Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Konfliktentwicklung im 20 Jahrhundert
2.1 Der Begriff des Krieges Operationale Definition und Typologien 3
2.2 Die Konfliktlage nach dem Zweiten Weltkrieg statistische Trends 5
3. Die Neuen Kriege Globalisierung der Sicherheitsprobleme
3.1 Dimensionen des Wandels
3.1.1. Internationalisierung und Regionalisierung der Konflikte 6
3.1.2. Fragile Staatlichkeit und Privatisierung des Gewaltmonopols 8
3.1.3. Kommerzialisierung und Schattenglobalisierung 10
3.1.4. Asymmetrisierung und Irregularität 11
3.1.5. Entregelung 12
3.1.6. Der internationale Terrorismus 13
3.2 Die veränderte Sicherheitslage Tatsächlich ein Novum 15
4. Der Krieg von morgen Mögliche Entwicklungstendenzen 17
5. Fazit 18
6. Literatur 20
1
1. Einleitung
Spätestens seit den Ereignissen vom 11. September 2001 und den daraus resultierten militärischen Konflikten ist auch der breiten Öffentlichkeit die veränderte globale Si- cherheitslage und das sich wandelnde Konfliktbild bewusst geworden.
Doch schon seit dem 2. Weltkrieg veränderte sich die globale Konfliktstruktur. Die bis dato im europäisch-westlichen Bewusstsein dominierende Vorstellung vom klassischen, zwischenstaatlichen Kriege ist im Vergleich zum gesamten, kontinuierlich zunehmen- den Kriegsgeschehen immer seltener geworden. Seit 1945 dominieren die innerstaatli- chen Kriege, die in der ganz überwiegenden Mehrzahl (über 90%) in der sogenannten Dritten Welt stattfinden, eine deutlich längere Dauer als frühere Kriege aufweisen und
außerdem schwerer zu befrieden sind 1 . Diese innerstaatlichen Kriege der „Dritten
Welt“ haben demnach den europäischen, klassisch-verregelten Staatenkrieg als domi- nante Form abgelöst. Solche Konflikte wurden und werden zunehmend aus Nationalis- mus, ethnischen und/oder religiösen Spannungen sowie dem oktroyierten und illegiti- men Staatengefüge in der Süd-Hemissphäre heraus erklärt.
Bis 1990 wurden andere Konfliktdimensionen fast immer gegenüber der ideologischen (Kommunismus vs. Antikommunismus) unterbetont. Häufig wurden Konflikte so in das Schema des Kalten Krieges „übersetzt“ und durch das Engagement einer der beiden Supermächte oft auch in diese Richtung gedrückt oder Bestandteil dessen.
Mit dem Ende des Kalten Krieges fiel die Systemkonkurrenz als Faktor in Regionalkon- flikten weg, und in der Umbruchsphase des Internationalen Systems von 1988-1992 keimte in großen Teilen der Intellektualität die Hoffnung einer neuen, friedlichen Welt- ordnung. Es war die Rede vom „Ende der Geschichte“, der Kant’sche „demokratische Friede“ sei zum Greifen nah und die sich stark intensivierende (markt-) wirtschaftliche Globalisierung würde zu allgemeinem Wohlstand führen und die wechselseitige Inter- dependenz militärische Konflikte unlogisch machen. Als wichtigster Garant würden die Vereinten Nationen notfalls mittels „humanitären Interventionen“ die friedliche Welt- gemeinschaft verteidigen, wofür der zweite Golfkrieg als Präzedenzfall gesehen wurde. Diese Hoffnung hat sich, wie wir alle empirisch erfahren mussten, nicht bestätigt. Die wie durch einen ideologischen Dampfkessel während des Ost-West-Konfliktes stabil gehaltene internationale Staatenwelt begann nach der Implosion der Sowjetunion und
1 siehe z.B. Schlichte 2002 : 115.
