständlich zu machen, sollen nun in einem Exkurs die historischen und literarischen Hintergründe von Terramers Anspruch untersucht werden.
3.2 Die historische Gestalt des Pompeius
Literatur 44 (1920), S. 219.
8 PFAFFE KONRAD: Rolandslied. Mittelhochdeutsch / Neuhochdeutsch. Herausgegeben, übersetzt und kommentiert von DIETER KARTSCHOKE. Durchgesehene Ausgabe. Stuttgart (Reclam) 1996 (= UB 2745) (ebenso alle weiteren Zitate in Rolandslied).
9 Vgl. Kindlers Literaturlexikon, Zürich 1964, Bd. 1, S. 1059.
10 Vgl. BUMKE, J.: Wolframs Willehalm. Studien zur Epenstruktur und zum Heiligkeitsbegriff der ausgehenden Blütezeit. Heidelberg 1959, S. 133, Anm. 107.
11 Das Annolied. Text und Übersetzung. Stuttgart 1975 (=RUB 1416) (ebenso alle weiteren Zitate aus Annolied).
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Arbeit zitieren:
Bernhard Paul, 2004, Die Heiden als Eroberer von Rom und Aachen: Legitimierung des Kreuzzuges, München, GRIN Verlag GmbH
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