2
den ausbleibenden Unterstützungszahlungen des jeweiligen Blocks, massiv zu bröckeln. Der Staatszerfall auf dem Balkan und im Kaukasus, die Implosion Somalias nach Siad Barré und der Völkermord in Ruanda sind Synonyme bzw. Symbole der „Neuen Wel-
tunordnung“ 2 geworden.
Entgegen vieler Erwartungen hat die stark voranschreitende wirtschaftliche Globalisie- rung mit ihren einhergehenden wechselseitigen Interdependenzen ein instabiles und störanfälliges Klima in den Internationalen Beziehungen geschaffen. Regional be- schränkte, an sich nicht Besorgnis erregende wirtschaftliche oder politische Krisen wir- ken auf Grund des hohen globalen Vernetzungs- und Abhängigkeitsgrades weltweit. Weltweit zu beobachtende Phänomene wie die Entstehung von Kriegsökonomien, Ent- staatlichung und der Aufstieg privater Konfliktakteure haben sicherheitspolitische Fol- gen für die gesamte Staatenwelt.
Durch diesen hohen Grad der wirtschaftlichen, politischen und strukturellen Abhängig- keit, der sich wandelnden Rolle des Nationalstaats und der eben genannten Phänomene sowie den neuen Informations-, Kommunikations- und High-Tech-Optionen hat sich auch die globale Sicherheitslage stark verändert, was diese Arbeit exemplarisch aufzei- gen möchte.
Neben operationalen Definitionen und ordnenden Kriterien des „Chamäleons Krieg“ möchte ich insbesondere auf die Beschaffenheit und einzelnen Dimensionen des sich wandelnden Konfliktbildes eingehen, das von diversen Autoren unter dem Begriff „neue Kriege“ subsumiert wird, sowie mögliche Trends und Tendenzen erläutern.
2. Konfliktentwicklung im 20. Jahrhundert
2.1 Der Begriff des Krieges – Operationale Definition und Typologien
„War is organized violence carried on by political units against each other.“ 3
Innerhalb wie außerhalb der Politikwissenschaft existieren eine Fülle von Definitionen
des Krieges 4 . Der Grund dafür ist wohl die schwere Fassbarkeit und Einengung des
„generellen“ Krieges, weil es diesen als solchen nicht gibt. Klassische, europäisch- geprägte Kriegsdefinitionen wie z.B. das berühmte Clausewitzsche Diktum, Krieg sei die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, griffen schon in ihrer Entstehungszeit
2 Vgl. Tibi 1999.
3 siehe. Hedley Bull 1977 : 184.
4 siehe. z.B. Vasquez 1993 : 14-50.
3
zu kurz, da sie nur die verregelten europäischen Kriege mit souveränen Staaten als Ak- teuren erfassten, extrasystemische Kriege an den Imperialperipherien gegen Unterwor- fene oder zu Unterwerfende Völker aber aus dem Kriegsbegriff ausblendete. Eine weitergehende Analyse der Kriegsdefinitionen innerhalb der Kriegsursachenfor- schung würde zu weit führen. Die oben zitierte Definition von Hedley Bull ist die wohl zeitgemäßeste und umfassenste, da die Fixierung auf nationalstaatliche Akteure durch political units aufgehoben wird und es ermöglicht, auch moderne innerstaatliche Kriege mit ihren Milizen und Guerilleros zu integrieren.
Auch im Bereich der operationalen Definitionen und Typologien existiert eine große
Varietät an theoretischen Ansätzen. 5
Ich begnüge mich in dieser Arbeit mit den im deutschsprachigen Raum recht populären Ansätzen der Hamburger Arbeitsgemeinschaft für Konfliktursachenforschung (AKUF), die ihre Ansätze stark an den ungarischen Friedensforscher Istvan Kende anlehnt und sich an qualitativen Methoden orientiert:
„(…) betrachten wir als Krieg einen gewaltsamen Massenkonflikt, der alle folgenden Merkmale aufweist: (a) an den Kämpfen sind zwei oder mehr bewaff- nete Streitkräfte beteiligt, bei denen es sich mindestens auf einer Seite um regu- läre Streitkräfte (Militär, paramilitärische Verbände, bewaffnete Polizeieinhei- ten) der Regierung handelt; (b) auf beiden (!) Seiten muss ein Mindestmaß an zentralgelenkter Organisation der Kriegführenden und des Kampfes gegeben sein, selbst wenn es nicht mehr bedeutet als organisierte bewaffnete Verteidi- gung oder strategisch-taktisch planmäßige Überfälle (Guerillaoperationen, Par- tisanenkrieg usw.); (c) die bewaffneten Operationen ereignen sich mit einer ge- wissen Kontinuierlichkeit und nicht nur als gelegentliche, spontane Zusammen- stöße, d.h. beide Seiten operieren nach einer planmäßigen Strategie, gleichgültig ob die Kämpfe auf dem Gebiet einer oder mehrerer Gesellschaften stattfinden
und wie lange sie dauern.“ 6
Die AKUF unterscheidet darüber hinaus in Antiregime-Kriege, Autonomie- und Sezes- sionskriege, zwischenstaatliche Kriege, Dekolonisationskriege und sonstige Kriege. Das Problem an dieser Definition inklusive Typologien ist allerdings nach wie vor der explizite Bezug auf Staatlichkeit und mangelnde Zuordnungsmöglichkeit vieler derzei- tiger Kriege. In diesen existieren teilweise weder staatliche Akteure noch werden in
5 Z.B. durch: KOSIMO-Projekt (HIIK), Conflict Data Project (CDP) Universität Uppsala, Correlates of War (COW), University of Michigan, Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung (AKUF), Universi-
tät Hamburg.
6 siehe Gantzel 1997 : 258.
4
ihnen erstrangig politische Ziele verfolgt (z.B. Kongokonflikt) was in der Kriegsfor-
schung abgesehen von einigen Ansätzen 7 aber noch nicht näher operationalisiert wurde.
2.2 Die Konfliktlage nach dem Zweiten Weltkrieg – statistische Trends 8
Von den 217 nach 1945 geführten Kriegen fanden über 90 Prozent in den Regionen der so genannten Dritten Welt statt. Allerdings steht dieser Befriedung der industriegesell- schaftlichen Welt nach 1945 ein relativ hohes Maß an kriegerischer Intervention einiger Industriestaaten in den Peripherie-Konflikten gegenüber. Bei der Häufigkeit der Kriegs- beteiligungen liegen Großbritannien (19), die USA (13) und Frankreich (12) aus westli- cher Sicht in der Spitzengruppe (zum Vergleich: die einzigen außerwestlichen Anwärter sind Indien mit achtzehn sowie der Irak mit zehn Beteiligungen), aber insgesamt lässt sich ein Rückgang der industriestaatlichen Kriegsbeteiligungen feststellen. Im Anschluss an den Zweiten Weltkrieg und bis tief in die 1970er Jahre überwog der „klassische“ internationale Krieg um Unabhängigkeit, Territorium und Herrschaft. Doch seit den 1980er Jahren drehte sich diese Aufteilung: dominantes Konfliktbild ist seitdem der innerstaatliche bzw. Bürgerkrieg, was einen seitdem andauernden langfristigen Trend wiedergibt.
Von allen seit 1945 geführten Kriegen sind zwei Drittel innerstaatliche Kriege und
Abbildung 1: Anzahl der weltweiten Kriege 1945-2001
(Quelle: Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung, Universi-
tät Hamburg)
nur 17% internationale Kriege, Tendenz zu Gunsten der innerstaatlichen steigend. Das fast stetige Wachstum der Kriegsbelastung nach dem Zweiten Weltkrieg um
7 Z.B. Henderson/Singer 2002 : 179 „Neither party being the government“.
8 Vgl. http://www.sozialwiss.uni-hamburg.de/Ipw/Akuf/home.htm
5
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Philipp Schweers, 2006, Neue Kriege? Die veränderte Sicherheitslage zu Beginn des 21. Jahrhunderts, Munich, GRIN Publishing GmbH
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